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Diese Episode erschien am 04.09.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Sexuelle Belästigung ist kein Begehrensproblem, sondern Ausdruck von Macht.
  • Hierarchien und körperliche Nähe machen Gesundheitsberufe besonders anfällig.
  • Bei Pflegefachpersonen gehen Übergriffe häufig von Patient:innen aus.
  • Klare Grenzen zu setzen schützt einen selbst und die Kolleg:innen danach.
  • Transparente Beratungswege und eine offene Teamkultur sind entscheidend.

Ein anzügliches Zuzwinkern, ein „Witz", der keiner ist, eine Hand, die wie zufällig zu nah kommt – und dann die Frage, die im Kopf kreist: War das jetzt schon Belästigung? Oder stelle ich mich nur an? Wer in einem Gesundheitsberuf arbeitet, kennt diese Grauzone. In einer Folge des Übergabe-Podcasts hat sich das Team mit Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione über Sexismus und sexuelle Belästigung in Gesundheitsberufen unterhalten. Sie ist Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld und an der Radboud-Universität in den Niederlanden und beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit der Prävention von Belästigung und Diskriminierung im medizinischen Umfeld. Was dabei herauskommt, ist unbequem – aber wichtig.

Wenn Grenzen zum Beruf gehören

Bevor es um Zahlen und Strategien geht, lohnt sich ein Blick auf die Begriffe. Sexuelle Belästigung umfasst alle Handlungen, die als sexualisiert wahrgenommen werden, die im Rahmen einer Grenzüberschreitung passieren und die eine betroffene Person nicht möchte. Entscheidend ist dabei die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen – und der Umstand, dass solche Handlungen nicht nur zwei Personen betreffen, sondern auf ein ganzes Team oder eine ganze Organisation ausstrahlen können. Sexismus ist die breitere Kategorie: Hier wird aufgrund stereotyper Geschlechtervorstellungen diskriminiert, vor allem dann, wenn jemand nicht einem erwarteten Geschlechterbild entspricht. Diese Definitionen decken sich im Kern mit dem, was auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz beschreibt.

Warum ist das gerade im Gesundheitswesen so relevant? Weil hier Grenzen verschwimmen, die anderswo selbstverständlich gelten. Um ihre Arbeit überhaupt ausüben zu können, müssen Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte Menschen bitten, sich auszuziehen, fragen intime Details ab, berühren Körper. Das ist etwas grundlegend anderes als der Dienst am Postschalter. Kommt dann noch die ausgeprägte Hierarchie zwischen und innerhalb der Berufsgruppen hinzu, entsteht ein Risikofeld. Beim Sexismus, so Oertelt-Prigione, spielt jedes hierarchische Umfeld eine ähnliche Rolle – bei der sexuellen Belästigung erhöht jedoch genau dieses ständige „Grenzüberschreiten zur Arbeit" das Risiko zusätzlich.

Warum „Frauenberuf" ein Problem ist

Dass Pflege noch immer als weiblicher Beruf wahrgenommen wird, ist nicht nur ein Imagethema. Wer den Begriff „Pflegekraft" oder „Nurse" in eine Suchmaschine eingibt, landet schnell bei Bildern, die ein stereotypes, oft offen sexistisches Bild zeichnen: die aufopferungsvolle Frau, die das alles ja aus Berufung macht. Dieses Bild nimmt der Profession ihre Anerkennung – und liefert gleich die fatale Logik mit: Wer sich aufopfert, muss nicht angemessen bezahlt werden und soll Übergriffe eben hinnehmen.

„Es ist nicht die Tatsache, dass Care-Arbeit per se weiblich stereotypisiert ist, sondern es sind die Konsequenzen, die daraus entstehen, die dann definitiv sexistisch sind." — Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione

Wer tiefer in die Frage einsteigen möchte, woher dieses Bild kommt und wie es die Pflege bis heute prägt, findet im Podcast eine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema. Im Gespräch wird deutlich: Die Verharmlosung von Care-Arbeit als „Herzensangelegenheit" ist kein harmloses Kompliment, sondern die Wurzel struktureller Abwertung.

Was die Zahlen wirklich zeigen

Wie häufig kommt es zu Übergriffen? Die Spanne in der Forschung reicht von fünf bis fünfundneunzig Prozent – je nachdem, wie und wen man fragt. Genau hier setzte die an der Charité durchgeführte Studie Watch Protect Prevent an. Statt direkt zu fragen „Haben Sie sexuelle Belästigung erlebt?" – eine Frage, bei der viele aus Unsicherheit kein Kreuzchen setzen – wurden die Teilnehmenden gebeten, eine ganze Reihe konkreter Handlungen anzukreuzen: von obszönen Bemerkungen über zugeschickte Bilder bis hin zur sexuellen Nötigung. Erst danach folgte die Bewertung, ob das Erlebte als belästigend oder bedrohlich empfunden wurde.

Das Ergebnis: Rund 75 Prozent der befragten Ärztinnen und etwa 65 Prozent der Ärzte hatten irgendeine Form von Belästigung erlebt. Sexuelle Belästigung ist also ausdrücklich kein reines Frauenthema – auch Männer sind in relevantem Ausmaß betroffen. Bei Frauen waren die körperlichen Formen häufiger, bei Männern die kontaktlosen. Wichtig: Die Daten der Pflegefachpersonen konnten im quantitativen Teil nicht repräsentativ ausgewertet werden, weil sich nur rund zehn Prozent beteiligten. Gründe dafür waren die rein internetbasierte Befragung, ein zeitgleicher Tarifstreik und die berechtigte Skepsis, ob solche Umfragen überhaupt etwas verändern.

Im qualitativen Teil mit Interviews zeigte sich jedoch ein klares Muster bei den Täter:innen-Profilen: Bei Ärztinnen und Ärzten gingen Übergriffe am häufigsten von Kolleg:innen aus, bei Pflegefachpersonen am häufigsten von Patient:innen – und gerade die körperliche Belästigung traf sie deutlich häufiger.

Drei Ebenen der Grenzüberschreitung

Um sich verständigen zu können, hilft eine Unterscheidung. Nicht-körperliche Formen setzen keinen Kontakt voraus: anzügliche Bemerkungen, zugeschickte Bilder, Anstarren, das ungefragte Erzählen sexueller Fantasien. Körperliche Formen reichen vom „zufälligen" Anrempeln in Situationen, in denen genug Platz wäre, über das Streifen an Brust oder Po bis hin zu Übergriffen. Eine dritte Ebene ist das sogenannte Quid pro quo – die Nötigung, bei der Vorteile im Tausch gegen sexuelles Entgegenkommen versprochen werden. Hier wird das Machtgefälle besonders unverhüllt ausgespielt.

Und genau das ist der Kern: Sexuelle Belästigung ist kein Problem unkontrollierbaren Begehrens.

„Sexuelle Belästigung ist prinzipiell ein Machtproblem. Es geht darum, professionelle Konflikte auf einer nicht professionellen Ebene auszuspielen, wo sich die Menschen nicht mehr wehren können." — Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione

Auch wenn ein Übergriff von Patient:innen ausgeht, steckt dahinter oft der Versuch, in einer Situation des Ausgeliefertseins Macht zurückzugewinnen – nach dem Muster: Du bist hier, um mich zu bedienen, und ich zeige dir, wer das Sagen hat. Besonders heikel wird es bei kognitiv eingeschränkten Patient:innen, etwa in der Demenzversorgung. Hier treffen professionelle Pflicht, persönliche Grenzen und ethische Fragen aufeinander, ohne dass es eine fertige Patentlösung gäbe. Erschwerend kommt hinzu, dass die eigene Grenze nicht statisch ist: In der Langzeitpflege, wo man Monate mit denselben Menschen verbringt, kann sie sich anders verschieben als bei einem kurzen Klinikaufenthalt – mit Folgen für Motivation und Burnout-Risiko.

Klare Kante statt Schweigen

Was also tun, wenn es passiert? Den wichtigsten Schritt beschreibt Oertelt-Prigione als bewusstes Zurückgehen in die professionelle Rolle: einen Schritt zurücktreten und klar sagen, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. „Ich bin hier in meiner professionellen Rolle, ich mache meine Arbeit gerne und respektvoll – aber das toleriere ich nicht." Dabei dürfen auch Konsequenzen benannt werden: die Handlung unterbrechen, eine Kollegin oder einen Kollegen dazuholen, im Zweifel die Leitung informieren.

Das Tückische an Übergriffen ist, dass viele Menschen im Moment selbst erstarren – und erst hinterher merken, dass sie sich anders hätten verhalten wollen. Genau das lässt sich üben. Die wirksamsten Fortbildungen erzählen nicht eine halbe Stunde lang von Theorie, sondern lassen Situationen durchspielen, sodass man eine Reaktion abrufen kann, wenn es ernst wird. Und auf die typische Retourkutsche – „Du verstehst wohl keinen Spaß" oder „Hast du heute schlechte Laune?" – gibt es eine entlastende Erkenntnis:

„Von einer Sache muss man sich freimachen: Der muss mich jetzt auch nicht sympathisch finden. Es war inakzeptabel, und ich musste es nicht akzeptieren." — Prof.in Dr.in Sabine Oertelt-Prigione

Sich abzugrenzen ist nicht nur Schutz, sondern auch Ermächtigung – die eigene Grenze sichtbar zu machen, verschiebt das Machtverhältnis. Und es wirkt über den Moment hinaus: Wer reagiert, schützt oft auch die nächste Person, die sonst dieselbe Erfahrung gemacht hätte. Im Podcast wird auch deutlich, dass Belästigung selten aus dem Nichts kommt. Meist ist sie ein Eskalationsmechanismus – ein schrittweises Ausloten von Grenzen. Wer früh klarmacht, wo Schluss ist, kann verhindern, dass es überhaupt erst zu schwereren Vorfällen kommt.

Das Team als Schutzschild

Auffällig in den Interviews: Bei Pflegefachpersonen spielte das Team eine viel stärkere, unterstützende Rolle als bei den Ärztinnen und Ärzten, wo Belästigung eher individuell verhandelt wurde. Man passt aufeinander auf, geht bei schwierigen Patient:innen zu zweit ins Zimmer oder schickt nicht ausgerechnet die jüngste Auszubildende. Risikomomente sind dabei klar benennbar – die Körperpflege, die Notaufnahme am Wochenende, die Psychiatrie. Genau deshalb ist es so wirkungsvoll, im Team über solche Situationen zu sprechen und gemeinsam Abläufe zu entwickeln, bevor etwas passiert.

Was Einrichtungen schuldig bleiben

Auf organisatorischer Ebene fängt alles damit an, dass das Thema überhaupt ansprechbar ist. Viele Einrichtungen folgen noch der Logik: Was nicht benannt wird, existiert nicht. Notwendig wären stattdessen ein Verhaltenskodex, ein transparenter Verfahrensweg und das Wissen darüber, an wen man sich wenden kann – und was dann passiert. Ein zentraler Punkt: Vielen Betroffenen ist nicht bewusst, dass ein erstes Beratungsgespräch, etwa bei einer Vertrauensperson, beim Personalrat oder bei einer Gleichstellungsbeauftragten, noch gar nichts in Gang setzt. Sie behalten die Kontrolle darüber, ob überhaupt weitere Schritte folgen. Allein dieses Wissen könnte viele Konflikte früh und niedrigschwellig klären.

Gleichzeitig bremst der Personalmangel: Wer im Dauerstress nur noch funktioniert, hat weder Zeit noch Kopf, sich mit belastenden Erfahrungen auseinanderzusetzen. Prekäre Arbeitsbedingungen verschärfen Abhängigkeiten und Hierarchien – und damit das Risiko. Die wirksamsten Präventionsansätze sind übrigens sogenannte Bystander-Interventionen: einzugreifen, wenn man sieht, dass jemand anderem etwas angetan wird.

Ein blinder Fleck bleibt am Ende des Gesprächs: Belästigung, die von Pflegenden oder Ärzt:innen gegenüber Patient:innen ausgeht, ist noch stärker tabuisiert und kaum erforscht – ethisch wie rechtlich hochkomplex. Eine Forschungslücke, die darauf wartet, geschlossen zu werden.

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