- Community Health Nursing bringt Pflege wohnortnah und niedrigschwellig in die Lebenswelt.
- Die Evidenz aus Modellprojekten liegt vor, die Regelversorgung fehlt.
- Ohne Berufsrecht und Finanzierung findet CHN im System nicht statt.
- Deutschland hinkt bei Prävention und Akademisierung anderen Ländern hinterher.
- Erweiterte Verantwortung kann dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
Wenn Versorgung dorthin kommt, wo Menschen leben
Stell dir vor, du versorgst eine chronische Wunde am Fuß – und hast dabei Zeit, mit der betroffenen Person zu reden. Über die zuckerhaltigen Getränke auf dem Tisch. Über die Medikamente, die auf dem Küchentisch liegen. Über den Schimmel in der Wohnung. Genau hier setzt Community Health Nursing (CHN) an: eine pflegerische Versorgung, die niedrigschwellig, kontinuierlich und wohnortnah funktioniert – dort, wo Menschen tatsächlich ihren Alltag leben.
Über dieses Berufsbild haben wir mit Prof. Dr. Uta Gaidys gesproche. Sie ist Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin, Dekanin der Fakultät Gesundheit an der HAW Hamburg und seit 2021 als erste Pflegewissenschaftlerin Mitglied des Wissenschaftsrats. Anlass ist ein neues Positionspapier zu Prävention und Gesundheitsförderung, das im Februar 2026 erschienen ist.
Was Community Health Nursing eigentlich ist
Community Health Nursing ist kein völlig neues Berufsbild und das ist ein zentraler Punkt. Es handelt sich um Pflegende, die das tun, was Pflegende ohnehin tun, allerdings mit einem spezifischen Fokus: in der Gemeinde, in der Community, in der Lebenswelt der Menschen.
„Community Health Nurses, das ist kein neues Berufsbild, sondern das sind Pflegende. Die machen auch das, was Pflegende auch sonst machen, nur mit einem spezifischen Fokus in der Gemeinde, in der Community, in der Lebenswelt." - Prof. Dr. Uta Gaidys
Ausgebildet werden Community Health Nurses nach Auffassung des Wissenschaftsrats auf Master-Ebene. Sie verfügen über spezifische Kompetenzen im Bereich Public Health, kennen sich mit epidemiologischen und soziologischen Zusammenhängen aus, können Beratung durchführen und Familiensysteme koordinieren und managen. Die Perspektive verschiebt sich dabei weg von der Krankheitsorientierung, hin zu Gesundheitsförderung und Prävention.
Modellprojekte statt Regelversorgung
In Deutschland existiert CHN bislang vor allem in Modellprojekten. Es gibt einzelne Studiengänge und Spezialisierungen, aber keine flächendeckende Versorgung. Besonders in sozial schwachen städtischen Quartieren und in ländlichen Regionen fehlt diese kontinuierliche, lebensweltorientierte Begleitung – gerade dort, wo chronisch und multimorbid erkrankte Menschen sie am dringendsten bräuchten.
Dabei ist Deutschlands Gesundheitssystem leistungsstark und teuer – doch das Outcome, etwa gemessen an der Lebenserwartung, entspricht nicht diesen finanziellen Mitteln. Skandinavische Länder leben gesünder, machen bessere Prävention und werden älter. Selbst in Großbritannien, wo Community Health Nurses seit langem etabliert sind, ist die Lebenserwartung derzeit höher als hierzulande.

Autonomie, Berufsrecht und Finanzierung
Die Medizin sieht die Bedarfe durchaus. Zehn Minuten in der Praxis reichen nicht aus, um zu beeinflussen, was Menschen in ihrer Häuslichkeit tatsächlich umsetzen. Doch die entscheidende Frage lautet: Wie lässt sich eine Struktur schaffen, die die Stärke des Community Health Nursing auf die Straße bringt? Und das führt direkt zu Autonomie, Verantwortungsübernahme und Refinanzierung.
Ein häufiges Modell ist, dass Pflegende in Hausarztpraxen angestellt sind. Denn gerade in sozial schwachen Quartieren und ländlichen Regionen sitzen die Hausärzt:innen oft gar nicht. Für die Vision einer eigenständigen Versorgung braucht es mehr:
„Community Health Nurses führen ihre eigenen Sprechstunden durch. Sie machen Hausbesuche, sie arbeiten mit der Kommune, sie werden von der Kommune bezahlt. […] Die Abrechnung erfolgt alleinig und in eigener Verantwortung." - Prof. Dr. Uta Gaidys
Dafür braucht es eine gesicherte Berufsbezeichnung, rechtliche Rahmen und die sozialfinanzielle Einordnung. Denn ohne Finanzierung findet die Tätigkeit im deutschen Gesundheitssystem schlicht nicht statt. Das Bundesministerium für Gesundheit arbeitet an einem sogenannten ANP-Gesetz, das rechtliche Regelungen für Berufsbezeichnungen wie Advanced Nursing Practice und Community Health Nursing schaffen soll.
Das Problem der Trennung: SGB V und SGB XI
Ein strukturelles Kernproblem ist die traditionelle Teilung zwischen krankheitsorientierter und pflegeorientierter Versorgung. Für die Pflege selbst existiert diese Trennung faktisch nicht: Wer die Körperpflege übernimmt, kennt den Hautzustand, erkennt Wundrisiken. Doch sozialrechtlich rutscht man damit sofort in die sogenannte Behandlungspflege – eine Trennung, die eine ganzheitliche Versorgung erschwert.
Besonders im ambulanten Bereich zeigt sich das: Bildet sich beim Diabetiker eine Wunde am Fuß, sehen die Kolleg:innen des ambulanten Pflegedienstes das sofort. Aber bevor die beginnende Wunde versorgt werden kann, braucht es Rezepte, organisierte Fahrten, bürokratische Wege. Für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen bedeutet das: Sie müssen faktisch selbst zu Expert:innen im Sozialrechtssystem werden, um gut versorgt zu werden.
Der volkswirtschaftliche und ethische Hebel
Der Nutzen von CHN reicht weit über die einzelne Versorgung hinaus. Wenn ein Teil der Versorgung dorthin verlagert wird, wo Menschen leben, lassen sich Krankenhäuser entlasten – und Krankheitskarrieren vermeiden, die oft erst durch einen Krankenhausaufenthalt entstehen: Delir, fortschreitende Demenz, nosokomiale Infektionen. Menschen können länger gesund in ihrem Umfeld bleiben.
Gleichzeitig eröffnet sich die Chance, Daten zu erheben: Welche Erkrankungen häufen sich in einem Quartier? Wo braucht es kultursensible Pflege, wo Sprachmittlung? Im Costa-Projekt in Hamburg zeigte sich etwa, dass Menschen in ihrer Wohnumgebung häufig mit Schimmel zu kämpfen hatten – ein Zusammenhang, der in einer Hausarztpraxis schlicht unsichtbar bleibt. Auch Wohnraumanpassungen, Unfallprävention, der Zugang zu Sozialleistungen oder die Begegnung von Einsamkeit im Alter lassen sich so ganz anders adressieren.
Warum es ein Studium braucht
Eine berechtigte Frage: Erfahrene Pflegefachpersonen können Familien einschätzen, kennen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes, Krebserkrankungen und beraten Angehörige längst. Wozu also studieren? Die Antwort liegt in neuen Versorgungskonzepten, in der Wissenschaftsbasierung und vor allem in der Verantwortungsübernahme für eigene Versorgungsentscheidungen – der Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnis auf die konkrete Situation vor Ort zu übertragen.
Der Bachelor bildet dabei generalistisch aus, im Master erfolgt die Spezialisierung – etwa zu Community Health Nursing mit Anteilen aus Public Health, Epidemiologie, Soziologie, Prävention und Schulungskonzepten. Studiengänge und Spezialisierungen gibt es unter anderem in Dresden und an der HAW Hamburg, wo seit 2013 ein Studiengang zu Advanced Nursing Practice existiert. Flächendeckend ist das jedoch nicht.
Der Hebel gegen den Fachkräftemangel
CHN ist kein Allheilmittel – kein „Schweizer Taschenmesser der Gesundheitsversorgung". Es kann weder den demografischen Wandel noch den Fachkräftemangel im Alleingang heilen. Aber es ist ein Baustein. Untersuchungen zeigen: Pflegende steigen nicht aus, weil ihnen die Pflege plötzlich nicht mehr gefällt, sondern weil die Rahmenbedingungen sie an den Rand der Verzweiflung bringen.
„Wenn wir Rahmenbedingungen schaffen können, in denen Pflege eine eigenständige Entscheidung treffen können, in denen sie Verantwortung übernehmen können und ihren eigenen Arbeitsalltag bestimmen können, dann steigt auch die Berufszufriedenheit." - Prof. Dr. Uta Gaidys
Ein autonomer Arbeitsbereich, dicht am Menschen, mit sichtbarer Wirkung und starker Personen- und Familienzentrierung. Das macht das Berufsfeld attraktiv. Für deinen Arbeitsalltag könnte CHN künftig bedeuten: verlässliche Kolleg:innen in der Primärversorgung, mit denen du bei der Entlassung eine gemeinsame Sprache sprichst und ein echtes Netzwerk bildest.
Wann kommt CHN in die Fläche?
Die Evidenz liegt vor! In Hamburg wurde mit dem CoSta-Projekt sogar ein randomisiertes, kontrolliertes Trial durchgeführt, auch das Projekt von Renate Stemmer hat Belege geliefert. Doch nach der Evidenz folgt zu oft der Satz, für die Regelversorgung sei kein Geld da. Menschen gewöhnen sich über einen Projektzeitraum an eine Versorgung, die dann endet.
Ins Boot gehören neben Pflege und Medizin auch der kommunale Gesundheitsdienst, Krankenkassen, Schulen und ambulante Pflegedienste. Und es braucht einen Wandel in der Haltung, esellschaftlich wie in der eigenen Berufsgruppe. Wie lange es dauern wird? Realistisch schätzt Uta Gaidys rund zehn Jahre. Ein Zeithorizont, der angesichts des demografischen Peaks um 2035 knapp bemessen ist. Das Positionspapier des Wissenschaftsrats soll dabei helfen, Position handhabbar zu machen und in den politischen Diskurs einzuspeisen. Wer tiefer einsteigen will, findet auch bei der Pflegesprechstunde der Poliklinik praktische Beispiele.
Community Health Nursing wertet die bisherige Pflege auf und macht sichtbar, wie viel Pflege leisten kann, vorausgesetzt, Qualifikation, Verantwortung, rechtliche Handlungsspielräume und Finanzierung stimmen. Die Zutaten sind bekannt. Jetzt geht es darum, sie auf die Straße zu bringen.
Die CHN-Tagung des Wissenschaftsrats
Am 20. Oktober veranstaktet der Wissenscahftsrat die Tagung „Für Prävention handeln. Berufsbild Community Health Nursing (CHN) – Chancen, Hebel, Netzwerke“. Das Programm könnt ihr hier einsehen:

Zum Weiterhören
- ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation
- ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)
- ÜG012 – Advanced Nursing Practice (ANP): Die Zukunft der Pflege in Deutschland
Neues One Minute Wonder
Im letzten Newsletter in unserer Sommerpuse haben wir dir eine ganze Liste neuer One-Minute-Wonder gesendet. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan und Magda wieer ein neues für euch gemacht!



