- Demenz- und delirsensible Versorgung gelingt nur interdisziplinär – Pflege und Medizin auf Augenhöhe.
- Statt separater Demenzstation setzt das Projekt auf flächendeckende Schulung aller Berufsgruppen.
- Beim Delir wird per Screening ein niederschwelliges neurologisches Konsil ausgelöst.
- E-Learning, Trainingstage und Alltagsboxen verankern Wissen direkt auf den Stationen.
- Ziel ist weniger herausforderndes Verhalten, kein perfekter Idealzustand.
Unsere neue Folge ist eine CrossOver Aufnahme mit dem Podcast "Aufnahmegespräche" der Niels-Stensen-Kliniken. Wir sprechen mit Tobias Wittler, Ralf Dittrich und Clara Heuer über ihr Projekt zum demenz- und delirsensiblen Krankenhaus. Ihr erfahrt, wie das Konzept im Marienhospital Osnabrück umgesetzt wird und welche Maßnahmen getroffen wurden.
Wenn ältere Menschen ins Krankenhaus kommen, bringen viele mehr mit als ihre eigentliche Diagnose: eine Demenz oder das Risiko, ein Delir zu entwickeln. Beides macht den Klinikaufenthalt für die Betroffenen gefährlicher – und für die Versorgenden anspruchsvoller. Wie ein Haus damit umgehen kann, zeigt ein Projekt aus Osnabrück, das in einer ganz besonderen Folge im Mittelpunkt stand: einem CrossOver der Übergabe mit dem Podcast Aufnahmegespräche der Niels-Stensen-Kliniken. Zu Gast waren die Pflegewissenschaftlerin und Projektleiterin Clara Heuer und der Neurologe PD Dr. med. Ralf Dittrich. Für ihre Arbeit wurden sie mit dem Pflegepreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ausgezeichnet.
Was ein Krankenhaus überhaupt „demenzsensibel" macht
Eines vorweg: Der Begriff ist nicht geschützt. Es gibt kein einheitliches Siegel, kein Zertifikat, keine verbindliche Definition. Wer recherchiert, findet viele Empfehlungen und Handreichungen – aber keinen goldenen Weg, dem man einfach folgen könnte. Genau deshalb sprechen die Beteiligten bewusst von einem demenz- und delirsensiblen Krankenhaus und nicht von einem „demenzgerechten". Denn gerecht, das machten beide Gäste deutlich, kann ein Akutkrankenhaus dieser Patientengruppe kaum werden. Ein geregelter Tagesablauf, viel Ruhe, immer dieselben Bezugspersonen – all das, was Menschen mit Demenz brauchen, steht im Klinikalltag selten im Fokus.
Sensibel sein heißt dagegen etwas anderes: bewusst hinschauen, die Bedürfnisse dieser besonders verletzlichen Gruppe wahrnehmen und im Alltag mitdenken. Es geht um Aufmerksamkeit, um Haltung und um ein gemeinsames Verständnis darüber, dass diese Menschen in einer anderen Realität leben – und dass das in Ordnung ist.
„Ein wichtiges Learning war, zu akzeptieren, dass die Realität eines Menschen mit Demenz nicht unsere ist. Das sind keine Kinder, die ich erziehen muss, sondern Menschen mit einem echten Defizit und einem Handicap." — Clara Heuer
Wie aus überschüssiger Energie ein Projekt wurde
Der Anstoß kam aus der Neurologie. Als die Klinik die Versorgung der umliegenden Häuser mitbetreute, war noch viel Energie da, die kanalisiert werden wollte. Ein Projektantrag ging raus – und Clara Heuer erfuhr per Telefon, dass sie nun die Projektleitung übernahm. Das war 2018. Sie wälzte Literatur, recherchierte, schaute sich an, was andere Kliniken machten. Schnell wurde klar: Man fängt im Grunde bei null an.
Den ersten echten Faktencheck lieferte ihre Masterarbeit. Über sieben Wochen wurden alle Patient:innen über 65 Jahre gescreent – mit einem Kurzformat des MoCA-Tests und einem Score zur Delir-Erkennung. Das Ergebnis bestätigte das Bauchgefühl der Pflegenden mit Zahlen: Rund ein Fünftel der über 65-Jährigen zeigte eine Form von Demenz oder demenzielle Veränderungen. Eine Zahl, die zur internationalen Datenlage passt, etwa zur bekannten GHoSt-Studie zur Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Überraschend war ein anderer Befund: Verglichen mit einem historischen Kollektiv wurden die Betroffenen sogar rund einen Tag früher entlassen – weil sie wegen ihrer Begleiterkrankungen oft priorisiert untersucht und behandelt wurden. Der Mensch und seine eigentliche Problematik bleiben damit aber natürlich.
Warum Pflege und Medizin hier kein Gegeneinander kennen
Ursprünglich war das Vorhaben als Verbesserung der pflegerischen Versorgung gedacht. Doch es zeigte sich rasch, dass das im Krankenhaus nicht funktioniert. Pflege kann einen Expertenstandard umsetzen – aber wenn sich das nicht in Therapie, Umgang und Strukturen widerspiegelt, verpufft die Wirkung. Die Therapiehoheit liegt bei den Ärzt:innen, Veränderungen an Abläufen brauchen einen Motor in der Medizin. Und so wurde aus einem Pflegeprojekt ein interdisziplinäres Projekt über alle Berufsgruppen hinweg.
Bemerkenswert war schon, wie sich die beiden Gäste vorstellten: Eine Pflegewissenschaftlerin präsentierte einen Mediziner als ihren Kollegen – und umgekehrt. Diese Gleichwertigkeit ist kein Zufall, sondern Kern des Projekts.
„Im Krankenhaus lässt sich das nicht monodisziplinär lösen. Die Pflege erkennt diese Patienten oft schon von Weitem – aber die Therapie braucht die Medizin. Beide Berufsgruppen müssen gleichwertig daran arbeiten." — PD Dr. med. Ralf Dittrich
Eine bewusste Entscheidung gegen die separate Station
Viele Häuser richten geschützte, top ausgestattete Demenzbereiche ein. In Osnabrück hat man sich nach genauer Prüfung der Räumlichkeiten dagegen entschieden. Die Gründe sind praktisch und konzeptionell zugleich. Zehn oder zwanzig Plätze reichen bei den realen Fallzahlen nicht aus – ist die Station voll, müssen die Menschen ohnehin woanders liegen. Zudem kommen Patient:innen nicht mit der Diagnose Demenz, sondern mit einem chirurgischen oder internistischen Krankheitsbild. Eine spezialisierte Station müsste folglich alle Fachrichtungen abbilden, und sämtliche Fachabteilungen müssten dorthin visitieren.
Vor allem aber widerspricht die Bündelung dem eigentlichen Ziel. Wenn das Thema in einen abgeschnittenen Bereich ausgelagert wird, denken alle anderen schnell: „Damit habe ich nichts zu tun." Die Sensibilität soll aber überall wachsen. Deshalb fiel die Entscheidung für ein dezentrales Modell – realistischer und nachhaltiger, ohne das von einem Gast trocken kommentierte „Demenzghetto".
Erkennen, melden, handeln: der Behandlungspfad beim Delir
Beim Screening unterscheidet das Projekt klar zwischen Demenz und Delir. Eine Demenz routinemäßig abzufragen, wäre kaum vermittelbar – niemand betritt ein Patientenzimmer, um zu prüfen, ob jemand „dement" ist. Außerdem ist das Demenz-Screening zeitintensiv. Das Delir-Screening dagegen ist, heruntergebrochen, erstaunlich einfach und treffsicher: ein robustes, kurzes Testinstrument wie die Confusion Assessment Method oder die NU-DESC, auf der Intensivstation ergänzt durch die CAM-ICU.
Wird ein Delir erkannt, läuft ein Behandlungspfad an. Das Entscheidende: Pflegende können dann direkt – auch nur aus dem Bauchgefühl heraus – ein neurologisches Konsil auslösen, das für sie freigeschaltet wurde. Innerhalb von 24 Stunden kommt ein:e Neurolog:in und klärt, ob eine Demenz, ein Delir oder eine andere Differenzialdiagnose vorliegt. Das ist niederschwellig und umgeht den sperrigen Umweg, erst die behandelnde Fachdisziplin um ein Konsil bitten zu müssen. Wichtig dabei: Auf den Normalstationen wird beim Delir bewusst gescreent, weil ein erkanntes Delir Interventionen nach sich ziehen muss – auch wegen der damit verbundenen Mortalität. Beim Thema Demenz vertraut man dagegen auf die geschärfte Wahrnehmung der geschulten Teams.
Schulung als Herzstück – für wirklich alle
Das eigentliche Kernstück ist die Qualifizierung. Statt einzelne Expert:innen herauszupicken, wurden alle geschult, die am Patientenbett wirken: die Pflege als größter Teil, dazu Servicekräfte und Mitarbeitende aus der Küche, die in die Zimmer gehen. Denn herausforderndes Verhalten entsteht unter anderem dadurch, dass zu viele unbekannte Personen auf den Menschen einwirken. Grundlage ist der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz, doch das Projekt geht deutlich darüber hinaus.
Aufgebaut ist die Schulung in mehreren Ebenen. Ein E-Learning mit rund 15 Modulen à fünf bis zehn Minuten lässt sich orts- und zeitunabhängig nutzen – komplett durchlaufen ergibt es eine vollständige Schulung, einzeln aufgerufen wird es zum Wissensmanagement im Alltag. Inhaltlich geht es um die Krankheitsbilder Demenz und Delir, um Diagnostik und Therapie, um Biografiearbeit und Gedächtnistraining. Ergänzt wird das durch Trainingstage in Präsenz, bei denen Haltung, Sensibilisierung und der Umgang mit herausforderndem Verhalten an Fallbeispielen geübt werden. Über zwei Jahre hinweg wurde so jede Station geschult – immer im Gespräch mit den Teams, mit zugelassenen Pausen, weil alle ohnehin überlastet waren. Obendrauf bildet eine Weiterbildung mit dem Bildungszentrum seit 2021 Multiplikator:innen aus, die als Ansprechpersonen für Demenz und Delir auf den Stationen bleiben.
Ein besonderer Baustein ist ein Erfahrungsparcours nach dem Vorbild von Hands-on Dementia: Mit dicken Handschuhen, beim An- und Auskleiden oder bei alltäglichen Aufgaben lässt sich nachempfinden, wie sich ein Mensch mit Demenz fühlt. Das wechselt die Perspektive spürbar – und schafft Verständnis dafür, dass bestimmtes Verhalten kein Trotz, sondern Ausdruck der Erkrankung ist.
Vom Massageball bis zur 4-Uhr-Blutentnahme
Damit Wissen im Alltag ankommt, bekam jede Station eine Alltagsbox: Stifte und Mandalas, Massagebälle, ein Igelball, Kitteltaschenkarten mit Fünf-Minuten-Übungen fürs Gedächtnistraining. Manche Teams ergänzten eigene Ideen, sodass die Boxen heute unterschiedlich aussehen. Wichtig war, Dinge bereitzustellen, die sich ohne Vorbereitung sofort für Beschäftigung und Aktivierung nutzen lassen – denn gerade die nicht-medikamentösen Maßnahmen sind beim Delir entscheidend, wo medikamentös ohnehin wenig auszurichten ist.
Das geschärfte Bewusstsein wirkt auch auf Prozesse zurück. Plötzlich wird hinterfragt, warum Patient:innen nachts um vier zur Blutentnahme geweckt werden, damit die Werte zur Sieben-Uhr-Visite frisch vorliegen. Für Menschen mit Delir kann der ungestörte Nachtschlaf der bessere Weg sein. Auch die klassischen Verlegungen – liebevoll „Bettenkarussell" genannt – werden zurückhaltender gehandhabt, weil jeder Wechsel der Umgebung das Krankheitsbild verschärft. Ein präventiver Effekt, der sich rechnet: Wer mehr Zeit in den Umgang investiert, verhindert herausforderndes Verhalten, Aggression oder Hinlauftendenzen – und gewinnt am Ende.
Realistische Ziele statt Heilsversprechen
Die Schulungseffekte sind beachtlich – in der Literatur ist von rund der Hälfte weniger herausforderndem Verhalten die Rede. Doch die Beteiligten warnen vor Übertreibung: Das Ziel ist nicht, herausforderndes Verhalten komplett abzuschaffen oder Menschen mit Demenz reibungslos zu versorgen. „Das gibt es halt nicht", lautet die nüchterne Einsicht. Es geht darum, dass Pflegende in schwierigen Situationen nicht mehr überfordert dastehen, sondern wissen, an wen sie sich wenden und wie sie reagieren können.
„Den einen Weg, dem man Schritt für Schritt folgen kann, gibt es nicht. Wir schneiden uns immer kleine Steinchen ab – weniger ist mehr. Man legt einen Grundstein und baut darauf immer wieder auf." — Clara Heuer
Was noch kommen soll
Das Projekt bleibt dynamisch. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war eine Stelle für eine Advanced Practice Nurse im Bereich Demenz-Delir-Management ausgeschrieben, um die Expertise weiter zu vertiefen. Größere Visionen reichen bis in kommunale Strukturen hinein – etwa eine ambulante Begleitung nach Hause, um Rehospitalisierungen zu vermeiden. Denn sobald die Betroffenen entlassen sind, endet der Einfluss des Krankenhauses, und die strenge Trennung von ambulant und stationär setzt enge Grenzen. Auch eine Wiederholung der ursprünglichen Erhebung steht im Raum, scheitert aktuell aber an knappen Ressourcen.
Wer ein ähnliches Vorhaben starten will, bekommt von den Gästen klare Empfehlungen mit auf den Weg: alle Berufsgruppen einbeziehen, die Mitarbeitenden fragen, was sie brauchen, an Haltung und Mindset arbeiten – und klein anfangen, ohne sich auf starre Zahlenziele festzulegen. Für Hospitationen, Tipps und Anregungen ist das Team in Osnabrück ansprechbar. Und der wichtigste Satz fasst die Philosophie zusammen: Es geht nicht darum, ein Projekt vorzuweisen, sondern darum, dass es bei den Patient:innen ankommt.
Zum Weiterhören
- ÜG100 – Demenzfreundliche Krankenhäuser
- ÜG050 – Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz
- ÜG103 – Dementia Care Mapping
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes
- Zum Podcast Aufnahmegespräche der Niels-Stensen-Kliniken
- Clara Heuer
- PD Dr. med. Ralf Dittrich
- Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz
- MoCa-Test
- DemTect
- Confusion Assessment Method (CAM) zur Diagnose von Delirium
- NU-DESC (Nursing Delirium Screening Scale)
- Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Ergebnisse einer epidemiologischen Feldstudie. General Hospitalstudy (GHoSt)
- Hands-on Dementia
- Weiterbildung zum Demenzexperten
- Stellenangebot Pflegeexperte/in (m/w/d) APN Demenz- und Delirmanagement im Marienhospital Osnabrück, Niels-Stensen-Kliniken
