- Gesundheitskompetenz heißt: Infos finden, verstehen, bewerten und im Alltag anwenden.
- Sie ist relational – persönliche Fähigkeiten und Systeme müssen zusammenpassen.
- In der Corona-Studie hatten 49 % Schwierigkeiten im Umgang mit Infos.
- Die Infoflut verunsicherte viele – besonders Frauen mit Kindern im Haushalt.
- Pflegefachpersonen sind zentral für die Stärkung von Gesundheitskompetenz.
Plötzlich war es überall: das Coronavirus. Und mit ihm eine Welle aus Meldungen, Empfehlungen, Halbwahrheiten und Verschwörungserzählungen, die noch schneller um die Welt raste als das Virus selbst. Genau in dieser Situation rückte ein Begriff in den Mittelpunkt, der lange eher abstrakt geklungen hatte: Gesundheitskompetenz. Im Übergabe-Podcast hat Dr. Orkan Okan vom Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld erklärt, was sich dahinter verbirgt – und was eine bundesweite Studie über den Umgang der Bevölkerung mit der Corona-Informationsflut herausgefunden hat. Diese Folge entstand als Auftakt einer kleinen Reihe, die im Auftrag der Robert Bosch Stiftung produziert wurde.
Mehr als nur „die richtige Milch trinken"
Was genau bedeutet eigentlich Gesundheitskompetenz beziehungsweise Health Literacy? Okan beschreibt es zunächst ganz pragmatisch: Es geht um die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, sie zu verstehen, zu bewerten und im Alltag anzuwenden – ob für Prävention, Gesundheitsförderung oder die Versorgung im Krankheitsfall. Wer gesundheitskompetent ist, kann Risiken besser einschätzen, Handlungsoptionen abwägen und informierte Entscheidungen für sich und für andere treffen, etwa für die eigene Familie. Gesundheitskompetenz ist damit ein aktives, handlungsorientiertes Konzept – kein passives Hinnehmen.
Doch die einfache Definition greift zu kurz. Denn Gesundheitskompetenz hängt nicht allein am einzelnen Menschen. Okan betont, dass das Konzept relational gedacht werden muss: Es braucht eine Passung zwischen den eigenen Fähigkeiten und den Rahmenbedingungen, in denen wir handeln. Ein Krankenhaus, eine Arztpraxis, eine Schule oder eine Internetseite – sie alle entscheiden mit, wie gut wir gesundheitliche Informationen nutzen können.
„Wir sprechen hier immer von einer Medaille, die zwei Seiten hat – und nur ganzheitlich ergibt sie Sinn." — Dr. Orkan Okan
Damit verschiebt sich der Blick: weg von der reinen Verhaltensprävention, bei der die Verantwortung allein beim Individuum liegt, hin zur Verhältnisprävention. Wer in der Schule etwas über Gesundheit lernen will, braucht Lehrkräfte und Strukturen, die das mittragen. Und ohne politische Maßnahmen – nicht nur in Form von Gesetzen wie dem Präventionsgesetz, sondern auch durch Geld, Infrastruktur und Ausbildung – lässt sich Gesundheitskompetenz gesellschaftlich kaum stärken.
Wie lernt man, gesund zu entscheiden?
Gesundheitskompetenz fällt nicht vom Himmel – sie muss gefördert werden. Wie das aussieht, hängt stark davon ab, welches Verständnis man zugrunde legt. Versteht man darunter vor allem Lesen, Schreiben, Rechnen und Verstehen im Gesundheitskontext, lässt sie sich über genau diese Grundkompetenzen stärken, damit Patient:innen etwa Therapieanweisungen oder die Einnahme von Medikamenten besser verstehen. Legt man dagegen den Schwerpunkt auf das Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Informationen, braucht es ganz andere Ansätze – und hier ist die Forschung vergleichsweise jung.
Am IZGK entwickelt Okans Team genau solche Fördermaßnahmen, etwa für Schulkinder und Lehrkräfte. Ein Anknüpfungspunkt ist der Medienkompetenzrahmen NRW, der in der Schule verpflichtend eingesetzt wird und viele Schnittstellen zur Gesundheitskompetenz bietet. Darin lassen sich Übungen verankern – etwa zum Erkennen richtiger und falscher Corona-Informationen oder zur Bewertung von Quellen. Gerade weil immer mehr Menschen chronisch erkranken, sei es wichtig, schon Kinder früh mit diesem Rüstzeug auszustatten, damit sie zu gesundheitskompetenten Erwachsenen heranwachsen.
Spannend ist die Frage, ob Gesundheitskompetenz von Bildung und Einkommen abhängt. Hier ist die Studienlage gemischt: Manche Untersuchungen sehen einen klaren Zusammenhang, andere zeigen, dass auch Menschen mit hohem Bildungsabschluss eine geringe Gesundheitskompetenz haben können. Klar ist für Okan, dass im digitalen Zeitalter die Informations- und Medienkompetenz immer wichtiger wird – schließlich zieht das Internet bis in die Hosentasche.
Wenn Informationen schneller sind als das Virus
Genau dieser Punkt wurde in der Pandemie zur zentralen Herausforderung. Informationen zu finden ist heute einfach – ein paar Klicks genügen. Viel schwieriger ist es, sie zu verstehen und vor allem auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Warum schenken manche Menschen Verschwörungserzählungen und Fake News Glauben, während andere sie sofort als Falschinformation entlarven? Welche Einstellungen, Haltungen und Lebenslagen spielen dabei eine Rolle? Für Okan sind das hochaktuelle Forschungsfragen – zumal wir heute nicht mehr nur Empfänger:innen von Informationen sind, sondern selbst ständig welche produzieren und weiterleiten.
Dass Jugendliche besonders intensiv online unterwegs sind, zeigen wiederkehrende Untersuchungen wie die JIM-Studie und die KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Wie diese Generation Gesundheitsinformationen versteht und bewertet, hat das Team auch in einer eigenen Erhebung zur digitalen Gesundheitskompetenz von Jugendlichen untersucht.
Eine Studie unter Hochdruck
Als das Virus die Welt erfasste, war für die Forschenden schnell klar: Ihr Thema passt perfekt auf die Gegenwart. Prävention, Infektionsschutz, das Verstehen behördlicher Empfehlungen, der Schutz vulnerabler Gruppen, die Entlastung der Versorgungssysteme – und nicht zuletzt die psychische Gesundheit unter Dauerstress: All das hat mit Gesundheitskompetenz zu tun. Interessant dabei: Gesundheitskompetenz wurde bislang vor allem im Zusammenhang mit nicht übertragbaren Krankheiten diskutiert, bei denen man über Jahre hinweg Kompetenzen aufbauen kann. Bei einer übertragbaren Krankheit wie COVID-19 blieb dafür schlicht keine Zeit.
Gemeinsam mit Kolleg:innen rund um Ulrich Bauer, Doris Schaeffer, Klaus Hurrelmann, Torsten Michael Bollweg sowie Partner:innen der Hertie School in Berlin und dem Institut für Demoskopie Allensbach entwickelte das Team einen Fragebogen. 22 Fragen erfassten, wie einfach oder schwierig es Menschen fällt, Corona-Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden – ergänzt um Fragen zur Informationsflut und soziodemografische Angaben. Gefördert wurde die Erhebung über den HLCA-Verbund („Health Literacy in Childhood and Adolescence") vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Bemerkenswert ist das Tempo: Von der Idee bis zur fertigen Erhebung vergingen nur gut zwei Wochen – mit intensiver Arbeit vieler Beteiligter, parallel laufenden Ethikanträgen und einer schnell aufgesetzten Online-Plattform. Möglich war das nur, weil das Team auf einen bereits validierten Fragebogen aufsetzen konnte, der über Jahre entwickelt und international erprobt worden war. Die Fragen mussten lediglich von allgemeinen auf Corona-bezogene Gesundheitsinformationen angepasst werden.
Was ein Ethikvotum mit Verantwortung zu tun hat
Im Gespräch erklärt das Übergabe-Team auch, worum es bei einem Ethikantrag eigentlich geht: Forschende reflektieren ihr Vorhaben daraufhin, ob sie Studienteilnehmende belasten oder gar vulnerable Personengruppen einbeziehen – etwa Menschen mit Demenz oder Kinder. Solche Anträge prüft eine Ethik-Kommission wie die der Universität Bielefeld. Wichtig ist dabei: Ziel ist nicht, Forschung mit vulnerablen Gruppen zu verhindern – das wäre selbst unethisch –, sondern sicherzustellen, dass sie sorgfältig und verantwortungsvoll geschieht. Wer tiefer einsteigen möchte, findet dazu auch vertiefende Literatur zur Forschungsethik.
Repräsentativ, aber mit Grenzen
Die Studie war eine repräsentative Querschnittserhebung – das heißt, von einer relativ kleinen Stichprobe lässt sich auf eine größere Gruppe schließen, weil Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung oder Einkommen die Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung widerspiegeln. Von über 4.500 angesprochenen Personen flossen am Ende 1.037 auswertbare Fragebögen in die Analyse ein, repräsentativ für Internetnutzer:innen in Deutschland ab 16 Jahren. Eine Rücklaufquote von rund 25 Prozent – durchaus solide.
Okan benennt aber auch ehrlich die Grenzen. Der Fragebogen beruht auf Selbstauskunft: Gefragt wird, wie schwer oder leicht jemand etwas empfindet – nicht objektiv getestet, ob er oder sie es tatsächlich kann. Hinzu kommt, dass eine reine Online-Stichprobe Menschen ausschließt, die nicht im Internet unterwegs sind. Und schließlich spielt soziale Erwünschtheit eine Rolle: Manche antworten so, wie es von ihnen erwartet wird. Ein Teil der Datensätze wurde deshalb wegen auffälliger Antwortmuster ausgeschlossen.
Die überraschend guten – und doch verunsicherten – Ergebnisse
Das vielleicht wichtigste Ergebnis: Im Vergleich zur allgemeinen Gesundheitskompetenz schnitten die Befragten beim Thema Corona besser ab. Während frühere Studien zeigten, dass rund 55 Prozent Schwierigkeiten im Umgang mit allgemeinen Gesundheitsinformationen haben, lag dieser Anteil bei den Corona-Informationen bei 49 Prozent. Der Grund liegt nach Okans Einschätzung in der Kommunikation: Die Empfehlungen – Hände waschen, Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen – waren einfach, alltagsrelevant und überall präsent.
„Während Gesundheitskompetenz vor dem Coronavirus oft sehr abstrakt war, zeigt uns die jetzige Krise den praktischen Mehrwert." — Dr. Orkan Okan
Gleichzeitig fühlten sich viele Menschen durch die schiere Flut an Informationen verunsichert – obwohl sie sich gut informiert fühlten. Auffällig: Das Vertrauen in Medieninformationen war eher gering, und vielen fiel es schwer, den Wahrheitsgehalt von Meldungen zu überprüfen. Während sich bei der Gesundheitskompetenz selbst keine Unterschiede nach Geschlecht, Bildung oder Einkommen zeigten, war die Verunsicherung durch die Informationsflut bei Frauen größer als bei Männern – und nochmals größer, wenn Kinder unter 18 Jahren im Haushalt lebten.
Wichtig ist die zeitliche Einordnung: Die Erhebung fand zum Zeitpunkt der Aufnahme ganz zu Beginn der Pandemie statt, als das Thema noch alles dominierte. Wie sich die Lage zwischen den Infektionswellen veränderte, müsste eine weitere Erhebung zeigen. Begleitende Daten wie das COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) machen deutlich, wie stark sich Einschätzungen und Verhalten über die Zeit verschoben.
Infodemie: Wenn auch richtige Informationen überfordern
Ein zentraler Begriff der Pandemie ist die „Infodemie" – die Flut aus richtigen und falschen Informationen. Gesundheitskompetenz ist für Okan genau das Konzept, das hier weiterhilft: ein Informationskompetenz-Ansatz, der speziell auf Gesundheit ausgerichtet ist. Denn selbst die beste Information nützt wenig, wenn die Dauerbeschallung überfordert. Die Konsequenz: Es reicht nicht, einzelne Menschen zu stärken. Mindestens ebenso wichtig ist, dass Behörden, Medien und Politik zielgruppengerecht, einfach und alltagsnah kommunizieren. Stimmt diese „organisationale" Seite, gleicht sie sogar manche Schwäche bei der persönlichen Gesundheitskompetenz aus.
Warum die Pflege hier eine Schlüsselrolle spielt
Für die Pflege ist das Thema hochrelevant. Pflegefachpersonen sind oft am dichtesten an den Patient:innen, kommunizieren viel, vermitteln, ermöglichen Teilhabe und Entscheidungsfindung. In vielen Ländern – etwa in Großbritannien, den USA, Kanada oder Australien – gehört die Pflegewissenschaft zu den treibenden Kräften der Gesundheitskompetenzforschung.
„Zukünftige Pandemiestrategien und Strategien der öffentlichen Gesundheit müssen zentral auf Pflege, Pflegeforschung und Pflegewissenschaft bauen." — Dr. Orkan Okan
Die Konsequenz für die Praxis: Ist die Gesundheitskompetenz der Pflegefachpersonen hoch, profitiert die gesamte Bevölkerung – durch bessere Beratung, Aufklärung und Begleitung. Genau deshalb sollte das Thema fest in die Curricula der Gesundheitsberufe gehören, an Hochschulen ebenso wie in den Betrieben. Denn viele Patient:innen verlassen sich darauf, dass die Fachperson die richtigen Informationen vermittelt und ihren Alltag erleichtert.
Zum Weiterhören
- ÜG057 – Verschwörungstheorien (Katharina Nocun & Dr. Karl Hepfer)
- ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)
- ÜG058 – Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise (Simon Eggert)
Informationen zum Gast und zur Studie
- Informationen zu Dr. Orkan Okan (uni-bielefeld.de)
- Gesundheitskompetenz der Bevölkerung im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie (uni-bielefeld.de)
Gesundheitskompetenz
- Health Literacy / Gesundheitskompetenz (bzga.de)
- Gesundheitskompetenz (Health Literacy) (rki.de)
- Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz und der Beitrag der Pflege (dbfk.de)
- Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) (uni-bielefeld.de)
- HLCA - Health Literacy in Childhood and Adolescence (hlca-consortium.de)
- Digitale Gesundheitskompetenz von Jugendlichen (hs-fulda.de)
- Basisuntersuchungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (mpfs.de)
- JIM-Studie (mpfs.de)
- KIM-Studie (mpfs.de)
Weitere Shownotes zur Folge
- Das Präventionsgesetz (Bundesgesundheitsministerium.de)
- Medienkompetenzrahmen NRW (medienkompetenzrahmen.nrw)
- Ethik-Kommission der Uni-Bielefeld (uni-bielefeld.de)
- Forschungsethik (Buchempfehlung) (hogrefe.de)
- COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) (uni-erfurt.de)
Hinweise auf Veranstaltungen
- ANP-Tagung 2020: ANP Konkret: Clinical Leadership – Praxis und Perspektiven
- Wann: 07. Mai 2021
- Wo: Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth
- Deutscher Pflegetag
- Wann: 11-12. November 2020
- Wo: STATION Berlin
