🗓️
Diese Episode erschien am 20.04.2021 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
💡
Das Wichtigste in Kürze
  • Die PTHV Vallendar schließt Deutschlands einzige pflegewissenschaftliche Fakultät.
  • Rund 60 Promovierende stehen plötzlich ohne sichere Perspektive da.
  • Auslöser ist vor allem der Rückzug der finanziellen Unterstützung.
  • Die Community kritisiert das Signal: Pflege braucht Wissenschaft.
  • Gefordert wird mehr staatliches Engagement statt Abhängigkeit von Investoren.

Es klang zunächst wie ein schlechter Aprilscherz – und war doch bittere Realität: Kurz vor Ostern 2021 wurde bekannt, dass die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar ihre pflegewissenschaftliche Fakultät stilllegt. Damit verschwindet die einzige eigenständige universitäre Fakultät für Pflegewissenschaft in Deutschland. Für viele in der Pflege fühlte sich diese Nachricht an wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Wir haben zahlreiche Vertreter:innen der Pflegewissenschaft gebeten, ihre Sicht zu schildern – und ein Stimmungsbild eingefangen, das von Bestürzung über Wut bis zu trotziger Entschlossenheit reicht.

Ein Paukenschlag mit verheerendem Timing

Die Form der Mitteilung sorgte für besonderen Unmut. Über eine Pressemitteilung erfuhren viele Beteiligte überhaupt erst von der Entscheidung – darunter selbst Mitarbeitende der Hochschule, die zwei Tage zuvor noch ganz normal ihre Lehrveranstaltungen für das kommende Semester angekündigt bekamen. Mitten in einer Pandemie, in der das Wort „systemrelevant" für die Pflege fast täglich fällt, traf die Stilllegung auf völliges Unverständnis. Mehrere Verbände meldeten sich umgehend zu Wort: In den Tagen darauf kritisierten Fachverbände die Schließung scharf.

Besonders schwer wiegt das Argument, mit dem die Entscheidung begründet wurde: Die Studierendenzahlen seien gesunken, und die Akademisierung der Pflege habe sich nicht so entwickelt wie erhofft. Genau diese Lesart treibt vielen die Sorgenfalten ins Gesicht. Denn wer einer ganzen Disziplin das Scheitern bescheinigt, schafft damit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

„Nur weil ich etwas wirtschaftlich nicht mehr finanzieren will oder kann, heißt das nicht automatisch, dass die Akademisierung gescheitert ist. Wenn, dann muss man ehrlich sagen: Wir wollen oder können es nicht mehr finanzieren – aber bitte nicht mit der Begründung, die Akademisierung wäre gescheitert." — Markus May, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

Wer trägt Vallendar – und wer hat sich zurückgezogen?

Um die Tragweite zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Besitzverhältnisse. Trägerin der Hochschule ist der Orden der Pallottiner, der die Einrichtung ursprünglich vor allem für die Theologie betrieb. Erst 2006 kam die Pflegewissenschaft hinzu – maßgeblich angeschoben durch die Waldbreitbacher Franziskanerinnen und die Marienhaus GmbH, die als Gesellschafter finanzielle Mittel und damit eine ganze Forschungs- und Qualifizierungsinfrastruktur nach Vallendar brachten. Der Gründungsdekan Frank Weidner baute die Fakultät auf.

Mit dem Rückzug der Marienhaus GmbH änderte sich die Lage grundlegend. Die Pallottiner blieben als Orden allein zurück – und können oder wollen die kostenintensive pflegewissenschaftliche Fakultät offenbar nicht weiter tragen. Im Raum stand zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Finanzierungslücke von rund 1,5 Millionen Euro. Statt der Pflegewissenschaft sollen künftig humanwissenschaftliche Studiengänge wie Psychologie, Psychotherapie und Soziale Arbeit ausgebaut werden – wirtschaftlich attraktivere Fächer. Mehrere Gesprächspartner:innen mahnten allerdings, jetzt nicht einseitig auf den Orden zu schimpfen. Der eigentliche Kern des Problems liege tiefer: Es fehle ein klares Bekenntnis der öffentlichen Hand.

Mehr als nur ein Standort

Vallendar war kein Hochschulstandort wie jeder andere. Hier wurde grundständig im Lehramt ausgebildet, hier gab es einen Masterstudiengang Pflegewissenschaft, ein Promotionskolleg und sogar die Möglichkeit zur Habilitation. Genau diese Durchlässigkeit ist entscheidend: Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaften besitzen kein eigenes Promotionsrecht. Sie sind darauf angewiesen, ihre Absolvent:innen an Universitäten weiterzureichen. Fällt Vallendar weg, fällt ein zentraler Baustein für die akademische Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses weg.

Dazu kommt das innovative Profil: Der relativ junge Masterstudiengang Community Health Nursing bedient genau das Tätigkeitsfeld, das das Gesundheitswesen dringend braucht – akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen, die in der Primärversorgung wirken. International längst etabliert, in Deutschland noch ein zartes Pflänzchen. Wenn ein solcher Standort verschwindet, schrumpft die ohnehin überschaubare Auswahl an patientennahen Masterprogrammen weiter.

„Wir brauchen mehr pflegewissenschaftliche Fakultäten und Promotionskollegs in Deutschland – nicht weniger. Was hier verloren geht, lässt sich nicht einfach an einer anderen Universität auffangen." — Roland Brühe, Sprecher des Alumni-Netzwerks der PTHV

Rund 60 Promovierende im Ungewissen

Hinter der strukturellen Debatte stehen konkrete Lebensgeschichten. Rund 60 Menschen befanden sich zum Zeitpunkt der Schließung mitten in ihrer Promotion – in ganz unterschiedlichen Stadien. Wer kurz vor dem Abschluss steht, blickt der Sache vergleichsweise gelassen entgegen. Wer aber noch zwei oder mehr Jahre vor sich hat, steht vor einem echten Dilemma. Denn eine Promotion lässt sich nicht ohne Weiteres an einen anderen Standort übertragen: Es braucht eine betreuende Person, einen passenden Lehrstuhl, an dem die Arbeit auch verteidigt werden kann – und nicht selten ein thematisches Umfeld, das es anderswo schlicht nicht gibt. Besonders schwierig wird es etwa bei Themen aus der psychiatrischen Pflege.

Noch dramatischer ist die Lage derjenigen, die zum 1. April ihre Promotion erst beginnen wollten. Zwölf Personen hatten eine Zusage für das Sommersemester erhalten, einzelne hatten ihre Arbeitsstelle reduziert, Lehraufträge gekündigt oder unbezahlten Urlaub beantragt. Manche nahmen sogar Kredite auf. Wenige Tage vor dem geplanten Start kam die Absage. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin schilderte uns die emotionale Wucht dieser Erfahrung.

„Ich fühle mich an manchen Stellen als Mensch betrogen, denn wir waren dort willkommen. Und es geht eben nicht nur um uns zwölf, die jetzt eine Zusage hatten – es betrifft die ganze Profession." — Susanne Sachs, wissenschaftliche Mitarbeiterin

Die laufenden Veranstaltungen liefen zum Aufnahmezeitpunkt online weiter – als wäre nichts. Eine surreale Situation, in der allen Beteiligten klar war, dass das „Normalprogramm" eigentlich nur noch eine Hülle ist. Auf offizielle, belastbare Informationen, wie viel Zeit zum Abschluss der Arbeiten bleibt, warteten viele vergeblich.

Das umstrittene Argument vom „Scheitern"

Mehrere Stimmen betonten, dass die Pflegewissenschaft in Deutschland überhaupt erst rund 30 Jahre alt ist. Sie hat einen mühsamen Weg hinter sich, oft auf Sonderfinanzierungswegen aufgebaut, immer wieder von außen infrage gestellt. Eine Grafik aus dem Alumni-Kreis zeigte zudem: Die Studierendenzahlen waren stabil; lediglich bei den examinierten Pflegefachpersonen gab es pandemiebedingt einen Einbruch – wenig verwunderlich, wenn man sich mitten in einer Krise nicht für ein zusätzliches Studium entscheidet.

Genau deshalb empfanden viele die Begründung als Hohn gegenüber der geleisteten Arbeit. Welche Bedeutung der akademisch ausgebildeten Pflege wirklich zukommt, hat unsere Episode darüber, was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet, ausführlich beleuchtet. Internationale Studien zeigen seit Jahren: Eine höhere akademische Pflegequalifikation verbessert nachweislich die Versorgungsqualität, senkt Komplikationen und kann im Extremfall Leben retten. In Disziplinen wie der Medizin würde niemand ernsthaft fragen, ob ärztliches Handeln evidenzbasiert sein muss – in der Pflege ist das hierzulande leider noch immer eine Diskussion.

Wenn Bildung am Geldbeutel privater Träger hängt

Ein roter Faden zog sich durch fast alle Statements: die Abhängigkeit der Pflegewissenschaft von privaten Trägern und Investoren. Witten/Herdecke, Vallendar – viele der prägenden Standorte sind privat finanziert. Das macht sie verletzlich. Wer zahlt, will mitbestimmen; wenn die Ökonomie nicht mehr stimmt oder sich Interessen verschieben, gerät schnell eine ganze Disziplin ins Wanken. Forschungsinstitute wie das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Witten, das von Bund und Ländern grundfinanziert wird, machten den Unterschied deutlich: Stabile öffentliche Finanzierung schafft Freiheit in Lehre und Forschung.

Die Konsequenz, die viele zogen: Pflege und Pflegewissenschaft dürfen keine Ware sein, deren Existenz vom Wohlwollen einzelner Förderer abhängt. Eine gute Bildung in der Pflege ist kein Discount-Angebot und schon gar kein Luxus, sondern das Fundament einer humanen, qualitativ hochwertigen Versorgung. Bildung in der Pflege, so der Tenor, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und damit auch eine staatliche.

Politik in der Pflicht

Vallendar liegt in Rheinland-Pfalz – und dort fiel die Schließung in eine politisch heikle Phase. Nach der Landtagswahl befand sich die Regierung zum Aufnahmezeitpunkt im Übergang, Koalitionsverhandlungen liefen, ein neuer Landtag war noch nicht voll arbeitsfähig. Entsprechend zurückhaltend reagierte die Landespolitik, was die Übernahme der Finanzierung anging. Aus dem Umfeld der Pflegekammer wurde berichtet, dass man mit Abgeordneten verschiedener Parteien im Gespräch sei und einen offenen Brief an die Landespolitik gerichtet habe. Erstaunlich fanden viele, dass selbst Personen aus der Hochschulpolitik nach eigener Aussage von den Vorgängen überrascht wurden.

Die Forderung war klar: Wenn ein privater Träger eine wichtige Disziplin aus finanziellen Gründen aufgibt, muss die öffentliche Hand Alternativen schaffen – etwa pflegewissenschaftliche Lehrstühle an staatlichen Universitäten und Universitätskliniken. Diskutiert wurde unter anderem ein Institut für Pflegewissenschaft an einer Universitätsklinik. Dass solche universitären Verankerungen funktionieren, zeigt etwa das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität zu Köln.

Was jetzt geschieht – und was möglich bleibt

Trotz aller Bestürzung blieb der Tenor nicht resigniert. Studierende, Alumni und Fachgesellschaften brachten das Thema mit öffentlichen Aktionen auf die Straße und in die regionale Presse. Unter dem Hashtag #PflegebrauchtWissenschaft formierte sich Solidarität. Die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft – damals frisch unter dem Vorsitz von Inge Eberl – kündigte an, sich als Motor, Vermittlerin und Vernetzerin einzubringen. Gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat hatte sie bereits zuvor in einem gemeinsamen Statement auf die prekäre Lage der Pflegestudiengänge hingewiesen.

Konkret ging es um zwei Stoßrichtungen: zum einen darum, die laufenden Promotionen abzusichern – etwa über Verbundpromotionen mit anderen Hochschulen oder die Aufnahme an anderen Universitäten. Zum anderen darum, ein deutliches Zeichen zu setzen, dass Pflegewissenschaft systemrelevant ist und bleibt. Auch die Pflegekammern wollten Druck auf die Politik aufrechterhalten. Was Pflegende selbst tun können? Sich an Wahlkreisabgeordnete wenden, die eigenen Netzwerke nutzen, Social Media bespielen – und immer wieder deutlich machen, dass eine zukunftsfähige Pflege ohne Wissenschaft nicht funktioniert.

Ob die Entscheidung noch rückgängig gemacht werden kann, blieb zum Aufnahmezeitpunkt offen – die meisten Stimmen waren eher pessimistisch. Klar ist: Die Stilllegung wirft die akademische Nachwuchsgewinnung in einer Phase zurück, in der Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin viel zu wenige akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen hat. Wie es genau weitergeht, werden wir weiter begleiten.

Zum Weiterhören


Wir möchten uns bei folgenden Personen bedanken, die als Gäst*innen an der Folge teilgenommen haben oder uns in anderer Form bei der Umsetzung unterstützt haben:

  • Prof. Dr. Katrin Balzer, Professur Evidenzbasierte Pflege, Leitung Sektion für Forschung und Lehre in der Pflege, Universität zu Lübeck
  • Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik, Fakultät für Gesundheit, Department für Pflegewissenschaft, Universität Witten/Herdecke
  • Prof. Christel Bienstein, Präsidentin, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)
  • Prof. Dr. Thomas Boggatz, Professor für Pflegewissenschaft, Brandenburgische Technische Universität Senftenberg
  • Prof. Dr. Michael Bossle MScN, Professor für Pflegepädagogik, THD - Technische Hochschule Deggendorf
  • Prof. Dr. Roland Brühe, Professor für Pflegepädagogik, Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen
  • Prof. Dr. Inge Eberl, Professorin für Pflegewissenschaft, Fakultät für Soziale Arbeit, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.
  • Prof. Dr. Christine Fiedler, Professorin für Pflegewissenschaft, SRH Wilhelm Löhe Hochschule
  • Prof. Dr. Thomas Fischer, Professor für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Altenpflege, Evangelische Hochschule Dresden (ehs)
  • Prof. Dr. rer. cur. Andreas Fraunhofer M.A., Professor für angewandte Pflegewissenschaft, Hochschule München
  • Prof. Dr. Margareta Halek, Leitung Department für Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke
  • Dr. Bernhard Holle, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE), Witten
  • Prof. Christiane Knecht, PhD, Professur für Pflegewissenschaft, Fachbereich Gesundheit - Münster School of Health (MSH), FH Münster
  • Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler (BScN, MScN), Stab. Pflegewissenschaft, Universitätsklinikum Bonn
  • Prof. Dr. phil. Sascha Köpke, Institut für Pflegewissenschaft, Universität zu Köln
  • Kathrin Kürsten, M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
  • Prof. Dr. rer. medic. Michael Löhr, Psychiatrische Pflege, LWL-Klinikum Gütersloh Stabsgruppe für Klinikentwicklung und Forschung Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen, LWL-PsychiatrieVerbund Westfalen
  • Dr. Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz
  • Dr. Anja Katharina Peters, Hochschule Neubrandenburg
  • Prof Dr Martina Roes, Fakultät für Gesundheit (Department für Pflegewissenschaft), Universität Witten / Herdecke
  • Susanne Sachs, M.Sc. Pflegewissenschaft, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V., Köln
  • Prof. Dr. rer. medic. habil. Michael Schulz, Honorarprofessor an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld, Mitarbeiter des Krankenhausdezernates beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe
  • Prof. Dr. Stefanie Seeling, Professur Pflegewissenschaft, Hochschule Osnabrück
  • Prof. Dr. Tanja Segmüller, Professorin für Alterswissenschaften, Department of Community Health, Hochschule für Gesundheit Bochum
  • Diakonin Prof. Dr. rer. medic. Doris Tacke, Professur Pflegewissenschaft, Fachhochschule der Diakonie Bielefeld
  • Dr. h. c. Franz Wagner, Präsident Deutscher Pflegerat e.V.

Quellenhinweise zu den Fotos