- Personaluntergrenzen führen gleichzeitig zu Unter-, Über- und Fehlversorgung.
- Pflege hat oft kein Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit.
- Versorgung muss regional gesteuert werden – nicht aus Berlin.
- Gegen den Personalmangel hilft Qualifikation und neue Versorgungskonzepte.
- Demenzsensible Kliniken setzen auf Tagesstruktur, Raum und Bildung.
Wer wissen will, wie es um die Pflege in Deutschland wirklich steht, braucht Zahlen – und die fehlen erstaunlich oft. Genau in diese Lücke stößt Prof. Dr. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln. Seit rund 20 Jahren erhebt er Daten, berät die Politik und mischt sich ein – mal mit dem Pflegethermometer, mal mit Studien zur Personalbemessung, mal mit Konzepten für demenzsensible Krankenhäuser. In dieser Episode nimmt er dich mit hinter die Kulissen der Pflegeforschung und erklärt, warum gute Erkenntnisse allein die Versorgung noch nicht retten.
Ein Institut, das von Ideen und Drittmitteln lebt
Das DIP ist kein behäbiger Forschungsapparat, sondern ein eingetragener Verein, der ohne Grundfinanzierung auskommen muss. Was eingeworben wird, fließt sofort wieder in Projekte und in die Community zurück – über frei zugängliche Materialien, Veröffentlichungen und Beratung. Rund 19 Menschen arbeiten am Institut, das zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits über 120 Projekte mit einem Gesamtvolumen von etwa 13 Millionen Euro bearbeitet hatte. Drei große Linien prägen die Arbeit: Pflegebildung, Pflegeprävention und – Isforts eigener Schwerpunkt – die Pflege als Beruf.
Diese Unabhängigkeit hat einen Preis. Jedes Projekt muss eingeworben werden, jede Idee braucht einen Förderer, der das Vorhaben finanziert, ohne inhaltlich hineinzureden. Stiftungen wie die Robert-Bosch-Stiftung oder die Hans-Böckler-Stiftung haben über Jahre Entwicklungen in der Pflege angestoßen. Manche Geldgeber kämen für Isfort dagegen nicht in Frage – etwa Pharmafirmen, weil pflegerische Forschung oft zeigt, dass sich vieles auch ohne Medikamente lösen lässt. Wer Geld vom Land bekommt, bindet sich ebenfalls: Grundfinanzierung bedeutet immer auch eine Form von Abhängigkeit.
Das Pflegethermometer: Fieber messen in einem datenarmen Land
Seit 2002 nimmt das Pflegethermometer immer wieder die Temperatur eines bestimmten Versorgungsbereichs – mal die Intensivpflege, mal die ambulante Pflege nach den Pflegestärkungsgesetzen, mal die Frage, wo demenzsensible Krankenhäuser eigentlich stehen. Entstanden ist es aus einer simplen Erkenntnis: Vieles, was die Forschung interessiert, geben die üblichen Statistiken schlicht nicht her. Wie viele Intensivpflegende es in Deutschland gibt? Weiß niemand. Wie viele ambulante Dienste eine Region versorgen? Auch nicht eindeutig zu beantworten.
Methodisch sind das Querschnittsbefragungen mit wechselnden Themen, kein Langzeitpanel. Das hat einen Nachteil – echte Verlaufsdaten lassen sich daraus nur begrenzt ableiten – aber den Vorteil, schnell auf aktuelle Fragen reagieren zu können. Die Befragung von rund 9.000 Pflegekräften zur Intensivversorgung zeigte etwa, unter welchem Druck die Teams arbeiten. Solche Erhebungen sind für Isfort mehr als reine Datensammlung: Jeder Fragebogen ist auch eine Intervention, ein Signal an die Pflegenden, dass ihre Arbeit gesehen wird. Genau deshalb ist ihm wichtig, dass Ergebnisse schnell vorliegen und in Zeitschriften erscheinen, die in der Praxis gelesen werden – nichts ist zermürbender, als zwei Jahre nach einer Umfrage von den Resultaten zu erfahren. Wie belastend Pflegende ihren Alltag erleben, hat das Institut auch im Beitrag „Permanent am Limit" zur Intensivpflege dokumentiert.
„Wir haben in der Pflege sehr oft gar kein Wissensdefizit – wir haben ein Umsetzungsdefizit." — Prof. Dr. Michael Isfort
Versorgung wird vor der eigenen Haustür entschieden
Neben deutschlandweiten Erhebungen geht das DIP zunehmend ins Regionale – etwa in die Landesberichterstattung für Nordrhein-Westfalen oder, als jüngerer Auftrag, in einen Landespflegebericht für Niedersachsen. Der Grund liegt in einer für die Personalgewinnung entscheidenden Zahl: Der Mobilisationsradius von Pflegefachpersonen liegt bei etwa 20 Kilometern. Wer weiter weg wohnt, bewirbt sich erst gar nicht. Eine breit gestreute Stellenausschreibung kann sich ein Krankenhaus also fast sparen, wenn der Nachwuchs aus dem direkten Umkreis kommen muss.
Wie eng Ausbildung, Rekrutierung und regionale Strukturen verknüpft sind, zeigen ähnliche regionale Datenerhebungen aus Baden-Württemberg: Schließt eine Pflegeschule, verliert der ambulante Dienst 40 Kilometer weiter den Zugang zu Auszubildenden – und kann noch so gern ausbilden wollen. Für Isfort folgt daraus, dass Versorgungssicherung kleinräumig gedacht werden muss: über Versorgungsnetzwerke zwischen Kliniken und ambulanten Diensten, über Quartiersentwicklung, kommunale Versorgungszentren und Care- und Case-Management. Krankenhäuser, die rein sektoral denken, merkten irgendwann, dass sie Patient:innen nicht entlassen können, weil im Anschluss niemand da ist.
„Die eigentliche Steuerungsmöglichkeit liegt nicht in Berlin und auch nicht in einem Landesministerium – sie liegt vor Ort." — Prof. Dr. Michael Isfort
Untergrenzen, PPR 2.0 und die Frage „How low can you go?"
Ein roter Faden zieht sich durch alle Studien: Das Personal ist der Schlüsselfaktor. Umso kritischer blickt Isfort auf die Pflegepersonaluntergrenzen. Sie seien Ausdruck eines politischen Misstrauens gegenüber Klinikbetreibern, die jahrelang versprochen hatten, das Problem selbst zu lösen. Das Tückische: Eine Untergrenze ist eine rote Linie, kein Maximum – und doch wird sie in vielen Häusern zur neuen Normallinie. Pflegedienst- und Stationsleitungen geraten zunehmend in einen Rechtfertigungsdruck, wenn sie oberhalb der Grenze besetzen. Auf manchen Intensivstationen werde inzwischen nur noch „auf der Untergrenze" gearbeitet. Gerade in der Spitzenversorgung, etwa in Universitätskliniken, ist eine 1:1-Betreuung im Tagdienst längst notwendig – die starren Vorgaben passen dort schlicht nicht.
Das Kernproblem: Untergrenzen zählen Köpfe gegen Köpfe und erzeugen zeitgleich Unter-, Über- und Fehlversorgung. Als Gegenentwurf wurde die PPR 2.0 – zum Aufnahmezeitpunkt Anfang 2020 frisch in den Eckpunkten vorgestellt – als Brückenlösung entwickelt. Isfort, an deren Entstehung beteiligt, ist ehrlich: Das ist kein großer Wurf, sondern Pragmatik. Die PPR bildet den Zustand der Patient:innen ab und ist damit ein Schritt weiter als reines Köpfezählen – intellektuell hängt sie aber rund 60 Jahre hinter modernen Verteilungsverfahren wie der DRG-Logik zurück. Andere Länder gehen pragmatischer vor: Die USA setzen mit ihren Nurse-to-Patient-Ratios in Kalifornien auf feste Relationszahlen wie 1:4 oder 1:2. Doch ob 1:4 oder ob PPR – am Ende ist jede dieser Zahlen keine empirisch beweisbare Wahrheit, sondern eine normative Setzung, eine konsensuale Vereinbarung. Frust hilft hier nicht weiter, sagt Isfort: Wer einen Vorschlag in vorgegebener Zeit ohne Mittel entwickeln soll, müsse Akzente setzen, wo es möglich ist – die Alternative wäre gewesen, gar nichts zu tun.
Demenzsensible Kliniken: mehr als eine neue Tapete
Ein zweites Herzensthema sind Krankenhäuser, die auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen eingestellt sind. Mit dem St. Franziskus-Hospital gab es zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Klinik, die als erste demenzsensibel zertifiziert wurde – eine Besonderheit, weil hier ein eher prozessorientiertes Normverfahren mit echten pflegefachlichen Inhalten gefüllt wird. Denn Menschen mit kognitiver Störung erleben im Krankenhaus typischerweise zwei Dinge: zu viel und zugleich zu wenig. Eine Umgebung ist entweder reizüberflutend oder reizarm – und über weite Strecken des Tages ist schlicht nichts los.
Isfort und sein Team haben sechs Handlungsfelder systematisiert, an denen sich Einrichtungen entlanghangeln können – von Bildungsmaßnahmen über Tagesstrukturierung und personelle Intensivierung bis zu Bau, Raum und Farbkonzepten. Wichtig sind dabei Menschen, die einen anderen Blick auf ältere Patient:innen mitbringen, etwa Altenpflegefachpersonen, die Milieu- und Tagesgestaltung beherrschen. Wie sich solche Häuser aufbauen lassen, fasst der Praxisleitfaden zum Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser zusammen. In Skandinavien ist man bereits einen Schritt weiter und spricht gar nicht mehr von demenz-, sondern von alterssensiblen Krankenhäusern.
Skeptischer ist Isfort bei der Idee, Kurzzeitpflege im Krankenhaus anzubieten. So sinnvoll der Gedanke wirkt – es brauchte sehr lange, bis sich überhaupt geriatrische Stationen etablierten, und Kliniken sind träge Organisationen, in denen Innovation selten ganz oben steht. Begeisterte Pflegefachpersonen, die ausgerechnet eine Kurzzeitpflegestation als Wunscharbeitsplatz nennen, dürften die Ausnahme bleiben. Eine Studie zu Stand und Bedarfen der Kurzzeitpflege in Nordrhein-Westfalen ordnet die Lage ein.
Gegen den Mangel hilft kein Auslandsticket
Beim Personalmangel macht Isfort sich keine Illusionen: Beheben lässt er sich nicht – schon gar nicht allein über die Rekrutierung aus dem Ausland. Im Gespräch mit Kolleg:innen aus Mexiko wurde deutlich, dass auch dort Fachkräfte fehlen; sie abzuwerben hat eine klare ethische Dimension. Deutschland sei für die Pflege bestenfalls ein „Transitland". Und ältere Menschen mit Versorgungsbedarf lassen sich nicht exportieren – Gesundheit ist nicht auslagerbar wie eine Produktionskette.
Sein Befund: Wir haben keine zu hohe Ausbildungskapazität, sondern zu geringe Möglichkeiten, die Beschäftigten zu finanzieren. Weniger als die Hälfte der Pflegenden arbeitet in Vollzeit. Was es braucht, sind drei Dinge gleichzeitig: gezielte Qualifikation, ein durchdachter Skill-Mix – also die Frage, wie viele Menschen mit welcher Expertise welche Aufgaben übernehmen – und neue Versorgungskonzepte. Manche Aufgaben werden andere Berufsgruppen übernehmen müssen, andere fallen durch veränderte Therapien, schnelle Konsildienste oder Screening weg. Die Pflege sei schlecht beraten, wenn sie alles behalten wolle.
„Wir brauchen Hände, wir brauchen aber auch dringend Köpfe – und die müssen entwickelt werden." — Prof. Dr. Michael Isfort
Wissen ja – Umsetzung nein?
Was Isfort umtreibt, ist die Lücke zwischen Erkenntnis und Realität. Vieles, was in der Konzertierten Aktion Pflege als Position auftaucht, sei längst bekannt – neue Aufgabengebiete, mehr Kompetenzen, international belegte Wirksamkeit. Die Politik nehme vor allem Reparaturen vor, statt grundlegend neu zu denken. Genau wie beim Klima fehle es nicht an Wissen, sondern am Handeln. Dabei gebe es keinen Sektor, der von Digitalisierung und Technologisierung unberührt bleibt – Innovation in der Pflege sei allerdings immer eine soziotechnische Frage, nie ein reines Technikprodukt. Wer Technik in komplexe Versorgungssettings einbettet, ohne von der Pflege aus zu denken, produziert Lösungen, die im Alltag nichts nützen.
Für die Pflegewissenschaft wünscht sich Isfort daher unabhängige Förderlinien für echte Grundlagenforschung, mehr klinische Studien zu konkreten Pflegemaßnahmen und ein eigenes Institut für psychiatrische Pflegeforschung. Dass an immer mehr Universitäten – etwa in Köln und Freiburg – Lehrstühle entstehen, wertet er als gutes Signal, betont aber: Aufbau braucht Zeit, Geld und Personal. Ein tragfähiges Vorhaben lasse sich nicht mit einer halben Stelle nebenbei stemmen. Auf die wiederkehrende Frage aus der Praxis, wozu man die Pflegewissenschaft überhaupt brauche, antwortet er gelassen: Ohne fundierte Datenbasis erreicht die Berufsgruppe keine Sprachfähigkeit – und spielt damit genau jenen in die Karten, die Pflegeentwicklung verhindern wollen.
Zwischen Sisyphos und langem Atem
Frustriert das nicht? Isfort bleibt pragmatisch. Er habe vor manchen Entwicklungen gewarnt, und wenn sie eingetreten seien, sei das kein Grund zum Triumphieren. Mit den finanziellen Risiken eines drittmittelfinanzierten Instituts habe man zu leben gelernt – seit 20 Jahren und durchaus erfolgreich. Wichtig sei ihm der Dialog mit den politischen Entscheider:innen, nicht das Torpedieren. Auch Strukturen wie Pflegekammern müsse man langfristig denken und in Ruhe arbeiten lassen, statt sie nach zwei Jahren zu evaluieren. Den Stein rolle man eben immer wieder den Berg hinauf – mit Daten, mit guten Konzepten und mit dem nötigen Maß an ironischer Selbstdistanz.
Zum Weiterhören
- ÜG056 – Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio (Prof. Dr. Michael Simon)
- ÜG135 – Die PPR 2.0 ist ein Prozess (Arne Evers)
- ÜG131 – Demenz- und delirsensibles Krankenhaus (CrossOver mit Aufnahmegespräche)
Weiterführende Links & Shownotes
Pflegewissenschaft
- Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (www.dip.de)
- Ausgewählte quantitative Befragungen der Mitglieder der Pflegekammer Niedersachsen (www.dip.de)
- Pflegethermometer 2018 „Eine bundesweite Befragung von Leitungskräften zur Situation der Pflege und Patientenversorgung in der stationären Langzeitpflege in Deutschland“ (www.dip.de)
- Regionalanalysen für Baden-Württemberg als Beispiel regionaler Datenerhebung (www.zafh-care4care.de)
- Permanent "am Limit". Personalsituation in der Intensivpflege (www.bibliomed-pflege.de)
Personalbemessung, Personaluntergrenzen & PPR 2.0
- Konzertierte Aktion Pflege (www.bundesgesundheitsministerium.de)
- Pflegepersonaluntergrenzen (www.bundesgesundheitsministerium.de)
- Studie zur Pflegepersonalausstattung und „Pflegelast“ in pflegesensitiven Bereichen in Krankenhäusern (www.gkv-spitzenverband.de)
- Pflegepersonalstärkung durch ein Instrument zur Pflegepersonalbemessung (www.deutscher-pflegerat.de)
- Wie viel Pflege braucht ein Krankenhaus? (www.bibliomed-pflege.de)
- Eckpunkte zur Umsetzung der PPR 2.0 (deutscher-pflegerat.de)
- Pressemitteilung DKG, DPR und ver.di (deutscher-pflegerat.de)
- Stellungnahme DBfK: DBfK begrüßt Vorschlag zu Personalentwicklungsinstrument für Krankenhäuser (dbfk.de)
- Gemeinsame Erklärung zu den Auswirkungen der Festlegungen von Pflegepersonaluntergrenzen - Maßnahmen müssen Verbesserung der Versorgungssituation gewährleisten (deutscher-pflegerat.de)
- Nurse to Patient Ratio USA Überblick (www.hsprj.com)
- Nurse to Patient Ratio California (www.unacuhcp.org)
Demenzsensible Krankenhäuser & Kurzzeit-pflege in Krankenhäusern
- Praxisleitfaden zum Aufbau demenzsensibler Krankenhäuser (www.bosch-stiftung.de)
- Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus - Geförderte Projekte durch die Robert Bosch Stiftung (www.bosch-stiftung.de)
- Demenzsensibles Krankenhaus (www.wegweiser-demenz.de)
- NRW ermöglicht Kurzzeitpflege im Krankenhaus – Lohnt sich der Versorgungsvertrag? (www.roedl.de)
- NRW ermöglicht Kurzzeitpflege im Krankenhaus (www.bibliomedmanager.de)
- Studie zum Stand und zu den Bedarfen der Kurzzeitpflege in Nordrhein-Westfalen (www.landtag.nrw.de)
