- Ärzte ohne Grenzen arbeitet in rund 80 Ländern – 90 % der Mitarbeitenden sind lokale Kräfte.
- Pflegefachpersonen übernehmen im Einsatz oft große Verantwortung für ganze Abteilungen.
- Neutralität und Unabhängigkeit durch Spendenfinanzierung sind zentrale Prinzipien.
- Einsätze fordern psychisch stark – Debriefing und psychosoziale Begleitung gehören dazu.
- Im Ausland erleben Pflegende oft mehr Kompetenzen und mehr Flexibilität als in Deutschland.
Pflege findet nicht nur am Krankenbett in deutschen Kliniken statt. Manchmal spielt sie sich in mobilen Kliniken auf Dörfern ab, in einem OP mitten im Kriegsgebiet oder in Flüchtlingscamps am Rande Europas. In dieser Episode wagen wir den Blick über den Tellerrand – und zwar weit darüber hinaus. Zu Gast sind zwei Pflegefachpersonen, die für Ärzte ohne Grenzen im Ausland tätig sind: Cordula Häffner und Magdalena Wörle. Ihre Erfahrungen liegen Welten auseinander – und doch teilen sie dieselbe Überzeugung.
Zwei Lebenswege, ein Ziel
Magdalena ist zum Zeitpunkt der Aufnahme 29 Jahre alt und arbeitet in einer Münchner Klinik im OP. Nach ihrer Ausbildung spezialisierte sie sich auf den Operationsbereich – ein Feld, in dem sie sich nach eigenen Worten sofort zu Hause fühlte. Cordula ist 59 und seit sechs Jahren komplett für die Organisation im Einsatz, von Projekt zu Projekt. Sie hat erst spät den Schritt gewagt: Lange Jahre arbeitete sie als Study Nurse in einer Spezialabteilung für Lungenkrebsforschung in Heidelberg, kümmerte sich um drei Kinder. Erst als diese erwachsen waren, erfüllte sie sich einen Traum, den sie schon als Teenager hatte – und gab dafür ihren unbefristeten Vertrag auf.
Beide Wege zeigen: Es braucht keinen einheitlichen Lebenslauf, um in der humanitären Hilfe anzukommen. Was es braucht, ist eine abgeschlossene Berufsausbildung, mehrjährige Berufserfahrung und die Bereitschaft, große Verantwortung zu tragen. Denn im Einsatz steht man oft allein für einen ganzen Bereich gerade – manchmal mit Hunderten Mitarbeitenden, die koordiniert werden wollen.
Was steckt hinter dem Namen Ärzte ohne Grenzen?
Der Name führt leicht in die Irre. Es sind längst nicht nur Mediziner:innen, die unter diesem Dach arbeiten. Rund 60 Prozent der Mitarbeitenden gehören zwar zum medizinischen Personal – darunter viele Pflegefachpersonen, Laborfachkräfte und vereinzelt auch Physiotherapeut:innen. Doch ohne Logistiker:innen, Verwaltungsangestellte und Finanzleute würde keine Organisation funktionieren. Gegründet wurde sie vor 50 Jahren von Ärzten und Journalisten infolge der Biafra-Krise – daher auch dieser Name, der die Pflege bis heute nicht recht abbildet, obwohl sie zahlenmäßig stark vertreten ist.
Die Organisation ist eine medizinische Notfallorganisation, die bei Naturkatastrophen, kriegerischen Konflikten und Epidemien aktiv wird. Sie ist in rund 80 Ländern tätig – schwerpunktmäßig in Afrika, Asien und im Nahen Osten, aber auch in Südamerika und Europa. Manche Projekte laufen schon über 20 Jahre, weil Gesundheitssysteme komplett zerstört sind. Bemerkenswert: Nur etwa zehn Prozent der Mitarbeitenden reisen aus dem Ausland an, 90 Prozent sind lokale Kräfte. So bleibt Wissen im Land, und die Menschen vor Ort kommen in Lohn und Brot. Mehr über die Geschichte und die Prinzipien findest du im Rückblick auf 50 Jahre humanitäre Hilfe.
Helfen und Zeugnis ablegen
Eine zweite Säule neben der medizinischen Nothilfe ist die sogenannte Témoignage – das Zeugnis über das, was man sieht. Dabei versucht die Organisation, neutral zu bleiben, auch wenn das in Konfliktgebieten herausfordernd ist. Finanziert wird die Arbeit zu 97 Prozent aus privaten Spenden. Das ist kein Zufall, sondern Programm: Es gibt kein Geld von der Europäischen Union, keines von Pharmafirmen. Genau diese Unabhängigkeit war für Cordula ein zentraler Grund, sich gerade hier zu bewerben. Sie ermöglicht freie Entscheidungen darüber, wo geholfen wird – ohne Verpflichtung gegenüber Geldgebern.
Vom Anruf bis zum Abflug
Wie kommt man also in ein Projekt? Nach der Bewerbung über die Webseite folgen ein Telefonat, ein Interview – zum Zeitpunkt der Aufnahme wegen Corona online – und die Aufnahme in einen Pool. Dann wird ein passendes Projekt gesucht. Wie schnell das geht, hängt von der Berufsgruppe, den Sprachkenntnissen und der gewünschten Spezialisierung ab. Wer wie Cordula auch Französisch spricht, hat eine größere Auswahl. Wer sich wie Magdalena gezielt für den OP bewirbt, wartet unter Umständen länger, weil nicht jedes Projekt operiert.
Bei akuten Katastrophen geht es deutlich schneller. Für bestimmte Szenarien – etwa einen Choleraausbruch oder einen OP-Einsatz – hält die Organisation fertig gepackte und verzollte Kits bereit, die innerhalb von 48 Stunden vor Ort sein können. Es gibt sogar feste Verträge für Mitarbeitende, die binnen zwei Tagen abrufbereit sein müssen.
Magdalenas erster Einsatz: Afghanistan
Magdalenas einziger Einsatz bislang führte sie nach Afghanistan, in die Provinz Helmand, in eines der größten Projekte mit rund 300 Betten. Sie leitete den OP-Bereich und arbeitete dort als einzige internationale Kraft mit überwiegend männlichen, lokalen Kolleg:innen zusammen. Ein Kriegsgebiet, eine fremde Religion, eine völlig andere Kultur – das war zunächst ein Schock. Doch ihre Erfahrungen waren überraschend positiv: gastfreundliche Menschen, ein Team, das gemeinsam anpackt, eine Koordinatorin, die stets über die Sicherheitslage informierte.
Der Alltag war streng reglementiert. Morgens fuhr die Gruppe gemeinsam ins Krankenhaus, abends wieder zurück in den abgeschlossenen Wohnbereich, den sogenannten Compound. Allein nach draußen ging niemand. Über ein halbes Jahr sah Magdalena im Wesentlichen zwei Orte – und doch wäre sie gern länger geblieben.
„Solchen Menschen muss man die Hand geben – und wenn das keiner macht, sind sie hoffnungslos. Wir können ja immer wieder heim. Diese Menschen können nirgendwo hingehen." — Magdalena Wörle
Cordulas Projekte: zwischen Studie und mobiler Klinik
Cordula startete in Haiti, wo sie in einem Krankenhaus für Schwerstverbrennungsopfer eine Studie implementierte – sprachlich und fachlich auf sich allein gestellt. Danach ging sie in die Zentralafrikanische Republik, um mobile Kliniken zu betreiben: in kleinen Teams hinaus zu den Dörfern und in Flüchtlingscamps, um einfachste medizinische Hilfe anzubieten. Genau diese Vielseitigkeit hat sie überzeugt, dabeizubleiben. Sie war außerdem auf Lesbos, in Athen und in Libyen im Einsatz. Über ähnliche Erfahrungen berichtet auch ein Beitrag mit dem treffenden Titel zwei Monate voller Adrenalin.
Die Unterbringung ist dabei höchst unterschiedlich: vom Steinhaus mit Bad und Dusche bis zum Zelt, vom Plumpsklo im Freien mit Kopflampe bis zur Anlage mit kleiner Sportmöglichkeit. In manchen Projekten gab es ab 22 Uhr keinen Strom mehr, kein fließendes Wasser, einen Koch am offenen Feuer. Wer in einem Land nahe des Äquators arbeitet, steht früh auf und ist abends schlicht K.o. – ein großes Abendprogramm braucht es da nicht.
Sicherheit, Neutralität und das Vertrauen der Angehörigen
Die Frage nach der Gefahr begleitet jeden Einsatz. Beide betonen, dass die Organisation viel für die Sicherheit tut – durch Neutralität, Unparteilichkeit und die Bereitschaft, Menschen aller Konfliktparteien zu behandeln. In den meisten Fällen ist die Hilfe ausdrücklich erwünscht, weil das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Doch es gibt Grenzen: Projekte werden geschlossen, wenn Personal entführt wird oder zu Schaden kommt, und auch Krankenhäuser werden längst nicht mehr verschont.
Für die Familien daheim ist das oft schwerer auszuhalten als für die Einsatzkräfte selbst. Cordula relativiert: Absolute Sicherheit sei ohnehin eine Illusion. Vor jedem Einsatz steht ein Briefing, während des Einsatzes ist rund um die Uhr psychologische Unterstützung erreichbar, und nach der Rückkehr gibt es ein Debriefing sowie eine Peergroup ehemaliger Einsatzkräfte. Denn psychische Belastungen können auch erst Wochen später kommen.
Magdalena erinnert sich an ein Erlebnis, das sie nie vergessen wird: ein etwa 13-jähriges Mädchen, das sich mit Kerosin übergossen und angezündet hatte – ein verzweifelter Schritt, der dort tragischerweise kein Einzelfall ist. Cordula wiederum berichtet von der Ohnmacht, wenn Mittel und Material fehlen: ein gesundes Neugeborenes mit offener Bauchdecke, das man hierzulande mit einem kleinen Eingriff retten könnte, dort aber nicht.
„Am schlimmsten war für mich immer, so limitiert zu sein. Du weißt, dass das bei uns einfach zu lösen wäre – und kannst trotzdem nicht helfen." — Cordula Häffner
Was bleibt, wenn man zurückkommt
Die Rückkehr nach Deutschland ist eine eigene Herausforderung. Schon im Briefing wird davor gewarnt, ungerecht zu werden – gegenüber Freund:innen, Kindern oder dem eigenen Umfeld. Denn der Kontrast ist enorm: In vielen Ländern wird nichts weggeworfen, während hierzulande Lebensmittel im Müll landen. Die hohe Kindersterblichkeit erklärt auch, warum Familien in ärmeren Ländern oft so groß sind. Wer fünf oder sechs Kinder bekommt, tut das nicht aus Kalkül, sondern weil ein Teil der Kinder die Bedingungen schlicht nicht überlebt – und weil die Generationen füreinander sorgen, wo es keine Rente gibt. Eine Lektüreempfehlung aus dem Gespräch: das Buch „Factfulness" von Hans Rosling, das zeigt, wie sehr uns Daten in die Irre führen können.
Bei aller Schwere ist es für beide kein Verzicht. Im Gegenteil.
„Ich tue mir gar nichts an – ich empfinde das als Geschenk, dass ich das machen darf. Wir sind keine Menschen, die sich nur aufopfern. Man bekommt unheimlich viel zurück." — Cordula Häffner
Ein anderer Blick auf den eigenen Beruf
Die Einsätze verändern auch den Blick auf die Pflege in Deutschland. Magdalena fiel nach ihrer Rückkehr auf, wie wenig flexibel das System ist: Für alles braucht es ein Gerät, ein Instrument, einen Gegenstand – und vieles wird geöffnet und weggeworfen, ohne kurz nachzudenken, ob es überhaupt gebraucht wird. In den Projekten lernt man dagegen, mit den eigenen Sinnen zu arbeiten, weil Röntgen- oder Ultraschallgerät schlicht fehlen.
Auch beim Thema Kompetenzen lohnt der internationale Vergleich. Im Austausch mit Kolleg:innen aus den Niederlanden, Kanada oder den USA erlebte Cordula, dass Pflegefachpersonen dort deutlich mehr dürfen als in Deutschland, wo vieles strikt der Ärzteschaft vorbehalten ist. Eine andere Wertigkeit, mehr Verantwortung – und vielleicht auch eine bessere Anerkennung. Die Akademisierung und Professionalisierung in Deutschland sehen beide grundsätzlich positiv, wünschen sich aber, dass Praxisbezug und erweiterte Kompetenzen Hand in Hand gehen. Wer sich für eine Mitarbeit interessiert, findet bei der Organisation laufend offene Stellen – denn Nachwuchs wird immer gesucht. Hintergründe zu Arbeitsbedingungen und Verträgen liefert auch ein Beitrag über Pflegende bei Ärzte ohne Grenzen.
Die Bezahlung liegt im Vergleich zu anderen humanitären Organisationen eher am unteren Rand, dafür gibt es einen regulären deutschen Arbeitsvertrag, volle Sozial- und Krankenversicherung sowie ein Tagesgeld vor Ort. Wer wirklich getragen wird von der Idee, anderen die Hand zu reichen, dem geht es um etwas anderes als ums Gehalt. Offen bleiben für fremde Kulturen, nicht vorschnell urteilen – das ist die Botschaft, die beide am Ende mitgeben. Und der Mut, einfach mal über den Tellerrand zu schauen.
Zum Weiterhören
- ÜG173 – Erwartungen und Realität internationaler Pflegefachpersonen
- ÜG046 – Rekrutierung aus dem Ausland
- ÜG120 – Pflege in Österreich
Shownotes zur Folge
- Homepage Ärzte ohne Grenzehn (aerzte-ohne-grenzen.de)
- Krankenschwester und Krankenpfleger bei Ärzte ohne Grenzen (aerzte-ohne-grenzen.de)
- Medizinische Berufe bei Ärzte ohne Grenzen (aerzte-ohne-grenzen.de)
- Zwei Monate voller Adrenalin (bibliomed-pflege.de)
- Blogs von Ärzte ohne Grenzen / Pflegepersonal (aerzte-ohne-grenzen.de)
- 50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: Helfen, wo es am nötigsten ist (aerztezeitung.de)
