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Diese Episode erschien am 22.02.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Pflegende Angehörige sind eine riesige, hoch belastete und politisch kaum vertretene Gruppe.
  • Das Finanzierungssystem der Pflege lässt kaum Raum für Begleitung und Beratung.
  • Nur 84 Menschen nutzten 2014 die Familienpflegezeit – ein klares Signal für Reformbedarf.
  • Pflege braucht ein politisches Bewusstsein und einen Schulterschluss mit Angehörigen.
  • Quartiersnahe Entlastungsangebote und Lohnersatzleistungen würden viel verändern.

Es tut sich was in der Pflegepolitik – und gleichzeitig gibt es Themen, die seit Jahren übersehen werden. Genau diese Mischung steckt in dieser Episode: ein Update zu Löhnen und Personalbemessung, dazu ein langes, sehr persönliches Gespräch über eine Gruppe, die das Gesundheitssystem über Jahrzehnte als selbstverständlich hingenommen hat. Zu Gast in Bochum an der Hochschule für Gesundheit war Prof. Dr. Tanja Segmüller, Pflegewissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Pflege und Alter.

Neue Mindestlöhne – Fortschritt mit bitterem Beigeschmack

Ende Januar 2020 hat die Pflegekommission des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales neue Mindestlöhne für die stationäre und ambulante Pflege beschlossen. Bemerkenswert ist vor allem ein Punkt, der im Klinikalltag oft untergeht: Zwischen Ost und West klaffte beim Lohn eine deutliche Lücke. Diese soll nun schrittweise geschlossen werden. Für Pflegehilfskräfte steigt der Mindestlohn bis April 2022 in mehreren Stufen, neu eingeführt wurden eigene Untergrenzen für Pflegefachpersonen mit ein- oder zweijähriger Ausbildung sowie für dreijährig ausgebildete Fachpersonen. Auch beim Urlaub gibt es Verbesserungen. Die genauen Stufen und Beträge findest du in der Übersicht zum neuen Pflegemindestlohn sowie in der ausführlichen Einordnung dazu, dass der Mindestlohn auf bis zu 15,40 Euro steigt.

Was weiterhin fehlt, ist ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag. Dass die unterschiedlichen Interessen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite das schwierig machen, zeigt der komplizierte Weg zum Einheitslohn. Der DBfK bewertete das Ergebnis als zwiegespalten: Die Ost-West-Angleichung sei gut, der Mindestlohn für Fachpersonen aber enttäuschend niedrig. Christel Bienstein machte deutlich, dass ein Mindestlohn nicht repräsentativ dafür sein dürfe, was eine ausgebildete Pflegefachperson verdient – Niedriglöhne in einem Mangelberuf seien ein Armutszeugnis für die Gesellschaft.

PPR 2.0 – ein Instrument für den Bedarf statt starrer Untergrenzen

Parallel haben der Deutsche Pflegerat, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Gewerkschaft ver.di ein neues Instrument zur Pflegepersonalbemessung im akutstationären Bereich vorgeschlagen. Es baut auf der alten Pflegepersonalregelung aus den 1990er Jahren auf, wurde aber an den aktuellen Stand des Wissens angepasst – etwa an die Expertenstandards. Die Praxistauglichkeit wurde an 44 Kliniken erprobt. Die Idee dahinter: Nach Einführung dieser PPR 2.0 sollen die starren gesetzlichen Pflegepersonaluntergrenzen entfallen, weil sie den tatsächlichen Bedarf nicht abbilden. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0 in den Shownotes.

Die unsichtbare Mehrheit: Wer pflegt eigentlich zu Hause?

Der zweite, große Teil der Episode dreht sich um Menschen, die ganz ohne Dienstplan und Tarifvertrag pflegen. Tanja Segmüller hat selbst sieben Jahre in der häuslichen Pflege gearbeitet und dachte lange, ohne den ambulanten Dienst laufe nichts. Mit der Zeit – und durch die eigene Familie, als ihre Oma jahrelang pflegebedürftig war – kippte diese Sicht komplett. Die Angehörigen seien rund um die Uhr da und leisteten den eigentlichen Job. Besonders ins Bewusstsein gerückt hat sie ein Forschungsprojekt zu Menschen mit Demenz: Innerhalb der dreijährigen Laufzeit verstarben nicht selten die Angehörigen – nicht die Pflegebedürftigen.

Wer gilt überhaupt als pflegende:r Angehörige:r? Segmüller fasst den Begriff bewusst weit. Es geht nicht nur ums Duschen oder Esseneingeben, sondern um das ganze Leben drumherum: Behördengänge, Kassen, Apotheke, Einkäufe, Organisation. Schon wer ab etwa einer Stunde täglich oder einmal wöchentlich Verantwortung übernimmt, gehört dazu. Die Gruppe ist denkbar vielfältig: Eltern von schwerstkranken Kindern, junge Menschen nach einem Unfall, hochaltrige Partner:innen, vor allem aber Frauen zwischen 45 und 65, die ihre Eltern versorgen – und sogar pflegende Kinder, die sich um erkrankte Geschwister kümmern.

Fünf Lebenswelten, fünf völlig verschiedene Bedarfe

In der ZIPA-Studie, an der die Hochschule für Gesundheit gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke beteiligt war, wurden fünf Personas gebildet, um die Lebenswirklichkeit greifbar zu machen. Am einen Ende steht der Enkel, der einmal die Woche zur Oma fährt und beim Vorlesen aus der Zeitung nebenbei prüft, ob das Hausnotrufgerät funktioniert und die Medikamente da sind. Am anderen Ende stehen hoch belastete Menschen, die seit 20 oder 30 Jahren pflegen – etwa nach einem Unfall oder einer MS-Diagnose der Partnerin oder des Partners. Sie brauchen ein riesiges Netzwerk an Hilfen und schaffen das meist nur, wenn sie sich aktiv Unterstützung holen. Dazwischen liegen die Angehörigen von Menschen mit Demenz, die täglich Abschied nehmen müssen – jede:r Dritte von ihnen, so die Forschung, hat eine klinisch manifeste Depression.

„Schwierige Angehörige – das ist für mich schon so ein Unwort. Denn die Angehörigen sind ja die größte Ressource. Wenn man mit denen gut zurechtkommt und sie einbezieht, dann können die auch abends kommen und jemandem das Essen eingeben." — Prof. Dr. Tanja Segmüller

Ein Beratungsdschungel statt ausgestreckter Hand

Erst in den vergangenen Jahren, so Segmüller, habe die Gesundheitspolitik die pflegenden Angehörigen überhaupt entdeckt. Davor galt familiäre Sorge als selbstverständlich. Inzwischen gibt es Interessenverbände wie „wir pflegen" oder die BIVA, die versuchen, der Gruppe eine politische Stimme zu geben. Doch das ist schwer: Wer selbst mitten in einer schicksalhaften Situation steckt, hat kaum Kapazität, sich auch noch politisch einzubringen. In Skandinavien bekommen Angehörige, die die Pflege übernehmen, teils eine Stelle bei der Kommune – inklusive Vergütung und Rückkehrrecht. In Deutschland fließt das Pflegegeld an die pflegebedürftige Person und wird meist ohnehin für Salben und Hilfsmittel verbraucht.

Die eigentliche Hürde aber ist die Unübersichtlichkeit. Segmüller spricht von einem Beratungsdschungel: Je nach Wohnort, Kasse und Kommune sieht die Unterstützung völlig anders aus. In ZIPA zeigte sich, dass die wenigsten Kommunen auf ihren Internetseiten überhaupt Informationen für Angehörige bereithalten. Eigentlich, so ihr Plädoyer, müsste an jeder Kontaktstelle ein Arm ausgestreckt werden – in der Apotheke, im Rathaus, beim Hausarzt. Immerhin: Die DEGAM hat eine Leitlinie für pflegende Angehörige entwickelt, und es ist gelungen, eine Abrechnungsziffer zu schaffen, sodass Hausärzt:innen für die Beratung eine kleine Vergütung erhalten.

Warum das Quartier über Gesundheit entscheidet

Mit zunehmendem Alter schrumpft der Aktionsradius – mit etwa 90 Jahren bewegen sich Menschen im Schnitt nur noch wenige hundert Meter rund um ihre Wohnung. Genau deshalb spielt das Quartier eine zentrale Rolle. Lösen sich Apotheke, Hausarztpraxis und kleine Geschäfte vor Ort auf, wachsen Wege und damit der Stress. Viele Angehörige können die pflegebedürftige Person kaum allein lassen – schon ein Gang zum Arzt wird zur Zerreißprobe. Segmüller wünscht sich sorgende Gemeinschaften, in denen mitgedacht wird: eine zugängliche Toilette, ein freundlicher Hinweis im Quartier, ein Kaffee statt des fünften Brotkaufs am selben Tag. Wie das aussehen kann, zeigen Programme wie altengerechte Quartiere in NRW oder die Ansätze zur Gesundheitsförderung im Alter.

Was professionelle Pflege leisten kann – und was das System verhindert

Für Segmüller ist klar, wo beruflich Pflegende gebraucht werden: in der Beratung und in der Steuerung. Wer selbst gepflegt hat, erkennt pflegerische Bedarfe sofort – etwa, dass ein Ulkus ein Wundmanagement braucht – und kann das Hilfenetzwerk koordinieren. Das Problem ist die Finanzierung. Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 wurde die ambulante Pflege in kleine Leistungsmodule zerlegt. Vieles, was im Alltag wirklich entlastet – der Müll runterbringen, ein offenes Ohr auf dem Weg zum Auto – wird nicht vergütet und passiert im Verborgenen.

„Ich verstehe nicht, warum man mit Pflege und Gesundheitsleistungen Geld verdienen muss. Das ist wie Feuerwehr, wie Kindergarten, wie Straßenbau – eine staatliche Aufgabe, die sichergestellt werden muss." — Prof. Dr. Tanja Segmüller

Das Pflegezeitgesetz und die Zahl 84

Die Idee hinter dem Gesetz über die Pflegezeit war gut gemeint: kurzzeitige Auszeit, Freistellung für bis zu sechs Monate und eine Familienpflegezeit über zwei Jahre. Segmüller hatte früh den Verdacht, dass das in der Praxis kaum greift – und fragte bei der Bundesregierung nach. Die Antwort erschütterte sie: Im gesamten Jahr 2014 nutzten lediglich 84 Personen in Deutschland die Familienpflegezeit, bei Millionen pflegenden Angehörigen, von denen rund ein Drittel berufstätig ist. Ein zentrales Problem: Die Zeit wird über ein Darlehen finanziert oder bleibt unbezahlt. Was die Informationen zur Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf nicht lösen, ist die fehlende Wertschätzung: Wer ein Kind erzieht, bekommt Elterngeld – wer ein schwerstbehindertes Kind pflegt, geht leer aus. Genau hier setzt die Forderung nach einer echten, finanzierten Pflegezeit mit Lohnersatzleistung an.

Wenn Welten aufeinanderprallen

Ein heikler Punkt ist der Übergang in die stationäre Langzeitpflege. Viele Angehörige erleben ihn als Versagen – oft haben sie versprochen, „nie ins Heim". Über Jahre hat sich das eigene Leben um die eine Person gedreht. Im Heim treffen sie dann zum ersten Mal auf Personalknappheit und Rationierung, die sie zu Hause nie wahrgenommen haben. Sie suchen die Nadel im Heuhaufen, die Profis fühlen sich kontrolliert und verstecken sich – die Fronten verhärten sich. Segmüllers Lösung ist denkbar einfach und doch selten: offen miteinander sprechen, die Rahmenbedingungen benennen und Angehörige aktiv einbeziehen, etwa beim Essenreichen.

Partizipation, die wirklich hilft: die Notfallkarte

Wie viel in der Begleitung steckt, wenn man Betroffene ernst nimmt, zeigt ein Beispiel aus Segmüllers Projekten. Eine 86-Jährige, die ihren bettlägerigen, dementen Mann pflegte, hatte panische Angst, beim Einkaufen zu verunglücken – während ihr Mann allein zu Hause zurückbliebe. Ihre selbstgebastelte Lösung aus Pappe und Tesafilm wurde zur Inspiration für eine Notfallkarte: ein Kärtchen im Geldbeutel, das auf die pflegebedürftige Person hinweist, ergänzt durch eine Checkliste in der Wohnung mit allen wichtigen Informationen. Genau das meint Segmüller mit echter Beteiligung – nicht Scheinpartizipation, sondern die Sorgen und Ideen der Angehörigen aufnehmen und umsetzen.

„Ich kümmere mich um die Angehörigen und ihre Gesundheit. Aber genauso wichtig ist mir, dass die beruflich Pflegenden auf sich achten – dass sie nicht vor die Hunde gehen, sondern im Beruf gesund bleiben können." — Prof. Dr. Tanja Segmüller

Wohin die Reise gehen sollte

Auf die Frage nach ihren Wünschen für die Zukunft nennt Segmüller mehrere Hebel: eine Lohnersatzleistung, damit niemand durch Pflege arm wird; regelhafte, quartiersnahe Entlastungsangebote inklusive Betreuung der pflegebedürftigen Person; eine starke politische Interessenvertretung – und vor allem einen Schulterschluss zwischen professioneller Pflege und Angehörigen. Statt gegenseitiger Schuldzuweisungen brauche es das gemeinsame Ziel: dass pflegebedürftige Menschen gut versorgt werden und alle, die pflegen, dabei gesund bleiben. Dass die Pflege dafür auch politisch lauter werden muss – ähnlich wie es junge Menschen bei „Fridays for Future" vormachen –, zieht sich als roter Faden durch das ganze Gespräch.

Zum Weiterhören

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Weiterführende Links & Shownotes

Mindestlöhne in der Pflege

PflegePersonalbedarfsmessung PPR 2.0

Pflegende Angehörige

  • Welche Lösungen benötigt die private Pflege im häuslichen Umfeld? (wdr.de)
  • Gesetz über die Pflegezeit (gesetze-im-internet.de)
  • Pflegezeitgesetz - Pflege und Beruf vereinbaren (bmas.de)
  • Spürbare Verbesserungen seit 1. Januar 2019 - das ändert sich bei Pflege und Gesundheit - Das ändert sich für pflegende Angehörige (bundesgesundheitsministerium.de)
  • Altengerechte Quartiere.NRW (aq-nrw.de)
  • Gesundheitsförderung im Alter (lzg.nrw.de)
  • Fichtinger, C. & Rabl, R. (2014): Die Rolle der pflegenden Angehörigen. Arbeitsumfeld Hauskrankenpflege: 29-35.
  • Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) (2018): Pflegende Angehörige von Erwachsenen - S3-Leitlinie AWMF-Register-Nr. 053-006 DEGAM-Leitlinie Nr. 6. Berlin.
  • Nowossadeck S., Engstler H. & Klaus D. (2016): Pflege und Unterstützung durch Angehörige. Report Altersdaten 01/2016. Deutsches Zentrum für Altersfragen: Berlin.
  • Wetzstein M, Rommel A, Lange C (2015): Pflegende Angehörige – Deutschlands größter Pflegedienst. Robert Koch–Institut (Hrsg.), Berlin. GBE kompakt 6(3). www.rki.de/gbe–kompakt (Stand: 19.07.2016)
  • Segmüller, T., Zegelin, A. & Schnepp, W. (2016). Unterstützung Pflegender Angehöriger im Quartier. Konzeption und Vorgehen im Praxisprojekt „Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger“ (Quart-UpA) in Nordrhein-Westfalen. In Praxis Klinische Verhaltensmedizin & Rehabilitation, Themenheft „Angehörige in Pflege und Rehabilitation“. Lengerich: Pabst Science Publishers.
  • Zegelin, A., Segmüller, T. & Bohnet-Joschko, S. (2017). Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger. Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege Unternehmen. Hannover: Schlütersche.
  • Segmüller, T. (2018): Im Quartier mobil bleiben- auch mit Einschränkungen, PFLEGEN, 1+2/2018, S. 23-25
  • Segmüller, T. (2018): Im Quartier pflegen- Unterstützung für pflegende Angehörige, Fachzeitschrift für Palliative Geriatrie, 4. Jg., S. 23-27
  • Segmüller, T. (2018): Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger, In: Bleck, C.; van Rießen, A.; Knopp, R. (Hg.) Zukunft Alter und Pflege im Sozialraum: Theoretische Erwartungen und empirische Bewertungen aus multidisziplinären Perspektiven, Springer Verlag, Berlin
  • Zegelin, A.; Segmüller, T.; Bohnet-Joschko, S. (2017): Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehörige- Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege-Unternehmen, Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover
  • Segmüller, T. (2013): Pflegende als politische Akteure, In: Die Schwester Der Pfleger, 7/13, 52. Jg., S. 684-687
  • Segmüller T. (2018) Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger. In: Bleck C., van Rießen A., Knopp R. (eds) Alter und Pflege im Sozialraum. Springer VS, Wiesbaden