- Rund 40 % der über 65-Jährigen im Krankenhaus haben kognitive Einschränkungen.
- Sechs Merkmale machen ein demenzfreundliches Krankenhaus aus – von Kontinuität bis Personenzentriertheit.
- Wissen schafft Sicherheit und nimmt Stress aus der Versorgung.
- Menschen mit Demenz und Angehörige müssen in Forschung und Versorgung gehört werden.
- Vermeidbare Krankenhausaufenthalte beginnen schon vor der Aufnahme.
Stell dir vor, du bist über 80, leicht verwirrt, vielleicht ängstlich – und plötzlich landest du nach einem Sturz in der Notaufnahme. Lauter fremde Gesichter, ständig wechselnde Räume, Geräte, Hektik. Genau diese Situation erleben in Deutschlands Krankenhäusern jeden Tag unzählige Menschen mit Demenz. Wie ein Krankenhaus aussehen müsste, das diese Patient:innen nicht überfordert, sondern auffängt, darüber haben wir im Übergabe-Podcast mit zwei Expertinnen gesprochen: mit Christina Manietta vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und mit Melanie Feige vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Demenzfreundlich, demenzsensibel – worüber reden wir eigentlich?
Die beiden Begriffe werden in Deutschland weitgehend synonym verwendet. International hat sich eher „demenzfreundlich“ (dementia-friendly) durchgesetzt – ein Konzept, das weit über das Krankenhaus hinausreicht und etwa auch demenzfreundliche Kommunen meint. Die Weltgesundheitsorganisation versteht darunter vor allem eine unterstützende Umgebung für Menschen mit Demenz und ihre Familien, die Stigmatisierung entgegenwirkt. Wichtig ist: Der Begriff ist nicht geschützt. Jedes Krankenhaus darf sich demenzfreundlich nennen – ganz unabhängig davon, was es tatsächlich umsetzt.
Warum das Thema so drängt, hat viel mit dem demografischen Wandel zu tun. Demenz korreliert mit dem Alter, und die Bevölkerung wird älter – das merken Kliniken nicht nur an ihren Patient:innen, sondern auch am eigenen, älter werdenden Personal. Christina Manietta forscht im Projekt DEMfriendlyHospital in Kooperation mit der Universität Witten/Herdecke genau an der Frage, was ein solches Krankenhaus eigentlich auszeichnen sollte.
Eine unterschätzte Größenordnung
Wie viele Menschen das betrifft, zeigt eine epidemiologische Studie der Robert-Bosch-Stiftung: Rund 40 Prozent der Patient:innen über 65 Jahre weisen im Krankenhaus eine kognitive Einschränkung auf, etwa 20 Prozent eine gesicherte Demenzdiagnose. Allein im UKE – einem Haus mit rund 1.730 Betten und 3.500 Pflegefachpersonen – sind es im Schnitt etwa 155 Patient:innen mit kognitiven Einschränkungen pro Monat. Und das ist nur die sichtbare Spitze.
Denn ein großes Problem steckt schon in der Diagnostik. Viele Einschränkungen werden gar nicht erfasst oder erst im Verlauf des Aufenthalts bemerkt – etwa weil die Information bei einer Notfallaufnahme fehlt, keine Angehörigen dabei sind oder schlicht ein Screening fehlt. Auf einer Unfallchirurgie findet keine Differenzialdiagnostik statt; dort steht dann oft nur „Demenz, nicht näher bezeichnet“ in der Akte. Erschwerend kommt das Delir hinzu, das im Krankenhaus zusätzlich entstehen kann und mit einer Demenz eng verwoben ist.
„Eine Demenz ist einfach nicht sexy. Beim Delir habe ich noch eine Behandlung, da kann ich handeln – und genau da kommen dann auch die Mediziner:innen zur Fortbildung." — Melanie Feige
Selten kommt jemand wegen der Demenz
Fast nie ist die Demenz selbst der Grund für die Aufnahme. Meist sind es Sturzfolgen wie eine Oberschenkelhalsfraktur, eine Gehirnerschütterung, Infektionen wie Harnwegsinfekte oder Lungenentzündungen oder kardiologische Erkrankungen. Und in der Regel kommen die Betroffenen nicht geplant, sondern notfallmäßig über die Notaufnahme – also genau in der Situation, in der ihre besonderen Bedürfnisse am schwersten zu berücksichtigen sind.
Was passiert, wenn ein Krankenhaus diese Bedürfnisse ignoriert, ist gut belegt: Menschen mit Demenz erleben häufiger Stigmatisierung, verlieren an Selbstständigkeit, stürzen häufiger, entwickeln häufiger ein Delir und haben eine höhere Sterblichkeit als gleichaltrige Patient:innen ohne Demenz. Ein zentraler Faktor dabei ist Angst: Ältere Menschen mit Demenz befinden sich oft im Alarmmodus, weil sie das Geschehen um sich herum nicht einordnen können. Die typische „Reise durch die Klinik“ – von der Notaufnahme in den OP, in den Aufwachraum, auf die Station – verstärkt dieses Verlorensein und fördert Delirien.
Sechs Merkmale, die den Unterschied machen
In ihrer integrativen Literaturübersicht zu Merkmalen demenzfreundlicher Krankenhäuser hat das Projektteam sechs Charakteristika herausgearbeitet. Erstens: Kontinuität der Versorgung – gleiche Bezugspersonen, möglichst wenig Ortswechsel, Diagnostik nach Möglichkeit im Patientenzimmer und ein Informationsstand, den wirklich alle Beteiligten teilen. Zweitens: Personenzentriertheit, also eine Versorgung, die sich an der einzelnen Person und ihrer Biografie orientiert. Drittens: die Berücksichtigung der Demenz in allen Phänomenen – etwa angepasste Assessments bei der Schmerzerfassung oder eine bewusste Medikamentenauswahl mit Blick auf das Delirrisiko.
Viertens: eine an die Bedürfnisse angepasste Umgebung. Fünftens: eine echte Willkommenskultur für Angehörige, die bei Menschen mit Demenz einen ganz besonderen Stellenwert haben. Und sechstens: Mitarbeitende mit Wissen und Expertise – getragen von einer funktionierenden multiprofessionellen Zusammenarbeit. Praktische Hinweise dazu liefert auch der Praxisleitfaden für demenzsensible Krankenhäuser.
Wissen nimmt den Stress aus der Versorgung
Studien zeigen, dass Pflegefachpersonen die Versorgung von Menschen mit Demenz oft als belastend erleben: starre Strukturen, Zeitdruck, Personalmangel, Lautstärke und Hektik – all das steht im Widerspruch zu dem, was diese Patient:innen brauchen, nämlich Individualität, Beziehungsaufbau und Ruhe. Melanie Feige beobachtet aber etwas Entscheidendes: Wer das Krankheitsbild versteht und auch die eigene Verfasstheit reflektiert, geht ganz anders in die Interaktion. Sie nennt es „Affektansteckung“ – sie wirkt in beide Richtungen. Wenn sie gestresst ins Zimmer kommt, gestaltet sich der gesamte Pflegeprozess schwieriger.
„Wenn verstanden ist, dass ich nicht alles lösen kann – ich kann sie nicht überzeugen, dass ihre Mutter nicht mehr da ist, aber ich kann sie begleiten –, dann ist schon sehr viel gewonnen." — Melanie Feige
Wissen schafft also Sicherheit, und Sicherheit nimmt den Stress. Genau hier setzt das UKE seit 2011 mit seinen Demenzmentor:innen an. Über 70 Pflegefachpersonen wurden inzwischen qualifiziert; sie sind direkt auf ihren Stationen verankert und wirken als Multiplikator:innen. Sie haben im Blick, welche Beschäftigung möglich ist, achten auf Orientierung – etwa durch WC-Piktogramme – und beziehen Angehörige ein. Und sie ebnen Wege im Team: ein Hinweis an die Ärztin, ob die Untersuchung nicht später am Tag stattfinden könnte, oder die Anregung, einen Bedarf an Schmerzmitteln fest anzusetzen, statt vorschnell zu beruhigen.
Kleine Hilfsmittel, große Wirkung
Zwei Beispiele machen deutlich, wie wenig es manchmal braucht. Tast- und Fühlkissen geben Menschen mit Demenz etwas in die Hand – statt dass sie unbeabsichtigt nach Dingen greifen, die sie nicht greifen sollen. Und der „About-Me-Bogen“, eine Idee aus Großbritannien, hält auf wenigen Zeilen biografische Informationen fest: kein Kaffee am Morgen, das gewohnte Rasierwasser, vertraute Rituale. Für Angehörige – die oft selbst über 80 sind – ist das eine enorme Entlastung, und es erspart viele besorgte Anrufe. Solche Maßnahmen kosten kaum Zeit, schaffen aber Bindung und einen besseren Verlauf.
Im Podcast entspann sich an dieser Stelle eine spannende Debatte: Sind solche Gesten nur ein „So-lala“, weil ohnehin das Personal fehlt? Klar wurde – nein. Eine Patientin bewusst, langsam und mit ihrem Namen anzusprechen, ihr mehrfach am Tag das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, das ist keine Trivialität, sondern Kern guter Pflege. Das eigentliche Problem ist nicht die Maßnahme, sondern dass sie aus Zeitnot oft unterbleibt. Und weil das Patientenklientel sicher größer wird, lohnt sich die Frage, ob man sich nicht gezielt besser aufstellen sollte – auch, um effizienter zu arbeiten.
Eine Station, ein Haus – oder das ganze System?
Manche Häuser setzen auf einzelne demenzfreundliche Stationen, andere auf das gesamte Krankenhaus. Das Problem: Menschen mit Demenz finden sich quer durch alle Fachabteilungen, gerade in der Unfallchirurgie und der inneren Medizin. Eine einzelne Station kann nur wenige von ihnen aufnehmen. Geriatrien wären prädestiniert – doch ausgerechnet die meisten Universitätskliniken haben gar keine Geriatrie. Erschwerend kommen lange Wege und die Notwendigkeit hinzu, alle Fachdisziplinen vorzuhalten. Eine Idee, die Melanie Feige zumindest in größeren Häusern für denkbar hält: dass mehr Untersuchungen zum Patienten kommen statt umgekehrt.
Genau deshalb plädieren beide Expertinnen dafür, größer zu denken. Demenzfreundlichkeit endet nicht an der Krankenhauspforte. Viele Aufenthalte ließen sich vermeiden – durch bessere ambulante Strukturen, durch Konzepte wie „Hospital at Home“ oder durch eine engere Verzahnung mit vor- und nachstationären Akteur:innen. Auch die familiale Pflege, die früh fragt, wie es nach der Entlassung weitergeht, ist hier ein wertvoller Baustein. Denn das Versorgungsproblem nach der Entlassung – fehlende Kurzzeitpflegeplätze, der „Drehtüreffekt“ – ist eines der drängendsten Themen überhaupt.
Ein Thema für das ganze Team – und für die Chefetage
Auffällig: In den Interviews mit professionellen Demenzexpert:innen stammten die meisten aus der Pflege, nicht aus der Medizin. Demenz im Krankenhaus wird oft als pflegerisches Thema behandelt, während Mediziner:innen ihre Routinen beibehalten – die Oberschenkelhalsfraktur wird behandelt, die Demenz ausgeklammert. Dabei brauchen Pflegefachpersonen ärztliche Unterstützung, etwa um eine Untersuchung zu verschieben oder die Schmerztherapie anzupassen. Dieser interdisziplinäre Blick gelingt am ehesten in geriatrischen Settings.
Ein wichtiger Hebel: Die Entscheidung muss von ganz oben getragen werden. Wird das Thema nur „unten“ bespielt, entsteht Frust, weil Pflegefachpersonen zwar wissen, wie es besser ginge, aber keine Strukturen vorfinden. Rückenwind gibt die Nationale Demenzstrategie, die auch Krankenhäuser ausdrücklich in die Pflicht nimmt. Eine echte Zertifizierung für demenzfreundliche Krankenhäuser gibt es in Deutschland allerdings noch nicht – das Uniklinikum Münster etwa hat sich nach DIN ISO zertifizieren lassen, was aber vor allem Prozesse betrifft.
Forschung, die zuhört
Das Projekt DEMfriendlyHospital, gestartet 2020, bringt verschiedene Perspektiven zusammen: zunächst die Literatur, dann Interviews mit professionellen Expert:innen – und schließlich, was besonders wertvoll ist, mit Menschen mit Demenz selbst und mit Angehörigen. Ziel ist eine Art Rahmenkonzept (Framework) für die Praxis. Dass man die Betroffenen direkt befragt, ist Teil einer partizipativen Forschung, die international zunehmend eingefordert wird – auch von Menschen mit Demenz selbst.
Die Interviews sind methodisch anspruchsvoll und verlaufen sehr unterschiedlich – manchmal ausführlich, manchmal nur in einzelnen Worten. Doch fast immer geht es um dieselben Kerne: Beziehung, Menschlichkeit, Freundlichkeit, das Gefühl, als Mensch gesehen und nicht stigmatisiert zu werden. Und ein Eindruck zieht sich durch: Die Befragten freuen sich, dass sie überhaupt gefragt werden.
„Alle, die ich bisher interviewt habe, haben sich gefreut, dass sie mal gefragt wurden – dass sie etwas teilen können und dass man sie hört." — Christina Manietta
Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Herbst 2022 lief die Datenerhebung noch. Schwieriger als gedacht gestaltete sich übrigens die Suche nach Angehörigen – schlicht, weil viele von ihnen maximal belastet sind und oft mehrere Pflegesituationen gleichzeitig stemmen. Genau diese Angehörigen sind es aber, die durch Beschwerden und Nachfragen den Druck auf Krankenhäuser erhöhen, etwas zu verändern. Wer sie und die Erkrankten ernst nimmt, versteht auch, warum bestimmtes Verhalten entsteht – und kann besser darauf reagieren.
Zum Weiterhören
- ÜG131 – Demenz- und delirsensibles Krankenhaus (CrossOver mit Aufnahmegespräche)
- ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)
- ÜG103 – Dementia Care Mapping (Dr.in Iris Hochgraeber)
Shownotes zur Folge
- Infos zu Christina Manietta (dzne.de)
- Infos zu Melanie Feige (uke.de)
- Projekt DEMfirendlyHospital (dzne.de)
- Characteristics of dementia-friendly hospitals: an integrative review (biomedcentral.com)
- Leitfaden demenzsensibles Krankenhaus (bosch-stiftung.de)
- Demenz im Allgemein krankenhaus – Ergebnisse einer epidemiologischen Feldstudie (bosch-stiftung.de)
- A systematic review of interventions to improve acute hospital care for people with dementia (sciencedirect.com)
- Blickwechsel Demenz (Paritaet-nrw.org)
- Arbeitsgruppe Menschen mit demenziellen Einschränkungen im Krankenhaus (Gesundheit-nds.de)
- Nationale Demenzstrategie (nationale-demenzstrategie.de)
