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Diese Episode erschien am 09.07.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Pflegeentwicklung bringt aktuelles Wissen in die Praxis – immer mit Blick auf die Patient:innen.
  • Die Aufgaben reichen von Fortbildung über Expertenstandards bis zur Hilfsmittelauswahl.
  • Erfolg hängt stark von der Haltung der Geschäftsführung und Pflegedirektion ab.
  • Praxis, Wissenschaft und Pädagogik gehören zusammen – „Better Together".
  • Pflegeentwicklung sollte fest verankert sein, nicht Privatsache eines Hauses.

Stell dir vor, du befestigst ein neues Türschild an deinem Büro – „Pflegeentwicklung" – und der erste Kollege, der vorbeikommt, ein Chefarzt, hält an und stutzt: Klingt das nicht nach Entwicklungshilfe? Genau diese kleine Episode erzählt Susanne Herzog, als sie 2010 an einem großen Krankenhaus in Bielefeld ihre Stelle antritt. Sie hat darüber geschmunzelt – und genau dieser Moment bringt das Grundproblem auf den Punkt: Kaum jemand weiß so richtig, was Pflegeentwicklung eigentlich ist. In dieser Podcast-Folge nehmen wir dich mit hinter die Tür mit dem Schild und schauen uns an, was dort wirklich passiert.

Wissen, das wirklich ankommt

Susanne Herzog ist seit der Ausbildung 45 Jahre in der Pflege tätig – „noch Krankenschwester", wie sie sagt. Sie gehörte 1996 zu den allerersten Studierenden der Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke und arbeitete später in der Versorgungsforschung, unter anderem im bundesweiten Projekt „Schmerzfreies Krankenhaus" und am heutigen Deutschen Kinderschmerzzentrum in Datteln. Heute ist sie Pflegeentwicklerin – oder, wie es an manchen Häusern heißt, Pflegeexpertin. Für sie steckt im Begriff eigentlich ein Wort, das fehlt: weiter. Es geht um die Weiterentwicklung der professionellen Pflege.

Die Pflegewissenschaft gibt es in Deutschland erst seit Anfang der 1990er-Jahre. In dieser kurzen Zeit ist viel neues Wissen entstanden – und es muss seinen Weg in die Praxis finden. Genau hier setzt Pflegeentwicklung an: aktuelle Erkenntnisse, Best-Practice-Wissen und – wo es sie schon gibt – belastbare Studienergebnisse so aufzubereiten, dass sie am Bett ankommen. Immer mit einem klaren Adressaten im Blick.

„Es geht nicht um Eigenzweck. Es geht um den Patienten – und dass bei dem das neue Wissen, die neuen Kompetenzen auch ankommen müssen." — Susanne Herzog

Vom Türschild zur Stabsstelle: Wo Pflegeentwicklung andockt

Am Patientenbett selbst findet Pflegeentwicklung in der Regel nicht statt – dafür bräuchte es deutlich mehr Köpfe. Susanne verweist auf das Universitätsspital Basel, das allein rund 50 Pflegeexpert:innen in der Praxisentwicklung beschäftigt. In Deutschland sieht das oft anders aus: An ihrem Haus stemmt sie vieles fast allein, auf einer 80-Prozent-Stelle. Pflegeentwicklung ist meist als Stabsstelle über den Stationen angesiedelt und arbeitet eng mit Pflegeexpert:innen zusammen, die direkt in der Versorgung tätig sind – etwa Pain Nurses, Schmerz- oder Wundexpert:innen oder Advanced Practice Nurses, idealerweise mit Masterabschluss.

Die Verbindung zur Praxis hält Susanne vor allem über Bildung. Jeden Monat organisiert sie dreitägige Einarbeitungstage für neue Mitarbeitende – aus der Pflege, aber auch aus Hygiene oder Qualitätsmanagement. Seit 2019 gibt es zudem Trainee-Kurse für Menschen, die noch nicht wissen, wohin sie wollen: Über acht Monate lernen sie vier Stationen kennen, dazu kommen monatliche Reflexionsgespräche und Fortbildungstage. Susannes Lieblingsfrage dabei: Wie entscheidest du – und wie begründest du das? Dieses Begründen, sagt sie, habe sie in Witten verinnerlicht.

Ein Baukasten voller Aufgaben

Was Pflegeentwicklung konkret tut, lässt sich kaum auf eine Aufgabe reduzieren. Susanne hat sich jahrelang um die Einführung elektrischer Betten gekümmert – von der Erprobungsphase über die Auswahlkriterien bis zu Schulungen für den Umgang mit neuen Matratzen und Positionierungshilfen. Sie überarbeitet Verfahrensanweisungen, begleitet die Einführung der elektronischen Akte, ist Ansprechpartnerin in Netzwerken und wertet Dokumentationen aus. Angelika Zegelin und Sabine Bartholomeyczik haben es in einem Fachbeitrag treffend formuliert: Eigentlich bräuchte man für all diese Aufgaben eine ganze Abteilung.

Drei Themen liegen Susanne besonders am Herzen: Schmerzmanagement, Dekubitusprophylaxe und Mobilitätsförderung – Felder, die eng zusammenhängen. Aus dem Projekt „Schmerzfreies Krankenhaus" weiß sie, dass Mobilisation und Lagerung zu den Hauptverursachern von Schmerzen gehören. Genau das sind Kernaufgaben der Pflege. Und genau hier zeigt sich, wie groß die Baustelle bleibt: Fast alle haben einen Kinästhetik-Kurs gemacht – doch der Transfer in den Alltag gelingt oft nicht.

„Mobilitätsförderung ist echt immer noch eine ganz große Baustelle. An solchen kleinen Beispielen überlege ich mir dann am Schreibtisch: Wie kriegen wir das besser hin?" — Susanne Herzog

Was du als Pflegefachperson davon hast

Bleibt die Frage, die sich jede stellt, die am Bett arbeitet: Was bringt mir das? Susanne nimmt als Beispiel die Expertenstandards des DNQP. Wer das eigene Berufsverständnis ernst nimmt – etwa im Sinne des ICN-Ethikkodex, der lebenslanges Lernen einfordert –, ist froh, dass es diese Standards gibt, statt genervt zu sein, dass jetzt auch noch dreimal täglich die Schmerzintensität erfasst werden soll. Beides gehört für sie zusammen: die Bereitschaft zur Fortbildung und das Wissen, das Pflegeentwicklung bereitstellt.

Damit dieses Wissen überhaupt nutzbar wird, setzt das Haus inzwischen auf Online-Formate – die Expertenstandards laufen mittlerweile über dasselbe System wie die Pflichtfortbildungen, ergänzt um hauseigene Besonderheiten. Das ist eine bewusste Reaktion auf eine Realität, die Susanne deutlich benennt: Zu Präsenzveranstaltungen kommen kaum noch Leute. Viele sind erschöpft. Junge Kolleg:innen erzählen ihr, dass sie nach acht Diensttagen platt sind und keine Kraft für Zusatztermine haben. Digitale Formate sind hier eine echte Alternative.

Eine Geschichte ohne gesetzlichen Auftrag

Die Wurzeln reichen zurück in die Gründungszeit in Witten. Schon damals war die Pflegepraxis das erklärte Ziel – Persönlichkeiten wie Ruth Schröck betonten immer wieder, dass es nicht um theoretische Selbstbeschäftigung gehe, sondern um die Patient:innen. Von Anfang an gab es Kooperationen mit Kliniken und ambulanten Diensten, gemeinsame Projekte, Praxiseinsätze. Susanne erinnert sich an eine Pflegeanamnese in Lüdenscheid, bei der sie nicht stur die Tabelle abfragte, sondern ein Gespräch führte – und so herausfand, dass den Patienten nicht primär seine Verletzungen umtrieben, sondern das verschwundene Portemonnaie. Eine Lektion über das, was Pflege wirklich erfasst.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Bereichen: Anders als beim Qualitätsmanagement, das jedes Krankenhaus vorhalten muss, gibt es für Pflegeentwicklung keine gesetzliche Vorgabe. Sie entstand, weil engagierte Menschen die Notwendigkeit erkannten – nicht, weil die Politik es forderte. In der Schweiz, wo man später startete, heißt das längst „Praxisentwicklung" und ist vielerorts deutlich fester etabliert. In Deutschland leisten sich zwar immer mehr Kliniken eine Stabsstelle, doch wie sie ausgestaltet ist, hängt stark von der Haltung der Geschäftsführung und Pflegedirektion ab.

„Es ist nicht systematisch eingeführt. Mein Wunsch wäre, dass die Einrichtung einer Stabsstelle Pflegeentwicklung keine Privatsache eines Krankenhauses ist." — Susanne Herzog

Akzeptanz, die man sich erarbeiten muss

Wer in der Pflege etwas Neues macht, kennt die skeptischen Blicke. Schon während des Studiums hörte Susanne den Satz, Pflege sei eine Handlung und keine Wissenschaft. Interessanterweise waren es oft die Ärzt:innen, die nachfragten, was sie da studiere. In ihrer Rolle als Pflegeentwicklerin erlebte sie dann viel Wertschätzung, etwa wenn pflegerische Leitungen sie zu Teamsitzungen einluden, um Neuerungen zu erklären. Akzeptanz, das wird in der Folge deutlich, entsteht da, wo Praxis und Wissenschaft sich auf Augenhöhe begegnen – und nicht, wo Theorie von oben verordnet wird.

Ein Schlüssel ist für Susanne die interprofessionelle Zusammenarbeit. Sie berichtet von einer Oberärztin der Neonatologie, die das Schmerzkonzept für Frühgeborene vorstellte und voller Anerkennung schilderte, wie viel die Pflegenden mit nicht-medikamentösen Maßnahmen erreichen – so viel, dass manche Kinder gar nicht mehr so früh intubiert werden müssen. Oder von einem Arzt, der sich über verstopfte Ernährungssonden ärgerte: Gemeinsam mit Ernährungsberatung und Hersteller entstanden binnen kurzer Zeit drei Lösungen, von Anleitungsordnern bis zu Fortbildungen. Pflegeentwicklung als Knotenpunkt im Netzwerk.

Praxis, Wissenschaft und Pädagogik – Better Together

Ein Begriff hat es Susanne besonders angetan: „Better Together". Sie hörte ihn in einem Vortrag von Rebecca Spirig von der Universität Basel, die ein Modell aus drei Säulen beschreibt – Management, Pflegeentwicklung und Pädagogik. Denn ein Expertenstandard wie der zum Schmerzmanagement ist eine dicke Schwarte; niemand arbeitet ihn nebenbei durch. Es braucht Menschen, die solches Wissen anwenderfreundlich aufbereiten. Gerade mit der generalistischen Pflegeausbildung und neuen Lernbedürfnissen jüngerer Generationen sieht Susanne hier großen Bedarf – auch wenn Pflegeentwicklung das nicht allein stemmen kann, sondern Konzepte und Ideen beisteuert.

Dahinter steht ein größeres Bild, das sie „Gebäude der Pflege" nennt: ein systematischer Weg, der die frisch Examinierten ebenso abholt wie erfahrene Kolleg:innen, die sich spezialisieren oder studieren wollen. Bachelorabsolvent:innen verortet sie zunächst in der direkten Versorgung, wo sie Routine und Sicherheit gewinnen, bevor sie sich vertiefen. Dass Häuser dabei investieren müssen – in Studiengebühren, vor allem aber in passende Dienstpläne –, ist für sie selbstverständlich. Und genau diese Sichtbarkeit, so ihre Beobachtung, wird zunehmend zum Argument im Wettbewerb um Personal: Studierende achten darauf, ob ein Haus überhaupt Pflegeentwicklung anbietet.

Woran sich Erfolg festmachen lässt

Lässt sich Pflegeentwicklung eigentlich messen? Susanne nennt handfeste Beispiele: die komplette Umstellung auf elektrische Betten an zwei Standorten – ein Millionenprojekt, bei dem sie zu den treibenden Kräften gehörte. Oder die Einführung viskoelastischer Matratzen 2013, mit denen Dekubitusprophylaxe von der Aufnahme bis zur Entlassung betrieben wird. Dazu Positionierungshilfen, die gemeinsam mit den Teams getestet wurden – inklusive der Erkenntnis, dass die vom Hersteller empfohlene textilfreie Lagerung im Sommer schlicht zum Schwitzen führte. Bei auffälligen Fällen, etwa einem Dekubitus dritten oder vierten Grades, ist Pflegeentwicklung auch Ansprechpartnerin für den strukturierten Dialog mit dem AQUA-Institut.

Wofür sich der Einsatz lohnt

Zum Schluss wird Susanne grundsätzlich. Pflegeentwicklung sollte finanziell und strukturell so selbstverständlich zum Krankenhaus gehören wie das Qualitätsmanagement – und nicht je nach Wechsel in der Leitung wieder infrage stehen. Sie wünscht sich mehr interprofessionelle Zusammenarbeit, eine selbstständigere Pflege im Sinne von Vorbehaltsaufgaben und mehr Beratung, Information und Schulung als gelebte Praxis. Und sie richtet die Kritik ausdrücklich auch an die eigene Berufsgruppe: Es brauche mehr Lobbyist:innen, mehr Engagement, mehr Interesse daran, was Pflegeforschung und Pflegeentwicklung überhaupt leisten. Eine gemeinsame, klare Sprache der Pflege gehört für sie dazu – denn nur, wer einheitlich versprachlicht, kann auch überzeugend argumentieren.

Was nach 45 Jahren bleibt, ist trotz aller Hürden Begeisterung. Susanne erinnert sich an einen Patienten, der ihr als junge Pflegende „Wunderhände" attestierte – und an die vielen Möglichkeiten, schon mit Präsenz, Zuwendung und nicht-medikamentösen Maßnahmen auf das Wohlbefinden einzuwirken. Genau das gibt sie heute weiter: dass Pflegende erstaunlich viel bewirken können. Und dass es ein toller Beruf ist – sogar an einem Freitagnachmittag.

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