🗓️
Diese Episode erschien am 20.11.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
💡
Das Wichtigste in Kürze
  • Köln hat ein neues Institut für Pflegewissenschaft mit klinischem Forschungsschwerpunkt.
  • Living Lab und Linking Pins sollen Wissenschaft und Pflegepraxis enger verzahnen.
  • Advanced Nursing Practice heißt Verschiebung von Tätigkeiten – nicht Wegnehmen.
  • Gewalt und Schlaf sind unterschätzte, hochrelevante Pflegethemen.
  • Köpke fordert pflegewissenschaftliche Institute an jeder medizinischen Fakultät.

Manchmal braucht es einen Blick über die Grenze, um zu verstehen, was zu Hause noch fehlt. Bei Prof. Dr. Sascha Köpke war dieser Blick ein Jahr in Glasgow – und das ist inzwischen rund 24 Jahre her. Was er dort erlebte, prägt ihn bis heute und treibt ihn an, in Köln etwas aufzubauen, das es in Deutschland noch viel zu selten gibt: ein Institut für Pflegewissenschaft an einer medizinischen Fakultät, das klinische Pflegeforschung betreibt und Pflegende akademisch ausbildet. In dieser Episode nimmt er uns mit auf seinen Weg, erzählt von spannenden Projekten und macht klar, warum er trotz aller Hürden „semi-optimistisch" in die Zukunft schaut.

Ein Erweckungserlebnis zwischen Pflegeplanung und Autonomie

Köpke ist gelernter Krankenpfleger, hat in Hamburg Gesundheitswissenschaften studiert, in der Intensivpflege gearbeitet, an einem Institut für Multiple Sklerose am UKE promoviert und war acht Jahre Professor in Lübeck, bevor er Anfang 2020 nach Köln wechselte. Doch wenn er von prägenden Momenten erzählt, landet er fast immer wieder in Schottland.

Dort erlebte er eine Intensivstation, die im Kern von Pflegenden getragen wurde. Es gab ein gelebtes Primary Nursing, eine Pflegeplanung, die nicht als „Folterinstrument" auf dem Papier existierte, sondern tatsächlich die Versorgung steuerte. Die Kommunikation mit Angehörigen lief über die Bezugspflegenden. Es gab Clinical Nurse Specialists und Advanced Practice Nurses, mit denen man fachlich auf Augenhöhe diskutieren konnte. Und – für ihn besonders bemerkenswert – freiheitseinschränkende Maßnahmen waren kaum ein Thema, während sie in Deutschland damals zum Alltag gehörten.

„Mein pflegewissenschaftliches Erweckungserlebnis war zu sehen, dass Pflegeplanung wirklich funktioniert – wissens- und wissenschaftsbasiert, geplant und in eigener Verantwortung." — Sascha Köpke

Diese Autonomie bedeutete für ihn aber auch Verpflichtung: Wer mit Patient:innen und Angehörigen kommuniziert, muss auf dem aktuellen Stand sein. Eine schmerzhafte Lektion blieb hängen – ein Angehöriger konfrontierte ihn später damit, dass seine beruhigenden Worte der Realität nicht standgehalten hatten. Solche Erfahrungen zeigen, wie eng fachliche Kompetenz und Verantwortung zusammenhängen. Bemerkenswert findet Köpke bis heute: Vieles, wovon er damals beeindruckt war, ist in Deutschland noch immer Zukunftsmusik.

Wie aus einem Studiengang ein Institut wurde

In Köln existierte bereits ein dualer Pflegestudiengang, als Köpke kam – ein Institut für Pflegewissenschaft jedoch nicht. Genau das machte er zur Bedingung seiner Berufung. Anders als an vielen anderen Standorten musste er dafür keine zähen Überzeugungskämpfe führen: Die Forderung wurde von Anfang an wohlwollend aufgenommen, und der Gedanke, ein Institut zu etablieren, schien von Beginn der Studiengangsplanung an mitgedacht.

Heute ruht das Institut auf drei Säulen: Lehre als Uni-Institut, eine ganze Reihe an Projekten der klinischen Pflegeforschung – und der Versuch, Wissenschaft und Praxis tatsächlich zusammenzubringen. Genau dieser Brückenschlag ist Köpkes Herzensthema. Denn ein pflegewissenschaftliches Institut an einer medizinischen Fakultät ist in Deutschland noch immer die Ausnahme, auch wenn zum Zeitpunkt der Aufnahme weitere Standorte nachzogen.

Forschung, die in der Praxis ankommt: das Living Lab

Ein zentraler Baustein ist der Living-Lab-Ansatz, wie er vor allem aus Maastricht bekannt ist. Die Idee: Menschen aus der Praxis sind institutionalisiert an der Uni, Menschen aus der Uni gehen in die Praxis. Sogenannte Linking Pins – „Verbindungsnadeln" – sollen den Transfer zwischen Wissenschaft und Versorgung organisieren. In Köln ist dieser Ansatz zunächst im Kontext der stationären Langzeitpflege und der Versorgung von Menschen mit Demenz angedacht; der Start war für das Folgejahr geplant.

Spannend wird die Übertragung auf den Akutbereich. Köpke sieht die größte Barriere für die Umsetzung pflegerischer Interventionen im Krankenhaus oft dort, wo ärztliche Visiten oder Hierarchien ein Projekt mit einem Satz vom Tisch fegen. Gleichzeitig erlebt er an der Uniklinik viele interessierte ärztliche Kolleg:innen. In der Langzeitpflege wiederum lässt sich manches leichter verstetigen, weil dort die pflegerische Perspektive das Setting dominiert. Beide Welten haben also ihre eigenen Voraussetzungen – und beide brauchen Strukturen, die den Transfer dauerhaft ermöglichen.

Advanced Nursing Practice: Hand in Hand statt Wegnehmen

Beim Thema erweiterte Pflegepraxis wird Köpke konkret. Geplant ist ein Masterstudiengang Advanced Nursing Practice mit drei gefragten Ausgestaltungen: onkologische Pflege, die Pflege von Menschen mit kognitiven Einschränkungen und die Pädiatrie – ein Feld, das wegen der Vorgaben für spezialisierte Bereiche dringend akademisch qualifizierte Pflegende braucht.

Besonders viel verspricht er sich von Projekten, in denen Pflegeexpert:innen mit Hausärzt:innen zusammenarbeiten und Hausbesuche bei chronisch erkrankten Menschen übernehmen. Über ein gutes Assessment, gemeinsame Fallbesprechungen und eine personenzentrierte Versorgung lassen sich Bedarfe erkennen, die bei kurzen Arztkontakten schlicht unsichtbar bleiben. Ein zentrales Ziel: weniger unnötige Krankenhauseinweisungen. Köpke betont, dass es dabei nicht um einen Verdrängungswettbewerb mit der Ärzteschaft geht.

„Es ist ja kein Wegnehmen, sondern eine Verschiebung von Tätigkeiten, die am Ende notwendig sind, um Menschen zu helfen." — Sascha Köpke

Pragmatisch plädiert er dafür, mit Delegation anzufangen, bevor man über Substitution spricht – einfach, um „einen Fuß in die Tür" zu bekommen, ohne das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Erste Bachelorabsolvent:innen haben in der Uniklinik bereits Stellen angetreten, zunächst in bescheidenem Rahmen, etwa zu Beratungskonzepten vor der Entlassung nach Stammzelltransplantation. Die Pflegedirektion unterstützt das ausdrücklich, weil es darum geht, das im Studium erworbene Wissen tatsächlich in der direkten Versorgung wirksam werden zu lassen – und die Menschen in der Praxis zu halten.

Gewalt in der Pflege – aus zwei Richtungen gedacht

Ein Forschungsschwerpunkt ist das Thema Gewalt. Mit dem Projekt PEKo wurde gemeinsam mit Einrichtungen ein partizipatives Konzept zur Gewaltprävention in der stationären Altenpflege entwickelt; ein Anschlussprojekt nimmt nun die ambulante Pflege und das Krankenhaus in den Blick. Der Kern: erst gemeinsam definieren, was Gewalt in der eigenen Einrichtung überhaupt bedeutet, und dann Wege finden, sie zu erkennen und zu reduzieren.

Spannend ist Köpkes Perspektivwechsel. In Fachkreisen wird viel über Gewalt gegen Pflegende berichtet – völlig zu Recht, denn Beschimpfungen, Übergriffe und Belastung sind allgegenwärtig und auf Dauer kaum wegzustecken. Doch Pflegende sind ebenso oft selbst Ausübende: Vernachlässigung, verbale Gewalt oder freiheitseinschränkende Maßnahmen gehören dazu. Köpke beschreibt eindrücklich, wie ein einst missglückter 90-Minuten-Workshop ihn lehrte, dass es nicht um moralische Anklage geht, sondern darum, das eigene Handeln zu reflektieren. Wer versteht, warum eine Maßnahme problematisch ist, verändert auch sein Verhalten – genau wie bei den freiheitseinschränkenden Maßnahmen, bei denen in den letzten Jahren viel erreicht wurde.

Das unterschätzte Phänomen Schlaf

Ein Thema, das Köpke „völlig unterschätzt" findet, ist Schlaf. Ausgangspunkt war ein Cochrane Review, das zeigte, wie wenig belastbares Wissen es gibt. Daraus entstand das Projekt MoNoPol-Sleep zur Förderung des Schlafs in der stationären Altenpflege. Befragungen bestätigten auch für Deutschland, was international längst bekannt ist: Gerade Menschen mit Demenz schlafen oft nur unterbrochen – und es gibt erstaunlich wenig Angebote, das zu verbessern.

Dabei sind die Hebel oft erschreckend banal: Warum muss der Essenswagen quietschen? Warum geht nachts der große Lichtschalter an, der das ganze Zimmer flutet? Und warum wird die eine Bewohnerin alle zwei, die andere alle drei Stunden kontrolliert – mit dem Ergebnis, dass jemand faktisch stündlich das Zimmer betritt? Hinter vielem steckt der Reflex, lieber einmal mehr nachzuschauen, kombiniert mit dem Glauben, ständig intervenieren zu müssen. Wer sich tiefer mit der Bedeutung von Schlaf beschäftigen möchte, dem sei das Buch Why We Sleep von Matthew Walker empfohlen. Köpke jedenfalls will das Thema auch ins Akutkrankenhaus tragen – eine entsprechende Erhebung läuft bereits.

Evidenzbasiert oder evidenzinformiert? Ein Reizthema

Sichtlich ärgert sich Köpke über eine Änderung im neuen ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen: Dort wurde „evidenzbasiert" durch „evidenzinformiert" ersetzt. Für ihn ein Missverständnis dessen, was evidenzbasierte Praxis eigentlich meint. Denn evidenzbasiert heißt eben nicht ausschließlich randomisiert-kontrollierte Studien, sondern das Zusammenspiel aus externer Evidenz, professioneller Expertise und den Wünschen der Patient:innen.

„Wer ‚evidenzbasiert' durch ‚evidenzinformiert' ersetzt, hat leider nicht verstanden, was mit evidenzbasiert gemeint ist." — Sascha Köpke

Besonders absurd findet er, dass diese Änderung international gilt und sich auf eine eher dünne Quelle stützt. Dahinter steckt für ihn der wiederkehrende Reflex, sich als Pflege von anderen Disziplinen abgrenzen zu wollen – nach dem Motto, man mache ja „mehr als nur quantitative Studien". Wer sich in die Debatte einlesen möchte, findet im vieldiskutierten Beitrag von Woodbury und Kuhnke die Gegenüberstellung beider Begriffe.

Ein Blick nach vorn – semi-optimistisch

Köpkes Wunschliste ist klar: An jeder medizinischen Fakultät sollte es ein pflegewissenschaftliches Institut und mindestens einen Bachelor- und einen Masterstudiengang geben. Auf lange Sicht braucht es ein pflegewissenschaftliches Promotionsprogramm, um den dringend benötigten akademischen Nachwuchs aufzubauen – an dem es in Deutschland fehlt.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass es an jeder medizinischen Fakultät ein pflegewissenschaftliches Institut und mindestens einen Bachelor- und einen Masterstudiengang geben sollte." — Sascha Köpke

Was ihn bremst, sind weniger die Kolleg:innen vor Ort – an der Uniklinik Köln erlebt er Wertschätzung – als die strukturellen Bedingungen: ein medizin- und krankenhauszentriertes System, die anhaltende Zurückhaltung gegenüber der Akademisierung der Pflege und die Sorge, dass gut ausgebildete, reflektierte Menschen die Pflege verlassen, bevor eine Kultur entstehen kann. Sein eindringlicher Appell: Wenn es nicht gelingt, mehr akademisch qualifizierte Pflegende auszubilden und sie in der direkten, personenzentrierten Versorgung zu halten, wird es schwierig.

Und doch bleibt Köpke „semi-optimistisch". Bei den freiheitseinschränkenden Maßnahmen wurde viel erreicht – warum also nicht auch bei Gewaltprävention, Schlaf oder erweiterter Pflegepraxis? Sein größter Wunsch zum Abschluss: dass Konzepte der erweiterten Pflegepraxis flächendeckend in klinischen Bereichen etabliert sind und es Pflegende gibt, die als klinische Expert:innen ihre Kompetenz selbstständig ausüben. Damit Deutschland endlich dort ankommt, wo Schottland schon vor zwanzig Jahren war.

Zum Weiterhören

🎓
Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern: Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode.

Infos & Projekte des Instituts

Weitere Shownotes

    In eigener Sache