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Diese Episode erschien am 10.12.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Nur rund 20 Prozent der Pflegenden in Deutschland sind Männer.
  • Gemischte Teams arbeiten oft ausgeglichener und vielfältiger.
  • Sichtbarkeit, Vorbilder und Mentoring sind zentrale Hebel.
  • Das Projekt liefert Betrieben konkrete Handlungsempfehlungen.
  • Fachlichkeit zählt – nicht das Geschlecht der Pflegeperson.

Pflege ist Frauensache? Diese Vorstellung hält sich hartnäckig – obwohl sie weder der Realität noch dem Bedarf entspricht. In dieser Episode der Übergabe spricht Christian Köbke mit zwei Männern, die genau das ändern wollen: Merlin Wenzel und Holger Hegermann. Ihr gemeinsames Projekt trägt den Namen MoMeDoCare – kurz für „Modern Men Do Care“. Es geht um mehr Männer in der Pflege, um Geschlechterrollen und letztlich um die Frage, wie vielfältige Teams die Versorgung besser machen.

Modern Men Do Care: Wer steckt dahinter?

Merlin Wenzel hat in Bremen Public Health studiert und anschließend einen Master in Prävention und Gesundheitsförderung gemacht. Zum Zeitpunkt der Aufnahme leitete er das Projekt bei der Gesundheitswirtschaft Nordwest – einem Verein, der ein breites Netzwerk aus Krankenkassen, Kliniken, Hochschulen und Gesundheitsinitiativen in der Metropolregion Bremen-Oldenburg bündelt und gesundheitswirtschaftliche Projekte anstößt. Holger Hegermann ist Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes in Bremen, der rund 250 Mitarbeitende beschäftigt – darunter überdurchschnittlich viele Männer. Sein Anreiz, beim Projekt mitzumachen, war einfach: Er wollte wissen, was sein Betrieb noch besser machen kann.

Initiiert wurde das Projekt im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege des Bundesgesundheitsministeriums, das auch als Fördermittelgeber auftrat. Eine eigene Ausschreibung zielte explizit darauf, mehr Männer für die Pflege zu gewinnen. Aus dem ursprünglich pragmatischen Anliegen, dem Fachkräftemangel mit allen Mitteln zu begegnen, entwickelte sich schnell eine viel grundlegendere Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen.

20 Prozent – und warum das zu wenig ist

Rund 20 Prozent der Pflegenden in Deutschland sind Männer. Holger Hegermanns Pflegedienst liegt darüber, in einer Filiale erreicht er sogar etwa 30 Prozent – für die ambulante Pflege ein hoher Wert. Doch warum sind es im Schnitt so wenige? Die Antwort liegt zum großen Teil in der Geschichte des Berufs. Bis etwa 1970 war Pflege in Deutschland faktisch ein reiner Frauenberuf – Männer durften ihn schlicht nicht ausüben. Diese Prägung wirkt bis heute nach, von der Berufsorientierung in den Schulen über das gesellschaftliche Prestige bis hin zur Frage, wie Betriebe in der Öffentlichkeit auftreten.

Christian stellte die provokante Gegenfrage: Wer sagt eigentlich, dass 20 Prozent zu wenig sind? Für beide Gäste war die Antwort klar – angesichts des massiven Fachkräftemangels und einer alternden Gesellschaft braucht es jede helfende Hand. Und es spricht nichts dagegen, dass diese Hand auch einem Mann gehört.

„Am Ende muss die Fachlichkeit eine Rolle spielen. Es ist eigentlich egal, wer jemanden versorgt.“ — Holger Hegermann

Diversität macht Teams stärker

Dass ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis Teams guttut, ist nicht nur ein Pflege-Phänomen. Studienlage und Erfahrung zeigen über viele Branchen hinweg: Eine ruhigere Atmosphäre, vielfältigere Handlungsmöglichkeiten und ein bereichernder Austausch entstehen dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Das beginnt beim Geschlecht und reicht bis zu kultureller Vielfalt. Genau deshalb spricht das Projekt am Ende nicht nur von Männern, sondern von der Diversifizierung von Pflegeteams insgesamt.

„Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis führt dazu, dass Teams besser funktionieren und man von mehr Vielfalt profitiert.“ — Merlin Wenzel

Gerade die intime, körpernahe Arbeit in der Pflege birgt das Risiko, dass Tätigkeiten sexualisiert werden – ein Thema, das viele Männer am Anfang verunsichert und das man offen ansprechen muss. Hinzu kommt ein zweites Spannungsfeld: In großen, stark hierarchisch geprägten Einrichtungen wie Krankenhäusern finden sich Männer häufiger in den höheren, machtvolleren Positionen wieder – oder in technisch orientierten, oft besser bezahlten Bereichen wie dem OP. Würde man einfach „mehr Männer“ rekrutieren, ohne diese Strukturen mitzudenken, könnte sich genau dieses Ungleichgewicht verstärken. „Modern Men Do Care“ will deshalb Männer in die eigentliche, beziehungsorientierte Pflege bringen – auch als Gewinn für die Männer selbst, die starre Männlichkeitsbilder ablegen und sich in ihrer Identität weiterentwickeln können. Mehr über diesen Hintergrund findest du auch im Beitrag über mehr Männer für die Pflege.

Wer pflegt – und darf man sich das aussuchen?

Eine der spannendsten Passagen der Episode dreht sich um die Frage, ob das Geschlecht am Pflegebett überhaupt zählt. In Holger Hegermanns Pflegedienst wird Kund:innen bewusst nicht die Wahl gelassen: Es kommt einfach, wer eingeteilt ist – „um zwölf kommt Klaus-Peter zu Ihnen“. Damit setzt der Betrieb ein Zeichen und regt zum Nachdenken an. Ausnahmen macht er bei Menschen mit schweren biografischen Erfahrungen, etwa aus der Kriegsgeneration.

Christian hielt dagegen: Wer pflegebedürftig ist, befindet sich in einer Abhängigkeitsposition – Intimsphäre, Wunden, Nacktheit, die eigene Wohnung. Anders als beim Arzttermin oder beim Bäcker gibt es hier oft keine echte Wahlfreiheit mehr. Holger Hegermann verwies auf die reale Versorgungsknappheit: Wartelisten von zwei Monaten, kaum alternative Anbieter. Würde man jeden Geschlechterwunsch bedienen, müsste er womöglich Männer entlassen. Christian formulierte den Gegenpunkt klar: Das sei dann ein Problem des Betriebs – nicht der pflegebedürftigen Person.

Merlin Wenzel löste die Diskussion auf einer anderen Ebene: Warum muss Unbehagen überhaupt am Geschlecht festgemacht werden? Auch eine Frau kann unsympathisch sein, auch einem Mann kann man sich anvertrauen. Entscheidend sei, von der Sexualisierung wegzukommen und konkrete Probleme – etwa fehlendes Vertrauen zu einer bestimmten Person – ernst zu nehmen und zu bearbeiten, statt sie pauschal am Geschlecht aufzuhängen.

Geld allein lockt keine Männer

Liegt der Schlüssel nicht einfach in besseren Gehältern und Arbeitsbedingungen? Teilweise, sagen beide. Mit dem 2022 in Kraft getretenen Tariftreue-Gesetz hat sich bei der Bezahlung viel bewegt – in Holger Hegermanns Betrieb spielt Geschlecht bei der Vergütung ohnehin keine Rolle, es zählen Qualifikation und Berufserfahrung. Doch Bezahlung allein reicht nicht. Genauso wichtig ist das gesellschaftliche Prestige des Berufs, das oft nicht der Realität entspricht.

Denn wer sich als Mann für die Pflege entscheidet, erlebt im sozialen Umfeld noch immer Skepsis – von „Bist du dir sicher?“ bis zu abwertenden Sprüchen über das vermeintliche „Hintern abwischen“. In der entscheidenden Phase der Berufsorientierung, etwa in Schulen und Berufsberatungsstellen, ist die Aufklärung schlicht noch nicht angekommen. Auch der gut gemeinte Boys' bzw. Zukunftstag kann nach hinten losgehen, wenn Jungen dort zwar reinschnuppern, am Ende aber denken: „Ist ja toll – aber eben ein Frauenberuf.“

Vorbilder, Sichtbarkeit, Mentoring

Ein roter Faden zieht sich durch die ganze Episode: Es fehlt an Vorbildern. Fast alle befragten Männer kamen über persönliche Berührungspunkte – Familie, Bekannte – zur Pflege und ließen sich von Kommentaren nicht beirren. Genau hier setzt das Projekt an. Mehr Sichtbarkeit von männlichen Pflegenden erzeugt einen Sog, der weitere Männer nachziehen kann.

Praktisch bedeutet das: in Schulen gehen, mit Pflegeschulen kooperieren, den Beruf erfahrbar machen – etwa durch kleine Mitmach-Stationen auf Veranstaltungen. Innerhalb der Betriebe helfen Mentoring-Programme, bei denen erfahrene Kolleg:innen Auszubildende oder neue Mitarbeitende begleiten. Wichtig sei dabei, betont Merlin Wenzel: Es geht nicht darum, dass Männer ausschließlich von Männern betreut werden – das wäre ein Widerspruch zur Diversität. Es geht um Identifikationspotenziale. Wer im Team mindestens eine andere Person findet, mit der er sich identifizieren kann, bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit dabei.

Auch Holger Hegermanns Erfahrung mit einem Beschäftigungsprojekt für junge Männer – viele mit Migrationsgeschichte – zeigt, wie kraftvoll dieser direkte Kontakt wirkt: Plötzlich erkennen sie, dass Pflege Freude macht, dass man Menschen hilft und sich entwickeln kann. Diversität, das machen beide deutlich, hört nicht beim Geschlecht auf, sondern umfasst genauso unterschiedliche Kulturen und Herkünfte.

Drei Hebel: Öffentlichkeitsarbeit, Recruiting, Personalmanagement

Das Herzstück des Projekts ist eine Handreichung für Betriebe, gegliedert in drei Bereiche. In der Öffentlichkeitsarbeit geht es um Website und Social Media: Bilder, Texte und Logos werden daraufhin geprüft, ob sie unbewusst nur Frauen ansprechen. Vielfalt soll bewusst gezeigt werden – auch ein Mann, der eine Patientin umarmt oder die Hand hält. Beim Recruiting spielen Stellenanzeigen eine Schlüsselrolle: Begriffe wie Professionalität, Komplexität und aufgabenorientiertes Arbeiten machen sichtbar, dass Pflege ein anspruchsvoller Beruf mit Entwicklungsmöglichkeiten ist. Im Personalmanagement reichen die Ansätze von Mentoring über Prämienprogramme bis hin zu Digitalisierung – etwa eigene Apps und Diensthandys.

Ein besonders heikler Punkt sind die Wochenstunden: Eine schrittweise Absenkung der Vollzeit von 38 bis 40 auf 35 oder gar 30 Stunden könnte helfen, dass Menschen einen ganzen Erwerbsabschnitt in der Pflege verbringen. Das aber ist ein wirtschaftliches und politisches Thema, das ein einzelner Betrieb nicht stemmen kann – hier braucht es Strukturen und eine starke Interessenvertretung. Spannend: Wo Arbeitgeber flexibel, modern und zugewandt auftreten, finden sich oft automatisch sowohl mehr Fachkräfte als auch mehr Männer. Diese Beobachtung deckt sich mit der Erkenntnis, dass gemischte und diverse Teams als Bereicherung wahrgenommen werden.

„Pflegen kann jeder“ – Fluch und Segen eines Satzes

Holger Hegermann wünscht sich von der Politik klare Aufklärungskampagnen mit der Botschaft, dass jeder pflegen kann – egal ob Mann oder Frau. Christian widersprach pointiert: Pflegen kann eben nicht jeder, denn der Beruf setzt Bildung und fachliche Voraussetzungen voraus. Der Satz „Pflegen kann jeder“ habe dem Berufsstand in der Vergangenheit eher geschadet, weil er die Tätigkeit abgewertet hat. Beide Seiten waren sich am Ende einig: Pflege ist eine anspruchsvolle, fachlich fordernde Arbeit – und genau dieses Bild muss nach außen getragen werden, um Männer wie Frauen zu gewinnen. Mehr darüber, wie das Projekt diese Ziele verfolgte, lässt sich auch in der Berichterstattung über das Vorhaben, mehr Männer für den Pflegeberuf zu gewinnen, nachlesen.

Was vom Projekt bleibt

Das auf 18 Monate angelegte Projekt näherte sich zum Aufnahmezeitpunkt seinem Ende, eine Abschlussveranstaltung war für den 9. März 2023 in hybrider Form geplant. Grundlage der Handreichung waren eine internationale Literaturrecherche, Einzelinterviews mit männlichen Pflegenden, eine wissenschaftlich begleitete Gruppendiskussion sowie eine Pilotierung in mehreren Betrieben. Für die Beteiligten war ein zentrales Ergebnis: Viele Einrichtungen machen bereits einiges richtig – und der größte Wert liegt darin, sich kontinuierlich mit Themen wie Geschlecht, Kultur und Vielfalt auseinanderzusetzen. Holger Hegermanns Betrieb etwa zog daraus den Impuls, die eigene Social-Media-Arbeit zu professionalisieren.

Die Handreichung richtet sich klar an die Arbeitgeber selbst: Sie sollen mit konkreten Maßnahmen Handlungsspielraum gewinnen und nachhaltige Strukturen aufbauen – individuell zugeschnitten auf ambulante Pflege, stationäre Altenpflege oder Krankenhaus. Ob ein Anschlussprojekt folgt, das die Wirkung der Maßnahmen langfristig evaluiert, war zum Aufnahmezeitpunkt noch offen. Klar ist: Mehr Männer in der Pflege sind kein Selbstzweck, sondern ein Beitrag zu vielfältigeren Teams und besserer Versorgung – und am Ende zählt nicht das Geschlecht, sondern die Fachlichkeit und die Lust, für Menschen da zu sein.

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