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Diese Episode erschien am 13.02.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Corona-Impfstoffe durchliefen alle Sicherheitsphasen – nur parallel statt nacheinander.
  • Pflegefachpersonen sind Vorbild und Multiplikator für die Impfentscheidung der Bevölkerung.
  • mRNA- und Vektorimpfstoffe verändern das menschliche Erbgut nicht.
  • Die Impfstoffe verhindern sicher schwere Verläufe und Todesfälle.
  • Ohne hohe Impfquoten und globale Solidarität endet die Pandemie nicht.

Anfang 2021, mitten in der Pandemie: Endlich gibt es Impfstoffe gegen das Coronavirus – und damit jede Menge Fragen. Wie kann ein Impfstoff so schnell entwickelt werden? Was steckt eigentlich in den verschiedenen Präparaten? Und welche Rolle spielen ausgerechnet Pflegefachpersonen dabei, ob diese Pandemie zu Ende geht? Über all das hat das Übergabe-Team mit Prof. Dr. Sabine Wicker gesprochen. Sie ist Fachärztin für Arbeitsmedizin, leitet den betriebsärztlichen Dienst am Universitätsklinikum Frankfurt und ist stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Eine bessere Gesprächspartnerin lässt sich für dieses Thema kaum finden.

Wer entscheidet eigentlich, gegen was wir uns impfen?

Die STIKO ist eine ehrenamtliche Kommission mit zwölf bis achtzehn Mitgliedern aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen – Kinderheilkunde, Gynäkologie, Mikrobiologie, Epidemiologie, Allgemeinmedizin und eben Arbeitsmedizin. Berufen wird man vom Bundesministerium für Gesundheit, jeweils für drei Jahre. Sabine Wicker ist seit 2011 dabei. Ihre Aufgabe: auf Grundlage wissenschaftlicher Daten Empfehlungen für die Bevölkerung auszusprechen. Dazu sichtet die Kommission Studien, führt Meta-Analysen durch und unterscheidet zwischen Standardimpfungen, Indikations-, Reise-, Auffrischungs- und beruflich indizierten Impfungen.

Für die Corona-Impfung hat die STIKO bereits im Frühsommer 2020 eine eigene Arbeitsgruppe gebildet. Seitdem tauscht sich das Gremium in regelmäßigen Videokonferenzen aus und arbeitet sich durch Zulassungsdaten, die jeweils mehrere tausend Seiten umfassen. Unterstützt wird die ehrenamtliche Arbeit von einer Geschäftsstelle am Robert-Koch-Institut. Wichtig zu wissen: Die Kommission hat keinen direkten Kontakt zu den Pharmaherstellern, sondern bewertet ausschließlich die vorliegenden Studiendaten – etwa die im New England Journal of Medicine und im Lancet veröffentlichten Zulassungsstudien sowie die Daten von Paul-Ehrlich-Institut und Europäischer Arzneimittelagentur (EMA).

Warum die Pflege im Zentrum steht

Dass Pflegefachpersonen bei der Impfung eine herausgehobene Rolle spielen, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen haben sie ein erhöhtes, arbeitsbedingtes Infektionsrisiko. Im Januar 2021 hatte das Robert-Koch-Institut eindrucksvolle Zahlen veröffentlicht: Täglich infizierten sich damals mehr als 1.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen mit SARS-CoV-2 – über 30.000 in nur einem Monat. Im Verlauf der Pandemie waren in Deutschland bis dahin knapp 200 Todesfälle beim medizinischen Personal zu verzeichnen, und aus Portugal kamen Meldungen, dass sich rund 70 Prozent des Spital-Personals bereits infiziert hätten.

Zum anderen sind Pflegefachpersonen Vorbild und Multiplikator. Studien zeigen klar: Die Impfentscheidung der Bevölkerung hängt stark vom Rat der betreuenden Ärzt:innen und Pflegefachpersonen ab.

„Ich sage immer: Wenn man für sich selbst keine Impfindikation sieht, dann wird man das vermutlich auch nicht den betreuten Patienten empfehlen.“ — Prof. Dr. Sabine Wicker

Wicker betont aber auch eine wichtige Unterscheidung, die in den Statistiken oft untergeht: Nicht jede Infektion beim medizinischen Personal ist berufsbedingt. Pflegefachpersonen stecken sich in einer Pandemie genauso im Privatleben an wie alle anderen. Für die Frage der Übertragbarkeit am Arbeitsplatz spielt die Herkunft der Infektion allerdings keine Rolle – wer infektiös ist, ist infektiös. Besonders tückisch: Etwa 20 Prozent der Infizierten zeigen gar keine Symptome, und die höchste Ansteckungsfähigkeit besteht kurz bevor überhaupt Beschwerden auftreten.

Der unterschätzte Risikobereich: die gemeinsame Pause

Im direkten Kontakt mit Patient:innen und Bewohner:innen wird konsequent auf Infektionsschutz geachtet – Mund-Nasen-Schutz auf beiden Seiten bietet, sofern medizinisch möglich, ein hohes Schutzniveau. Zum kritischen Punkt werden eher die gemeinsamen Pausen: Wer zusammen isst, trinkt und sich austauscht, legt die Maske ab. Genau dort passieren viele Übertragungen. Das gemeinsame Mittagessen oder der Kaffee in der Runde fällt damit weg – ein Verlust an sozialem Miteinander, der den Arbeitsalltag spürbar härter macht.

Wird eine Pflegefachperson positiv getestet, läuft ein klar strukturierter Prozess an: Zuerst wird die infizierte Person informiert und stellt ihre Tätigkeit ein. Dann werden gemeinsam die Kontakte der vergangenen zwei Tage vor Symptombeginn ermittelt und nach den RKI-Kategorien eingeordnet. Trugen alle Beteiligten einen Mund-Nasen-Schutz, handelt es sich um einen Kategorie-3-Kontakt – dann wird nur bei Symptomen getestet. Ein enger Kontakt ohne Schutz (Kategorie 1) ist dagegen quarantänepflichtig. Parallel erfolgt die Meldung an das Gesundheitsamt, das Isolation und Quarantäne anordnet.

In Rekordzeit – und trotzdem gründlich

Wie kann ein Impfstoff in nur einem Jahr entstehen, wenn das sonst fünf, zehn oder fünfzehn Jahre dauert? Wicker erklärt den üblichen Ablauf: Nach der Analyse des Virus und Versuchen in Zellkultur und Tiermodell folgen die Studien am Menschen. In Phase 1 geht es mit wenigen Proband:innen um Verträglichkeit, Sicherheit und Dosierung. Phase 2 weitet das auf einige hundert Personen aus. In Phase 3 schließlich nehmen mehrere zehntausend Menschen teil – bei BioNTech waren es über 40.000. Die Hälfte erhielt den Impfstoff, die andere ein Placebo, danach wurde verglichen, wie viele sich in jeder Gruppe ansteckten. Daraus ergibt sich die Wirksamkeit.

Der entscheidende Unterschied bei den Corona-Impfstoffen: Mit enormem finanziellen und personellen Aufwand ließ man die Phasen parallel laufen, statt sie nacheinander abzuarbeiten. Übersprungen wurde dabei nichts.

„Es wurden aber alle Phasen, alle Sicherheitsphasen, alle Studien gemacht – weil manche nichts anderes mehr gemacht haben, als nur noch daran zu arbeiten.“ — Prof. Dr. Sabine Wicker

Eine berechtigte Frage aus dem Podcast: Wie funktioniert eine Phase-3-Studie überhaupt, wenn man die Teilnehmenden ja nicht absichtlich dem Virus aussetzt? Solche bewussten Ansteckungen – sogenannte Challenge-Studien – sind bei einer potenziell tödlich verlaufenden Erkrankung mit möglichen Langzeitfolgen ethisch heikel. Stattdessen leben die Proband:innen ihren Alltag normal weiter, und über ausreichend große, randomisierte Gruppen lässt sich die Wirksamkeit zuverlässig berechnen. Wer in den Studien das Placebo erhalten hatte, wurde übrigens nachträglich geimpft – alles andere wäre unfair gewesen.

mRNA, Vektor und Co. – was die Impfstoffe unterscheidet

Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren in Deutschland drei Impfstoffe zugelassen: die beiden mRNA-Impfstoffe Comirnaty von BioNTech und das Präparat von Moderna sowie der Vektorimpfstoff von AstraZeneca. Der Impfstoff von Johnson & Johnson stand kurz vor der Zulassung.

Bei den mRNA-Impfstoffen enthält die Boten-RNA die genetische Information für das sogenannte Spike-Protein – also jenen Teil des Virus, mit dem es in die Zellen eindringt. Der Körper stellt dieses Eiweiß selbst her, das Immunsystem erkennt es und bildet Antikörper. Ein zentraler Punkt, der viele Menschen beschäftigt: Eine Integration ins menschliche Erbgut findet nicht statt. Die DNA liegt im Zellkern, die Ribosomen arbeiten außerhalb, und die mRNA hat eine völlig andere Struktur. Die Impf-RNA ist zudem so fragil, dass sie binnen weniger Tage wieder abgebaut wird.

Die Vektorimpfstoffe – etwa von AstraZeneca, Johnson & Johnson oder das russische Präparat Sputnik V – nutzen harmlose, in der Regel nicht krankmachende Viren als Transporter. Diese werden gentechnisch so verändert, dass sie die Bauanleitung für das Spike-Protein mitbringen. Der Mechanismus dahinter ähnelt dem der mRNA-Impfstoffe. Darüber hinaus gibt es weltweit fast 250 Impfstoffprojekte, darunter inaktivierte Impfstoffe (etwa die chinesischen Präparate von Sinovac und Sinopharm) sowie proteinbasierte Totimpfstoffe – beide zum Aufnahmezeitpunkt in Deutschland noch nicht zugelassen.

Was die Impfung kann – und was noch offen war

Eine der spannendsten Fragen: Verhindern die Impfstoffe nur schwere Verläufe oder auch die Weitergabe des Virus? Wicker war hier ehrlich. Gesichert sei zum damaligen Zeitpunkt, dass die zugelassenen Impfstoffe schwere Erkrankungen und Todesfälle verhindern. Ob Geimpfte das Virus noch weitergeben können, ließ sich mit den vorliegenden Daten noch nicht abschließend beantworten – auch wenn es Hinweise auf eine verringerte Übertragbarkeit gab. Biologisch hielt sie eine relevante Weitergabe ohne eigene Erkrankung ohnehin für wenig plausibel.

Gerade für die Impfung von Pflegefachpersonen ist diese Frage zentral: Es geht nicht nur um den eigenen Schutz, sondern auch um den der betreuten Menschen. Auch zur Dauer des Impfschutzes gab es damals noch keine endgültigen Daten – Wicker hielt eine regelmäßige Auffrischung ähnlich wie bei der Grippeimpfung für wahrscheinlich. Mit Sorge blickte sie auf die Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika und plädierte deshalb klar gegen halb-immunisierte Bevölkerungsteile, die das Entstehen weiterer Mutationen begünstigen könnten.

Nebenwirkungen, Langzeitschäden und die SafeVac-App

Wer „Langzeitschäden" befürchtet, denkt oft an Folgen, die erst nach Jahren auftreten. Wicker stellte klar: Langzeitwirkungen von Impfstoffen zeigen sich in der Regel wenige Wochen nach der Impfung – genau darauf ist das Nachbeobachtungsintervall ausgelegt. Die häufigsten Reaktionen sind lokale Beschwerden wie Schmerzen, Schwellung und Rötung an der Einstichstelle, dazu Kopfschmerzen, Glieder- und Muskelschmerzen sowie Fieber, vor allem nach der zweiten mRNA-Dosis. Meist klingt das innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder ab.

„Ich impfe ja nicht wegen den Nebenwirkungen, sondern ich impfe wegen den Wirkungen der Impfung.“ — Prof. Dr. Sabine Wicker

Echte Gegenanzeigen sind selten – etwa eine relevante Allergie gegen Impfstoffbestandteile. Für Schwangere und immunsupprimierte Menschen fehlten damals belastbare Daten, eine Impfung war aber im Einzelfall bei strenger Indikationsstellung möglich. Überwacht wird die Sicherheit engmaschig vom Paul-Ehrlich-Institut, das wöchentlich Daten zu gemeldeten Impfreaktionen veröffentlicht. Wer dabei mithelfen möchte, kann die kostenlose SafeVac-2.0-App des Paul-Ehrlich-Instituts nutzen: Sie erinnert nach der Impfung in immer größeren Abständen daran, mögliche Symptome einzutragen, und liefert so wertvolle Daten in Echtzeit.

Warum man sich den Impfstoff (noch) nicht aussuchen konnte

Anfang 2021 herrschte erheblicher Impfstoffmangel – nicht nur in Deutschland. Manche Länder in Afrika hatten zu diesem Zeitpunkt erst 25 Dosen für das gesamte Land erhalten. Eine freie Wahl des Präparats war daher noch nicht möglich. Sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die STIKO betonten, dass alle zugelassenen Impfstoffe geeignet sind, schwere Verläufe und Todesfälle zu reduzieren. Einen direkten Head-to-Head-Vergleich der Präparate unter identischen Bedingungen gab es nicht – die Studien stammten aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlicher Infektionslast.

Auch die viel diskutierte Frage der Priorisierung sprach Wicker an. STIKO, Deutscher Ethikrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatten dazu gemeinsam ein Positionspapier veröffentlicht. Sinngemäß heißt es darin: Solidarisch handelnde Personen stellen ihren eigenen Impfanspruch zugunsten derjenigen zurück, die ein höheres Risiko tragen. Das Impfziel sei eindeutig – schwere und tödliche Verläufe zu vermeiden und das Personal an vorderster Front zu schützen.

Herdenimmunität – ein weiter Weg

Wann ist eine Herdenimmunität erreicht? Auch hier blieb Wicker realistisch: Vermutlich brauche es eine Immunität von mindestens 70, womöglich bis zu 90 Prozent der Bevölkerung – stark abhängig davon, wie sich die Varianten entwickeln und wie lange der Schutz anhält. Angesichts von Impfquoten im niedrigen einstelligen Prozentbereich war das Ziel damals noch in weiter Ferne.

Zum Abschluss richtete Wicker einen klaren Appell an die Pflege – und machte ihren Respekt deutlich: Pflegefachpersonen hätten den engsten und längsten Kontakt zu den Patient:innen und in den vergangenen Monaten Außergewöhnliches geleistet. Auf ihrer Covid-Intensivstation in Frankfurt hätten sich über 95 Prozent der Pflegefachpersonen impfen lassen. Ihre Lehre aus der Krise: Es brauche eine schnelle, ehrliche und wissenschaftlich fundierte Kommunikation, um Fehlinformationen den Boden zu entziehen. Und vor allem den Blick fürs große Ganze – psychische Folgen, vernachlässigte andere Erkrankungen, Kinder ohne Zugang zu Bildung. Diese Pandemie, so ihr Fazit, ende erst, wenn sie überall endet – global und solidarisch gedacht.

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