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Diese Episode erschien am 27.02.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Buurtzorg trennt die wirtschaftliche von der pflegefachlichen Verantwortung.
  • Selbstorganisierte Teams entscheiden gemeinsam mit Patient:innen über die Pflege.
  • Pflege als Hilfe zur Selbsthilfe spart in den Niederlanden rund 30 % der Stunden.
  • Das deutsche Vergütungssystem bremst die Umsetzung bislang aus.
  • Qualität statt Quantität – das Personalproblem folgt dem Qualitätsproblem.

Stell dir vor, du fährst morgens zu deiner ersten Patientin – und niemand schreibt dir vor, wie viele Minuten du dort verbringen darfst. Gemeinsam mit ihr entscheidest du, was heute wirklich wichtig ist. Klingt utopisch? In den Niederlanden ist genau das längst Alltag. Und auch in Deutschland gibt es ein Unternehmen, das diesen Weg geht. Im Übergabe-Podcast haben Eva und Christian Johannes Technau getroffen, Geschäftsführer von Buurtzorg Deutschland, und mit ihm über ein Pflegemodell gesprochen, das vieles auf den Kopf stellt, was aus der ambulanten Versorgung bekannt ist.

Nachbarschaftspflege, die aus Unzufriedenheit geboren wurde

Buurtzorg ist das niederländische Wort für Quartiers- oder Nachbarschaftspflege. „Buurt" steht für die Nachbarschaft, „zorg" für die Pflege. Gegründet wurde das Unternehmen 2007 in den Niederlanden von Jos de Block und einer Handvoll Mitstreiter:innen. Die Ausgangslage war damals gar nicht so weit von der deutschen entfernt: Auch in den Niederlanden hatte sich aus einer ursprünglich kirchlich-kommunalen Gemeindepflege ein privatisiertes, durchökonomisiertes System entwickelt – mit Produktkatalogen, Callcentern und maximaler Effizienzsteigerung. Das Ergebnis war eine breite Unzufriedenheit, bei Patient:innen, Angehörigen und Pflegenden gleichermaßen.

Jos de Block, selbst Pfleger, wollte dem etwas entgegensetzen. Seine Idee: Nicht fragen, wie sich mit Pflege möglichst viel Geld verdienen lässt, sondern was Patient:innen und Pflegefachpersonen tatsächlich brauchen. Aus dieser Haltung wuchs ein Unternehmen, das Jahr für Jahr rund tausend Pflegekräfte aufnahm – und innerhalb von zehn Jahren auf 10.000 anstieg. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren es bereits 15.000. Das Spannende daran: Buurtzorg blieb kein nettes Nischenprojekt, sondern veränderte das gesamte niederländische Pflegesystem. Heute arbeiten dort fast alle ambulanten Dienste nach ähnlichen Prinzipien. Ein Überblick über das Buurtzorg-Modell zeigt schnell, wie tief dieser Wandel reicht.

Wenn Pflege und Wirtschaftlichkeit zwei Paar Schuhe sind

Das Herzstück des Modells lässt sich auf einen Satz bringen: Die wirtschaftliche Verantwortung wird von der pflegerischen Verantwortung entkoppelt. In einem klassischen Dienst ist die Pflegedienstleitung häufig beides zugleich – fachlich verantwortlich und dafür zuständig, dass die Touren wirtschaftlich geplant werden. Daraus entstehen jene Vorgaben, die alle kennen: maximal 15 Minuten bei Frau Müller, dann noch eben zehn Minuten Medikamente stellen. Genau diese ökonomische Einflussgröße nimmt Buurtzorg aus der Tour heraus. Was zählt, ist die fachliche Einschätzung der Person, die täglich vor Ort ist.

„Die Pflegekraft, die jeden Tag beim Patienten ist, ist doch diejenige, die am besten weiß, was für den Patienten gut ist – und die jeden Tag aufs Neue aushandeln kann, was heute wichtig ist." — Johannes Technau

Dieses Vertrauen ist kein Selbstzweck. Es ist das Vehikel für eine andere Art der Pflege. Den Teams wird weitgehende Freiheit gelassen, sich selbst zu organisieren – ein Ansatz, der sowohl in der New-Work-Bubble als auch in der Pflegeszene auf großes Interesse stößt. Gleichzeitig betont Technau, dass auch Buurtzorg marktwirtschaftlichen Erfordernissen unterliegt: Mieten, Autos und Gehälter müssen finanziert werden. Der Träger ist gemeinnützig, es geht nicht um Gewinn, aber die schwarze Null muss am Ende stehen. Die Aufgabe des kleinen Backoffice ist es deshalb, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit bei den Patient:innen überhaupt Zeit verbracht werden darf.

Hilfe zur Selbsthilfe – und warum das Gesetz längst auf unserer Seite ist

Der inhaltliche Kern steht erstaunlicherweise bereits im deutschen Gesetz. Im zweiten Paragrafen des SGB XI ist festgehalten, dass alle Pflegeleistungen darauf auszurichten sind, die Autonomie und Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Menschen zu stärken oder zu erhalten. Nichts anderes verfolgt Buurtzorg: Pflege wird nicht um der Pflege willen geleistet, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden. Die Menschen sollen wieder in die Lage versetzt werden, ihren Alltag selbst zu gestalten.

Genau hier liegt aus Technaus Sicht der Konstruktionsfehler des deutschen Systems: Belohnt wird, wer möglichst lange möglichst viele Leistungen erbringt – nicht, wer Menschen wieder in die Selbstständigkeit entlässt.

„In Deutschland kann man die Entscheidung fällen: Ich halte mich ans Gesetz und verdiene kein Geld – oder ich halte mich ans Geld und nicht ans Gesetz." — Johannes Technau

Ein zentrales Werkzeug für diese ganzheitliche Sichtweise ist das Omaha System als Dokumentations- und Planungsgrundlage. Statt einzelne Verrichtungen abzuhaken, geht es darum, soziale wie medizinische Bedarfe in den Blick zu nehmen. Und genauso wichtig: das Nahumfeld. Buurtzorg geht davon aus, dass Familie und enge Freunde der erste und wichtigste Anknüpfungspunkt für den Alltag sind. Dafür braucht es eine Pflegefachperson, die nahbar ist, ansprechbar bleibt und sich auch dafür interessiert, wie es in der vergangenen Woche lief – statt rein-, raus- und wieder weg zu sein.

Minutenpflege – aber neu gedacht

Vergütet wird bei Buurtzorg nach Zeit. Das klingt zunächst nach der vielgescholtenen „Minutenpflege", die in der Presse oft für hart getaktete, lieblose Versorgung steht. Tatsächlich ist das Gegenteil gemeint. Eine Zeitvergütung ist transparenter und planbarer als das Multiplizieren von Punktwerten – und vor allem unterstützt sie den Aushandlungsprozess zwischen Pflegefachperson und Patient:in. Christian schildert aus einem Forschungsprojekt zur Personalbemessung ein anschauliches Beispiel: Eine pflegebedürftige Frau hatte sich bereits selbst geduscht, als die Pflegekraft eintraf – also fuhr man für sie zum Markt, weil sie nachmittags Besuch erwartete. Diese Freiheit eröffnet die Zeitvergütung.

In den Niederlanden ist die Logik dabei deutlich einfacher als hierzulande: Die Pflegekraft plant gemeinsam mit der Klientin oder dem Klienten, vergütet wird die tatsächlich verbrachte Zeit zu einem festen Stundensatz – ohne aufwendige Verordnungsprozesse. Dadurch entsteht weniger Bürokratie, weniger Betrugsmöglichkeit und ein erstaunlich schlanker Verwaltungsapparat: 15.000 Pflegende, aber nur rund 50 Personen in der Verwaltung. Und der vielleicht überraschendste Effekt: Studien belegen, dass durch diesen Ansatz rund 30 Prozent der Stunden pro Patient:in eingespart werden.

Das Verständnis muss erst wieder herauswachsen

Wie aber gelingt es, Pflegende für diese Art zu arbeiten zu gewinnen? Schließlich wurden viele über Jahre genau in das verrichtungsbezogene Denken hineinsozialisiert. Technau formuliert es zugespitzt: Pflegefachpersonen seien nicht in den Beruf gegangen, um Kataloge abzuarbeiten – das sei ihnen über zwei Jahrzehnte regelrecht antrainiert worden. Bei Buurtzorg entscheiden die Teams selbst, mit wem sie zusammenarbeiten. Ein klassisches Auswahlverfahren gibt es nicht. Stattdessen begleiten Coaches die Teams, geben Schulungen und unterstützen dabei, Pflege wieder anders zu denken. Drei bis sechs Monate dauert dieser Wandel im Schnitt – und er gelingt jüngeren Kolleg:innen oft schneller, weil bei ihnen der Idealismus noch nicht ausgebrannt ist.

Spannend ist die Debatte um die Akademisierung, die im Gespräch aufkommt. In den Niederlanden sind rund 40 Prozent der dort arbeitenden Pflegenden auf Bachelor-Niveau ausgebildet. Christian, selbst gelernter Altenpfleger und später Studierender, beschreibt, wie sehr das Studium seinen Blick verändert hat – plötzlich stellte er Dinge infrage, die er zuvor als selbstverständlichen Alltag hingenommen hatte. Doch die ernüchternde Realität: Mit den Sätzen, die die Pflegekasse zahlt, lässt sich kaum eine angemessene Vergütung für studierte Pflegefachpersonen finanzieren.

Qualität zuerst – das Personalproblem folgt

Die Debatte schwenkt unweigerlich zur großen Politik. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war das Förderprogramm für tausende zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte ein viel diskutiertes Thema. Für Technau und seine Gesprächspartner:innen greift das jedoch zu kurz: Mehr Assistenzkräfte verändern nicht das Pflegeverständnis, sie tragen lediglich das bestehende System weiter. Die eigentliche Stellschraube liege woanders.

„Das Quantitätsproblem ist eine Folge des Qualitätsproblems. Die Qualität müssen wir anfassen, dann funktioniert auch die andere Seite wieder." — Johannes Technau

Wenn Pflegende das Gefühl haben, ihre fachliche Einschätzung zähle nichts und über ihre Arbeitszeiten werde Sonntagabend kurz vor dem Tatort per Telefonanruf entschieden, dann ist die Konsequenz nachvollziehbar: Viele suchen sich Arbeitsplätze, an denen sie besser verdienen und mehr Mitspracherecht haben. Genau diese Diskrepanz will Buurtzorg auflösen. Und auch in der Frage der Selbstvertretung wird Technau deutlich – mit Blick auf die mancherorts zögerliche Haltung gegenüber Pflegekammern mahnt er, dass die Pflege ihre Strukturen selbst gestalten müsse, sonst entschieden weiterhin andere über sie.

Reden ist Pflege – die unterschätzte Kraft des Smalltalks

Dass selbst zwischen Deutschland und den Niederlanden kulturelle Unterschiede überraschend stark wirken, zeigt Technau an einem alltäglichen Beispiel: dem Smalltalk. Niederländische Pflegende reden während ihrer Touren viel mehr über Familie, Wochenende und Urlaub – und erfahren dadurch fast nebenbei, wie es um ihre Patient:innen und deren Angehörige wirklich steht. In Deutschland muss man sich dieses Wissen oft mühsam erarbeiten, mancherorts mithilfe standardisierter Fragebögen, die im schlechtesten Fall alte Wunden wieder aufreißen.

„Die Pflegekräfte sind nicht zum Kaffeetrinken da – aber Kaffeetrinken hat ja nicht den Wert, Kaffee zu trinken, sondern den Wert, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und herauszufinden, wo eigentlich der Schmerz liegt." — Johannes Technau

Diese Lebenswelt-Perspektive ist kein Luxus, sondern fachliche Voraussetzung. Wer merkt, dass ein Mensch isoliert ist oder unter einer Depression leidet, kann gezielt gegensteuern, das soziale Umfeld aktivieren und so überhaupt erst die Grundlage für Selbstständigkeit schaffen. Das lässt sich in keinem Verrichtungskatalog abbilden und nicht vom Schreibtisch aus planen – es entsteht nur dort, wo Pflegende Zeit und Vertrauen haben.

Ein Modell, das das System zum Nachdenken bringt

Zum Zeitpunkt der Aufnahme bestand Buurtzorg Deutschland aus rund zehn Teams mit etwa 80 bis 100 Pflegenden, verteilt über mehrere Bundesländer. Finanziert wird der Großteil über die klassischen Kostenträger nach SGB V und SGB XI, das verbleibende Defizit über private Investoren. Die größte Hürde bleibt das deutsche Vergütungs- und Verwaltungssystem mit seinen föderalen Eigenheiten. Dass einzelne Kassen Ausnahmen zulassen können, ohne sie sofort für alle gelten lassen zu müssen, wurde über ein Modellprojekt möglich gemacht. Dessen wissenschaftliche Begleitung übernahmen die Hochschule Osnabrück und die FH Münster, finanziert vom GKV-Spitzenverband. Die Evaluation dieses Modellprojekts sollte Ende 2022 abgeschlossen sein und untersucht sowohl die Arbeitszufriedenheit der Pflegenden als auch die Pflegequalität in den Haushalten – im Vergleich zu herkömmlichen Diensten.

Ob Buurtzorg das deutsche System verändern wird, lässt Technau offen. Aber eines hat das Modell aus seiner Sicht bereits erreicht: Es bringt alle Beteiligten dazu, noch einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, wie sich Pflege organisieren lässt – und welchen Wert eine Gesellschaft den Schwächsten beimisst. Bewegt man sich, wie er betont, im Rahmen des Gesetzes, dann bleibt am Ende vor allem eine Frage: Schaffen wir es, eine menschenfreundliche Pflege auch verlässlich zu finanzieren?

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