- Praxisentwicklung ist ein theoretisch fundiertes, personenzentriertes und evidenzbasiertes Veränderungskonzept.
- Veränderung kommt aus dem Team selbst – begleitet durch Facilitators statt verordnet.
- Eine gute Teamkultur ist zentrales Ziel und zugleich Motor besserer Pflegequalität.
- In Deutschland fehlen noch Strukturen, Publikationen und Ausbildungswege.
- Kontextfaktoren wie Ökonomie und Führung entscheiden über den Erfolg.
Praxisentwicklung – ein Begriff, mit dem in der Pflege fast jede:r etwas verbindet, aber kaum jemand dasselbe. Genau hier setzt diese Podcast-Folge an: Prof.in Rebecca Palm und Sibylle Reick von der Universität Witten/Herdecke räumen mit Missverständnissen auf und zeigen, warum hinter dem Wort ein ausgereiftes, theoretisch fundiertes Konzept steckt – und warum Deutschland in diesem Feld noch viel Luft nach oben hat. Wenn du dich fragst, wie sich Pflegeteams von innen heraus weiterentwickeln können, ohne dass jemand von oben herab Themen verordnet, dann lies unbedingt weiter.
Ein Konzept mit Geschichte – und einem klaren Kern
Rebecca Palm hat an der Universität Witten/Herdecke seit etwa einem Jahr die Professur für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Praxisentwicklung inne. Sibylle Reick, von Hause aus Kinderkrankenschwester, arbeitet seit 2002 im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf in der Pflege- und Praxisentwicklung und ist seit gut einem Jahr zusätzlich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität tätig. Beide eint die Überzeugung, dass Praxisentwicklung in Deutschland noch immer ein Pionierthema ist.
Dabei ist das Konzept gar nicht neu: Entwickelt wurde es in den 1990er-Jahren von Brendan McCormack und Kolleg:innen in England und über die Jahre kontinuierlich ausgebaut. In vielen Ländern des Commonwealth, aber auch in der Schweiz, wird Praxisentwicklung heute systematisch umgesetzt und intensiv beforscht. In Deutschland kam es – auch wegen der dünnen deutschsprachigen Literaturlage – nie zu einer systematischen Implementierung. Das erklärt, warum hierzulande so viele unterschiedliche Vorstellungen davon kursieren.
Im Kern beschreibt Praxisentwicklung einen personenzentrierten und evidenzbasierten Veränderungsprozess in Gesundheitseinrichtungen. Sie arbeitet stark auf der Mikroebene – also direkt bei den Pflegenden – will aber zugleich die gesamte Kultur einer Einrichtung verändern. Dabei hat sie immer zwei Adressaten gleichzeitig im Blick: die Patient:innen und die Pflegenden selbst.
Warum Praxisentwicklung eine „komplexe Intervention" ist
Praxisentwicklung erfüllt die Merkmale einer komplexen Intervention – also einer Maßnahme, die aus verschiedenen Bestandteilen besteht, an mehreren Organisationsebenen ansetzt und unterschiedliche Personengruppen einbezieht. Sie lässt sich eben nicht „einfach mal umsetzen". Wer sich für die methodischen Grundlagen solcher Interventionen interessiert, findet in der CReDECI-2-Leitlinie zur Entwicklung und Evaluation komplexer Interventionen einen guten Einstieg.
Ursprünglich hieß das Konzept übrigens Pflegeentwicklung – schließlich stammt es aus der Pflege. Inzwischen spricht man von Praxisentwicklung, weil sie sich interdisziplinär verstanden wissen will. Da Pflegende in den meisten Einrichtungen die größte Berufsgruppe stellen, sind sie häufig Hauptakteur:innen, doch andere Professionen sind ausdrücklich nicht ausgenommen. Sibylle Reick macht im Gespräch einen feinen Unterschied: Während bei der Praxisentwicklung die Person – Patient:in, Bewohner:in, Klient:in – immer im Mittelpunkt steht, kann Pflegeentwicklung auch Prozesse umfassen, die nicht direkt auf die Versorgung abzielen.
Veränderung, die aus dem Team kommt
Das Spannendste an der Praxisentwicklung ist ihr emanzipatorischer Ansatz. Die Idee ist gerade nicht, dass jemand mit einem fertigen Thema ins Team marschiert und ein Projekt aufdrückt. Stattdessen begleiten sogenannte Facilitators – Praxisbegleiter:innen – das Team und lassen ihm den Raum, die Veränderung aus sich selbst heraus zu bestimmen. Das Team entwickelt sich aus eigener Kraft, die begleitende Person unterstützt diesen Prozess lediglich.
„Praxisentwicklung ist keine Funktion und keine Rolle, sondern ein Konzept, das verschiedene Funktionen anwenden können – Pflegedirektor:innen genauso wie Wohnbereichsleitungen oder APNs." — Prof.in Rebecca Palm
Wie aber gelingt dieser Spirit konkret? Das Konzept stellt definierte Methoden bereit, ohne sie linear vorzuschreiben. Man spricht von einer „Practice Development Journey" – einer Reise, die oft keinen klar definierten Start- und Endpunkt hat. Zwei Schlüsselelemente ziehen sich durch: die Befähigung zur Selbst- und Teamreflexion sowie Methoden des aktiven Lernens. Welches Feedback bekomme ich von Patient:innen, welches von Kolleg:innen? Aus solchen Rückmeldungen entwickelt das Team eine gemeinsame Vision: Wo wollen wir eigentlich hin – und wie kommen wir dorthin?
Wer beim Stichwort Reflexion an partizipative Forschung und Aktionsforschung denkt, liegt richtig. Genau diese Forschungsmethodologien sind der Praxisentwicklung inhärent. Ohne Partizipation funktioniert das Konzept schlicht nicht. Theoretisch fundiert ist es in der kritischen Theorie und der sogenannten Realist Methodology.
Akutpflege, Altenpflege und ein blinder Fleck im System
Grundsätzlich eignet sich Praxisentwicklung für alle Settings. Wegen ihrer engen Verbindung zur Personenzentrierung spielt sie international gerade in der Altenpflege und in der Arbeit mit Menschen mit Demenz eine große Rolle – Brendan McCormack selbst kommt aus diesem Feld. In Deutschland verhält es sich fast umgekehrt: Hier ist Praxisentwicklung eher in der Akutversorgung etabliert, in Krankenhäusern mit Stabs- oder Assistenzstellen und teils ganzen Abteilungen.
Ein strukturelles Problem zeigt sich in der Langzeitpflege: Anders als im Krankenhaus sind dort selten mehrere Berufsgruppen dauerhaft vor Ort. Therapeut:innen kommen von außen, die Medizin betritt das Haus nur punktuell. Wenn die Pflege weitgehend auf sich allein gestellt ist, kocht sie schnell ihren eigenen Brei. Dabei spielen Berufsgruppen wie die Soziale Arbeit eine wichtige Rolle und sollten in solche Prozesse einbezogen werden – auch wenn das im deutschen Versorgungssystem organisatorisch herausfordernd ist.
Beide Gästinnen teilen die Sorge, dass die stationäre Langzeitpflege als Berufsfeld für akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen zu wenig Attraktivität entfaltet – nicht zuletzt aus monetären Gründen. Genau dem will das Department in Witten/Herdecke entgegenwirken, indem es die Langzeitpflege gezielt adressiert und künftig auch im Masterstudiengang Pflegewissenschaft den Schwerpunkt Praxisentwicklung anbietet.
Wer macht das eigentlich? Von Stabsstellen bis zur APN
Im Florence-Nightingale-Krankenhaus arbeitet Sibylle Reick aus einer Stabsstelle heraus – sie kommt sozusagen von außen ins Team, auch wenn man sie dort seit fast zwei Jahrzehnten kennt. Ideale Praxisentwickler:innen sind aber auch die Pflegeexpert:innen und APNs, weil sie unmittelbar in der Pflegepraxis und Teil der Teams sind. Und ein oft übersehener Punkt: Auch Führungspersonen sollten die Methoden der Praxisentwicklung beherrschen, um ihre Teams weiterentwickeln zu können.
Im Klinikalltag laufen die Impulse selten so „lehrbuchmäßig" wie das Konzept es vorsieht. Häufig kommen Aufträge von der Pflegedirektion und aus der Pflegestrategie – die Themen werden also eher vorgegeben als rein aus dem Team geboren. Wichtig ist dabei, dass Praxisentwicklung immer mit der Unternehmensstrategie vereinbar bleibt. Das übergeordnete Thema steht damit oft fest, aber wie ein Team es konkret ausgestaltet, sollte aus dem Team selbst kommen.
Ein anschauliches Beispiel ist die Arbeit mit Multiplikator:innen zu Prophylaxen für bewegungseingeschränkte Patient:innen – etwa zur Dekubitus- oder Sturzprophylaxe. Entscheidend ist das Lernen vor Ort: Ein neuer Patientenlifter, in der idealen Schulungssituation erprobt, landet sonst schnell in der Abstellkammer, weil niemand gelernt hat, ihn im echten Pflegealltag einzusetzen. Genau hier setzt die begleitende Reflexion an.
Beziehungsqualität als Schlüssel
Warum funktioniert dieselbe Lösung in Klinik A anders als in Klinik B? Die Antwort liegt im Kontext. Entscheidend sind Faktoren wie Teamzusammensetzung, Beziehungen und Kommunikationskultur. Die Pflegeprobleme ähneln sich oft – die Art und Weise, wie ein Team mit ihnen umgeht, unterscheidet sich stark. Deshalb steht am Anfang einer Praxisentwicklungsreise häufig die Frage, was ein Begriff wie Personenzentrierung für die einzelnen Teammitglieder eigentlich bedeutet und worauf man sich gemeinsam einigen kann.
Ein zentrales Ziel ist deshalb die Verbesserung der Beziehungsqualität im Team – nicht in erster Linie das Senken einer Kennzahl wie der Dekubitusinzidenz, die eher das Qualitätsmanagement interessiert. Wer gut mit Kolleg:innen auskommt, bewältigt auch schwierige Situationen besser. Wertschätzung wird so zum Motor für Veränderung.
Diese Kulturarbeit bringt auch Reibung mit sich. Als das Florence-Nightingale-Krankenhaus die Bezugspflege einführen wollte, zeigte sich: Niemand sagt Nein zu mehr Personenzentrierung – doch Bezugspflege schafft Transparenz über die Qualität der einzelnen Pflegenden, und das weckt Ängste. Bemerkenswert ist die dortige Auslegung: Grundsätzlich soll jede examinierte Pflegefachperson die Rolle der Bezugspflegenden übernehmen können, sofern sie Kontinuität im Pflegeprozess leisten kann – bewusst ohne starre Hierarchien über den Skill-Grade-Mix.
Wenn der Kontext zur Bremse wird
Hier wird es politisch. Praxisentwicklung braucht vor allem eines: Zeit. Wer mit Minimalbesetzung nur das Schiff vor dem Sinken bewahrt, hat kaum Raum dafür. Dass sich das Konzept in der Schweiz besser durchsetzen konnte, hängt – so eine Vermutung im Gespräch – auch mit den dortigen Rahmenbedingungen zusammen.
„Praxisentwicklung ist kein politisches Instrument. Wir bekommen dadurch nicht mehr Personal. Aber es ist ein Instrument, um mit dem, was wir haben, besser umzugehen und Ressourcen besser auszunutzen." — Prof.in Rebecca Palm
Dabei gehört zum Kontext mehr als nur Personal und Material: Sibylle Reick betont die weichen Faktoren – Kultur, Rollenklarheit, Führung, Macht und Autorität. Vieles davon ist historisch gewachsen, muss aber nicht so bleiben. Genau hier liegt das Reizvolle: Praxisentwicklung kann durchaus ein Hebel sein, um tradierte Strukturen und Hierarchien aufzubrechen – vorausgesetzt, eine Vision und eine Kultur verankern sich, die das wollen. Und sind erst einmal Prozesse angestoßen, entfalten sie eine Signalwirkung. Einrichtungen, die Praxisentwicklung konsequent leben, ähneln dem Gedanken der Magnetkrankenhäuser und spüren den Personalmangel womöglich weniger stark. Die Hoffnung: dass davon eine Sogwirkung auf junge Menschen und auf die Politik ausgeht und zur Emanzipation der Pflege beiträgt.
Forschung, die fragt: Was wirkt bei wem – und warum?
Die Forschung zur Praxisentwicklung hat ihre größten Überschneidungen mit der Implementierungsforschung, etwa über das PARIHS-Framework, das auf Alison Kitson, Gill Harvey und Brendan McCormack zurückgeht und drei Bausteine umfasst: Evidenz, Kontext und Facilitation. In neueren Modellfassungen wird die Facilitation als verbindendes Element zwischen Evidenz und Kontext dargestellt.
Statt nur zu fragen, ob Intervention A besser wirkt als Intervention B, lautet die klassische Forschungsfrage der Praxisentwicklung: Was funktioniert bei wem und unter welchen Umständen? Gearbeitet wird nicht summativ, sondern formativ – also in Zyklen. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in dem Scoping Review von Palm und Hochmuth zur Realist Methodology in der Pflege reichlich Material. Gerade die Kombination aus Wirksamkeitsstudien und Praxisbegleitung birgt großes Potenzial – denn häufig scheitern gute Interventionen nicht an sich selbst, sondern an der Implementierung.
Wo du Praxisentwicklung lernen kannst
Die Kompetenzen fallen nicht vom Himmel. Einzelne Hochschulen verankern Praxisentwicklung bereits im Bachelor, etwa die Hochschule Deggendorf. Die Universität Witten/Herdecke bietet das genannte Wahlmodul im Master an. Weiterbildungen gibt es vor allem im Ausland – etwa über das Netzwerk für Praxisentwicklung der Universität Basel sowie ein englischsprachiges europäisches Programm in den Niederlanden. International vernetzt ist das Feld über das International Practice Development Collaborative (IPDC) und das Open-Access-Journal „International Journal of Practice Development". In Deutschland existiert immerhin das Netzwerk Pflegewissenschaft und Praxisentwicklung.
Und wenn dich das Konzept gepackt hat – wo fängst du an? Der Rat der beiden ist klar: erst lesen, dann lernen, idealerweise in einem geschützten Rahmen ausprobieren. Denn Praxisentwicklung ist kein rein theoretisches Studium.
„Praxisentwicklung kann man nur in der Praxis machen. Man muss das, was man theoretisch lernt, direkt anwenden." — Sibylle Reick
Anschließend gilt es, den eigenen Arbeitgeber zu überzeugen. Und wenn das nicht gelingt? Dann, so der pragmatische Tipp aus der Folge mit einem Augenzwinkern, lohnt vielleicht ein Arbeitgeberwechsel – hin zu einem Ort, der Pflege wirklich bewegen will.
Zum Weiterhören
- ÜG142 – Evidenzbasierte Praxisentwicklung (Nina Kolbe)
- ÜG097 – Pflegeentwicklung (Susanne Herzog)
- ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)
Zum Gast
- Kontakt Prof.in Rebecca Palm (uni-wh.de)
- Kontakt Sibylle Reick (florence-nightingale-krankenhaus.de)
Shownotes
- International Practice Development Collaborative (IPDC) (fons.org)
- International Practice Development Journal (IPDJ) (fons.org)
- Basisseminar Praxisentwicklung (PD Foundation School) (unispital-basel.ch)
- Praxisentwicklung Klinikum Neumarkt (pflege.klinikum-neumarkt.de)
- Pflegeentwicklung Florence-Nightingale-Krankenhaus (florence-nightingale-krankenhaus.de)
- Professur für Pflegewissenschaft – Schwerpunkt Praxisentwicklung (uni-wh.de)
- M.Sc. Schwerpunkt Praxisentwicklung (uni-wh.de)
- Netzwerk Pflegewissenschaft und Praxisentwicklung im VPU e.V. (vpuonline.de)
- Manley, K., Wilson, V, Oye C. (2021) International Practice Development in Health and Social Care, 2nd Edition. Wiley-Blackwell (wiley.com)
- Dewing, J., McCormack, B. und Titchen, A. Practice Development Workbook for Nursing, Health and Social Care Teams. John Wiley & Sons (wiley.com)
- McCormack et al. (2013) Practice Development in Nursing and Healthcare. John Wiley & Sons
- Möhler, Köpke, Meyer (2015) Criteria for Reporting the Development and Evaluation of Complex Interventions in healthcare: revised guideline (CReDECI 2). In Trial, 16, 204 (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
- Palm, Hochmuth (2020) What works, for whom and under what circumstances? Using realist methodology to evaluate complex interventions in nursing: A scoping review. In International Journal of Nursing Studies. Volume 109 (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
