- Dementia Care Mapping bildet Wohlbefinden und Verhalten von Menschen mit Demenz detailliert ab.
- Im Zentrum steht die personenzentrierte Haltung nach Tom Kitwood.
- Beobachtet wird alle fünf Minuten in 23 Verhaltenskategorien plus Affekt und Kontakt.
- Aus den Daten entsteht ein Feedback mit gemeinsam entwickeltem Handlungsplan.
- DCM macht Pflegekompetenz sichtbar und stärkt die Professionalisierung.
Wenn Beobachtung zur Landkarte wird
Stell dir vor, jemand setzt sich vier Stunden lang unauffällig in eine Ecke des Gemeinschaftsraums und schreibt minutiös auf, was du tust, wie es dir dabei geht und wie die Menschen um dich herum mit dir umgehen. Genau das passiert beim Dementia Care Mapping – kurz DCM. Es ist ein Verfahren, das den Alltag von Menschen mit Demenz aus deren Perspektive sichtbar macht. Nicht um zu kontrollieren, sondern um zu verstehen, wo Pflege besser werden kann. Dr.in Iris Hochgraeber erläutert im Übergabe-Podcast, was dahintersteckt, warum sie selbst seit über zehn Jahren regelmäßig in Einrichtungen sitzt und mappt – und weshalb das Ganze am Ende viel mit Haltung zu tun hat.
Von der Pflegewissenschaft zur Beobachterin am Wohnzimmertisch
Iris Hochgraeber ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, hat an der Universität Witten/Herdecke Pflegewissenschaft studiert, dort promoviert und arbeitet seit 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Witten. Schon früh im Studium absolvierte sie ihren ersten Basic-User-Kurs – ein Angebot, das sich gezielt auch an Forschende richtet, weil mit DCM immer wieder Studien durchgeführt werden, die Wissenschaftler:innen das Instrument aber oft nicht gut genug kennen. Für ihre Masterarbeit untersuchte sie damit eine Betreuungsgruppe, machte den Aufbaukurs und kam über einen sogenannten Interrater-Abgleich zu einem Träger, für den sie seither nebenberuflich bis zu acht Beobachtungen im Jahr durchführt.
Diese Doppelrolle – Wissenschaftlerin und Praktikerin am Wohnzimmertisch – prägt ihren Blick. Interessanterweise legt sie ihren Doktortitel im Feedback ganz bewusst ab, weil sie nicht abschrecken, sondern Zugang finden will. DCM kennt vier Ausbildungsstufen: Basic User, Advanced, Evaluator und Trainer:in. Der Basiskurs umfasst inzwischen zweimal zwei Tage – mit einer Praxisphase dazwischen, in der die Teilnehmenden das Gelernte in der eigenen Einrichtung erproben und ihre Ergebnisse anschließend gemeinsam reflektieren.
Was steckt hinter dem Kürzel DCM?
Dementia Care Mapping ist ein Beobachtungsverfahren, das Tom Kitwood und Kathleen Bredin Ende der 1980er-Jahre an der University of Bradford entwickelt haben. Dahinter steht der personenzentrierte Ansatz: Nicht die Krankheit oder die Aufgabe steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Kitwood fehlte damals ein Instrument, um diese Haltung in der Praxis abzubilden und zugleich einzuführen – und genau das leistet DCM seither in mehreren, immer wieder angepassten Versionen.
Der DCM-Zyklus folgt einer klaren Logik: Zuerst die Beobachtung, dann das Feedback an das Team, anschließend ein gemeinsam erstellter Handlungsplan, der umgesetzt und am Ende erneut beurteilt wird. Beim Beobachten selbst richtet sich der Blick auf drei Ebenen: erstens das Verhalten der Bewohner:innen, also was sie tun. Zweitens ihr Wohlbefinden – wie es ihnen dabei geht, ausgedrückt über Affekt und Kontakt. Und drittens die Interaktion zwischen Mitarbeitenden und Bewohner:innen, in der sich die vorherrschende Haltung zeigt: personenzentriert oder eher aufgabenorientiert.
„Map heißt es deswegen, weil man eine Art Landkarte zeichnet von dem, was den Menschen in dieser Einrichtung ausmacht: Was macht er den ganzen Tag, was erlebt er dort – und wie geht es ihm dabei?" — Dr.in Iris Hochgraeber
Vier Stunden, fünf Menschen, ein Eck im Raum
Wie läuft so eine Beobachtung konkret ab? Iris Hochgraeber kommt – beim Träger, für den sie arbeitet, bewusst unangekündigt – in eine Einrichtung, wendet sich an die Leitung und lässt sich einen Wohnbereich zuweisen. In Absprache mit der zuständigen Pflegefachperson werden meist fünf Menschen mit Demenz ausgewählt; möglich sind vier bis acht. Je mehr Personen, desto komplexer wird die Sache. Beobachtet wird ausschließlich im Gemeinschaftsraum, niemals in Privaträumen oder bei der Körperpflege. Sie stellt sich kurz vor, damit sich niemand wundert, und setzt sich dann möglichst unauffällig in eine Ecke – um die Situation so wenig wie möglich zu verändern.
Vier Stunden gelten dabei als Minimum, um überhaupt belastbare Aussagen treffen zu können; sechs bis acht Stunden wären besser. Dass das anstrengend ist, verschweigt Hochgraeber nicht: Wenn viel gleichzeitig passiert – jemand kommt neu in den Raum, das Frühstück läuft, mehrere Gespräche überlagern sich –, raucht der Kopf. Zum Glück gibt es nach den Mahlzeiten meist ruhigere Phasen, in denen sich kurz durchatmen lässt.
Codes, Affekte und das stille Wohlbefinden
Warum braucht es dafür eine Ausbildung? Weil das Kodierverfahren komplex ist. Verhalten wird in 23 Kategorien erfasst, sortiert nach dem Alphabet: A steht etwa für die Interaktion mit anderen Menschen, B für passives Beteiligtsein wie Beobachten. Alle fünf Minuten entscheidet sich die Mapperin auf Basis eines umfangreichen Regelwerks für einen Code – und ergänzt ihn um den sogenannten ME-Wert für Mood and Engagement, also Affekt und Kontakt. Bewertet wird auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf, wobei plus eins das neutrale Niveau markiert.
Daneben füllt Hochgraeber ein zweites Blatt mit dem, was sie „qualitative Notizen" nennt: Was genau ist passiert? Gab es ein Gespräch? Blättert jemand intensiv in einer Zeitung und lässt sich nicht ablenken? Diese Notizen sind entscheidend, denn ein Code wie „A plus 1" sagt für sich genommen wenig aus. Erst die Beschreibung macht die Situation nachvollziehbar – und liefert später im Feedback die Beispiele, an denen das Team etwas erkennen kann. Spannend ist, dass Wohlbefinden nicht nur am Lächeln abzulesen ist: Körperhaltung, Tonfall, der Inhalt von Äußerungen und ein gutes Stück Empathie fließen in die Einschätzung ein. Ein zentraler Grundsatz dahinter: Ein aktives Verhalten ist fürs Wohlbefinden in der Regel besser als ein passives.
Vom Zettel zum Handlungsplan
Aus den Beobachtungen entsteht ein Feedbackbericht, der den Tagesablauf beschreibt und das durchschnittliche Wohlbefinden abbildet. Genau hier zeigt sich der praktische Wert von DCM. Hochgraeber nennt ein anschauliches Beispiel: Eine Bewohnerin, die günstig im Raum sitzt, wird beim Hereinkommen ständig angesprochen – ihr Wohlbefinden steigt sichtbar. Ein anderer Mensch ganz hinten in der Ecke bekommt kaum Kontakt. Solche Muster fallen erst durch das detaillierte Beobachten auf und führen zu konkreten Ableitungen: vielleicht eine andere Sitzordnung, vielleicht die bewusste Ansprache aller im Raum.
Fertige Handlungsempfehlungen gibt es bewusst nicht – Menschen sind zu individuell, als dass ein Wert automatisch eine Maßnahme nach sich ziehen könnte. Stattdessen verbindet Hochgraeber ihren Außenblick mit der Innensicht der Mitarbeitenden, die die Bewohner:innen viel besser kennen. So entstehen Maßnahmen gemeinsam, mal anlassbezogen für eine schwierige Situation beim Essen, mal als grundsätzliche Arbeit an der Haltung. Wer tiefer in die methodischen Hintergründe solcher Beobachtungsverfahren einsteigen will, findet im Journal für Qualitative Forschung in Pflege- und Gesundheitswissenschaft weiterführende Perspektiven.
Mäeutik und der Blick auf die Person
Der Träger, für den Hochgraeber tätig ist, hat vor rund zwanzig Jahren die Mäeutik als Pflege- und Betreuungsmodell eingeführt. Entwickelt wurde sie von Cora van der Kooij aus den Niederlanden – „Mäeutik" bedeutet Hebammenkunst. Im Zentrum steht der Kontakt zu anderen Menschen, der Umgang mit den Bewohner:innen. Das Modell ist sehr praxisnah und bringt eigene Methoden mit, etwa die mäeutische Bewohnerbesprechung oder ein Training on the Job. Um nachzuweisen, ob die Einführung der Mäeutik tatsächlich etwas verändert, entschied man sich für DCM – ein Instrument, das die Personenzentrierung immer wieder in den Vordergrund holt. In Deutschland wurde DCM maßgeblich von Christian Müller-Hergl etabliert; ausgebildet wird heute zentral über die Weiterbildungsstrukturen der Universität Witten/Herdecke.
Wenn das Team die Arme verschränkt
Wie reagieren Pflegefachpersonen darauf, plötzlich beobachtet zu werden? Anfangs durchaus mit Skepsis – manche wollen am liebsten sofort alle Diagnosen und Medikamente erklären, andere lehnen sich im Feedback erst einmal abwartend zurück. Hochgraeber begegnet dem mit Authentizität und vor allem mit Fragen: Wie haben Sie die Situation erlebt? Wie ist das an anderen Tagen? Und wenn doch einmal mitten in der Beobachtung hektisch eine zusätzliche Beschäftigungsrunde organisiert wird, weil „die DCM-Frau" ja da ist, ist das kein Beinbruch – auch dann bleibt die Interaktion der eigentliche Fokus, und mit Erfahrung erkennt man solche Effekte ohnehin.
„Wenn ich personenzentrierte Versorgung in den Vordergrund stellen will, dann muss auch mein Feedback personenzentriert sein. Wer hingeht und sagt: Das habt ihr alles falsch gemacht – so kann das niemand annehmen." — Dr.in Iris Hochgraeber
Wo das Instrument an Grenzen stößt
DCM kann nicht alles. Bei Menschen mit stark reduziertem Gesichtsausdruck ist das Wohlbefinden schwer einzuschätzen – hier wären videogestützte Feinanalysen geeigneter, weil sich Situationen wiederholt anschauen lassen. Beim Mappen dagegen gibt es keine Zeitlupe: Man sitzt in der Situation und muss sich entscheiden. Damit steht und fällt vieles mit der Kompetenz und Übung der beobachtenden Person. Hinzu kommen strukturelle Befunde, die sich nicht so leicht ändern lassen – etwa ein Durchgangsraum, in dem Lärm die Bewohner:innen unruhig macht. Genau deshalb hat Hochgraeber im Feedback gern eine Leitungsperson dabei, die solche Entscheidungen mittragen kann. Und schließlich: DCM ist aufwendig und teuer. Wer aber wirklich eine personenzentrierte Pflegekultur will, für den lohnt sich der Aufwand.
Eine berechtigte Frage bleibt der Transfer: Beobachtet werden fünf Personen, auf dem Wohnbereich leben aber vielleicht 35. Lässt sich daraus etwas Allgemeines ableiten? Hochgraebers Antwort: Aus den fünf Beobachtungen heraus arbeitet man heraus, was an Haltung und Umgang entscheidend ist – und vertraut darauf, dass Pflegefachpersonen diese Erkenntnis auf andere Bewohner:innen übertragen. Dass das gelingt, sieht sie über die Jahre selbst: Wo früher viel an grundsätzlicher Haltung zu tun war, geht es heute eher um die Feinheiten.
Mehr als Begrüßungen: ein Beitrag zur Professionalisierung
Macht DCM die Pflege professioneller? Eindeutig ja, findet Hochgraeber. Vieles, was das Verfahren anstößt, deckt sich mit dem Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz. Der entscheidende Vorteil: DCM kann hinterher abbilden, dass sich der Umgang verbessert hat – über die Zahl der personalen Aufwerter und Abwerter etwa, die positives oder negatives Verhalten von Mitarbeitenden in Unterkategorien erfassen. So wird Beziehungsqualität in gewissem Maße greifbar.
Gerade darin liegt für Hochgraeber der Kern. Während Pflegende genau wissen, wie eine Sturzprophylaxe oder Inkontinenzversorgung durchzuführen ist, fehlt für die Kompetenz „guter Umgang mit Menschen" oft jedes Instrument. DCM nähert sich genau dieser Fähigkeit an – und zwar aus der Perspektive der Bewohner:innen. Damit rückt es eine zentrale, oft unsichtbare Stärke der Pflege ins Licht. Wer die Verbindung zur Praxisentwicklung in der Pflege sucht, erkennt schnell, dass DCM weit mehr ist als ein Bewertungsraster: Es ist ein Werkzeug, um Pflege grundsätzlich neu zu denken.
„DCM holt in den Vordergrund, was Pflege eigentlich alles kann – das Wissen um den Umgang mit den Menschen. Das ist eine zentrale Eigenschaft von Pflegenden, um gute Versorgung zu leisten." — Dr.in Iris Hochgraeber
Am Ende bleibt der Eindruck, dass DCM ein anspruchsvolles, manchmal sperriges Instrument ist – aber eines, das deinen Blick verschiebt: weg von der Aufgabe, hin zum Menschen. Und genau dorthin, wo gute Pflege beginnt.
Zum Weiterhören
- ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz (Interview mit Prof. Dr. Martina Roes)
- ÜG072 – Praxisentwicklung in der Pflege (Prof.in Rebecca Palm & Sibylle Reick)
- ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser (Christina Manietta & Melanie Feige)
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes
- Informationen zu Dr.in Iris Hochgraeber
- Englische Wirksamkeitsstudie zur Frage: Kann DCM Agitation reduzieren: Surr, C. A., Holloway, I., Walwyn, R. E., Griffiths, A. W., Meads, D., Kelley, R., . . . Farrin, A. J. (2020). Dementia Care Mapping to reduce agitation in care home residents with dementia: the EPIC cluster RCT. Health Technol Assess, 24(16), 1-172. doi:10.3310/hta24160 (Dementia Care Mapping to reduce agitation in care home residents with dementia: the EPIC cluster RCT)
- deutscher Artikel zum DCM-Verfahren (nicht frei): Welling, K. (2010). Dementia Care Mapping ein Beobachtungsverfahren und seine Bedeutung für die Entwicklung einer person-zentrierten Pflegekultur. Unterricht Pflege(1), 10-16.
- deutscher Artikel zu Einstellungen zu DCM im Implementierungsprozess (nicht frei): Quasdorf, T., Halek, M., & Bartholomeyczik, S. (2020). Dementia Care Mapping (DCM): Entwicklung von Einstellungen zur Anwendung. QuPuG, 7(1). (Journal für Qualitative Forschung in Pflege- und Gesundheitswissenschaft (QuPuG))
- Link zur DCM-Ausbildung
- Mäeutik in der Pflege
