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Diese Episode erschien am 14.11.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Verschwörungsmythen sind keine wissenschaftlichen Theorien, sondern immunisieren sich gegen jede Kritik.
  • Kontrollverlust und Krisen machen Menschen quer durch alle Schichten anfällig.
  • Algorithmen sozialer Netzwerke beschleunigen Radikalisierung erheblich.
  • Im Gesundheitsbereich kann der Glaube an Verschwörungen lebensgefährlich werden.
  • Im Gespräch helfen Ruhe, echte Fragen und das Ernstnehmen der Person.

Es ist der 2. November 2020. Der sogenannte Lockdown-Light ist gerade in Kraft getreten, und während die meisten Menschen die Maßnahmen mittragen, gibt es eine Gruppe, die der Pandemie schlicht keinen Glauben schenkt. Genau hier setzt diese Episode an: Was sind eigentlich Verschwörungstheorien, warum verfangen sie gerade in Krisenzeiten – und welche Folgen hat das für die Gesundheitsversorgung? Zu Gast sind die Politikwissenschaftlerin, Autorin und Podcasterin Katharina Nocun sowie der Philosoph und Privatdozent Dr. Karl Hepfer. Beide haben Bücher über das Thema geschrieben und nähern sich ihm aus ganz unterschiedlichen Richtungen.

Warum „Theorie" das falsche Wort ist

Schon der Begriff selbst ist heikel. Eine Theorie im wissenschaftlichen Sinn ist ein Modell, das die Wirklichkeit vereinfacht, aus aufeinander bezogenen Sätzen besteht und uns hilft, Dinge zu erklären. Entscheidend ist dabei: Eine seriöse Theorie ist überprüfbar. Wird sie durch Belege widerlegt, passt eine Wissenschaftlerin sie an oder zieht sie zurück. Genau das passiert bei Verschwörungserzählungen nicht. Wer an eine große Wissenschafts- oder Medienverschwörung glaubt, erklärt Kritiker:innen kurzerhand selbst zu Agent:innen der vermeintlichen Verschwörung.

Katharina Nocun, die gemeinsam mit Pia Lamberty das Buch Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen geschrieben hat, plädiert deshalb für andere Begriffe: Verschwörungsmythen, Verschwörungserzählungen, Verschwörungsideologien. Damit will sie den Glauben an Geheimpläne nicht durch das Etikett „Theorie" aufwerten.

„Wenn man jemandem nachweist, dass seine Theorie falsch ist, wird ein seriöser Wissenschaftler sie anpassen oder zurückziehen. Bei Verschwörungsgläubigen ist die Bereitschaft zum wissenschaftlichen Diskurs irgendwann einfach nicht mehr gegeben." — Katharina Nocun

Karl Hepfer, Autor des Bandes Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft, sieht das differenzierter. Er argumentiert, dass viele dieser Erzählungen mit genau denselben Methoden arbeiten wie echte Theorien – mit beeindruckenden Fußnotenapparaten und dem Versprechen, Neugier zu stillen und Angst vor dem Unbekannten zu reduzieren. Wer sie ernst nimmt und Punkt für Punkt prüft, könne genau zeigen, wo die Argumentation aus dem Ruder läuft. Nocun hält dagegen: Allein die Zahl der Fußnoten sage nichts über die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit aus. Eine YouTube-Recherche mit der Methodik einer Universität gleichzusetzen, sei schlicht problematisch.

Wahr, falsch – oder irgendwo dazwischen

Spannend wird es bei der Frage nach der Wahrheit. Absolut richtig und absolut falsch gibt es laut Hepfer nur in Disziplinen, die nichts mit Erfahrung zu tun haben – etwa Mathematik oder Logik. Bei allem, womit wir uns die Erfahrungswelt erschließen, bewegen wir uns auf einer Skala von sehr unplausibel bis gut bestätigt. Genau diese Grauzone nutzen Menschen aus, die mit alternativen Deutungen um die Ecke kommen.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns immer stärker in virtuellen Räumen bewegen. Informationen, die wir über das Netz beziehen, können wir kaum noch an der eigenen Erfahrung überprüfen. Unser einziges Kriterium ist dann oft nur noch, ob das Gehörte zu dem passt, was wir ohnehin schon glauben. Ein gefährlicher Mechanismus – besonders in Kombination mit selektiv ausgewählten, durchaus seriösen Quellen, mit denen sich fast jede Sicht pseudowissenschaftlich untermauern lässt.

Wichtig ist Nocun dabei eine Klarstellung: Verschwörungsmythen sind keineswegs immer der Glaube unterdrückter Minderheiten. Im Nationalsozialismus glaubten mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland an eine angebliche jüdische Weltverschwörung. Und nicht jede Verschwörung ist erfunden – Watergate, der Dieselskandal oder der Cum-Ex-Betrug zeigen, dass es echte Komplotte gibt. Der Unterschied liegt im Vorgehen: Belegbare Verschwörungen werden durch Untersuchungsausschüsse, Journalismus und Forschung aufgeklärt. Bei der Verschwörungsideologie hingegen steht das Ergebnis schon vorher fest.

Kontrollverlust als Einfallstor

Wer ist eigentlich anfällig? Mit dem gängigen Bild der „Covidioten" oder der vermeintlich psychisch Kranken räumt Nocun gründlich auf. Studien zeigen, dass der Anteil psychischer Erkrankungen unter Verschwörungsgläubigen nicht höher ist als in der Restbevölkerung. Auch das Klischee, es handle sich nur um die „Dummen", hält keiner Prüfung stand.

Der entscheidende Faktor ist ein anderes Gefühl: Kontrollverlust. Wer das Gefühl hat, sein Leben nicht steuern zu können – sei es durch prekäre Arbeit, eine Trennung oder eine schwere Krankheit –, neigt eher dazu, Muster zu sehen, wo keine sind. Verschwörungsnarrative geben dann eine Art inneres Geländer: Die Welt ist zwar nicht rosarot, aber wenigstens kein Chaos. Es gibt einen Plan, und es gibt klare Schuldige. Wer die Verbreitung solcher Einstellungen in der Bevölkerung verstehen will, kommt an diesem psychologischen Kern nicht vorbei.

„Gerade Krisen sind immer wieder Punkte, bei denen Aussteiger später berichten: Das war der Moment, wo sie mich gekriegt haben. Ich würde davor warnen zu sagen: Mir kann so etwas nie passieren." — Katharina Nocun

Dazu kommt unser intuitiver Drang, große Ereignisse mit großen Ursachen zu erklären. Dass eine weltweite Pandemie durch eine winzige, zufällige Mutation ausgelöst wurde, ist schwer auszuhalten. Eine angebliche Biowaffe aus dem Labor fühlt sich für viele „passender" an. Und nicht zuletzt schmeichelt der Glaube an einen Geheimplan: Man fühlt sich als Teil einer auserwählten Gruppe, die „aufgewacht" ist, während alle anderen schlafen.

Wenn der Algorithmus zum Brandbeschleuniger wird

Hat das Internet uns anfälliger gemacht? Hepfer ist vorsichtig: Vermutlich ist die Zahl der Gläubigen gar nicht so stark gewachsen, eher hat sich der thematische Fokus verschoben. Trotzdem verändert die Art, wie wir mit der Welt in Kontakt kommen, alles. Wer die Realität fast nur noch durch das Browserfenster erlebt, öffnet alternativen Interpretationen Tür und Tor.

Nocun, die sich intensiv mit Digitalisierung und Algorithmenkontrolle beschäftigt, macht es konkret. Empfehlungsalgorithmen großer Plattformen wurden darauf optimiert, die Verweildauer zu maximieren – und ausgerechnet etwas extremere Inhalte halten Nutzer:innen offenbar besonders gut bei der Stange. Wer ein harmloses Video schaut, bekommt Schritt für Schritt radikalere Vorschläge. Im Bereich Joggen ist das egal, im politischen Kontext kann es zur Radikalisierung beitragen. Auch eine Änderung, die Gruppen stärker bewarb, hat verschwörungsideologischen Communities einen Wachstumsschub verschafft.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Podcast Rabbit Hole der New York Times: Er erzählt die Geschichte eines ursprünglich eher links eingestellten Mannes, der sich über YouTube binnen weniger Monate so weit radikalisierte, dass er bei Holocaustleugnern landete. Wer sich tiefer einlesen möchte, findet auch beim Deutschen Ärzteblatt fundierte Hinweise dazu, was gegen den Irrglauben hilft.

Warum auch Pflegefachpersonen betroffen sind

Der Glaube an Verschwörungen zieht sich quer durch die Gesellschaft – durch alle Alters- und Einkommensgruppen, durch Ost und West. Auch das Medizinstudium schützt nicht davor: Es gibt Ärzt:innen, die als Corona-Leugner auftreten. Nocun rät zur Einordnung: Wer in einer Diskussion mit „der Arzt auf YouTube hat aber gesagt …" konfrontiert wird, sollte sich vergegenwärtigen, wie viele Hunderttausend Menschen im Gesundheitswesen arbeiten – ein verschwindend kleiner Anteil davon ist verschwörungsgläubig.

Und doch ist die Pflege ein besonders sensibler Fall. Wer völlig überlastet und unterbezahlt arbeitet, das Gefühl von Sinnlosigkeit und mangelnder Wertschätzung kennt und das eigene System schon im Normalbetrieb an der Belastungsgrenze erlebt, ist ein Stück weit gefährdeter. Hier verbindet sich Kontrollverlust mit berechtigtem Frust über Strukturen, die sich seit Jahren kaum bewegen. In diesem Zusammenhang fällt im Gespräch die Empfehlung von David Graebers Buch Bullshit Jobs, das aufzeigt, wie ausgerechnet die systemrelevanten Tätigkeiten oft nur knapp über der Armutsgrenze entlohnt werden.

Hepfer ergänzt einen eigenen Blick: Manche der Proteste speisten sich auch aus älteren, durchaus berechtigten Anliegen zum Zustand der Gesellschaft – etwa zu Verteilungsfragen oder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Nocun widerspricht entschieden, eine Bewegung müsse man an dem messen, was ihre offiziellen Vertreter:innen sagen und wen sie auf die Bühne holen. Wenn dort einschlägige Akteure aus der Impfgegner- und Reichsbürgerszene auftreten, mache man sich mit deren Aussagen gemein. Statt den Status quo zurückzuwünschen, forderten manche dieser Gruppen sogar eine grundlegende Abschaffung des Grundgesetzes – und arbeiteten mit einem harten Freund-Feind-Schema, das mit rationalem demokratischem Diskurs wenig zu tun habe.

Wenn Misstrauen lebensgefährlich wird

Am dringlichsten wird das Thema im Gesundheitsbereich. Wer das Vertrauen in medizinischen Fortschritt und Wissenschaft grundsätzlich verliert, lehnt im Ernstfall womöglich eine erfolgversprechende Krebstherapie ab und setzt stattdessen auf Wunderheiler. Im medizinischen Kontext, so Nocuns eindringliche Mahnung, kann der Glaube an Verschwörungserzählungen tödlich werden.

„Die Frage, ob wir einen guten Weg finden, mit dieser Pandemie zu leben, hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich impfen lassen wollen. Und die Quote derer, die das ablehnen, ist in den letzten Monaten gestiegen. Das macht mir große Sorgen." — Katharina Nocun

Was im Gespräch wirklich hilft

Wie also reagieren, wenn die Kollegin auf der Intensivstation plötzlich erzählt, das mit Corona sei doch alles gemauschelt? Zunächst die nüchterne Erwartung: Kein Gespräch wird damit enden, dass das Gegenüber sofort einsieht, falsch gelegen zu haben. Sinnvoll ist die Frage „Woher hast du das? Warum glaubst du das?", um einzuschätzen, wie verfestigt der Glaube ist. Bei jemandem, der nur etwas aufgeschnappt hat, wirken freundliche Faktenchecks noch hervorragend.

Bei stärker Radikalisierten gilt: Es ist ein Marathon, kein Sprint. Statt zu belehren oder gar herabzusetzen, hilft Offenheit – und der ehrliche Hinweis, dass man sich Sorgen macht, weil einem die Person wichtig ist. Oft lohnt es sich, gar nicht über die Erzählung selbst zu sprechen, sondern nach dem dahinterliegenden Gefühl zu fragen. Pauschalisierungen wie „die Medien" oder „die Politiker" sollte man durch konkrete Nachfragen aufbrechen: Welche Zeitung? Welche Partei? So lassen sich nach und nach kleine Risse in ein geschlossenes Weltbild schlagen. Und wenn andere zuhören, ist Widerspruch ohnehin wichtig – als Signal, dass rassistische oder antisemitische Aussagen nicht unwidersprochen bleiben.

Hepfer steuert zwei einfache Prüffragen bei. Erstens: „Was würde für dich als Widerlegung gelten?" Kommt darauf nichts, lohnt die weitere Auseinandersetzung kaum. Zweitens ein Warnsignal – Misstrauen gegenüber jeder Idee, die zu viel auf einmal erklärt. Wenn sich plötzlich alle Ereignisse auf wundersame Weise einem einzigen Prinzip fügen, sollte man einen großen Bogen machen. Besonders entlarvend ist das Muster, mit dem sich Verschwörungserzählungen gegen jede Kritik immunisieren: Selbst die Abwesenheit von Beweisen wird zum Beweis erklärt – sie zeige ja nur, wie mächtig die Verschwörer seien.

Zum Weiterhören

Wer noch tiefer eintauchen möchte, dem sei auch Katharina Nocuns eigener Podcast Denkangebot ans Herz gelegt – eine wöchentliche Dosis Politik, die zum Mitdenken einlädt.

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