- Die Geschichte der Pflege ist eng mit der Gewerkschafts- und Frauenbewegung verwoben.
- Macht entsteht durch Mitglieder – der Organisationsgrad in der Pflege ist niedrig.
- Streiks in der Pflege sind möglich, aber schwer zu organisieren.
- Tarifverträge zur Entlastung sind seltene, hart erkämpfte Erfolge.
- Gewerkschaft und Pflegekammer schließen sich nicht aus – der Ton aber trennt.
Wenn du in der Pflege arbeitest, kennst du das Gefühl: zu wenig Zeit, zu wenig Personal, zu wenig Anerkennung. Aber warum ist das eigentlich so – und warum verändert sich so wenig daran? In einer Folge des Übergabe-Podcasts war Michael Quetting, Pflegebeauftragter im Südwesten, zu Gast. Er ist gelernter Krankenpfleger, war Stationsleiter, medizinischer Prozessmanager und arbeitet seit 2008 als Gewerkschaftssekretär. Im Gespräch erzählt er, wie eng die Geschichte der Pflege mit der Gewerkschaftsbewegung verwoben ist – und warum Verbesserungen am Ende immer eine Machtfrage sind.
Von der Berufung zum Beruf: eine verschlungene Geschichte
Um zu verstehen, warum die Pflege bei Löhnen und Arbeitszeiten lange hinter anderen Branchen herhinkte, lohnt ein Blick zurück. Anfang des letzten Jahrhunderts war Pflege kein moderner Beruf, sondern Liebesdienst. Die Mutterhausschwesternschaften vertraten ein „unberufliches“ Konzept: Man pflegte aus Berufung, nicht für Geld. Erst nach und nach bildeten sich freie Schwesternschaften, in denen Lohn bezahlt wurde – auch wenn das Leitbild des Dienens prägend blieb.
1928 entstand eine Schwesternschaft im Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter, eine Vorläuferin der späteren Gewerkschaft ÖTV. 1949 wurde der Bund Freier Schwestern gegründet – eine spannende, widersprüchliche Mischung aus Schwesternschaft und Gewerkschaft. Dieser Prozess fiel zusammen mit einer erwachenden Frauenbewegung und einem neuen Lebensentwurf der Frauen. Bemerkenswert: In den Bezirken der ÖTV war eine Kollegin gleichzeitig für die Schwesternschaft, für die Frauenarbeit und oft auch für die Bildungsarbeit zuständig. Allein diese bundesweite Vernetzung war damals ein Novum.
Quetting betont, dass diese Entwicklung nicht geradlinig verlief. Erst 1968 durften überhaupt Männer dem Bund beitreten. Trotzdem wurden in dieser Phase wichtige Weichen gestellt: 1956 gelang mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände erstmals eine Arbeitszeitverkürzung in der Krankenpflege auf 54 Stunden. 1960 folgte ein Tarifvertrag für das dritte Ausbildungsjahr, und mit dem Krankenpflegegesetz 1965 wurde ein großer Schritt Richtung Professionalisierung getan.
„Es ist eben nicht nur eine Geschichte der Gewerkschaften, sondern es ist eben auch eine Geschichte der Pflege.“ — Michael Quetting
Diese Verzahnung von Berufs-, Gewerkschafts- und Frauengeschichte erklärt vieles, was bis heute nachwirkt. Wer mehr über den feministischen Blick auf den Beruf erfahren möchte, findet in der Episode Feminismus & Pflege spannende Anknüpfungspunkte.
Warum der Vergleich mit der Industrie hinkt
In der Industrie – etwa im Bergbau oder bei der IG Metall – verliefen Lohnkämpfe, Arbeitszeitverkürzungen und der Aufbau sozialer Rechte deutlich rasanter. Quetting nennt zwei Gründe. Erstens das kirchlich-christliche Erbe: Wer aus „Berufung“ dient, wer von Gott gerufen wurde, der ordnet sich willig einer strengen Hierarchie unter und schaltet seinen eigenen Kopf eher aus. Zweitens die Frauenfrage. Pflege galt als etwas, das „jede Frau“ könne, wenn sie nur lieb sei – ein Bild, das nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch viele Pflegende selbst verinnerlichten.
Dazu kommt ein praktisches Problem: Ein Streik im Krankenhaus oder im Altenheim ist viel schwerer zu organisieren als in der Fabrik. Wenn im Bergbau der Gewerkschaftssekretär pfiff, gingen 60.000 Beschäftigte raus. In der Pflege kannst du die Patient:innen nicht einfach liegen lassen. Lange galt der Streik im Krankenhaus deshalb als Tabu – die Durchsetzung von Forderungen war auf die Solidarität anderer Kolleg:innen angewiesen.
Care-Arbeit: das verkannte gesellschaftliche Thema
Ein Strang des Gesprächs dreht sich um die Frage, warum die Pflege im Feminismus-Diskurs nicht stärker im Zentrum steht. Schließlich vereint sie vieles auf einen Schlag: ein Beruf, in dem überwiegend Frauen arbeiten, für vergleichsweise wenig Geld, viele Stunden – und an der Spitze sitzt häufig ein Mann. Quetting verweist auf die Debatte um Care-Arbeit, die in den vergangenen Jahren spürbar an Fahrt gewonnen hat, etwa über Care-Demonstrationen oder Aktionen am Internationalen Frauentag.
„Wenn man die Care-Arbeit in der Summe sieht, ist das Ausdruck einer unverschämten Unterdrückung der Frau: Man wälzt das Problem der Versorgung einfach auf ein Geschlecht ab und bezahlt nicht dafür.“ — Michael Quetting
Das Problem werde, so Quetting, nicht gelöst, sondern verschoben – etwa indem ein großer Teil der häuslichen Versorgung alter Menschen von Pflegenden aus Osteuropa unter teils prekären Bedingungen getragen wird.
Wie ver.di entstand – und wie eine Gewerkschaft funktioniert
2001 fusionierten fünf Einzelgewerkschaften – darunter die ÖTV und die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) – zu ver.di. Beide hatten zuvor Pflegende organisiert. Heute ist ver.di ein bunter Zusammenschluss mit rund zwei Millionen Mitgliedern, gegliedert in Fachbereiche. Die Pflege gehört zum Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen mit damals etwa 400.000 Mitgliedern. Wer die Wurzeln dieser Bewegung nachvollziehen will, findet bei der Geschichte der Gewerkschaften und beim Deutschen Gewerkschaftsbund reichlich Material.
Wichtig zu verstehen: ver.di ist eine Einheitsgewerkschaft, unabhängig von Arbeitgebern, Staat, Parteien und Religionsgemeinschaften. Sie organisiert nicht nur einen Beruf, sondern viele – vom Rettungsdienst bis zur Ärzteschaft. Und sie lebt vom Ehrenamt: Auf allen Ebenen entscheiden die Mitglieder mit.
„Alles ist eine Machtfrage“
Auf die Frage, warum man überhaupt eintreten sollte, wird Quetting deutlich. Es gehe nicht darum, mit den besseren Argumenten zu überzeugen, sondern darum, sich durchzusetzen – und Macht bemisst sich daran, wie viele Mitglieder man in die Waagschale wirft.
„Wenn du dich durchsetzen willst, musst du Macht ausüben. Und Macht macht sich unter anderem daran fest, wie viele Mitglieder du in die Waagschale wirfst.“ — Michael Quetting
Genau hier liegt das Problem: Der Organisationsgrad in der Pflege ist niedrig. In Rheinland-Pfalz und im Saarland zählte ver.di damals etwa 10.000 Pflegende – ein Organisationsgrad von rund 20 Prozent. In Krankenhäusern lässt sich dieser Wert erreichen, teils sogar deutlich übersteigen; in einem Haus, in dem Quetting selbst Sprecher war, lag er bei 80 Prozent. In der Altenpflege dagegen liegt er Studien zufolge bei nur etwa zehn Prozent. Mitglied wird man übrigens unkompliziert online – aber Quetting wünscht sich, dass Kolleg:innen direkt im Betrieb angesprochen werden. Das ist in der Pflege schwer: Kommunikation über Altenheime, ambulante Dienste und Schichten hinweg ist eine echte Herausforderung.
Ein wichtiges Werkzeug bleibt dabei der Betriebsrat. Das Betriebsverfassungsgesetz sieht ihn in Betrieben mit mehr als fünf Beschäftigten ausdrücklich vor – trotzdem fehlt er in vielen Pflegeeinrichtungen. Wer sich engagieren will, braucht Mut, denn nicht jede:r traut sich, den Kopf herauszustrecken.
Streik in der Pflege – möglich, aber hart erkämpft
Dass Pflege streiken kann, gilt heute als bewiesen – das war nicht immer so. Quetting beschreibt eine eigens entwickelte Streikstrategie für Krankenhäuser über Betten- und Stationsschließungen. 2017 streikte im Saarland das erste katholische Krankenhaus Deutschlands überhaupt – ein Tabubruch, an dessen Vorbereitung er anderthalb Jahre arbeitete. Gewonnen wurde der Tarifvertrag zwar nicht, aber bewiesen war: Man wird hinterher nicht erschossen.
Konkrete Erfolge gibt es bei den sogenannten Entlastungstarifverträgen. Vorbild war die Charité, der Saarländische Kämpfe folgten. An der Uniklinik des Saarlandes wurden tariflich verbindliche Sollzahlen für das Personal je Schicht festgelegt – keine bloßen Untergrenzen, die ausgesetzt werden können. Arbeiten Teams trotzdem unterbesetzt, gibt es dafür freie Tage als Ausgleich. Bundesweit zählte ver.di damals 17 Häuser mit solchen oder ähnlichen Regelungen. Wie ein solcher Tarifvertrag im Detail funktioniert, beleuchtet die Episode Der Tarifvertrag der Charité, und wie Arbeitskämpfe aus Sicht der Streikenden erlebt werden, zeigt die Folge Pflege streikt!.
Das System dahinter: Markt, wo kein Markt hingehört
Warum ändert sich trotz aller Aktionen so wenig? Quetting bringt den Begriff Neoliberalismus ins Spiel. Wer als Exportnation auf dem Weltmarkt vorne sein will, senkt die sogenannten Lohnnebenkosten – und fährt die Daseinsvorsorge zurück. Mit der Einführung der DRGs und marktorientierter Steuerung wurde aus Gesundheit und Pflege ein Wettbewerbsfeld. Aus den „Halbgöttern in Weiß“ wurden Beschäftigte, die nicht mehr die Prozesse steuern – das übernimmt der Ökonom.
Besonders kritisch sieht er Renditen, die mit Geldern aus den Sozialversicherungen erwirtschaftet und an Aktionäre ausgeschüttet werden. Quetting plädiert hier für ein Gewinnverbot. Und er macht an einem Beispiel deutlich, wie selbstverständlich Arbeitsschutz ignoriert wird: Bei einer Prüfung des Dienstplans einer Intensivstation fanden sich binnen zwei Monaten fast 300 Verstöße – Bußgelder, die im Krankenhaus aber praktisch nie eingetrieben werden.
„Das System ist darauf ausgebaut, dass ich wenig Personal habe und prekäre Arbeitsverhältnisse schaffe. Wenn ich das nicht will, müssen wir das System ändern.“ — Michael Quetting
Was würde schnell helfen? Quetting nennt zwei Schrauben: eine deutlich bessere Bezahlung und endlich Arbeitsbedingungen, unter denen man richtig pflegen kann. Sein Mindestanspruch klingt fast bescheiden – dass die Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetze, die für alle gelten, eben auch für Pflegende gelten. Den Stress, abends nach Hause zu gehen und zu wissen, dass man nicht so pflegen konnte, wie es richtig wäre, hält er für eines der schlimmsten Probleme des Berufs.
Gewerkschaft und Pflegekammer: ein Streit über den Ton
Den intensivsten Schlagabtausch der Folge liefert das Verhältnis von ver.di zur Pflegekammer. Die Beschlusslage der Gewerkschaft ist klar: Sie spricht sich gegen die Einrichtung von Pflegekammern aus – arbeitet dort, wo sie existieren, aber konstruktiv mit. Quetting kandidiert selbst, sein Motto: „ver.di räumt die Kammer auf.“ Er kritisiert vor allem fehlende Transparenz und eine Berufsordnung, die den Druck auf die Beschäftigten erhöhe, während Arbeitgeber außen vor blieben. Außerdem stört ihn die Pflichtmitgliedschaft – das Prinzip der Freiwilligkeit ist ihm wichtig.
Die Übergabe-Crew hält dagegen: Warum schließt das eine das andere aus? Eine Kammer übernimmt Aufgaben – Berufsordnung, Fortbildungsregelung, fachlich-qualitative Arbeit –, die weder Politik noch Arbeitgeberverbände wie der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste oder der Arbeitgeberverband Pflege noch die Gewerkschaft bislang erledigt haben. Tarif und Gehalt bleiben dagegen Sache der Gewerkschaft. Die beiden Instrumente müssten sich also ergänzen, nicht bekämpfen.
Am Ende findet man zueinander: Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um die Art und Weise. Quetting respektiert die Hoffnung vieler Pflegender auf Aufwertung und Selbstbestimmung – fürchtet aber, dass diese Hoffnung enttäuscht wird. Sein Appell: das gemeinsame Ziel in den Blick nehmen, die Berufsgruppe nicht spalten und die starke Organisation ver.di als Werkzeug nutzen. Wer tiefer in die Kammerdebatte einsteigen will, findet in der Episode Gehalt der Pflege und die Rolle der Kammern mit dem Präsidenten der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz eine weitere Perspektive.
Zum Weiterhören
- ÜG094 – Pflege streikt! (Paula Klaan)
- ÜG085 – Der Tarifvertrag der Charité (Carla Eysel & Dana Lützkendorf)
- ÜG020 – Feminismus & Pflege
Shownotes
- Pflegebeauftragter im Südwesten, Michael Quetting (gesundheit-soziales.verdi.de)
- KTQ (ktq.de)
- Geschichte der Gewerkschaften (gewerkschaftsgeschichte.de)
- Gründung „Bund freier Schwestern“ in der ÖTV (fh-muenster.de)
- Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (vka.de)
- Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (wikipedia.org)
- Deutscher Gewerkschaftsbund (dgb.de)
- Feminismus in der Pflege (uebergabe.de)
- Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa.de)
- Arbeitgeberverband Pflege e.V. (arbeitgeberverband-pflege.de)
- Betriebsverfassungsgesetz (Gesetze-im-internet.de)
- Podcast-Apps (lagedernation.org)
- Pflege-Examenstrainer 3.0 (theorie-pruefung.eu)
