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Diese Episode erschien am 17.09.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Veränderung fällt schwer, weil Routinen Sicherheit geben – Reden hilft.
  • Humor ist Selbstfürsorge und schafft Verbindung am Krankenbett.
  • Jonglieren wird zum Sinnbild für Selbstwirksamkeit und kleine Schritte.
  • Pflegewissenschaft und Akademisierung ziehen langsam in die Praxis ein.
  • Die Pflege muss ihre Stimme erheben und Wertschätzung einfordern.

Sommerpause vorbei, Mikrofon eingepackt – und ab nach Wedel bei Hamburg. Dort hat die Übergabe-Crew einen ganzen Tag lang mitgehört, mitgefragt und mitgelacht: beim Fachkongress Spotlight Pflege der Regiokliniken. Das Motto klang so kämpferisch wie hoffnungsvoll: „Ab in die Zukunft." Und genau darum drehte sich alles – um die Frage, wie Pflege ihre eigene Zukunft gestalten kann, statt sie nur über sich ergehen zu lassen. Zwischen Vorträgen, Workshops und einem ziemlich guten Buffet entstand ein Stimmungsbild der Pflege im Jahr 2022, das überraschend optimistisch ausfiel. Wir nehmen dich mit.

Ein Kongress, der nicht nur Vorträge servieren will

Spotlight Pflege gibt es seit 2018, in diesem großen Rahmen lief der Kongress zum dritten Mal. Die Idee dahinter ist simpel und doch ungewöhnlich: Pflege eine Bühne geben, pflegerische Themen diskutieren – und gemeinsam feiern. Das Programm war zweigeteilt. Vormittags gab es Impulsvorträge, nachmittags konnten sich die Teilnehmenden in Workshops ausprobieren. Und immer wieder wurde betont, dass der Austausch mindestens genauso wichtig ist wie der Inhalt. Wer nur mit Input zugeschüttet wird, kann ihn nicht verarbeiten. Es braucht Raum zum Verdauen, zum Diskutieren – und der entsteht eben am besten bei gutem Kaffee und leckerem Essen. Verköstigung steht hier traditionell weit oben auf der Tagesordnung, und das ist nicht nur nettes Beiwerk, sondern Teil des Konzepts.

Auffällig: Der Kongress richtet sich ausdrücklich auch an Auszubildende. Sie sollen die Bereiche, die ihnen im Alltag oft schwerfallen, in den Workshops spielerisch erleben dürfen. Genau diese Mischung aus Erfahrenen und Berufseinsteiger:innen, aus Geschäftsführung und Pflegefachpersonen am Bett, machte die Atmosphäre aus.

Warum „Das haben wir schon immer so gemacht" so verlockend ist

Ein roter Faden zog sich durch fast jeden Vortrag: die Veränderung. Eine Trainerin, die seit Jahren Coaching und Unternehmensberatung anbietet und viel mit Pflegeteams arbeitet, brachte auf den Punkt, warum uns Wandel so schwerfällt. Der berühmte Satz „Wir machen das schon immer so" sei kein Zeichen von Sturheit, sondern von Biologie. Routinen und Gewohnheiten geben uns Sicherheit und sparen Energie – früher, als Jäger:innen und Sammler:innen, mussten wir nur dann besonders aufpassen, wenn wir uns in neues Terrain bewegten. Genau deshalb klammern wir uns ans Gewohnte.

„Routinen und Gewohnheiten geben uns Sicherheit, sparen Energie – und deswegen hängen wir so daran. Veränderung ist immer Anstrengung." — Trainerin und Beraterin beim Spotlight Pflege

Was hilft? Vor allem Kommunikation. Führungskräfte sollten informieren, informieren, informieren – und selbst wenn es gerade nichts Neues gibt, dürfen sie genau das sagen, damit nicht Gerüchte die Runde machen und alle verunsichern. In Teambesprechungen müsse Raum sein, Bedenken auszusprechen. Und auch für die Pflege selbst gilt: Wer überlastet oder unterbezahlt ist, sollte das nicht still ertragen, sondern einfordern, dass sich am System etwas ändert. Veränderung beginnt mit der Bereitschaft, überhaupt etwas verändern zu wollen – und mit der Einstellung, dass die Zukunft uns viel bringen kann, wenn wir alte Zöpfe abschneiden.

Humor als Superkraft – und als Selbstschutz

Wer glaubt, Humor sei in der Pflege nur ein nettes Extra, wurde an diesem Tag eines Besseren belehrt. Im Vortrag „Humor hilft pflegen" machte Lea Böttger von der Stiftung Humor hilft heilen deutlich, warum Humor eine echte Superkraft ist. Zum einen hilft er, in Kontakt zu treten und eine Verbindung zwischen Menschen herzustellen – und Pflege, so die schöne Formulierung, sei eine Art Kontaktsport. Zum anderen ermöglicht Humor eine gesunde Distanz: Er schützt davor, sich von belastenden Situationen erdrücken zu lassen, die sonst viel Kraft kosten und in Richtung Erschöpfung führen können.

Wie aber baut man so eine Humorkultur im Team auf? Es ist eine bewusste Entscheidung, diese Haltung zu kultivieren, betonte Böttger. Teams können sich aktiv fragen, wo in einer Situation eigentlich die Komik steckt – ganz im Sinne von Karl Valentins Idee, dass jedes Ding drei Seiten hat: eine positive, eine negative und eine komische. Konkrete Werkzeuge gibt es viele: ein Humortagebuch führen, ein „Best of" lustiger Begebenheiten sammeln oder am Ende jeder Übergabe ein Ritual einbauen, bei dem man teilt, was den Tag schön oder skurril gemacht hat.

„Selbstfürsorglichkeit ist die Voraussetzung für Fürsorglichkeit für andere. Nur wenn es mir gut geht, kann ich anderen die Hand reichen." — Lea Böttger, Stiftung Humor hilft heilen

Diesen Gedanken vertiefte auch die Wiener Kabarettistin Monika Herbstritt-Lappe, die den Kongress mit einem Programm über die Pflege eröffnete. Sie weiß, wovon sie spricht: Vor über zehn Jahren pflegte sie ihre Mutter, und daraus entstand die Idee, ein Kabarett über das Thema zu machen – weil man manches nur mit Humor bewältigen kann. Auf der Bühne übertreibt sie, zieht Absurditäten ins Lächerliche, und doch erkannten sich viele im Publikum wieder. Genau das ist ihr Anliegen: zu zeigen, in welche absurden Situationen man im Pflegealltag geraten kann – und dass das gemeinsame Lachen entlastet, ohne jemanden auszulachen.

Drei Bälle, zwei Hände – und ganz viel Selbstwirksamkeit

Der vielleicht überraschendste Programmpunkt: ein Workshop zum Jonglieren. Was hat das mit Pflege zu tun? Eine ganze Menge, wenn man Michael zuhört, der den Teilnehmenden das Jonglieren beibringt. Für ihn ist es ein wunderschönes Sinnbild für all die Dinge, bei denen die meisten Menschen sofort abwinken: zu schwer, kann ich nicht, traue ich mich nicht. Sein Trick: Man fängt eben nicht mit drei Bällen an, sondern mit einem. Schritt für Schritt. Und plötzlich, nach einer Dreiviertelstunde, kann die Hälfte der Gruppe dreimal werfen und dreimal fangen.

„Die meisten glauben, man muss schnell und hektisch sein. Dabei geht es darum, sich Zeit zu lassen und ins Tun zu kommen – dann vergeht die Zeit wie im Flug." — Michael, Workshopleiter Jonglieren

Die Auszubildenden, die wir nach dem Workshop trafen, hatten genau das verstanden. Celine etwa nahm mit, dass ein Rückschritt kein Problem ist und manche Dinge einfach mehr Übung brauchen. Andere erzählten, dass sie gelernt hätten, sich auf eine Sache zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen – eine Kompetenz, die sich direkt auf die Arbeit am Patientenbett übertragen lässt, wenn es zwischen Klingel und Notfall schnell gehen muss. Auch ein Trommel-Workshop und Übungen zur kontinuierlichen, konzentrierten Tätigkeit standen auf dem Plan. Das gemeinsame Ziel: das Gefühl von Selbstwirksamkeit erlebbar machen – „Ich kann das, oder ich weiß zumindest, worauf ich achten muss."

Pflege als Ensemble: Was das Theater uns lehren kann

Eine ganz eigene Perspektive brachte Christine Rothacker mit, Gründungsvorständin eines Fördervereins am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Ihr Vortrag „Regie führen auf beruflichen Bühnen" verglich das Pflegeteam mit einem Ensemble: Jede:r schlüpft in eine Rolle, alle spielen zusammen, und am Ende geht es darum, gemeinsam ein heilsames Erleben für Patient:innen zu schaffen. Vom Theater könne die Pflege zwei Kompetenzen lernen, die heute besonders wichtig sind: Authentizität – denn Patient:innen merken sofort, wenn etwas nicht stimmt – und den bewussten Rollenwechsel.

Dieser Rollenwechsel ist mehr als eine schöne Metapher. Wer privat und beruflich verschiedene „Hüte" trägt, kann sich von einer belastenden Rolle distanzieren, bevor er sich in ihr verliert. Eng damit verbunden ist die Kompetenz der Regeneration: ganz bewusst zwischen beruflicher und privater Lebenszeit zu trennen und sich Zeit zum Kräftesammeln zu nehmen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern ist die Fähigkeit des Umschaltens. Denn, so der zentrale Gedanke: Arbeitszeit ist Lebenszeit – und sie verdient es, zu sinnvoller und freudvoller Lebenszeit gestaltet zu werden.

Pflegewissenschaft zieht ein – langsam, aber sicher

Spotlight Pflege ist kein reines Wohlfühl-Event. Immer wieder ging es um harte Strukturfragen. Eine Pflegewissenschaftlerin, die seit Mai 2022 bei den Regiokliniken arbeitet und ihren Master an der HAW Hamburg gemacht hat, gab Einblick in die noch junge Abteilung für Pflegekontrolling und -entwicklung. Dort werden nicht nur klassische Personalkennzahlen erhoben – Vollkräfte im Verhältnis zur Patientenbelegung –, sondern auch international anerkannte pflegequalitätssensitive Kennzahlen wie Dekubitus- oder Sturzraten. Entscheidend sei dabei, die Zahlen nicht einfach hinzunehmen, sondern in Audits kritisch zu hinterfragen: Haben wir hier ein Qualitätsthema oder nicht? Und wie können wir es besser machen?

Wichtig war ihr, dass diese Entwicklung nicht über die Köpfe der Kolleg:innen hinweg geschieht. Die Abteilung versteht sich nicht als Kontrollinstanz, sondern als Unterstützung – sie geht zurück ans Bett, fragt nach den Problemen vor Ort und versucht, sie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu lösen. Genau hier liegt der Kern dessen, was Pflegeentwicklung leisten kann: Erfahrung und Empathie, die schon immer da waren, mit Evidenz zu untermauern und so der Pflege im interprofessionellen Austausch ein Sprachrohr zu geben.

„Ich sehe die Pflege rosig" – die Sicht aus der Leitung

Auch das Management kam zu Wort. Bereichsleiter Jens-Uwe Albrecht, der die Bereiche Intensivmedizin, Geburtshilfe und Pädiatrie verantwortet, beschrieb seine Aufgabe mit einem Bild: Er steckt für seine Teams ein Spielfeld ab, in dem sie sich frei bewegen dürfen – und sagt rechtzeitig Bescheid, wenn sie an die Grenzen kommen. Manche dieser Grenzen sind strukturell vorgegeben, etwa durch politische Anforderungen. Aber, so seine Haltung: Man kann immer wieder prüfen, ob sich der Zaun ein Stück weiter setzen lässt. Junge Führungskräfte begleitet er als Coach dabei, ein System so zu gestalten, dass auch die nächste Generation darin gut arbeiten kann.

Geschäftsführung und Pflegedirektion betonten, dass sie die Akademisierung der Pflege ausdrücklich vorantreiben wollen – mit einem Pflegemanagement-Studiengang, eigenen Pädagog:innen für das Bildungszentrum und der Perspektive, in den nächsten Jahren mehr Pflegewissenschaftler:innen einzustellen. Eine feste Akademisierungsquote festzulegen, fanden sie schwierig; wichtiger sei der Weg „Stück für Stück auf dem Weg in die Moderne". Klar wurde aber auch die Reibung: Solange Pflege wie jeder andere Wirtschaftsbereich auf Profit getrimmt werde, könne es nicht funktionieren – ein Satz, der nachhallte. Und ein wunder Punkt blieb die abgeschaffte Pflegekammer in Schleswig-Holstein, deren Ende eine der Stimmen ausdrücklich für einen Fehler hielt.

Trotz aller Herausforderungen war die Grundstimmung erstaunlich zuversichtlich. Eine Geschäftsführerin fasste es so zusammen, dass es nicht überraschend kommt, aber gut tut, es aus dieser Position zu hören:

„Also, ich sehe die Pflege rosig. Es ist ein toller Beruf, der unheimlich viele Chancen und Entwicklung bietet." — Geschäftsführung der Regiokliniken

Was bleibt: Mut zur eigenen Bühne

Am Ende des Tages stand eine klare Botschaft, die sich durch alle Gespräche zog: „Ab in die Zukunft" heißt, dass die Pflege sich der Zukunft öffnen muss – nicht, um das Heute zu vergessen, sondern um sich darauf vorzubereiten. Gute Traditionen dürfen mitkommen, aber der Status quo ist kein Naturgesetz. Ob beim Jonglieren, im Kabarett oder in der Auseinandersetzung mit Kennzahlen: Immer ging es darum, ins Tun zu kommen, die eigene Haltung zu reflektieren und die Stimme zu erheben. Denn, da waren sich viele einig: Von außen wird die Veränderung nicht kommen. Wenn die Pflege ihr Selbstbewusstsein entwickelt und ihren Platz in der Gesellschaft einfordert, kann sie ihre Zukunft selbst gestalten – Schritt für Schritt, mit einem Ball nach dem anderen.

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