🗓️
Diese Episode erschien am 01.04.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
💡
Das Wichtigste in Kürze
  • FAMOUS erprobt Advanced Practice Nurses mit Masterabschluss in neun Hausarztpraxen.
  • APNs versorgen multimorbide Patient:innen mit mindestens drei chronischen Erkrankungen.
  • Sie verbinden klinische Einschätzung, Beratung und Alltagsbewältigung statt reiner Organisation.
  • Ziel ist weniger Notfallkontakte und mehr Stabilität in der Häuslichkeit.
  • Externe Evaluation der Unimedizin Mainz, Abschlussbericht Ende 2024 geplant.

Stell dir vor, du verlässt seit einem Jahr nicht mehr dein Haus. Nicht, weil du es nicht willst – sondern weil dein Sauerstoffgerät am Stromkabel hängt und du damit nicht vor die Tür kommst. Genau in solchen Situationen setzt ein Projekt aus Rheinland-Pfalz an, über das Prof. Dr. Renate Stemmer und Sophie Petri im Übergabe-Podcast gesprochen haben: FAMOUS – die fallbezogene Versorgung multimorbider Patient:innen durch Advanced Practice Nurses in der Hausarztpraxis.

Wenn der Hausarzt in Rente geht und niemand nachkommt

Der Ausgangspunkt ist ein Problem, das viele kennen: Hausärzt:innen werden knapp. Schon 2022 hatten in Rheinland-Pfalz über 60 Prozent der Hausärzt:innen das rentenfähige Alter erreicht. Wenn Praxen schließen und keine Nachfolge finden, steigt der Druck auf die verbliebenen Praxen – und Menschen mit eingeschränkter Mobilität fallen schlicht aus der Versorgung heraus. Gleichzeitig wird die Bevölkerung älter und kränker: Bis zu 95 Prozent der über 65-Jährigen haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig.

Genau hier setzt FAMOUS an. Das Projekt unter Leitung der Katholischen Hochschule Mainz erprobt, ob akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen die Versorgung multimorbider Menschen verbessern können – also von Patient:innen ab 18 Jahren mit mindestens drei chronischen Erkrankungen. Manche von ihnen bringen nicht nur drei, sondern zehn, fünfzehn oder mehr Diagnosen mit. Finanziert wird das Ganze über den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses, dessen Mittel überwiegend aus den gesetzlichen Krankenkassen stammen.

APN ist mehr als ein neuer Name

Vor dem Blick in die Praxis lohnt ein Wort zur Berufsgruppe selbst. Advanced Practice Nurses sind Pflegefachpersonen, die nach ihrer Ausbildung noch ein Studium auf Masterniveau absolviert haben. Das ist kein alter Wein in neuen Schläuchen, sondern eine eigene Qualifikation mit eigenem Schwerpunkt: klinische Einschätzung, kommunikative Kompetenz und ein evidenzbasiertes Arbeiten. In Ländern wie Großbritannien, Finnland, den USA, Kanada oder Australien ist diese Form der Versorgung längst etabliert – mit sehr guten Ergebnissen. FAMOUS will herausfinden, ob sich diese Erfahrungen auch in deutsche Strukturen übertragen lassen.

Den Projektverantwortlichen war dabei wichtig, bewusst APNs auf Masterniveau einzusetzen – und nicht ersatzweise auf Zusatzkurse oder Bachelorqualifikationen auszuweichen. Denn genau die anspruchsvolle Einschätzung komplexer Situationen ist das, was diese Versorgungsform ausmacht.

Frau Müller und Frau Sommer: ein Jahr, das alles verändert

Wie das konkret aussieht, verdeutlicht ein Beispiel, das Sophie Petri mitgebracht hat. Nennen wir die Patientin Frau Müller und die APN Frau Sommer. Frau Müller ist über 70, hat eine COPD mit 24-stündigem Sauerstoffbedarf, dazu eine Herzinsuffizienz, Beinödeme mit Stauungsdermatitis, eine leichte Hemiparese nach Schlaganfall, eine Harninkontinenz und eine Depression. Als Frau Sommer die Begleitung übernahm, fand sie Patientin und Wohnung in verwahrlostem Zustand vor.

Der Grund: Frau Müller hatte das Haus seit einem Jahr nicht verlassen, weil ihr strombetriebenes, kabelgebundenes Sauerstoffgerät dafür ungeeignet war. Sie konnte nur über Fünf-Minuten-Terrinen versorgt werden, die ihre Schwester brachte. Frau Sommer fragte nach dem größten Wunsch – und der war einfach: wieder selbst einkaufen gehen, ein Stück Selbstständigkeit zurück.

Was dann geschah, zeigt die Spannweite der Arbeit. Frau Sommer organisierte ein mobiles Sauerstoffgerät mit Flüssigsauerstoff und einen Leichtgewichtrollator, übte das Handling an der Haustür, sorgte für einen Badewannenlifter, „Essen auf Rädern", eine passende Inkontinenzversorgung. Sie fand heraus, dass die Krankenkasse die Stromkosten für das Sauerstoffgerät übernehmen kann – das wusste Frau Müller schlicht nicht. Sie unterstützte beim höheren Pflegegrad, durch den nun der Pflegedienst häufiger kommt und eine Haushaltshilfe möglich wurde. Und sie brachte Frau Müller bei, die Warnzeichen einer Infektexazerbation früh zu erkennen, sodass rechtzeitig gehandelt werden kann.

Das Entscheidende: Es ging nie um Luxusversorgung, sondern um das, was Frau Müller wirklich zusteht und hilft. Im gesamten Jahr war sie nur einmal im Krankenhaus – vorher deutlich häufiger.

„Es ist die Kernkompetenz der Pflege, Menschen dabei zu unterstützen, mit ihren Erkrankungen im Alltag bestmöglich zurechtzukommen und so lange wie möglich selbstständig zu leben." — Sophie Petri

Alle Fäden in einer Hand

Frau Müller hatte vorher durchaus Kontakt zu verschiedenen Gesundheitsdienstleistern – nur kümmerte sich jeder nur um seinen kleinen Ausschnitt. Niemand schaute auf das Ganze. Genau das ist die Stärke der APN: Sie betrachtet die gesamte Lebenswelt, wägt verschiedene Bedarfe gegeneinander ab, setzt gemeinsam mit der Patientin Prioritäten und führt alle Informationen an einer Stelle zusammen. Gesundheit wird dabei umfassend verstanden – als Zusammenspiel von Erkrankung, Erkrankungsfolgen und Alltagsbewältigung.

Dabei reicht das Aufgabenspektrum von Beratung und Schulung über das Therapiemanagement bis hin zur ganz konkreten klinischen Arbeit. Wenn Angehörige anrufen, weil es jemandem schlecht geht, fahren die APNs in die Häuslichkeit, hören die Lunge ab, messen den Sauerstoff und deuten die Ergebnisse. Auf dieser Grundlage entscheiden sie über die nächsten Schritte – und holen, wenn es etwa um Medikamentenanpassungen geht, Rücksprache mit den Hausärzt:innen ein.

Mehr als Organisieren: die Abgrenzung zu anderen Modellen

Naheliegende Frage: Ist das nicht einfach Case Management? Renate Stemmer zieht hier eine klare Linie. Auch zum Community Health Nursing, das stärker auf den Aufbau regionaler Strukturen zielt, grenzt sich FAMOUS ab – die APNs gehen in die unmittelbare Versorgung der einzelnen Person.

„Case Management meint ganz stark die Frage der Organisation. Was die APNs machen, ist wirklich unmittelbare Gesundheitsversorgung." — Prof. Dr. Renate Stemmer

Auch von Modellen wie VERAH und NäPa oder dem früheren AGnES-Ansatz unterscheidet sich die Rolle: Diese arbeiten meist in einer engen Delegationslinie der Ärzteschaft. Die APNs hingegen treffen vor Ort gemeinsam mit den Patient:innen eigenständig Entscheidungen über die nächsten Schritte – deutlich selbstständiger, als wenn jemand eine Blutentnahme macht und wieder zurück in die Praxis fährt.

Am Nabel der Ärzteschaft? Eine ehrliche Strukturdebatte

Im Gespräch wurde kritisch nachgehakt: Die APNs sind in den Hausarztpraxen angestellt, die medizinischen Aufgaben bleiben bei der Ärzteschaft. Macht das die Pflege nicht abhängig – und ist das für die Professionalisierung nicht ein Rückschritt? Stemmer ordnet das im aktuellen Rechtsrahmen ein: Was medizinisch verantwortet werden muss, wird über einen kurzen, unkomplizierten Weg per Kürzel der Ärzt:innen abgesichert. Faktisch sei das im Alltag aber kein Problem.

Bemerkenswert: Die teilnehmenden Praxen haben sich aktiv beworben – die Einladung lief über den Hausärzteverband. Manche Praxen erlebten den Hausarztmangel und die Zahl unversorgter Patient:innen täglich und sagten sinngemäß: Wir schaffen das nicht mehr alleine. Die Zusammenarbeit beschreiben die Hausärzt:innen heute als kollegial und auf Augenhöhe. Für die Zukunft denken die Beteiligten – auch im Austausch mit dem Gesundheitsministerium – eher in Richtung multiprofessioneller Teams und neuer Versorgungsstrukturen.

Wie misst man, ob es wirkt?

FAMOUS ist sauber als Studie aufgesetzt. In die Interventionsgruppe sollen rund 850 Patient:innen aufgenommen werden; zum Zeitpunkt der Aufnahme waren es bereits über 700, mit einem Altersmedian von 82 Jahren. Dazu kommt eine doppelt so große Kontrollgruppe, die aus Krankenkassendaten gebildet und im Verhältnis 1:2 gematcht wird. Die primäre Zielgröße ist die Nutzung von Notfallkontakten – also Bereitschaftsdienste, ambulante und stationäre Krankenhausaufnahmen.

Die externe Evaluation übernimmt die Unimedizin Mainz – bewusst unabhängig von denen, die die Intervention entwickelt haben. Ein Teilbereich zur ambulanten Versorgung wird von einer Kollegin der Universität Bremen geleitet. Zusätzlich hat die Hochschule ein eigenes Monitoring aufgesetzt, das die gesundheitliche Situation und die Bedarfe vor und nach der zwölfmonatigen Interventionsphase abbildet. Die zwölf Monate sind dabei nach bisheriger Erfahrung ein guter Rahmen, um Situationen wirklich zu begleiten und weiterzuentwickeln.

Belastbare Ergebnisse standen zum Aufnahmezeitpunkt noch aus – der Abschlussbericht war für Ende 2024 geplant. Die ersten Eindrücke aber waren überzeugend: hohe Zufriedenheit bei Patient:innen und Praxen, teils sogar zufriedener als bei rein ärztlicher Versorgung.

Kostet das mehr – oder spart es am Ende?

Spannend ist die ökonomische Seite, gerade weil der Innovationsfonds von Kassengeldern lebt. Mehr Sichtbarkeit kann zunächst mehr beantragte Leistungen bedeuten, etwa im SGB V. Gleichzeitig fallen Kosten weg, wenn Krankenhausaufenthalte vermieden werden. Belastbare gesundheitsökonomische Daten gab es noch nicht – aber die Logik ist klar: Gelingt es, die Krankenhausaufnahmerate deutlich zu senken, stehen die Chancen gut, dass sich der Einsatz auch wirtschaftlich rechnet. International ist gerade diese ökonomische Frage übrigens noch nicht abschließend beantwortet.

Ein Potenzial, das nicht liegen bleiben sollte

Jedes Jahr strömen in Deutschland Absolvent:innen pflegebezogener Studiengänge auf den Arbeitsmarkt – rund 12.000 Studienplätze gibt es. Für viele von ihnen eröffnet die Hausarztpraxis ein attraktives, anspruchsvolles Arbeitsfeld mit großer Selbstständigkeit und Verantwortung. In den Bewerbungsgesprächen war genau das ein zentrales Motiv: endlich wirklich als APN arbeiten zu können. Wie das gelingen kann, beleuchtet auch die Folge ÜG188 – Advanced Practice Nursing erfolgreich umsetzen und Pflege neu denken.

„Wir sehen international in vielen Studien und systematischen Reviews die guten Ergebnisse – und prüfen, ob sich das auch in unseren Strukturen reproduzieren lässt." — Prof. Dr. Renate Stemmer

Das Fallbeispiel von Frau Müller bleibt am Ende hängen – auch wegen einer Frage, die Sophie Petri umtreibt: Wie viele Menschen leben in Deutschland in einer ähnlichen Situation, ohne dass jemand alle Fäden in die Hand nimmt? FAMOUS ist ein Versuch, genau diese Versorgungslücke zu schließen – mit Pflegefachpersonen, deren Kernkompetenz es ist, Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit ihren Erkrankungen zu ermöglichen.

Zum Weiterhören

🎓
Wissen testen & Fortbildungspunkte sichern: Direkt unter diesem Artikel wartet der Wissens-Check zur Episode.

Weiterführende Links & Shownotes

In dieser Folge sprechen wir mit Prof. Dr. Renate Stemmer und Sophie Petri über das Projekt "FAMOUS". Das steht für "fallbezogene Versorgung multimorbider Patienten und Patientinnen in der Hausarztpraxis durch Advanced Practice Nurses". Dabei wird versucht, die Primärversorgung von Patient:innen durch Pflegende in Praxen von Hausärzten:innen zu verlagern, sodass Pflegende die Versorgung übernehmen.
In diesem Podcast stellen uns die Expertinnen das Projekt vor und sprechen auch darüber, welche Tätigkeitsbereiche die ANPs übernehmen und welche Expertise notwendig ist. Darüber hinaus sprechen wir auch darüber, ob die Verrottung im ärztlichen Bereich sinnvoll ist, welche Türen das Projekt zukünftig aufstoßen kann und welchen Nutzen Patient:innen haben.

Shownotes