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Diese Episode erschien am 08.07.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Österreich akademisierte die Pflege ab 2008 – heute wird die Reform wieder evaluiert.
  • Eine neue Pflegelehre ab 15 Jahren sorgt für Sorge vor Deprofessionalisierung.
  • Masterstudiengänge laufen fast nur über teure Privatunis – Stellen fehlen.
  • Der ÖGKV vertritt als Berufsverband exklusiv die Interessen der Pflege.
  • Nicht neue Berufsfelder, schlechte Rahmenbedingungen treiben Pflegende aus dem Beruf.

Wenn von „Ausland" die Rede ist, denkt man selten an ein Land, in dem man dieselbe Sprache spricht – und sich trotzdem regelmäßig missversteht. Genau das macht den Blick nach Österreich so spannend. In dieser Episode des Übergabe-Podcasts sprechen Christian Köbke und Lukas mit Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, und Monika Völk, stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Junge Pflege. Es geht um Akademisierung, Berufspolitik und die Frage, wohin sich die Pflege im Nachbarland bewegt. Spoiler: Vieles kommt dir bekannt vor – manches verläuft aber überraschend anders.

Heuer, Madura und SNOMED: Wenn dieselbe Sprache trennt

Bevor es inhaltlich losging, sorgte schon ein kleines Wort für Verwirrung: „heuer" – also „dieses Jahr". Was in Bayern und Österreich selbstverständlich ist, lässt norddeutsche Hörer:innen kurz stolpern. Genau dieses Sprachthema zieht sich durch die ganze Folge. Elisabeth Potzmann erzählt, dass im deutschsprachigen Raum gerade gemeinsam an einer Übersetzung der Klassifikation SNOMED CT gearbeitet wird – inklusive einer einheitlichen Pflegeklassifikation. Was simpel klingt, kostet viele Sitzungen: Deutschland, Österreich und die Schweiz müssen sich erst darauf einigen, welcher Begriff in allen drei Ländern dasselbe bedeutet. Ein gutes Bild dafür, wie nah und gleichzeitig eigen die drei Pflegesysteme sind.

Ein Verband, der nur für die Pflege spricht

Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband – kurz ÖGKV – ist das österreichische Pendant zum deutschen DBfK: ein freiwilliger Berufsverband ohne Pflichtmitgliedschaft. Gegründet wurde er 1933, allerdings nicht von Agnes Karll, sondern von Hedwig Birkner. Nach der Auflösung 1938 erfolgte 1948 die Neugründung. Heute übernimmt der Verband die Weiterentwicklung des Berufs, vertritt Interessen, bietet Beratung, eine Berufsrechtsversicherung und Fortbildung – unter anderem über eigene Pflegefortbildungspunkte und eine Akademie in Graz.

Anders als in Deutschland gibt es in Österreich keine Pflegekammer und auch keine Bewegung in diese Richtung. Stattdessen sind alle Angestellten automatisch Pflichtmitglied in der Arbeiterkammer, die jedoch alle Berufsgruppen vertritt und stets auf Interessenausgleich achten muss. Wer ausschließlich die Interessen der Pflege vertreten haben möchte, landet beim ÖGKV – der genau diesen Anspruch hat. Eine Besonderheit: Freiberuflich tätige Pflegende haben in Österreich gar keine andere Standesvertretung und werden exklusiv vom Verband repräsentiert. Spannend ist auch, dass das seit 2018 bestehende Gesundheitsberuferegister, in das man sich für die Berufsausübung eintragen lassen muss, von der Arbeiterkammer geführt wird.

„In Österreich wird Pflege verhandelt über Betriebswirte, über Juristen, über Mediziner, aber ganz wenig über die Pflege selbst." — Elisabeth Potzmann

Vom Diplom zum Studium: ein langer, hart erkämpfter Weg

Um die Akademisierung zu verstehen, lohnt der Blick zurück. 1997 bekam die Pflege in Österreich erstmals ein eigenes Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) – vorher war sie meist im Ärztegesetz „mitgemeint". Damit wurden Kompetenzen erstmals schriftlich festgehalten. Zehn Jahre später, 2007, folgte das FH-Studiengesetz, das die Erstausbildung an Fachhochschulen ermöglichte. 2008 startete der FH Campus Wien mit dem ersten sechssemestrigen Studium, das mit dem Bakkalaureat abschließt.

Seitdem existiert in Österreich eine Parallelität, die es bis heute gibt: die alte dreijährige Fachausbildung (Diplom) ohne Matura – also ohne Hochschulzugangsberechtigung – und das Studium. Während sich andere Länder mit Stichtag von der alten Ausbildung verabschiedeten, entschied man sich in Österreich für eine Beobachtungsphase bis 2023. Genau hier liegt der Knackpunkt. Was diesen Schritt überhaupt möglich machte, war vor allem gute Lobbyarbeit. Vorgeprescht waren zunächst die Hebammen (2005) und die medizinisch-technischen Berufe, die ihre Ausbildung an die Fachhochschulen verlegten. Damit war der logische nächste Schritt, dass auch die Pflege folgte – inhaltlich kamen dabei vor allem qualitative und quantitative Forschung, Pflegewissenschaft und wissenschaftliches Arbeiten hinzu.

Warum eine alte Diskussion neu entbrennt

Eigentlich, so Potzmann, konsolidiert sich eine solche Reform nach rund zehn Jahren – dann ist sie Norm und niemand spricht mehr darüber. In Österreich war das fast erreicht. Doch mit der Evaluierung 2023 wurde die Diskussion künstlich auf den Stand von 2008 zurückgedreht: Brauchen wir die Akademisierung überhaupt? Eine Evaluierungskommission sollte bis Jahresende entscheiden, ob die grundständige Fachausbildung ohne Matura abgeschafft oder beibehalten wird. Dass diese Debatte erneut geführt wird, hält Potzmann rückblickend für eine schlechte Entscheidung – die Parallelität habe der Profession nicht gutgetan.

Besonders ärgerlich aus Verbandssicht: Manche politische Kräfte machen die Akademisierung für den Personalmangel verantwortlich – ohne jede Evidenz. Ein Argument, das auch deutsche Hörer:innen kennen dürften. Diese Spannung zwischen Professionalisierung und dem Ruf nach „mehr Köpfen schneller" zieht sich durch die gesamte Episode.

Pflegelehre ab 15: ein Schritt zurück?

Während die Akademisierung diskutiert wird, ist gleichzeitig eine neue Pflegelehre beschlossen worden, bei der Jugendliche bereits mit 15 Jahren in die Ausbildung einsteigen. Für den ÖGKV ist das ein klarer Rückschritt. Denn am Patienten arbeiten darf man per Gesetz ohnehin erst ab 17 Jahren. Eine einjährige Ausbildung zur Pflegeassistenz wird über die Lehre also auf drei Jahre gestreckt, die zweijährige Pflegefachassistenz sogar auf vier – obwohl es diese qualifizierten Wege bereits gibt, voll- wie berufsbegleitend.

Potzmann zieht eine historische Linie: Schon in den 1920er-Jahren dauerte die Ausbildung in Österreich drei Jahre, das Zugangsalter lag bei 20. In den 1940er-Jahren – ebenfalls in einer Mangelsituation – wurde verkürzt und das Einstiegsalter gesenkt. 2023 wiederhole sich dieses Muster. Ihre Sorge: 15-Jährige stecken mitten in der Persönlichkeitsentwicklung, ihnen fehlt die nötige Resilienz für ein anspruchsvolles Berufsfeld – und es fehlt schlicht das Personal, um sie pädagogisch angemessen zu begleiten. Auch Monika Völk bestätigt, wie wichtig gerade in jungen Jahren Reflexion und Entlastungsgespräche wären.

„Wir pflegen ja keine Betten, wir pflegen Menschen. Also die Besten zu den Menschen." — Elisabeth Potzmann

Praxisanleitung: das große Nadelöhr

Ein Thema, das Monika Völk aus eigener Erfahrung schildert, dürfte vielen Auszubildenden und Studierenden bekannt vorkommen: In Österreich fehlt es an Praxisanleiter:innen – und zwar für alle Ausbildungswege. Im Studium absolviert man rund 2.300 Praxisstunden, oft jedoch unbegleitet. Reflexionsmöglichkeiten und Nachbesprechungen bleiben dabei häufig auf der Strecke. Gleichzeitig werden ständig neue Ausbildungs- und Praktikumsplätze geschaffen, ohne dass parallel die Anleitungskapazitäten mitwachsen.

Genau hier liegt für Völk ein Widerspruch: Der praktische Teil ist der Ort, an dem aus Wissen Können wird – und an dem man herausfindet, ob der Beruf zu einem passt. Wer dort allein gelassen wird, kann diese Qualität kaum entwickeln. Erfreulich ist immerhin, dass das Interesse an der Pflege in Österreich vergleichsweise stabil ist: Die Fachhochschulen sind voll, und gerade in die Assistenzberufe zieht es zunehmend Quereinsteiger:innen. Das System ist durchlässig – wer in der Pflegeassistenz beginnt, kann sich bis ins Studium hocharbeiten, sogar ohne Matura.

Masterstudium nur gegen Bares

Besonders ernüchternd ist die Situation bei den weiterführenden Studiengängen. Während das Bakkalaureat staatlich finanziert ist – inzwischen sogar mit einem Stipendium von mindestens 600 Euro – laufen berufsqualifizierende Masterstudiengänge in Österreich fast ausschließlich über Privatuniversitäten. Sprich: Wer sich spezialisieren will, etwa in der Palliativpflege oder als Advanced Practice Nurse, zahlt in der Regel aus eigener Tasche. Eine staatliche Spezialisierungsverordnung, die solche Qualifizierungen verpflichtend auf Masterebene anheben würde, lässt seit 2016 auf sich warten.

Potzmann formuliert es deutlich: Die hohe Bildungsaffinität der Pflegenden werde teilweise vom System ausgenutzt. Viele finanzieren ihre Weiterbildung selbst – und mancher Arbeitgeber schöpft das Wissen ab, ohne es zu honorieren. Hier zeigt sich ein interessanter Kontrast zu Deutschland, wo Pflegewissenschaft und Studiengänge wie Community Health Nursing zunehmend auch an staatlichen Hochschulen kostenfrei studiert werden können.

Wo bleiben die Stellen für akademisierte Pflegende?

Eng damit verknüpft ist die Frage nach den Berufsperspektiven. Monika Völk sieht den Arbeitsmarkt für Masterabsolvent:innen bislang als „übersichtlich" – viele gehen den Weg in die Selbstständigkeit, etwa im Wundmanagement oder in der Demenzberatung. Große Arbeitgeber sähen den Bedarf an spezialisierten Pflegepersonen oft nicht oder stellten die Möglichkeiten nicht bereit. Ein Teufelskreis: Solange Weiterbildung teuer bleibt und nicht honoriert wird, macht sie kaum jemand – und solange kaum jemand sie macht, entsteht kein Druck, Stellen zu schaffen.

Potzmann relativiert das Bild etwas: Es gebe durchaus Arbeitgeber, die den Wert erkennen, APN-Stellen schaffen und besser bezahlen – und die in der Personalausstattung oft besser dastehen. Allerdings müssten akademisch Pflegende ihr Berufsfeld vielfach noch selbst argumentieren, statt sich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben. Wichtig ist beiden, dass Akademisierung nicht automatisch „weg vom Bett" bedeutet: Gefragt sind auch horizontale Fachkarrieren – die Besten sollen bei den Menschen bleiben.

Der Elfenbeinturm und das andere Ende

Ein eindrückliches Bild liefert Potzmann zum Schluss: In Österreich drifte die Pflege auseinander. Während sich am oberen Ende ein „Elfenbeinturm" hochqualifizierter, forschender Pflegepersonen bilde, werde die Lage am anderen Ende – in der mobilen und häuslichen Pflege – immer schlechter. Eigentlich, so die Berufssoziologie, müsste sich mit der Professionalisierung die Situation für den gesamten Berufsstand verbessern. In der Pflege geschieht genau das nicht. Was fehlt, ist eine abgestufte Versorgung: Primärversorgungseinheiten, nurse-led clinics und neue Berufsfelder wie Community Nurses oder School Nurses, die Menschen dort erreichen, wo die eigentlichen Bedarfe liegen.

Beide warnen davor, neue Berufsfelder als „Personalfresser" abzustempeln. Pflegende seien keine Verfügungsmasse, die man dorthin schiebt, wo gerade Not herrscht. Die jüngere Generation lasse sich das – zu Recht – nicht mehr gefallen.

„Nicht die neuen Berufsfelder ziehen die Leute ab, die schlechten Rahmenbedingungen in den Krankenhäusern und in den Einrichtungen ziehen die Leute ab." — Elisabeth Potzmann

Selbstbewusst in die Zukunft

Trotz aller Baustellen blickt Monika Völk optimistisch nach vorn. Pflege werde oft auf das Bild „alte Leute pflegen" reduziert – dabei sei der Beruf weit vielfältiger. Genau diese Vielfalt sichtbar zu machen, sei eine zentrale Aufgabe. Ihr Appell richtet sich aber auch an die Berufsgruppe selbst: Statt zu jammern, müsse die Pflege klar artikulieren, was sie braucht, und gegenüber Entscheidungsträger:innen dafür einstehen.

„Es wird oft sehr viel gut wienerisch gesudert, gejammert, genörgelt, aber nichts gemacht. Da müssen wir uns ändern und auch wirklich den Entscheidungsträgern aufzeigen, was wir brauchen." — Monika Völk

Am Ende bleibt eine wohltuende Erkenntnis: Der Blick ins Nachbarland relativiert das oft gehörte Gejammer über die eigene Lage. Die Pflege im deutschsprachigen Raum kämpft mit erstaunlich ähnlichen Themen – Akademisierung, Personalmangel, fehlende Versorgungsstrukturen. Und gerade deshalb lohnt der grenzüberschreitende Austausch, etwa im Dachverband, in der European Federation of Nurses Associations oder beim internationalen Kongress des International Council of Nurses. Denn voneinander lernen lässt sich am besten dort, wo man dieselbe Sprache spricht – auch wenn man manchmal über ein „heuer" stolpert.

Zum Weiterhören

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Weiterführende Links & Shownotes

Wir sprechen in dieser neuen Folge über den Stand der Pflege in Österreich. Unsere Gästinnen sind Elisabeth Potzmann und Monika Völk vom ÖGKV (Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband).
Wir sprechen über die Assistenzausbildung, die Rolle des ÖGKV, die Akademisierung und bekommen einen tollen Einblick in die Pflegelandschaft in Österreich.

Shownotes