- Pflegeforschung in Deutschland ist chronisch unterfinanziert – es fehlt der politische Wille.
- Das überkommene Bild der selbstlosen Pflege blockiert echte Professionalisierung.
- Selbstsorge statt Selbstlosigkeit ist der erste Schritt aus der Krise.
- Primärqualifizierende Studiengänge brauchen dringend eine tragfähige Finanzierung.
- Ein Masterplan sollte von Expertise statt von Interessen geleitet werden.
Seit über zwei Jahrzehnten reden wir über den Pflegenotstand – und kommen kaum vom Fleck. Warum eigentlich? Im Gespräch mit dem Übergabe-Podcast zeichnet Prof. Dr. Frank Weidner ein Bild, das unbequem ist: Solange wir Pflege als einfache, selbstlose Tätigkeit denken, drehen wir uns im Kreis. Sein Plädoyer: Es braucht einen echten Masterplan – getragen von Forschung, Erkenntnissen und einem neuen Selbstverständnis der Berufsgruppe.
Ein Institut, das sich jeden Euro selbst verdienen muss
Frank Weidner ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und seit rund 25 Jahren in der Pflegewissenschaft tätig. Er leitet das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) in Köln, das er Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit Michael Isfort aufgebaut hat. Die Idee dahinter: zwei drängende Lücken schließen, nämlich Pflegeforschung voranzutreiben und den wissenschaftlichen Nachwuchs zu qualifizieren. Beides ist bis heute aktuell.
In rund 22 Jahren hat das DIP über 150 Projekte umgesetzt und dabei etwa 18 Millionen Euro bewegt. Klingt nach viel – ist im Wissenschaftsbetrieb aber ein Beiboot. Der entscheidende Punkt: Das Institut wird weder vom Bund noch von einem Land institutionell gefördert. Es lebt fast ausschließlich von eingeworbenen Drittmitteln. Für Forschung ist das ungewöhnlich, denn üblicherweise fließen für gesellschaftlich relevante Bereiche öffentliche Mittel. In der Pflegeforschung ist das nur minimal entwickelt – und genau das wirft ein bezeichnendes Licht auf den Stellenwert, den die Pflege in Deutschland hat.
Dass das DIP sich selbst über Wasser halten muss, ist für Weidner kein selbst gewählter Weg in die Unabhängigkeit, sondern schlicht Mangelverwaltung. Eine staatliche Grundförderung – ob vom Land oder vom Bund – wäre für ihn das Normale, nicht die Ausnahme.
Das Pflegethermometer und der Blindflug ohne Daten
Eine zentrale Aufgabe des Instituts ist die Berichterstattung über die Pflege. Mit dem Pflegethermometer, das maßgeblich von Michael Isfort verantwortet wird, liefert das DIP regelmäßig belastbare Grundlagendaten: offene Stellen, Beschäftigtenzahlen, Teilzeitquoten. Die Ursprungsidee entstand, als Weidner feststellte, dass selbst grundlegende Zahlen – etwa zu Auszubildenden in der Pflege – extrem unsicher waren, je nachdem, wo man hinschaute.
Inzwischen erstellt das DIP für mehrere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern eine detaillierte Landesberichterstattung. Solche Daten sind für Weidner die Grundvoraussetzung jeder sinnvollen Politik. Wer keine Datengrundlage hat, navigiert nicht – er irrt herum. Aus guten Zahlen folgt zwar nicht automatisch gute Politik, doch ohne sie ist man buchstäblich im Blindflug unterwegs.
Bilder aus dem letzten Jahrtausend
Warum stockt die Entwicklung trotzdem? Weidner führt das auf den fehlenden politischen Willen zurück – und der speist sich aus tief verwurzelten Vorstellungen davon, was Pflege eigentlich ist. In Politik und Gesellschaft, manchmal sogar in der Berufsgruppe selbst, dominiere die Annahme, Pflege sei eine relativ einfache Tätigkeit, die man irgendwie hinbekomme. Forschung? Akademisches Personal in der Versorgung? Wofür?
Besonders fatal ist für ihn ein bestimmtes Erklärungsmodell, das er aus Studien zur Professionalisierung und Deprofessionalisierung der Pflege ableitet: Das Bild der „guten Krankenschwester“, die sich aufopfert, ihre eigenen Interessen zurückstellt und gerade dadurch besonders gut pflegt. Dieses Muster sei in der Gesellschaft erstaunlich stabil – und werde von vielen, die in den Beruf gehen, auch verinnerlicht.
„Dieses Bild der Pflege als eine verhältnismäßig einfache Tätigkeit, die im Wesentlichen davon lebt, dass die Menschen dort selbstlos sind – das ist Gift für die Pflege." — Prof. Dr. Frank Weidner
Der Applaus von den Balkonen während der Corona-Pandemie passt für ihn genau in dieses Schema: Aus der Ferne wird Beifall gespendet. Fragt man dagegen Eltern, ob die eigene Tochter in die Pflege gehen soll, taucht die andere Seite auf – ein harter Job, in dem sich die Leute aufreiben. Und während das System eigentlich längst in die Knie hätte gehen müssen, legte die Berufsgruppe in der Pandemie noch eine Schippe drauf. Die Folge sieht Weidner nicht in einer plakativen Kündigungswelle, sondern in einer schleichenden Abwanderung „mit den Füßen“ über die kommenden Jahre.
Selbstsorge statt Selbstlosigkeit
Wie kommt man da heraus? Weidner geht es ausdrücklich nicht um egoistische Pflegefachpersonen. Empathie und Mitgefühl bleiben für ihn ein hoher Wert – gerade in der Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen. Das Fatale sei aber die Verknüpfung von Mitgefühl mit der Idee, je mehr man sich selbst zurücknehme, desto besser pflege man. Genau diese Gleichung müsse fallen.
„Die Voraussetzung, fürsorglich zu sein, ist die Fähigkeit zur Selbstsorge – und nicht die Fähigkeit zur Selbstlosigkeit." — Prof. Dr. Frank Weidner
Konkret heißt das: vernünftige Arbeitsbedingungen einfordern, eine auskömmliche Bezahlung, klare Grenzen beim Einspringen. Wer sich dauerhaft verausgabt, ist in drei bis fünf Jahren raus. Wer für gute Bedingungen sorgt, kann sich vorstellen, auch in 15 oder 20 Jahren noch dabei zu sein. Erst auf diesem Fundament folgen für Weidner die weiteren Schritte der Professionalisierung: Begründungs- und Handlungskompetenz, wissenschaftliche Fundierung der Versorgungspraxis – so selbstverständlich, wie es in Medizin, Psychologie und Sozialer Arbeit längst ist.
Warum es einen Masterplan braucht – und keine neue Hauruck-Aktion
Schon 2017 hatte das DIP die Idee eines Masterplans für die Pflege ins Spiel gebracht. Zum Start der damals neuen Bundesregierung erinnerte Weidner erneut daran, dass die Pflege in Deutschland jetzt einen Masterplan braucht. Wichtig ist ihm die Klarstellung: Das DIP legt keinen fertigen Plan in die Schublade, sondern schlägt vor, einen solchen Masterplan überhaupt erst aufzusetzen – mit politischem Nachdruck.
Der entscheidende Unterschied zur Konzertierten Aktion Pflege: Weg vom Aushandeln zwischen Interessenverbänden, hin zu einem Gremium, das maßgeblich von Erkenntnissen statt von Interessen geleitet wird. Wissenschaft, Erfahrung aus der Praxis, angrenzende Disziplinen wie Medizin und auch juristische Expertise gehören für ihn an den Tisch. Die Konzertierte Aktion habe durchaus gute Ideen hervorgebracht, ende aber typischerweise beim kleinsten gemeinsamen Nenner. Genau das bringe die Pflege nicht voran. Wer mehr über die inhaltlichen Stufen wissen möchte: Das DIP hat dazu einen Vier-Stufen-Masterplan vorgelegt.
Weidner kritisiert die deutsche Herangehensweise an Pflegeprobleme als „auf die lange Bank schieben und dann übers Knie brechen“ – Paradebeispiel seien die später wieder verworfenen Pflegenoten in der stationären Versorgung. Stattdessen plädiert er für kontinuierliche, verstetigte Strukturen, wie er sie etwa in der Fachkräfte- und Qualifizierungsinitiative in Rheinland-Pfalz erlebt: dauerhaftes Branchenmonitoring, regelmäßiges Zusammenwirken der Akteure, ein eingespielter Beirat statt einer einmaligen Kraftanstrengung.
Akademisierung im Rückwärtsgang
Besonders alarmierend ist für Weidner die aktuelle Entwicklung der Pflegewissenschaft. Nach Jahrzehnten des langsamen Aufbaus drohe jetzt ein Rückschritt. Das Pflegeberufegesetz mit der bundesweit einheitlichen primärqualifizierenden Hochschulausbildung sei ein ermutigendes Signal gewesen. Doch weil die Finanzierung für Hochschulen, Praxiseinrichtungen und Studierende fehle, würden diese Studiengänge kaum nachgefragt. Gleichzeitig liefen erfolgreiche ausbildungsintegrierte Modelle aus, weil das Gesetz die Primärqualifizierung zum Normmodell erklärt habe – ohne für deren Finanzierung zu sorgen.
„Wir haben eh keinen hohen Grad an Institutionalisierung von Wissenschaft, kaum messbar akademisches Personal in der Versorgung – und dann bricht dieses zarte Pflänzchen auch noch weg." — Prof. Dr. Frank Weidner
Der Knackpunkt ist die fehlende Vergütung im Studium und der ausbleibende „Return on Investment“. Wer vier Jahre studiert und dafür kein Geld erhält, dürfte später eine bessere Bezahlung und echte Aufstiegschancen in der Versorgung erwarten. Doch genau das ist bisher kaum abgebildet. Für Weidner wäre der realistische Einstieg, die Empfehlung des Wissenschaftsrats von 2012 umzusetzen: 10 bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs akademisch zu qualifizieren – also etwa 30.000 Studienplätze für die Pflege, um den Rückstand aufzuholen. Neue Handlungsfelder wie Community Health Nursing zeigen, dass es gehen kann, scheitern aber bislang an zu geringer Nachfrage, weil schlicht die Basis an Bachelor-Qualifizierten fehlt.
Auf die Frage, warum Pflege in Deutschland nicht konsequent an die Hochschule gehört, räumt Weidner ein, dass seine 20-Prozent-Empfehlung eine bewusste „Weichspülerei“ sei. Zu Ende gedacht müsse man fragen: Aus welchem Grund sollte man Patient:innen eine wissenschaftlich qualifizierte Pflegefachperson vorenthalten? Doch er erinnert an 2013, als die EU zwölf Jahre Allgemeinbildung als Zugangsvoraussetzung vorgab – und nahezu alle Akteure von Parteien über Wohlfahrtsverbände bis zu den Arbeitgebern reflexartig nach Brüssel fuhren, um zu warnen, in Deutschland breche dann alles zusammen. Diese Angst vor dem Kollaps sei tief verwurzelt und wirke bis heute.
Organisiert euch – aber wer entscheidet eigentlich?
Eng damit verbunden ist für Weidner das Thema Selbstverwaltung. Dass Pflegekammern in Schleswig-Holstein und Niedersachsen wieder zurückgefahren wurden – in Schleswig-Holstein sprachen sich über 90 Prozent der Befragten dagegen aus – erklärt er erneut mit den überkommenen Bildern: Man verspricht sich keine grundlegende Änderung und verlässt sich lieber auf sich selbst. In Vergleichsstudien mit Australien zeige sich ein ganz anderes Bild: Dort gehört das sich Organisieren selbstverständlich zum professionellen Verständnis dazu. In Deutschland fehle es an Solidarität innerhalb der Berufsgruppe.
Würden sich die rund 1,7 Millionen Pflegenden organisieren, wäre das nach Weidner ein Automatismus für politische Mitgestaltung – schließlich ist es die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn habe wiederholt und unter Applaus dazu aufgefordert, sich endlich zu organisieren. In der Sache, so Weidner, habe er recht gehabt – auch wenn es Salz in die Wunde sei, wenn das ausgerechnet ein Gesundheitsminister sagen müsse. Die Errichtung einer Kammer wäre für ihn ohnehin eine politische Entscheidung der Länder, die nicht von Befragungen abhängen sollte.
Vallendar, Privatisierung und die öffentliche Verantwortung
Persönlich getroffen hat Weidner die angekündigte Schließung der ersten und bislang einzigen pflegewissenschaftlichen Fakultät in Vallendar, die er als Gründungsdekan aufgebaut hatte. Er stellt klar: Die Fakultät verschwindet nicht über Nacht, laufende Studien- und Promotionsprozesse werden abgeschlossen, neue Studierende aber nicht mehr aufgenommen. Pflegewissenschaft soll es in der Region Koblenz weiter geben, der Lehramtsstudiengang an die Universität Koblenz wandern. Der eigentliche Skandal sei für ihn jedoch ein anderer: dass es an keiner staatlichen Universität in Deutschland eine eigene Fakultät für Pflegewissenschaft gibt.
Daraus zieht er einen grundsätzlichen Schluss: Forschung sei in Deutschland in erster Linie eine öffentliche Aufgabe – gerade in gesellschaftlich relevanten Bereichen wie der Gesundheits- und Daseinsvorsorge. Auf private Geldgeber zu schimpfen, greife zu kurz; der Fingerzeig gehe an die öffentliche Hand.
Zum Abschluss öffnet Weidner noch ein größeres Fass: die Privatisierung im Gesundheitswesen. Aus Krankenhäusern und stationären Altenhilfeeinrichtungen flössen Summen in Milliardenhöhe an Stakeholder ab – Geld, das Patient:innen, Pflegebedürftigen und Pflegenden fehle. Den Zug hält er für noch nicht abgefahren. Gefragt sei eine politische Grundüberzeugung, die solche gewinnorientierten Auswüchse eindämmt und Gesundheit und Pflege wieder klar als öffentliches Interesse begreift. Genau dort beginnt für ihn auch der Masterplan – mit der Frage, welches Bild von Pflege wir in Zukunft eigentlich zeichnen wollen.
Zum Weiterhören
- ÜG145 – Vorbehaltsaufgaben in der Pflege (Prof. Dr. Frank Weidner)
- ÜG069 – Schließung der pflegewissenschaftlichen Fakultät an der PTHV
- ÜG031 – Pflegewissenschaft, Personalbemessung, Untergrenzen & Demenzsensible Krankenhäuser (Prof. Dr. Michael Isfort)
Shownotes zur Folge
- Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (dip.de)
- Landesberichterstattung Gesundheitsberufe NRW 2019 und Regionalkonferenzen Fachkräftesicherung in den Gesundheitsberufen in NRW 2021 (dip.de)
- Übersicht aller Projekte des DIP (dip.de)
- Masterplan für die Pflege (springerpflege.de)
- Die Pflege in Deutschland braucht jetzt einen Masterplan! (idw-online.de)
- DIP fordert von Bundesregierung Masterplan Pflege (häusliche-Pflege.net)
- DIP legt 4-Stufen-Masterplan für Pflege vor (bibliomed-pflege.de)
