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Diese Episode erschien am 04.06.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Der Streik an sechs NRW-Unikliniken läuft seit vier Wochen, Tarifverhandlungen wurden wieder aufgenommen.
  • Der Bundestag hat den Pflegebonus beschlossen – mit Kritik an Höhe und begrenztem Empfängerkreis.
  • Weltweit fehlen laut Lancet-Studie mindestens 43 Millionen Gesundheitsfachkräfte.

Drei Themen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: der anhaltende Streik an den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen, der frisch beschlossene Pflegebonus und ein Blick über den Tellerrand hinaus auf den weltweiten Fachkräftemangel im Gesundheitswesen.

Streik an den sechs NRW-Unikliniken geht in Woche vier

Eine große Übergabe-Folge hatte bereits ausführlich über den Streik der sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen berichtet – Christian sprach dort gemeinsam mit Paula Klaan vom Universitätsklinikum Münster über die Hintergründe und die Forderung nach einem Tarifvertrag Entlastung. Wer die Details noch einmal nachhören möchte, findet sie in dieser Folge. Der Streik verdient weitere Aufmerksamkeit, weil er in den großen Medien zunächst kaum jene Beachtung bekam, die ihm zustünde.

Zum Zeitpunkt dieser Folge Anfang Juni 2022 befinden sich die Streikenden bereits in Woche vier. Das gestellte Ultimatum war Anfang Mai zum Tag der Arbeit ausgelaufen, woraufhin die Kliniken in Aachen, Bochum, Bonn, Essen, Köln und Münster in den Ausstand traten. Seit Streikbeginn sichern sogenannte Notdienstvereinbarungen die Versorgung ab. Die Tarifverhandlungen mit der rund 200-köpfigen Tarifkommission begannen in Woche drei – wenige Tage später unterbrach die Arbeitgeberseite am 24. Mai die Gespräche mit dem Argument, die Versorgung sei durch die Notdienstvereinbarungen nicht ausreichend gewährleistet. Wie sehr die Debatte um den Pflegestreik Fahrt aufgenommen hat, zeigte sich auch am internen Druck: In einem über soziale Medien verbreiteten Brief forderten andere Berufsgruppen, sich nicht weiter am Streik zu beteiligen, weil die sensible Versorgung an den Maximalversorgern nicht mehr von umliegenden Häusern aufgefangen werden könne.

Den Streikenden ist diese Verantwortung bewusst – das wurde auch im Interview deutlich. Gleichzeitig sehen sie keine andere Möglichkeit, eine akute Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Am Freitag, den 27. Mai, nahmen beide Seiten die Gespräche wieder auf und einigten sich auf acht weitere Verhandlungstermine bis Mitte Juni. Die Gewerkschaft ver.di kam der Arbeitgeberseite dabei entgegen und erklärte sich bereit, zunächst auf weitere Bettenschließungen zu verzichten und den Kreis der zu versorgenden Patient:innen in den Notdienstvereinbarungen zu erhöhen. Wie die Verhandlungen zum Tarifvertrag Entlastung fortgesetzt wurden, ist in den Mitteilungen der Gewerkschaft nachzulesen.

Gerade in einem so sensiblen Bereich wie der Patient:innen-Versorgung an Maximalversorgern ist die Kompromissfindung entscheidend, um Akzeptanz für das übergeordnete Ziel zu erhalten. Davon halten sich die Streikenden aber nicht abbringen: Erst am Vortag dieser Aufnahme fand in Köln eine größere Aktion mit rund 1.500 Teilnehmenden statt – eine beachtliche Zahl, über die sogar die Tagesthemen berichteten. Bemerkenswert bleibt, dass über den inzwischen über einen Monat andauernden Streik an den Unikliniken teilweise sogar internationale Medien intensiver berichteten als manche deutsche Nachrichtensendung. Hintergründe und aktuelle Aktionen bündelt zudem die Website Notruf Entlastung NRW.

Pflegebonus vom Bundestag beschlossen – mit deutlichen Lücken

Lange war der Pflegebonus heiß diskutiert: von einigen Seiten gefordert, von anderen kritisiert, weil er nicht das richtige Mittel sei, um die hohe Belastung während der Corona-Pandemie zu kompensieren. Zum Zeitpunkt dieser Folge ist nun das Pflegebonusgesetz vom Bundestag verabschiedet worden, sodass der Corona-Bonus tatsächlich kommen kann. Insgesamt ist eine Milliarde Euro vorgesehen. Das Gesetz sollte damals Ende Juni 2022 in Kraft treten – sofort auf dem Konto landet das Geld also noch nicht, aber demnächst.

Zur Einordnung der damals geplanten Beträge: Mitarbeitende in der Altenpflege konnten mit bis zu 550 Euro rechnen, Pflegefachpersonen im Krankenhaus mit rund 1.700 Euro und Beschäftigte in der Intensivpflege sogar mit bis zu 2.500 Euro. Hintergrund der Staffelung ist die Annahme, dass die Belastung im Krankenhaus höher ausfiel als in der Altenpflege – eine Einstufung, über die sich durchaus streiten lässt. Die Details der Regelung hatte die Bundesregierung im Zuge des beschlossenen Bonus für Pflegekräfte dargestellt.

Wie schon bei früheren Diskussionen drehen sich die kritischen Stimmen um altbekannte Punkte. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bezeichnete das Vorhaben als enttäuschend und vermisste echte Ambitionen, weil es bei einem einmaligen Bonus bleibe, statt nachhaltige Wege zur Verbesserung der Pflege einzuschlagen. Warum das Gesetz aus dieser Sicht mehr Rückschritt als Fortschritt bedeutet, wurde in der Fachpresse ausführlich beleuchtet.

Besonders relevant: Nicht alle Beschäftigten profitieren. Nur rund 837 Krankenhäuser galten als anspruchsberechtigt – bei insgesamt etwa 1.900 Krankenhäusern in Deutschland. Es kann also gut sein, dass Pflegefachpersonen leer ausgehen, obwohl sie subjektiv eine hohe Belastung durch die Pandemie erlebt haben. Rundum ein eher kleiner Wurf, von dem zu hoffen bleibt, dass bei möglichst vielen tatsächlich etwas ankommt.

Lancet-Studie: weltweit fehlen mindestens 43 Millionen Gesundheitsfachkräfte

Zum Abschluss lohnt ein Blick über die deutsche Grenze hinaus. Den Fachkräftemangel erleben Pflegende hierzulande am eigenen Leib – doch eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie zeigt, dass die Lage anderswo nicht besser, mancherorts sogar deutlich schlechter ist. Untersucht wurde, wie Fachkräfte in Gesundheitsberufen weltweit verteilt sind und wo die größten Lücken klaffen.

Das Ergebnis ist eine kaum begreifbare Dimension: Weltweit fehlen mindestens 43 Millionen Fachkräfte im gesamten Gesundheitssektor. Davon entfallen rund sechs Millionen auf Ärzt:innen und mehr als 30 Millionen auf Pflegefachpersonen und Hebammen. Besonders groß ist der Mangel laut Studie in den Subsahara-Staaten, in Südasien, Nordafrika und im Nahen Osten – europäische Länder tauchen unter den am stärksten betroffenen Regionen nicht auf.

Genau hier liegt der für die Pflege in Deutschland entscheidende Zusammenhang. In Europa und besonders in Deutschland wird der Fachkräftemangel auch dadurch abgefedert, dass Pflegefachpersonen aus dem Ausland angeworben werden – häufig aus genau jenen Regionen, in denen die Lücken ohnehin am größten sind. Was hierzulande als Entlastung ankommt, verschärft den Mangel andernorts weiter. Die Studienautor:innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass es gerade in der Verantwortung wohlhabender Länder liegt, Gesundheitspersonal nur verantwortungsbewusst aus dem Ausland anzuwerben, statt die Problematik lediglich von einem Land ins andere zu verschieben.

Eine einfache Lösung gibt es nicht. Doch die Zahlen helfen, eine Aussage besser einzuordnen, die in der Politik oft locker dahingesagt wird: Fachkräfte ließen sich „einfach aus dem Ausland rekrutieren". Global betrachtet bleibt das eine Gratwanderung – und ein Argument mehr dafür, die Arbeitsbedingungen vor Ort so zu gestalten, dass Pflegefachpersonen im Beruf bleiben.

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Quellen