- NRW-Krankenhäuser hielten Betten und Beatmungsplätze für den befürchteten Corona-Ansturm frei.
- Ein Gesetzentwurf sollte Pflegende und Ärzt:innen notfalls zum Dienst verpflichten – als letztes Mittel.
- Schutzkleidung war kaum noch zu kaufen, ein funktionierender Markt existierte nicht mehr.
- Besuchsverbote in Altenheimen sollten verhindern, dass das Virus tödlich eindringt.
Als der Übergabe-Podcast Anfang April 2020 zum Hörer griff, stand Deutschland an einem Wendepunkt. Niemand wusste, ob die Krankenhäuser dem befürchteten Ansturm standhalten würden – und mitten in dieser Unsicherheit sorgte ein Gesetzentwurf aus Nordrhein-Westfalen für hitzige Debatten. Im Corona-Spezial sprach die Redaktion mit Karl-Josef Laumann, dem damaligen Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW. Es ging um nüchterne Zahlen, um schwere Entscheidungen und um eine Frage, die bis heute nachhallt: Wie weit darf der Staat gehen, wenn es um Leben und Tod geht?
Die Ruhe vor dem Sturm – ein Blick auf die Zahlen
Die Ausgangslage klang zum Zeitpunkt der Aufnahme fast beruhigend: Rund 18.500 bestätigte Infektionen zählte NRW, doch nur etwa 1.500 Menschen lagen im Krankenhaus, gerade einmal 480 mussten beatmet werden. Laumann machte allerdings klar, dass diese Momentaufnahme trügerisch sein konnte. Entscheidend sei das Tempo der Ansteckungen. Verdoppelte sich die Zahl der Infizierten weiterhin alle 9,4 Tage, drohten bis Ende April rund 136.000 Fälle. Gelänge es dagegen, die Verdopplungszeit auf zwölf Tage zu strecken, läge man bei etwa 85.000 – eine Zahl, die das Gesundheitssystem nach damaliger Einschätzung gerade noch verkraften könnte.
Hinter diesen Projektionen steckte eine simple, aber harte Rechnung: Etwa zehn Prozent der Erkrankten brauchten eine Krankenhausbehandlung, rund drei Prozent eine Beatmung. Genau deshalb verfolgte das Land eine Doppelstrategie. Auf der einen Seite arbeiteten die Gesundheitsämter in den Kreisen und kreisfreien Städten mit großem Aufwand daran, Kontaktpersonen von Infizierten nachzuverfolgen und so die Infektionsketten zu unterbrechen. Auf der anderen Seite hatte die Landesregierung kurz zuvor weitreichende Kontaktbeschränkungen beschlossen. Ob sie das Ansteckungstempo wirklich bremsen würden, ließ sich erst nach 14 Tagen Laufzeit beurteilen. Die alles entscheidende Frage formulierte Laumann anschaulich: Würde es einen echten Sturm auf die Krankenhäuser geben – oder ließe sich der sogenannte Peak so weit abflachen, dass die Behandlungskapazitäten für alle reichen?
Wenn das Beatmungsgerät zum Nadelöhr wird
Damit die Kliniken auf den Ernstfall vorbereitet waren, hatte das Land bereits im März angeordnet, alle verschiebbaren Behandlungen auszusetzen. Die Folge: Viele Häuser hatten zwischen 30 und 50 Prozent ihrer Betten frei, auch die Intensivstationen waren bewusst nicht voll belegt. Dieses Freihalten kostete Geld – denn Krankenhäuser, die nicht operieren, bekommen auch keine Vergütung von den Krankenkassen. Deshalb spannte das Land einen Rettungsschirm: 560 Euro pro Tag und leerstehendem Bett, damit die Kliniken ihre Kapazitäten ohne finanzielle Not bereithalten konnten.
Besonders im Fokus standen die Beatmungsplätze, von denen NRW damals rund 4.200 vorhielt. Laumann sah hier das eigentliche Nadelöhr – und verwies auf die dramatischen Bilder aus Italien und den Niederlanden, wo die Ressource trotz aller Anstrengungen knapp wurde. Das Land prüfte deshalb, wie viele zusätzliche Plätze sich notfalls improvisieren ließen, etwa indem auch Narkosegeräte zur Beatmung genutzt würden.
Die schwerste Entscheidung: Besuchsverbote in den Altenheimen
Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit stark auf die Krankenhäuser richtete, geriet die Langzeitpflege leicht aus dem Blick – obwohl gerade dort die verletzlichsten Menschen lebten. Laumann sprach offen aus, wie heikel die Lage war: In den stationären Pflegeeinrichtungen galt ein Besuchsverbot. Töchter konnten ihre Mütter nicht mehr sehen, Eheleute, die nach sechzig gemeinsamen Jahren getrennt waren, durften sich nicht begegnen. Schon zum Aufnahmezeitpunkt waren in NRW 79 Menschen in Altenheimen an Corona gestorben, bei 364 bekannten Infektionen – ein erschütterndes Verhältnis, das die hohe Sterblichkeit unter alten und vorerkrankten Menschen verdeutlichte.
„Das ist im Übrigen die Entscheidung gewesen, die mir am schwersten gefallen ist. Wir müssen es aber machen, weil wenn das Virus in ein Altenheim eindringt, dann kostet es viele Menschen das Leben." — Karl-Josef Laumann
Auch in der ambulanten Pflege zeigten sich die Spannungen der Krise. Manche Familien sagten Leistungen ab, aus Angst, die Pflegefachperson könnte das Virus in den Haushalt tragen. Laumann konnte das nachvollziehen, betonte aber, dass die Versorgung aufrechterhalten werden müsse: Ohne die ambulanten Dienste gäbe es viele Menschen, die niemand mehr duschen oder abends ins Bett bringen würde. Ein Massenphänomen von Kurzarbeit sah er damals nicht – wohl aber freiwerdendes Personal durch geschlossene Tagespflegen. Sein Lösungsansatz: mehr Schutzkleidung und, sobald die Testkapazitäten es zuließen, regelmäßige Tests des Pflegepersonals.
Ein Gesetz, das Pflegende verpflichten sollte
Für den größten Aufruhr sorgte das geplante Gesetz zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie. Ein Paragraf sah vor, dass Menschen mit einer medizinisch-pflegerischen Ausbildung notfalls zum Dienst verpflichtet werden könnten. Kritiker:innen sprachen von einem Eingriff in die Grundrechte, in die freie Berufswahl. Auf die direkte Frage, ob das nicht über das Ziel hinausschieße, blieb Laumann bei seiner Position – verwies aber auf die zahlreichen Sicherungen im Gesetzestext.
Die Regelung stehe unter Parlamentsvorbehalt: Eingesetzt werden könne sie nur, wenn der Landtag zuvor die Pandemie festgestellt habe – und sofort außer Kraft treten, sobald das Parlament diese Feststellung zurücknehme. Es handele sich um eine Ultima Ratio, ein allerletztes Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten und sämtliche Freiwilligen ausgeschöpft seien. Niemand werde leichtfertig verpflichtet, kranke oder vorerkrankte Menschen ebenso wenig wie eine 70-jährige Ärztin. Für jeden Einsatz brauche es zudem eine Rechtsverordnung des gesamten Kabinetts. Sein Argument: In Ländern, die den Peak gerade durchlebten, sei das Personal körperlich wie emotional am Ende – auch die freiwilligen Helfenden.
„Für mich als Gesundheitsminister muss ich alles tun, um Menschenleben zu retten, dass die Menschen mir nicht unter den Händen in den Krankenhäusern wegsterben." — Karl-Josef Laumann
Laumann verwies darauf, dass andere Stellen damals deutlich weiter gingen: Der Bundestag hatte dem Bundesgesundheitsminister bereits umfangreichere Befugnisse eingeräumt, Bayern konnte sogar jede:n verpflichten. NRW habe sich bewusst auf Gesundheitsberufe mit Staatsexamen beschränkt. Trotz dieser Einordnung blieben die Hosts skeptisch – und das hielten sie in der Nachbesprechung auch fest. Genau diese kritischen Stimmen prägten die Debatte: Die Redaktion betonte, wie wichtig es sei, solche Eingriffe wachsam zu beobachten – und ebenso, dass man sich freiwillig melden könne, statt verpflichtet zu werden.
Ein berechtigter Einwand kam aus dem Studio: Viele Menschen hätten die direkte Patientenversorgung nicht ohne Grund verlassen, etwa wegen psychischer oder körperlicher Belastung. Und wie sollte eine Einarbeitung im Ernstfall funktionieren? Laumann verwies auf die im Gesetz verankerte Verhältnismäßigkeit, die genau solche Fälle berücksichtige.
Schutzkleidung: ein Markt, der nicht mehr existierte
Eines der größten praktischen Probleme war die Schutzausrüstung. Laumann brachte es auf den Punkt: Man könne Geld haben und trotzdem nichts kaufen, weil schlicht kein funktionierender Markt mehr existiere. Der Großteil der Produktion lag in China, und weltweit kämpften alle Kliniken gleichzeitig gegen dasselbe Virus – jede Pflegefachperson, jede:r Ärzt:in ließ sich nur durch Schutzkleidung schützen. Wie schnell die Bestände schmolzen, zeigte das Beispiel aus dem Kreis Heinsberg: Behandelte ein Krankenhaus mehrere Infizierte, verbrauchte es binnen vier Wochen so viel Material wie sonst in zwei Jahren.
Besonders bitter waren die Berichte über umgeleitete Lieferungen – Schutzmasken, die ihr eigentliches Ziel nie erreichten. Laumann bestätigte: Selbst bei einer Bestellung aus China sei nicht sicher, ob die Ware tatsächlich in Deutschland ankomme. Der dramatische Mangel an Schutzausrüstung war eine reale Bedrohung für das Personal. Das Land setzte deshalb auf zwei Wege: kaufen, was international zu bekommen war, und gleichzeitig die heimische Produktion ankurbeln. Vorhandene Textilbetriebe sollten Atemschutzmasken und Schutzanzüge fertigen. Laumanns Appell an die Zukunft: Wer jetzt in solche Maschinen investiere, müsse auch nach der Krise weiterliefern dürfen – statt dass das Gesundheitssystem wieder zu Centbeträgen im Ausland einkaufe, auf Kosten von Arbeitnehmer:innen und Umwelt.
Pflegekammer und Ausbildung – trotz Krise auf Kurs
Trotz der Pandemie liefen die Vorbereitungen für die Pflegekammer NRW weiter. Das Gesetz war dem Landtag zugeleitet, eine schriftliche Anhörung im zuständigen Ausschuss vorgesehen. Laumann stellte klar, dass er die Kammer nicht auf die lange Bank schieben wolle, auch wenn der weitere Zeitplan von der Entwicklung der Krise abhing. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet im Gespräch mit der Vizepräsidentin der Pflegekammer Niedersachsen wertvolle Einblicke in Historie und Perspektiven der Selbstverwaltung.
Auch die Ausbildung sollte nicht stillstehen. Wer morgen Fachkräfte haben wolle, müsse heute ausbilden, so Laumann. Die Pflegeschulen waren geschlossen, der praktische Teil wurde in die Einrichtungen verlagert – nicht zuletzt, um zu verhindern, dass Auszubildende aus vielen Heimen im theoretischen Unterricht zusammenkommen und neue Infektionsketten entstehen. Auf die Frage nach den Auswirkungen der Krise auf den Berufsstand zeigte sich der Minister überzeugt, dass die Gesellschaft eine Lehre ziehen müsse: mehr Sicherheit für die medizinische Versorgung – und das bedeute auch mehr Geld.
„Ich erlebe in diesen Tagen durch ganz viele im Gesundheitssystem, dass es ihnen wirklich um eine ethische, um eine humanistische Einstellung in dieser Gesellschaft geht. Und das ist einfach viel wert." — Karl-Josef Laumann
Faktencheck und ein Aufruf an die Wissenschaft
Im Anschluss an das Interview nutzte die Redaktion die Folge für einige Korrekturen aus einer früheren Corona-Episode mit dem Hygienemanager Bernd Gruber. Dank aufmerksamer Hörer:innen wurden drei Punkte richtiggestellt: Die Abweichungen zwischen den Fallzahlen des RKI und der Johns Hopkins University erklären sich dadurch, dass das RKI bestätigte Zahlen der Gesundheitsämter nur einmal täglich abgreift, während die Universität mehrmals täglich aktualisiert. Die viel zitierte Reproduktionszahl ist außerdem ein Durchschnittswert – eine infizierte Person steckt im Mittel etwa drei weitere an, manche niemanden, manche sechs oder sieben. Und schließlich: Viren mutieren sehr wohl, auch das Coronavirus. Entscheidend war damals jedoch die Einordnung, dass diese kleinen Veränderungen die Entwicklung eines Impfstoffs nicht gefährdeten. Wer die Details vertiefen möchte, findet sie im Gespräch mit dem Virologen Christian Drosten, das die Redaktion zur Einordnung heranzog.
Bemerkenswert bleibt die Offenheit, mit der die Redaktion eigene Fehler korrigierte – und ihr ausdrücklicher Wunsch nach mehr wissenschaftlicher Expertise im Podcast. Genau dieses Ringen um verlässliche Information prägte die ersten Wochen der Pandemie. Das Interview mit Karl-Josef Laumann zeigt rückblickend eindrücklich, in welch unsicherem Terrain Politik, Pflege und Gesellschaft sich damals bewegten – zwischen vorsichtiger Hoffnung, harten Entscheidungen und der ständigen Sorge, ob die Kapazitäten reichen würden.
Zum Weiterhören
- ÜG033 – CORONA SPEZIAL #1: Einrichtungsspezifische Strategien und Schützausrüstung (B. Gruber)
- ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)
- ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)
Weiterführende Links & Shownotes
Corona in NRW
- Verordnung zum Schutz vor Neuinfizierungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 (CoronaSchVO) (www.mags.nrw)
- Weitgehendes Kontaktverbot und weitere Maßnahmen: Presseerklärung der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen (22.03.2020) (www.mags.nrw)
- Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19- Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie (www.landtag.nrw.de)
- Entschließungsantrag der Fraktion der SPD zum Gesetzesentwurf der Landesregierung „Gesetz zur Zustimmung zum Dreiundzwanzigsten Rundfunkänderungsstaatsvertrag und zur Änderung weiterer Gesetze (18. Rundfunkänderungsgesetz)“ (Drucksache 17/8130) (www.landtag.nrw.de)
- Entschließungsantrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Gesetzentwurf der Landesregierung „Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie“ (17/8920) (www.landtag.nrw.de)
- Coronavirus: Vorstufe zum Virtuellen Krankenhaus NRW startet mit Intensivmedizin und Infektiologie (www.mags.nrw)
- Sonderseite des Ministeriums zum Coronavirus in NRW (www.mags.nrw)
- Staatsversagen und Staatsverlangen – am Beispiel des geplanten „Epidemiegesetzes“ in Nordrhein-Westfalen (aktuelle-sozialpolitik.de)
- Stellungnahme des DBfK Nordwest e.V. zum Gesetzentwurf zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie in NRW und zur Anpassung des Landesrechtes im Hinblick auf die Auswirkung einer Pandemie (dbfk.de)
- Ärzte und Pfleger warnen vor Zwangsarbeit (zeit.de)
Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen
- Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI für das Management von Kontaktpersonen bei respiratorischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
Schutzausrüstung
- Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material! (www.dbfk.de)
- Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht (www.dbfk.de)
- Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung (www.bibliomed-pflege.de)
Fallzahlen und Pandemieplan
- COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit (www.rki.de)
- Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020 (www.rki.de)
- Interaktive Übersichtskarte (Morgenpost.de)
- COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (www.who.int)
- COVID-19-Seite der John Hopkins University (www.coronavirus.jhu.edu)
- Pandemieplan 2016/2017 (www.rki.de)
- Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020) (www.rki.de)
