- Bundeseinheitliche Bildungsstrukturen gelten als Schlüssel für die Zukunft der Pflege.
- Das BIBB-Pflegepanel liefert erstmals belastbare Zahlen zur Akademisierungsquote.
- Die Pflegeassistenz bleibt ein heterogener Flickenteppich über 16 Bundesländer.
- Digitale Kompetenzen brauchen eigene Lernformate – auch für erfahrene Pflegende.
- Teilzeitausbildung kann neue Zielgruppen für die Pflege gewinnen.
Zwei Tage, ein Titel, der Programm war: „Bildung und Versorgung in der Pflege gemeinsam gestalten". Unter diesem Motto lud das Bundesinstitut für Berufsbildung mit seinem Arbeitsbereich Pflegeberufe zu seinem ersten großen Forschungskongress – mit Mikrofon und Aufnahmegerät war auch unsere Redaktion mittendrin. Das Programm war dicht: Keynotes, Forschungsprojekte und viele Gespräche am Rande. Der Kongress zeigte, wo die Pflegebildung in Deutschland gerade steht, woran geforscht wird und welche Fragen noch offen sind.
Bildung und Pflege – ein einziger Atemzug
Den Auftakt machte Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, mit ihrem Vortrag „Pflege braucht Bildung". Ihre Botschaft war unmissverständlich: Bildung sei das zentrale Element für die Pflege – und werde ihr seit Jahrzehnten vorenthalten. Seit 2009, so Vogler, beobachte man eine permanente Absenkung der Qualifikationsniveaus. Umso wichtiger sei es, jetzt nicht stehenzubleiben, sondern bundeseinheitliche Bildungsstrukturen tatsächlich umzusetzen. Sie spürt, dass der Bedarf in Ministerien und Ländern zunehmend ankommt – getrieben auch von der schlichten Not, den Beruf zukunftsfähig zu halten.
„Pflege und Bildung, das ist ein Atemzug. Wir brauchen bundeseinheitliche Bildungsstrukturen für die Pflege und müssen jetzt darüber diskutieren, wie wir es tatsächlich umsetzen." — Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats
Besonders am Herzen liegt ihr die Durchlässigkeit. Wer eine Ausbildung beginnt, soll wissen, dass später ein Bachelor oder Master möglich ist – ohne in einer Sackgasse zu landen. Dass die Sonderabschlüsse in der Alten- und Kinderkrankenpflege kaum gewählt werden, deutet sie als klares Signal: Junge Menschen wollen Anschlussfähigkeit. Dazu brauche es vernünftige Ausbildungsbedingungen, sinnvolle Ausbildungs- und Lehrendenschlüssel sowie attraktive Lernorte – ganz pragmatisch: ein vernünftiges Dach über dem Kopf.
Wenn der Nachwuchs ausbleibt
Auch Christel Bienstein, langjährige Stimme des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, gehörte zu den Keynote-Sprecherinnen. Sie schlug die Brücke vom demografischen Wandel zur Ausbildungsrealität: Der Rückgang der Auszubildenden hängt eben auch mit sinkenden Geburtenzahlen zusammen – und betrifft längst nicht nur die Pflege, sondern viele Berufe. Ihre nüchterne Rechnung: Um das Defizit auszugleichen, müsste rein rechnerisch fast jede zweite bis dritte Person in einem Gesundheitsberuf arbeiten. Das ist utopisch. Also muss man sich auf einen Mangel einstellen – und gleichzeitig die Ausbildungsqualität hochhalten. Genau hier verknüpfte Bienstein Forschung, Ausbildung und hochschulische Bildung miteinander: erweiterte Rollen wie Advanced Practice Nursing, Community Health Nursing oder School Nurses brauchen passende Bildungskonzepte.
Zahlen, die Politik bewegen: das BIBB-Pflegepanel
Wie sich aus einem unübersichtlichen Feld belastbare Daten gewinnen lassen, erläuterte Claudia, wissenschaftliche Mitarbeiterin am BIBB, die das BIBB-Pflegepanel mitbetreut. Das Panel ist die größte Befragung zur Pflegebildung in Deutschland: Über 6.000 Ausbildungseinrichtungen, Pflegeschulen und Hochschulen haben sich bereiterklärt, jährlich Auskunft zu geben. Der Clou ist der Längsschnitt – immer wieder ähnliche Fragen, damit sich Entwicklungen über Jahre nachzeichnen lassen, etwa zu Angebot und Nachfrage von Ausbildungs- und Studienplätzen.
Der Aufbau war eine echte Detektivarbeit: Es gab schlicht keine amtlichen Daten darüber, wie viele ambulante Dienste und Pflegeheime überhaupt ausbilden. Rund 35.000 Einrichtungen mussten erst ermittelt und telefonisch kontaktiert werden. Das Ergebnis ist für die Praxis direkt relevant: Erstmals konnte eine Akademisierungsquote bestimmt werden – und die liegt deutlich unter den Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Genau solche Kennzahlen sind die Grundlage für politische Entscheidungen, etwa zur Finanzierung der hochschulischen Ausbildung. Aus den abgefragten Unterstützungsbedarfen entstehen außerdem Handreichungen für Praxisanleitung und Lehrende – nachzulesen unter den Publikationen des Arbeitsbereichs.
Der Flickenteppich der Pflegeassistenz
Ein Thema zog sich durch den Kongress: die Pflegeassistenzberufe. Anke Jürgensen vom BIBB kennt die Landschaft wie kaum jemand sonst – sie hat sie kartiert. Ihre Übersicht zu den landesrechtlich geregelten Pflegehelfer- und Pflegeassistenzausbildungen zeigt ein erstaunlich buntes Bild: über 16 Bundesländer verteilt gab es zwischenzeitlich rund 26 bis 27 verschiedene Ausbildungen. Mit der generalistischen Ausbildung und den Paragrafen 11 und 12 des Pflegeberufegesetzes ist die Lage zwar geregelt, aber widersprüchlich: Auf eine Altersgruppe zugeschnittene Helferausbildungen sollen plötzlich auf eine generalistische Ausbildung anrechenbar sein.
Jürgensen warnte zudem vor einer reinen Tätigkeitslogik bei Personalbemessung und Untergrenzen. Ihr Beispiel: Eine subkutane Injektion bei einem langjährigen Diabetiker mit Pen ist etwas völlig anderes als die erste Injektion bei einem ängstlichen jungen Menschen mit Diabetes Typ 1. Wer Qualifikation nur an Tätigkeiten festmacht und nicht an der Komplexität der Situation, wird dem Versorgungsbedarf nicht gerecht. Die im Koalitionsvertrag angekündigte bundeseinheitliche Pflegeassistenzausbildung war zum Zeitpunkt des Kongresses noch nicht umgesetzt. Ihr Wunsch: zwei Jahre Dauer, die Möglichkeit zum höheren Schulabschluss und eine echte Anschlussfähigkeit an die dreijährige Ausbildung.
Akademische Pflege am Krankenbett
Wie akademisch qualifizierte Pflegeexpert:innen die direkte Versorgung verändern können, zeigte Verena von der Universität Köln. In ihrem Projekt geht es um eine Pflegeexpert:innenrolle für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Akutkrankenhaus. Vier Pflegefachpersonen wurden weitergebildet und starten auf Allgemeinstationen der Uniklinik – als sogenannte Change Agents, die personenzentrierte Pflege direkt am Bett vorantreiben. Ihr Argument für die Praxis: Leitungsaufgaben sollten geteilt werden, damit eine Stationsleitung nicht zugleich Personalmanagement und fachliche Führung in einer Person stemmen muss.
Moderiert wurde diese Session von Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen-Hoops, der die Debatte ins Große weiterdachte. Aus seiner Sicht braucht es eine Grundgesetzänderung, die Anerkennung pflegerischer Tätigkeiten als heilkundlich und vor allem eine klare Zielperspektive: Was bedeutet pflegerische Expertise in Deutschland eigentlich? Seine Studierenden, die als Bachelor-Absolvent:innen in der Pflege arbeiten, berichten ihm durchgehend, dass sie genau diese erweiterten Kompetenzen im Alltag gar nicht ausüben dürfen.
„Wir müssen dahin kommen, dass Pflegende mit erweiterten Kompetenzen von den Trägern ernst genommen und entsprechend eingesetzt werden – und dass sie die Handlungen, die sie vollführen, auch verantworten dürfen. Das ist längst noch nicht gegeben." — Prof. Dr. Wolfgang von Gahlen-Hoops
Bei einer Akademisierungsquote von rund 1,7 Prozent sind das, wie es im Gespräch hieß, noch dicke Bretter. Sein Appell an die Hochschulen: attraktive Studienprogramme schaffen und deutlich machen, dass man sich in der Pflege qualifizieren und gleichzeitig in der Pflege bleiben kann – statt wie früher aus ihr heraus zu studieren.
Digitale Kompetenzen – in fünf Minuten pro Tag?
Die Digitalisierung nahm auf dem Kongress viel Raum ein. Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler stellte den „Online-Campus Pflege" vor, ein online-gestütztes Weiterbildungsangebot zu digitalen Kompetenzen für beruflich Pflegende. Das Prinzip: kleine Lerneinheiten von fünf bis fünfzehn Minuten, die sich in Randzeiten erledigen lassen. Vermittelt werden nicht nur das Bedienen einzelner Technologien, sondern auch das Verständnis für ihre Komplexität – und vor allem die Kompetenz, reflektiert zu entscheiden, wann eine Technologie sinnvoll ist und wann eben nicht. Eine Kernfrage blieb dabei kritisch im Raum: Wer schafft die Zeit zum Lernen?
„Da müssen wir sensibel drauf gucken, damit Lernen nicht zu einem Freizeitvergnügen in der Pflege wird." — Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Universität Osnabrück
Einen ganz praktischen Ansatz verfolgt Prof. Dr. Roland Brühe von der Katholischen Hochschule NRW: Auszubildende sollen Weblogs nutzen, um Fachinformationen für betroffene Menschen aufzubereiten – etwa zu Diabetes bei Jugendlichen – und über die Kommentarspalten in einen beratenden Dialog zu treten. So wird Handlungskompetenz nicht für die Lehrkraft, sondern für echte Menschen erprobt. Dass dabei Datenschutz, IT-Abteilungen und rechtliche Grenzen eine Rolle spielen, gehört, wie er offen erzählte, zu den größeren Hürden des Projekts. Wer den Markt digitaler Anwendungen sortieren will, findet mit FiDiCare des Zukunftszentrums Brandenburg ein Orientierungswerkzeug, das Katja Pein vorstellte – eine Web-App, die Pflegeeinrichtungen hilft, zielgerichtet statt zufällig auszuwählen.
Ausbildung in Teilzeit – das unterschätzte Modell
Dass eine Pflegeausbildung auch in Teilzeit möglich ist, wissen die wenigsten – und genau das ist das Problem. Dr. Jannika Grunau von der Universität Osnabrück stellte das BIBB-Projekt zur Teilzeitausbildung vor. Aktuell wird nur gut ein Prozent der neuen Ausbildungsverträge in Teilzeit abgeschlossen, verteilt auf rund 70 bis 80 Schulen und etwa 600 Personen. Dabei eröffnet das Modell Menschen Zugänge, die sonst außen vor blieben: Eltern, pflegende Angehörige, ehrenamtlich Engagierte oder Personen, die parallel einen Sprachkurs besuchen. Die Gesamtstundenzahl bleibt gesetzlich vorgeschrieben, sie wird lediglich auf vier oder fünf Jahre gestreckt – zugunsten eines machbaren Alltags. Ihr Fazit: Wer Fachkräfte gewinnen will, braucht eine bedarfsorientierte Sicht darauf, wer überhaupt infrage kommt.
Weiterbildung ohne klare Landkarte
Wie unübersichtlich die Weiterbildungslandschaft ist, machte Dr. Katja Richter aus Magdeburg deutlich. In ihrem Projekt wurde der Status quo der pflegerischen Weiterbildung analysiert – mit ernüchterndem Ergebnis: Schon die Begriffe „Weiterbildung" und „Fortbildung" sind nicht trennscharf, die länderspezifischen Angebote unterscheiden sich in Dauer, Bezeichnung und Niveau. Als Schablone nutzte das Team den Deutschen Qualifikationsrahmen, in dem Weiterbildungen bislang gar nicht systematisch eingeordnet sind. Ihre Empfehlung: den DQR künftig als Orientierung bei der Konzeption von Weiterbildungen nutzen, um Transparenz, Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit zu schaffen.
Promovieren in 15 Minuten am Tag
Ein schöner Beweis dafür, dass dieser Kongress auch den wissenschaftlichen Nachwuchs im Blick hatte, war ein eigenes Forum für Promovierende. Marianne Rahner von der Universität Bremen berichtete von einem Workshop mit dem augenzwinkernden Titel, wie man seine Dissertation in 15 Minuten – am Tag – schreibt. Die Idee dahinter: jeden Tag dranbleiben, in kleinen Schritten, statt auf den großen freien Block zu warten. Ihr eigenes Promotionsthema – die Zusammenarbeit von Pflegelehrenden und Praxisanleitenden, um Evidence-Based Nursing besser in die Ausbildung zu bringen – brachte sie mit ansteckender Begeisterung auf den Punkt. Ihr Eindruck vom Kongress: In der Pflegelandschaft tut sich gerade wissenschaftlich viel, der Aufbruchswille ist groß. Wie all diese Projekte die konkreten Probleme der Pflege lösen, bleibt eine spannende Frage – aber man ist auf dem Weg.
Zum Weiterhören
- ÜG181 – Pflegepolitik und die Rolle der Pflege
- ÜG150 – Was steht auf der pflegepolitischen Agenda, Christel Bienstein?
- ÜG189 – BAPID - die neue Bildungsarchitektur für die Pflege
Weiterführende Links & Shownotes
In unserer neuen Folge berichten wir für Euch vom Forschungskongress „Bildung und Versorgung in der Pflege gemeinsam gestalten“ des Bundesinstituts für berufliche Bildung (BIBB). Wir haben mit Vortragenden und Gäst*innen über die aktuellen Themen der Bildung im Pflegebereich gesprochen. Ihr erfahrt mehr über die Chancen und Herausforderungen beispielsweise bei der Digitalisierung oder der Qualitätssicherung von Ausbildung und Studium.
