- Die Akademisierungsquote liegt bei rund 1,74 % – gefordert sind 10 bis 20 %.
- Fehlende Ausbildungsvergütung bremst die primärqualifizierenden Studiengänge aus.
- Akademisierung zielt auf bessere Versorgung, nicht auf Selbstzweck.
- Deutschland verschenkt Potenzial bei Versorgungslücken und Sektorenübergängen.
- Pflege braucht ein durchlässiges Bildungssystem von der Pflegehilfe bis zur Promotion.
Drei Jahre sind seit dem ersten Gespräch über die Akademisierung der Pflege im Übergabe-Podcast vergangen – Grund genug, noch einmal genau hinzuschauen: Was hat sich getan, und was eben nicht? Zu Gast war erneut Prof. Dr. Benjamin Kühme, Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und Studiengangsleiter von Pflege dual. Seine Bilanz fällt zwiespältig aus: Es ist viel passiert – und gleichzeitig viel zu wenig. Vor allem aber wird im Gespräch deutlich, worum es bei der Akademisierung eigentlich geht.
Akademisierung ist kein Selbstzweck
Warum sollten wir überhaupt noch über die Akademisierung sprechen? Für Kühme ist die Antwort klar: Es geht nicht in erster Linie um das Prestige einer Disziplin, sondern um die Menschen, die versorgt werden müssen. Eine hochschulische Ausbildung soll dazu beitragen, die Gesundheits- und Pflegeversorgung in der Bevölkerung besser zu machen – so, wie es in vielen anderen Ländern längst selbstverständlich ist.
„Akademisierung bedeutet aus meiner Sicht nach wie vor, dass es darum geht, eine bessere Gesundheits- und Pflegeversorgung in unserer Bevölkerung zu entwickeln und sicherzustellen." — Prof. Dr. Benjamin Kühme
Beißt sich das nicht mit dem Fachkräftemangel? Kühme winkt ab: Niemand wolle den Personalmangel kleinreden, im Gegenteil. Aber eine hochschulische Ausbildung sei selbst ein Argument für mehr Nachwuchs. Sie ziehe junge Menschen in den Beruf, die sonst in die Soziale Arbeit oder die Medizin abgewandert wären. Akademisierung und Personalgewinnung sind für ihn also keine Gegensätze, sondern hängen zusammen.
Wenn die Zahlen für sich sprechen
Mit dem Pflegeberufegesetz ist die hochschulische Primärqualifizierung – also die Ausbildung direkt an der Hochschule in enger Verzahnung mit der Praxis – regelhaft möglich geworden. Daneben existieren weiterhin duale und additive Studiengänge. Trotzdem bleiben die Zahlen ernüchternd: Eine Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung kommt für die Jahrgänge 2021/2022 auf eine Akademisierungsquote von insgesamt rund 1,74 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs. Nur etwa 0,82 Prozent davon werden primärqualifiziert an der Hochschule ausgebildet.
Demgegenüber steht die Forderung des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2012: zehn bis zwanzig Prozent eines Jahrgangs sollten akademisch qualifiziert werden. Die Lücke ist gewaltig. Zwar wurden zum Zeitpunkt der Aufnahme über 1.100 Studienplätze geschaffen – besetzt waren davon aber nur knapp 490. Es klafft also ein deutlicher Abstand zwischen Angebot und Nachfrage.
Das Geld macht den Unterschied
Woran liegt das? Kühme hat eine klare Antwort: an der Finanzierung. Wer dual studiert, bekommt weiterhin eine Ausbildungsvergütung – die in der Pflege gar nicht schlecht ausfällt. In der Primärqualifizierung ist das strukturell nicht vorgesehen. Die Studierenden müssen sich anders finanzieren: über BAföG oder über Nebenjobs. Rund 40 Prozent von ihnen arbeiten laut Erhebung zusätzlich – und das bei 2.500 Stunden Praxis plus hohem Theorieanteil.
„Es kann nicht sein, dass man junge Menschen, die mit hohem Praxis- und Theorieanteil studieren, auch noch in die Nebenerwerbstätigkeit zwingt, damit sie ihr Studium finanzieren können." — Prof. Dr. Benjamin Kühme
Dass es anders geht, zeigt die Hebammenausbildung: Dort wurde der Fehler korrigiert, die Studentinnen erhalten eine Ausbildungsvergütung. In der Pflege bleibt es ein Flickenteppich. Manche Träger zahlen eine Praktikumsvergütung, von gar nichts über 400 oder 500 Euro bis hin zu rund 1.000 Euro – je nach Bundesland und Einrichtung. Kühmes Rat an Studieninteressierte: Augen auf bei der Wahl des Kooperationspartners und ruhig konkret nachfragen, was an Vergütung gezahlt wird. Wer übrigens neugierig auf einen konkreten Studiengang ist, kann sich Pflege dual an der Hochschule Osnabrück einmal genauer ansehen.
Raus aus der Sackgasse: Durchlässigkeit als Schlüssel
Lange galt der Pflegeberuf als Sackgasse – Fachweiterbildungen brachten irgendwann nicht mehr weiter. Das Bologna-System mit Bachelor und Master eröffnet hier eine Durchlässigkeit, die Arbeitgeber für ihre interne Personalentwicklung nutzen könnten. Mit Blick auf die betriebswirtschaftliche Unterscheidung von externer und interner Personalwirtschaft erklärt Kühme: Wer von außen kaum noch Personal bekommt, muss seine Mitarbeitenden gezielt aufbauen und halten. Menschen bleiben, wenn sie Zukunftsperspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten sehen.
Ein Beispiel: Bachelorabsolvent:innen lassen sich passgenau in Masterprogramme schicken, die zu den Bedarfen der Einrichtung passen – etwa im Bereich der Advanced Practice Nursing, die in Kliniken auch vor dem Hintergrund des Ärztemangels immer bedeutsamer wird. So lässt sich die eigene Organisation strategisch gestalten.
Wenn das System die eigene Innovation ausbremst
Doch genau hier hakt es. In der Folge zum Pflegebudget mit Michael Simon wurde deutlich, dass refinanzierbares Personal auf Pflege am Bett mit Bachelorabschluss beschränkt ist – Masterabsolvent:innen finden keine Berücksichtigung. Kliniken, die innovativ vorangehen und akademisch qualifiziertes Personal binden wollen, werden vom System gehemmt. Für Kühme ein typisches Muster: Bei allem, was Pflegeregularien betrifft, rennt Deutschland hinterher und steuert erst dann nach, wenn der Handlungsdruck unerträglich groß wird.
Hightech-Medizin, aber Versorgungsbrüche überall
An dieser Stelle wird Kühme grundsätzlich. Deutschland habe ein medizinisch hochtechnisiertes Gesundheitssystem – alle zehn Kilometer ein CT. Das Geld der Gesundheitspolitik fließe seit Jahrzehnten vor allem in die Medizin. Pflegerisch aber stehe Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich schlecht da, besonders an den Schnittstellen zwischen den Institutionen.
„Was nützt mir alle zehn Kilometer ein CT, wenn die Person, die hineinkommen soll, gar nicht versorgt ist?" — Prof. Dr. Benjamin Kühme
In Skandinavien sei es selbstverständlich, dass Pflegende mit Bachelor- und Masterabschluss in genau diesen Versorgungslücken arbeiten – etwa im Bereich Community Health. Sie sichern Kontinuität dort, wo bei uns Brüche entstehen: bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, im ambulanten Sektor, in der Langzeitpflege. Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung rechnet für 2035 mit rund 11.000 unbesetzten Hausarztstellen – und kommt zu dem ernüchternden Schluss, dass auf die Pflege wegen ihres eigenen desolaten Zustands kaum gebaut werden könne, obwohl Pflegefachpersonen vieles könnten, ihnen die Kompetenzen aber nicht zugestanden werden. Die Praxisrealität, so Kühme, sei längst weiter: Pflegende übernähmen heilkundliche Aufgaben bereits – nur eben inoffiziell.
Das Pferd von hinten aufgezäumt
Ein heikles Thema ist der Zugang zur Pflegeausbildung. Deutschland ist nach Kühmes Kenntnis das einzige europäische Land, in dem keine Hochschulzugangsberechtigung Voraussetzung ist. Das sei eine Reaktion auf den Personalmangel – und auf die Frage, wohin sonst mit jungen Menschen ohne höheren Schulabschluss. Für ihn das Pferd von hinten aufgezäumt: Statt das Bildungssystem so zu gestalten, dass Interessierte höhere Abschlüsse erreichen, senkt man die Zugangsvoraussetzungen für den Beruf.
Die Folgen erlebt er an den Pflegeschulen: Lernende, die in Theorie und Praxis an ihre Grenzen geraten, weil die Ausbildung hochkomplex ist und der Personaldruck in der Praxis hoch. Es gehe ihm dabei ausdrücklich nicht ums Stigmatisieren – schlechter Schulabschluss heißt nicht schlechte Pflege. Aber man dürfe die Augen nicht davor verschließen, dass manche überfordert werden. Seine Lösung: ein gestuftes, durchlässiges Bildungssystem – von der Pflegehilfe mit gekoppelter Allgemeinbildung über den Bachelor und Master bis hin zur Promotion, im Sinne des lebenslangen Lernens.
DQR, Niveau 6 und die Frage nach dem Anspruch
Mit Blick auf den Deutschen Qualifikationsrahmen wird die Diskussion technisch, aber wichtig: Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung weist kein explizites Niveau aus, ein großer Teil der Kompetenzen liegt auf Niveau 5, manches auf Niveau 4. Kühme ist überzeugt: Die Komplexität der Pflegepraxis fordert eigentlich Niveau 6. Bei der Fachweiterbildung sieht er ein zusätzliches Problem – sie ist oft nicht ins Bologna-System integriert und damit eine Sackgasse. International liegen Spezialisierungen häufig auf Masterniveau. Gemeinsam mit Kolleg:innen arbeitet er daran, hochschulische Module in Fachweiterbildungen zu integrieren, um berufserfahrene Pflegende abzuholen und Durchlässigkeit zu schaffen.
Vollakademisierung – ein Blick nach Österreich
Wäre die Vollakademisierung eine Lösung? Kühmes Antwort ist eindeutig: Ja, wir brauchen sie. Österreich hat sie 2017 eingeführt – wie viele europäische Länder, indem bewährte Pflegeschulen ins Hochschulsystem eingegliedert oder zu Pflegehilfe- und Assistenzeinrichtungen umgewidmet wurden. Dem Vorwurf, dort sei „nur das Schild ausgetauscht" worden, widerspricht er entschieden: Strenge Akkreditierungsverfahren stellten sicher, dass die Qualitätskriterien und das angestrebte Kompetenzniveau tatsächlich erreicht werden. Akkreditierung bedeutet dabei, dass unabhängige Gutachter:innen prüfen, ob ein Studiengang hält, was er verspricht – ein Verfahren, das es an deutschen Pflegeschulen in dieser Form bislang nicht gibt.
Für Deutschland leitet Kühme daraus ab: eine hochschulische Pflegeausbildung kombiniert mit einer adäquaten Pflegeassistenzausbildung an Fachschulen – immer unter der Bedingung der Durchlässigkeit, damit der Weg ins Studium offen bleibt.
Es bewegt sich etwas – wirklich
Trotz aller Kritik will Kühme nicht jammern. Er beobachtet, dass die Ängste der Praxis gegenüber akademisch ausgebildeten Pflegenden abnehmen. Praxisanleiter:innen, Pflegedirektionen und Berufskolleg:innen geben zunehmend positives Feedback, Einrichtungen entwickeln Berufseinmündungskonzepte und Stellenprofile. Wichtig sei dabei, dass Pflegewissenschaft eine Praxiswissenschaft bleibt – ohne Praxisbezug verliert die Hochschule die Bodenhaftung. Wer akademisch ausgebildet wird, verlässt den Beruf nicht, sondern bleibt und übernimmt erweiterte Aufgaben. Genau dieser Nachwuchs fehlt übrigens auch im Wissenschaftsbetrieb selbst: Rund die Hälfte der ausgeschriebenen Professuren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften konnte zuletzt nicht besetzt werden. Wege in die Forschung sichtbar zu machen, ist auch ein Anliegen der Sektion Nachwuchs Pflegewissenschaft der DGP.
Vom Jammern zum Gestalten
Sein eindringlichstes Plädoyer richtet Kühme an die eigene Berufsgruppe: Pflege könne gut jammern und freue sich über Applaus – aber das Mitgestalten und Mitbestimmen gelinge noch zu selten. Genau das müsse der Nachwuchs lernen. Ein konkreter Hebel ist für ihn die Vorbehaltsaufgabe der Pflegeprozessplanung, die derzeit zu sehr vor sich hin dümpele. Richtig genutzt, könne sie Versorgungsbrüche in den Einrichtungen verringern und Patient:innen vor Schaden bewahren. Welche Fragen und Konsequenzen mit den gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsaufgaben verbunden sind – etwa über die verschiedenen Handlungsfelder hinweg –, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt und braucht weitere Regelungen.
Sein Fazit: Akademisierung ist kein Luxus, sondern eine Antwort auf den demografischen Wandel und auf die wachsende Komplexität der Versorgung. Damit die Forderung nach 10 bis 20 Prozent keine Worthülse bleibt, braucht es Geld, Strukturen und vor allem den Mut, Pflege endlich als gestaltende Kraft im Gesundheitswesen ernst zu nehmen.
Zum Weiterhören
- ÜG002 – Akademisierung in der Pflege, Ausbildung & Professionalisierung
- ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet
- ÜG012 – Advanced Nursing Practice
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes zur Folge
- Infos zum Gast
- Pflege Dual an der HS Osnabrück studieren
- Erste Sondererhebung des BIBB-Pflegepanels
- Personalwirtschaft von Klaus Olfert
- Folge 43: Krankenhausfinanzierung mit Michael Simon
- Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen
- DGP - Sektion Nachwuchs Pflegewissenschaft
- Fragen & Konsequenzen der gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsuafgaben - Prof. Dr. Dr. A. Büscher
