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Diese Episode erschien am 12.02.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Hebammen haben mit der Vollakademisierung ein neues, breiteres Kompetenzprofil bekommen.
  • Vorbehaltene Tätigkeiten und Hinzuziehungspflicht sichern den autonomen Berufsbereich.
  • Gute Geburtshilfe braucht mehr als Überleben: Choice, Continuity und Control zählen.
  • Arbeitsbedingungen entscheiden über Hebammenmangel – nicht allein die Ausbildungszahlen.
  • Steigende Sectio-Raten sind Folge von Medikalisierung, Forensik und verlernten Skills.

Über Pflege sprechen wir im Übergabe-Podcast oft. Diesmal geht der Blick einmal über den Tellerrand – zu einem Gesundheitsberuf, der gerade einen historischen Umbruch erlebt: den Hebammen. Zu Gast war Prof.in Dr.in Claudia Hellmers von der Hochschule Osnabrück, die seit 2009 Professorin für Hebammenwissenschaft ist und gleich zwei Studiengänge mitverantwortet. Was dabei herauskam, ist auch für Pflegefachpersonen erstaunlich vertraut – und an einigen Stellen ein echter Augenöffner.

Eine junge Disziplin findet ihre eigene Stimme

Hebammenwissenschaft ist in Deutschland noch jung. Der erste hebammenwissenschaftliche Studiengang wurde 2008 in Osnabrück eröffnet – damit ist die Disziplin der Pflegewissenschaft etwa 30 Jahre hinterher. Ihr Ziel beschreibt Claudia Hellmers als Dreiklang aus Forschung, Lehre und Praxis: Es geht darum, einen eigenständigen Wissenskorpus aufzubauen, internationale Konzepte für Deutschland nutzbar zu machen und die Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und Familien zu verbessern. Vieles stammt aus Bezugswissenschaften – vor allem aus der Medizin und den Sozialwissenschaften, ein Stück weit auch aus der Pflegewissenschaft.

Genau hier liegen die Schnittstellen zur Pflege: Lebensweltorientierung, Familienorientierung, didaktische Modelle. In der Fachdidaktik sieht sich die Hebammenwissenschaft sogar als Lernende – sie greift auf etablierte pflegedidaktische Konzepte zurück. Auch in der Doktorand:innen-Ausbildung gibt es in Osnabrück enge Kooperationen zwischen Pflege- und Hebammenwissenschaft.

„Es geht uns nicht um die bessere Hebamme. Es geht darum, dass Hebammen ein anderes Kompetenzprofil brauchen – und das kriegen wir über eine Hochschulbildung besser hin als in einer klassischen Berufsfachschulausbildung." — Prof.in Dr.in Claudia Hellmers

Der autonome Bereich: vorbehalten und hart erkämpft

Anders als die Pflege haben Hebammen schon lange einen klar abgegrenzten, autonomen Tätigkeitsbereich – verankert im Hebammengesetz. Dazu gehört die sogenannte Hinzuziehungspflicht: Jede Ärztin und jeder Arzt ist verpflichtet, zu einer Geburt eine Hebamme hinzuzuziehen und darf eine normale Geburt nicht allein leiten. Umgekehrt darf eine Hebamme eine physiologische Geburt eigenständig begleiten, die Schwangerenvorsorge übernehmen und das Wochenbett überwachen.

Historisch war das nicht selbstverständlich. Mit der Institutionalisierung der Hebammenausbildung und dem Einzug in die klinische Geburtshilfe verlor der Beruf einen Teil seiner früheren Eigenständigkeit – die Medizin setzte sich darüber, klassischer Frauenberuf, jahrhundertelang nicht an den Universitäten zugelassen. Bis heute werden viele dieser gesetzlich verbrieften Rechte in den hierarchisch geprägten Klinikstrukturen nicht voll gelebt, weil die Weisungsbefugnis oft bei der ärztlichen Leitung liegt.

Dass die Hinzuziehungspflicht überhaupt erhalten blieb, ist auch ein Verdienst einer bemerkenswert geschlossenen Berufsgruppe. Die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft und ein starker Berufsverband – allen voran der Deutsche HebammenVerband – haben sich intensiv in die Gesetzgebung eingebracht. Über 90 Prozent der rund 24.000 Hebammen sind im Verband organisiert. Das schafft politisches Gewicht, von dem die Pflege bisweilen nur träumen kann.

Warum gleich alle studieren?

Die Vollakademisierung war innerhalb des Berufs durchaus umstritten – ähnlich wie in der Pflege. Eine der größten Sorgen: Entstehen zwei Klassen von Hebammen? Bekommen die mit Bachelor die besseren Stellen, die höhere Bezahlung, die spannenderen Aufgaben? Claudia Hellmers lenkt den Blick auf das Kompetenzprofil. Wer eine Schwangere autonom betreuen, eine Geburt eigenständig leiten und das Wochenbett überwachen soll, braucht genau dieses Rüstzeug – eine Aufteilung in „darf nur ein bisschen davon" funktioniert nicht.

Dazu kommen die wissenschaftlichen Kompetenzen: Wer kein vorgesetztes Qualitätsmanagement hat, muss selbst recherchieren, Leitlinien beurteilen und entscheiden können, was sich für den Praxistransfer eignet. Hinzu kamen die internationale Anschlussfähigkeit – rundherum gibt es längst Bachelorabschlüsse – und das Argument, Frauen nicht länger in einer Bildungssackgasse zu halten.

Bemerkenswert ist eine Beobachtung, die auch Pflegende kennen: Die Frage, ob man jemandem mit Realschulabschluss den Zugang verbaut, wird ausgerechnet bei den klassischen Frauenberufen gestellt – bei Medizin, Jura oder im Cockpit dagegen nie. Über Wege wie die 3-plus-3-Regelung oder die Z-Prüfung bleibt das System durchlässig. Entscheidend ist, dass am Ende das Kompetenzprofil erreicht wird.

„Wer einen bestimmten Beruf wirklich machen will, ist auch in der Lage, den entsprechenden Abschluss zu erreichen. Da darf man niemanden ausschließen – man muss Wege aufzeigen." — Prof.in Dr.in Claudia Hellmers

Praxisanleitung: ein Steckenpferd mit Realitätssinn

Wie in der Pflege sieht das Gesetz nun einen festen Anteil von 25 Prozent Praxisanleitung vor – mit Übergangsregelungen bis 2030. In Niedersachsen startet man zum Zeitpunkt der Aufnahme bei 15 Prozent und steigert schrittweise. Für Hellmers ist gute Praxisanleitung ein zentrales Instrument, gerade weil die quantitativen Praxisstunden reduziert wurden und es dafür eine qualitative Verdichtung braucht. Gleichzeitig betont sie: Die Praxis muss hinterherkommen, sonst sind am Ende alle frustriert. Pragmatismus statt Maximalforderung.

Hebammenmangel: zu wenige Köpfe oder zu schlechte Bedingungen?

Die Versorgungslage ist schwer zu fassen – es fehlt schlicht eine belastbare Datenbasis, weil Hebammen in Deutschland nicht flächendeckend registriert sind. Gutachten des IGES-Instituts zeigen aber einen Mangel, besonders in der ländlichen Wochenbettbetreuung, und eine Zentralisierung der Geburtsstationen – kleine Abteilungen schließen, weil sie sich über die Anreizsysteme nicht refinanzieren.

Spannend ist Hellmers' Befund: Wo es noch funktioniert, liegt das oft daran, dass Hebammen über ihre Kräfte arbeiten – mehr Frauen annehmen, weite Wege fahren. Und eine Bachelorarbeit aus Osnabrück zeigte, dass die anfangs hohe Identifikation von Auszubildenden mit „ihrem" Haus im Laufe der Ausbildung rapide sinkt. Hauptgrund: mangelnde Integration ins Team und fehlende Möglichkeit, originäre Hebammenarbeit zu leben. Mit anderen Worten: Man bildet den Nachwuchs aus – und verliert ihn an die Strukturen.

„Wir können unglaublich viele Frauen ausbilden. Wenn die wegen schlechter Arbeitsbedingungen in andere Berufe abwandern, nützt uns die Quantität nichts." — Prof.in Dr.in Claudia Hellmers

Personaluntergrenzen wie in der Pflege gibt es bislang nicht – nur Orientierungswerte und Empfehlungen. Ermutigend fand die Runde den damals frisch in Kraft getretenen Tarifvertrag der Charité, der erstmals eine Mindestbesetzung für Entbindungsräume festschreibt. Genau solche Schritte, so der Tenor, brauche es bottom-up – und dafür sei letztlich die gewerkschaftliche Ebene zuständig, nicht die wissenschaftliche oder berufspolitische.

Hebammengeleiteter Kreissaal und Geburtshaus

Ein Modell, das den autonomen Bereich konsequent umsetzt, ist der hebammengeleitete Kreißsaal – auch er hat seinen Forschungsursprung in Osnabrück, unter anderem durch Friederike zu Sayn-Wittgenstein in Kooperation mit Beate Schücking und Petra Kolip. Low-Risk-Frauen werden hier von Hebammen primär versorgt, eine ärztliche Verlegung ist bei Bedarf sofort möglich, oft sogar ohne Raumwechsel. Studien zeigen ein sehr gutes Outcome – trotzdem haben sich die Modelle bisher nur an wenigen Standorten etabliert, weil sie eine andere Verantwortungsübernahme und passende Rahmenbedingungen voraussetzen.

Bei freiberuflichen Hebammen und Geburtshäusern drücken hohe Haftpflichtprämien. Viele haben die außerklinische Geburtshilfe aufgegeben, weil sich das schlicht nicht mehr trägt – mit der Folge, dass die Wahlfreiheit der Frauen schrumpft. Abgerechnet wird über die Hebammengebührenverordnung, die zwischen Berufsverband und Krankenkassen ausgehandelt wird.

Was Frauen wirklich brauchen

Rund 98 Prozent der Geburten finden in Deutschland in der Klinik statt, nur etwa zwei Prozent außerklinisch – eine seit Jahren stabile Zahl. Wer sich für die außerklinische Geburt entscheidet, sucht häufig Selbstbestimmung, eine vertraute Hebamme und eine geschützte Atmosphäre. Wer in die Klinik geht, verbindet damit ein Sicherheitsgefühl durch medizinische Ausstattung und angeschlossene Kinderklinik.

Hellmers' zentrale Frage: Bietet ein medizinisches System eigentlich das, was Frauen brauchen? Für das subjektive Sicherheitsempfinden zählen drei Faktoren – Choice, Continuity und Control. Eine Hebamme, die zuhört und respektvoll betreut. Eine kontinuierliche Begleitung, idealerweise von der Schwangerschaft bis ins Wochenbett. Und das Gefühl, nicht über den eigenen Kopf hinweg entscheiden zu lassen. Gerade diese Kontinuität ist im fragmentierten deutschen System selten – ein Plädoyer auch für Modelle wie Caseload Midwifery aus Australien und Neuseeland, das allerdings die schwierige Frage der Dauerbereitschaft mit sich bringt.

Sectio, Technik und das verlernte Handwerk

Die Kaiserschnittrate stieg in Deutschland von rund 15 Prozent in den 1990ern auf über 30 Prozent und stagniert seither. Die Gründe sind vielfältig: Medikalisierung, forensischer Druck, steigendes Alter der Gebärenden – und vor allem der Status nach Sectio als eine der Hauptindikationen. Der vielzitierte „Wunschkaiserschnitt" spielt dagegen, so Hellmers' eigene Forschung, nur eine sehr kleine Rolle.

Eng damit verknüpft ist die Technisierung. Wenn spontane Becken-Endlagengeburten oder das Hören kindlicher Herztöne mit dem Pinard-Hörrohr kaum noch praktiziert werden, entsteht Unsicherheit – und im Zweifel wird interveniert. Hier liegt eine große Hoffnung der Akademisierung: Routinen zu hinterfragen, evidenzbasiert zu entscheiden und Hebammenwissen als „Handwerkszeug" zu erhalten. Die Leitlinie zur Betreuung der vaginalen Geburt am Termin hat etwa die Auskultation und eine möglichst durchgehende Eins-zu-eins-Betreuung wieder verankert.

Ergänzend dazu existiert der Expertinnenstandard zur Förderung der physiologischen Geburt. Anders als in der Pflege ist seine Anwendung freiwillig – und weil die Geburtshilfe stark leitlinienorientiert arbeitet, hat er es schwerer, sich flächendeckend durchzusetzen.

Wo sich Pflege und Hebammen begegnen

Die meisten Berührungspunkte liegen in der stationären Versorgung – auf Wochenbettstationen und bei Schwangeren. Während Pflegende dort früher streng getrennt nach Mutter und Kind arbeiteten, setzt sich zunehmend die integrative Wochenbettbetreuung durch, oft durch Hebammen. Eine spannende Konsequenz der Akademisierung: Praxisanleitung im Wochenbett darf nur durch Hebammen erfolgen – Häuser müssen sich also entsprechend aufstellen. Ein Gedanke, der durch die ganze Episode trägt: Es wird zwischen den Gesundheitsberufen noch viel zu wenig zusammen gedacht. Vielleicht ist diese Folge ein kleiner Schritt, die eigene Bubble zu erweitern.

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