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Diese Episode erschien am 14.10.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • GeLebT fragt nicht, was krank macht, sondern was Trans* Menschen gesund hält.
  • Diskriminierung und Misgendering prägen den Kontakt zum Gesundheitswesen.
  • Es braucht Sensibilisierung, Fortbildung und strukturelle Veränderungen in Einrichtungen.
  • Das qualitative, partizipative Design gibt selten gehörten Stimmen Raum.
  • Ein Maßnahmenkatalog soll Pflegepraxis, Bildung und Politik erreichen.

Stell dir vor, du verschiebst einen Arztbesuch immer wieder – nicht, weil du keine Zeit hast, sondern weil du Angst hast, dort schlecht behandelt zu werden. Für viele Trans* Menschen ist genau das Realität. Hier setzt das Forschungsprojekt GeLebT an, über das Prof:in Dr:in Miriam Tariba Richter und Ray Trautwein am Rande des Deutschen Pflegetags berichteten. Die beiden forschen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg zu einer Frage, die in der Pflegewissenschaft bislang erstaunlich selten gestellt wurde: Was hält Trans* Menschen eigentlich gesund?

Eine Professur, die es so nur einmal gibt

Miriam Tariba Richter ist Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender und Migration – eine Kombination, die in der deutschen Pflegewissenschaft einmalig ist. Während sich einige Kolleg:innen schon länger mit den Themen Migration und Kultur beschäftigen, ist Gender ein vergleichsweise junges Feld. Das hat nichts damit zu tun, dass das Thema vorher keine Bedeutung gehabt hätte – es hat in den letzten Jahren schlicht mehr Präsenz und damit auch mehr Sichtbarkeit in der Forschung gewonnen. Dass ihre Professur explizit mit diesen beiden Begriffen ausgeschrieben wurde, ist ein Zeichen dafür, dass sich etwas bewegt.

Ray Trautwein bringt eine andere Perspektive mit: Bachelor in Soziologie und Gender Studies, Master in Gender Studies, vorher tätig in einem soziologischen Forschungsprojekt. Seit August 2021 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt GeLebT, das von Miriam Tariba Richter geleitet wird. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Herbst 2023 befand sich das Projekt im letzten Projektjahr und sollte planmäßig Ende Juni 2024 abgeschlossen werden.

Den Blick umdrehen: vom Krankmachenden zur Resilienz

Die Forschungslage ist eindeutig, auch wenn sie noch jung ist: Trans* Menschen erleben im Gesundheitswesen überdurchschnittlich viel Diskriminierung und Gewalt. Interaktionen mit Behandelnden werden häufig negativ erlebt – bis hin zu dem Punkt, an dem Menschen das Gesundheitswesen aus Angst vor Diskriminierung meiden, Behandlungen verschieben oder gar nicht erst in Anspruch nehmen. Die meisten belastbaren Daten dazu stammen bislang aus dem US-amerikanischen Raum, wo Trans* Menschen schon länger als vulnerable Zielgruppe anerkannt sind und Forschung staatlich gefördert wird. In Deutschland gab es lange vor allem aktivistische Forschung und Erfahrungsberichte, aber wenig valide, evidenzbasierte Ergebnisse.

Das Besondere an GeLebT: Das Projekt dreht den Blick bewusst um. Statt immer wieder zu fragen, was krank macht, lautet die Leitfrage, was Trans* Menschen gesund hält. Wo lässt sich Resilienz fördern? Welche Rahmenbedingungen und Lebenswelten müssten sich verändern, damit sie gesundheitsförderlich werden? Das ist ein Perspektivwechsel weg vom Pathologisierenden – und genau das macht das Projekt im internationalen Vergleich innovativ.

„Mal weg von diesem Pathologisierenden, was macht krank? Da gibt es auch sehr viel, vor allem Diskriminierung macht krank. Aber was hält Trans* Menschen gesund? Wo kann Resilienz gefördert werden?" — Prof:in Dr:in Miriam Tariba Richter

Übertragbar sind die internationalen Erkenntnisse durchaus auf den deutschen Kontext. Die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Transition unterscheiden sich zwar von Land zu Land. Aber wenn es um Gewaltstatistiken und Diskriminierungserfahrungen geht, zeigt sich weltweit ein ähnliches Bild – mit Unterschieden vor allem in der Häufigkeit.

Vier Zielgruppen, viele Stimmen

Um die Frage nach Gesundheitsförderung umfassend zu beantworten, befragte das Team vier Gruppen. Im Zentrum standen Trans* Menschen selbst, mit denen 36 episodische Einzelinterviews geführt wurden. Hinzu kamen Trans*-Expert:innen aus Wissenschaft und Beratung, Peer-Educator:innen, die Beratung auf Augenhöhe leisten, ohne professionell ausgebildet zu sein, sowie im Gesundheitswesen Tätige – vor allem Pflegefachpersonen, aber auch Mediziner:innen, Hebammen und Physiotherapeut:innen. Bei dieser letzten Gruppe ging es um die Frage, welches Wissen und welche Kompetenzen es braucht, um für das Thema sensibilisiert zu werden und die Gesundheit von Trans* Menschen aktiv zu unterstützen.

Warum ein qualitatives Design? Weil Zahlen zwar wichtig sind, aber Trans* Menschen ohnehin sehr viel Fremdbestimmung erleben – ihre Lebenswelt wird oft von außen definiert, durch Rahmenbedingungen, Vorurteile und Rollenerwartungen. Genau deshalb war es dem Team wichtig, ins Gespräch zu gehen und Raum für eigene Erzählungen zu schaffen.

„Sie zeigen vor allem die Stimmen derer, die halt voll oft nicht mitreden können, gerade in so wissenschaftlichen Kontexten." — Ray Trautwein

Die episodischen Interviews arbeiten mit zwei Frageebenen: semantische Fragen nach Bedeutung und Einschätzung sowie episodische Fragen, die konkretes Erfahrungswissen ansteuern. So konnten die Befragten selbst entscheiden, welche Situationen sie teilen möchten – etwa Erlebnisse mit Personal im Gesundheitswesen – und vor allem, wie sie damit umgegangen sind. Genau dieser Umgang mit schwierigen Situationen ist für die Frage nach Resilienz entscheidend. Ausgewertet werden die Interviews mit der dokumentarischen Methode nach Bohnsack.

Forschung auf Augenhöhe

Akquiriert wurde über Aufrufe in deutscher und englischer Sprache, gestaffelt nach Zielgruppen. Den Zugang zu Trans* Menschen ermöglichten sogenannte Gate-Opener – Organisationen und Akteur:innen mit einer transaffirmativen Haltung. Das ist mehr als eine Formalität: Wenn ein Aufruf über vertrauenswürdige Strukturen geteilt wird, müssen die Angesprochenen nicht befürchten, dass „wieder nur über sie geredet wird". Das Team arbeitet teilpartizipativ, mit einem Projektbeirat aus Community und Fachkreisen, der kritisch begleitet und reflektiert. Und es ist mehrheitlich trans besetzt – ein Bezug zum Thema, der in der Wissenschaft leider noch nicht selbstverständlich ist.

Partizipation heißt hier auch, dass Teilnehmende sich einbringen können – schon in der Interviewsituation, in der ihre Vulnerabilität ernst genommen wird, aber auch in geplanten Workshops in der Abschlussphase. Dort sollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse gemeinsam darauf abgeklopft werden, was es braucht, um sie in die Praxis zu bringen.

Was die Daten zeigen

Auch wenn die Auswertung der Einzelinterviews zum Zeitpunkt des Gesprächs noch lief, kristallisierten sich klare Themen heraus. Das ernüchterndste zuerst: Der bisherige Forschungsstand ist nach wie vor brandaktuell. Die Probleme bestehen fort. Es fehlt im Gesundheitswesen weiterhin an Fachwissen und Sachkompetenz – und an der grundlegenden Haltung, benachteiligte Gruppen nicht als homogene Masse, sondern als Menschen mit vielfältigen Bedarfen wahrzunehmen.

Konkret berichteten Menschen, sich in therapeutischen Settings oder bei Hausärzt:innen ausgeliefert zu fühlen, abhängig zu sein und ständig etwas beweisen zu müssen – ihre Identität ebenso wie ihren Leidensdruck. Bevor man überhaupt über Gesundheitsförderung sprechen kann, herrscht in der Versorgung also vielerorts noch Baustelle. Und selbst dort, wo Gesundheitsangebote existieren, sind sie für Trans* Menschen oft nicht zugänglich. Nicht, weil die Tür verschlossen wäre, sondern weil sie nicht transsensibel gestaltet sind: Gibt es im Sportverein eine Toilette, die ich nutzen kann? Wird meine Geschlechtsidentität anerkannt? Trau ich mich auf Arbeit, geoutet zu sein – oder hat das Konsequenzen für meine Karriere? Und was, wenn ich in der Pflege rund um die Uhr auf Betreuung angewiesen bin und mich oute?

Ein wiederkehrendes Thema ist auch das binäre Denken in Institutionen. Zimmeraufteilungen im Krankenhaus sind ebenso wie Toiletten häufig zweigeschlechtlich angelegt. Was passiert, wenn eine nonbinäre Person aufgenommen wird? Hinzu kommt Misgendering im Alltag. All das ist Diskriminierung – und die ist, auch wenn sie nicht direkt Gesundheitsförderung betrifft, in jedem Fall der Gesundheit abträglich. Umgekehrt heißt das: Antidiskriminierung ist per se gesundheitsförderlich.

Individuelle Haltung trifft auf strukturelle Veränderung

Eine zentrale Erkenntnis: Transsensible Versorgung lässt sich nicht auf die einzelne Pflegefachperson abwälzen. Sie braucht beides – die Ebene der persönlichen Interaktion und die strukturelle Ebene. In der direkten Begegnung können Pflegefachpersonen eine Offenheit für geschlechtliche Vielfalt einnehmen, sich um einen diskriminierungsfreien Umgang bemühen und individuelle Bedürfnisse anerkennen. Aber das reicht nicht. Institutionen müssen sich überlegen, wie sie generell mit Vielfalt umgehen: von Anmeldeverfahren, die keine normativen Kategorien bedienen, bis hin zur Frage der Zimmer- und Toilettengestaltung. Und das betrifft längst nicht nur das Thema Trans*, sondern alle Vielfaltsdimensionen.

Was sich aus den 36 Interviews quer durch die Republik – von der Großstadt bis aufs Dorf, in Ost wie West – zeigt: Die Versorgungsmöglichkeiten unterscheiden sich, die grundlegenden Probleme aber ähneln sich überall. Wer zusätzlich andere Diskriminierungsformen erlebt, ist oft mehrfach belastet.

Bildung als Hebel

Ganz oben auf der Liste möglicher Maßnahmen stehen Sensibilisierung und Bildung. Es braucht Fort- und Weiterbildungen rund um Trans* und geschlechtliche Vielfalt – und das Thema muss in die Pflegeausbildung. Anknüpfungspunkte gibt es bereits: Über das Pflegeberufegesetz und die Rahmenpläne für die Pflegeausbildungen sind erste Spuren gelegt, die sich gut aufgreifen lassen. Was oft fehlt, sind Pflegelehrende, die das Thema vermitteln können – auch sie brauchen zunächst Kompetenzunterstützung, bevor es in Ausbildung und Weiterbildung ankommt.

Gute Grundlagen existieren bereits. Das Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt kommt etwa in Altenpflegeeinrichtungen zum Einsatz und arbeitet mit der Community zusammen, teils mit trans Dozierenden. Wichtig ist beiden: Die Verantwortung darf nicht einseitig auf Trans* Menschen abgewälzt werden. Es gibt fundiertes Material, etwa vom Bundesverband Trans*, das wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungswissen verbindet. Entscheidend ist, dass dieses Wissen die Lernenden auch erreicht und dass verschiedene Wissensformen – Rahmenplan, Wissenschaft und Erfahrungsberichte – anerkannt werden. Dann können auch cisgeschlechtliche Personen gute Aufklärungsarbeit leisten.

Vom Maßnahmenkatalog in die Praxis

Am Ende des Projekts soll nicht nur Wissenschaft stehen, sondern ein Maßnahmenkatalog mit Handlungsempfehlungen für im Gesundheitswesen Tätige. Adressat:innen sind zunächst die finanzierende Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dann aber auch Fachwissenschaft, Community, Pflegepraxis und Pflegebildung. Genau hier liegt allerdings die ehrlich benannte Schwachstelle vieler Projekte: Sie enden oft genau dort, wo es spannend wird – beim Transfer in die Praxis. Stellen laufen aus, der Katalog droht in der Schublade zu landen.

Der Wunsch für die Zukunft ist deshalb klar: ein Anschlussprojekt, das Umsetzung und Evaluation leistet, politische Anerkennung der evidenzbasierten Ergebnisse – und Player, die den Finger drauflegen. Denn Wissenschaft kann etwas bereitstellen, umsetzen müssen es andere. Immerhin: Das Thema verschwindet nicht. Über den primärqualifizierenden Pflegestudiengang an der HAW Hamburg etwa, in dem ein ganzes Modul Diversity das Thema Trans* aufgreift, wird es weiter multipliziert.

Dass der Bedarf real ist, zeigte sich auch beim Deutschen Pflegetag: In einem Workshop mit der jungen Pflege diskutierten rund 30 Pflegefachpersonen mit großem Interesse, was es an Sach-, Sozial- und struktureller Kompetenz braucht. Wirklich Neues kam dabei nicht heraus – aber die Ergebnisse aus den Fokusgruppen wurden bestätigt. Besonders deutlich wurde der Ruf nach mehr diversitätssensibler Bildung und nach Kommunikationskompetenz. Und vor allem: Die Bereitschaft ist da. Wenn Menschen aus der Pflege selbst sagen, dass ihnen genau dieses Wissen fehlt, ist das die beste Voraussetzung für echte Lern- und Verlernprozesse.

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Weiterführende Links & Shownotes

In dieser Folge sprechen wir mit ProfIn DrIn Miriam Tariba Richter und Ray Trautwein von der HAW Hamburg über ihr Forschungsprojekt "GeLebT - Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans* Menschen". Hierbei schauen wir auf den Hintergrund sowie das methodische Vorgehen des Projekts. Zusätzlich erhaltet Ihr Einblicke in vorläufige Ergebnisse.

Shownotes