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Diese Episode erschien am 14.05.2022 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Ein Aktionstag im Jahr reicht nicht – Pflege braucht dauerhafte politische Sichtbarkeit.
  • Professionalisierung statt „Herzlichkeit" ist der Schlüssel zu attraktiven Pflegeberufen.
  • Statt Alten- und Krankenpflege zu trennen, braucht es sektorenübergreifendes Denken.
  • Der Fachkräftemangel zwingt zu neuen Versorgungsstrukturen und ethischen Fragen.
  • Die Mitsprache der Pflege im G-BA ist ein wichtiger Schritt zur Selbstbestimmung.

Es gibt Folgen, da sitzen kluge Gäst:innen am Mikrofon und erklären die Welt der Pflege. Und dann gibt es Folgen, in denen die Übergabe-Crew einfach mal selbst loslegt. Eva, Maik und Christian haben sich genau am Tag der Pflege zusammengesetzt – ohne Gast, dafür mit jeder Menge Gedanken im Gepäck. Herausgekommen ist ein Gespräch, das zwischen Frust, Hoffnung und einem gesunden Maß Sarkasmus pendelt. Wir haben die wichtigsten Stränge für dich aufbereitet.

Ein Tag im Jahr macht noch keine gute Pflegepolitik

Der 12. Mai, der internationale Tag der Pflege, ist für viele ein Anlass zum Feiern. Für andere ist er vor allem eines: ein Reizthema. Denn ein einzelner netter Tag im Jahr ändert wenig, wenn an den übrigen 364 Tagen wenig passiert. Der Vergleich mit dem Valentinstag liegt nahe – schöne Geste, aber kein echter struktureller Wandel. Hinzu kommt eine deutsche Eigenheit: Häufig wird der Tag mit pflegenden Angehörigen verwechselt, statt die professionell Pflegenden in den Mittelpunkt zu stellen. Genau diese Unschärfe macht es schwer, dem Berufsstand zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.

Besonders entzündete sich die Diskussion an einer Aussage zur Professionalisierung, die mit dem Hinweis verknüpft wurde, man dürfe die Menschlichkeit nicht vergessen. Für die Runde ist das genau das falsche Signal. Denn dahinter steckt ein altes Verständnis von Pflege als „Liebesdienst", bei dem zu viel Wissenschaft angeblich kalt und mechanisch macht. Dabei ist es genau umgekehrt: Fachliches Wissen und eine zugewandte, personenzentrierte Haltung sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander.

„Für mich zählt das komplett auf dieses Verständnis von Herzi, Herzi und bloß nicht zu viel Wissenschaft. Aber genau das ist doch der Plan." — Eva Maria Gruber

Spahn gegen Lauterbach: Wer macht Pflege sichtbar?

Spannend wird es, wenn die drei zwei Gesundheitsminister gegenüberstellen. Rückblickend attestieren sie dem früheren Amtsinhaber, dass er die Belange der Pflege sichtbarer gemacht hat – nicht weil jede Entscheidung ideal war, sondern weil er Themen gesetzt und durchgebracht hat. Ein Beispiel sind die damals durchgesetzten Personaluntergrenzen: kein perfektes Instrument, aber immerhin der Versuch, ein Mindestmaß an Pflegepersonal festzuschreiben. Und das ganz ohne große Lobby der Pflegenden.

Interessant ist die These, warum das funktionierte: Das Gesundheitssystem sei weniger von Wissenschaft als von Netzwerken und Beziehungen durchzogen. Wer dieses Spiel beherrscht, bekommt Dinge durch. Genau hier sehen die drei eine mögliche Schwäche eines Ministers mit ausgeprägtem wissenschaftlichem Anspruch: Wer mit Studien und Evidenz argumentiert, erntet vielleicht Applaus für die Erkenntnis – aber nicht automatisch politische Mehrheiten. Karl Lauterbach, der bereits einmal in einem früheren Corona-Spezial zu Gast war, wird viel Vertrauen aus der Wissenschaft entgegengebracht. Doch ob daraus konkrete Verbesserungen für die Pflege werden, blieb zum Zeitpunkt der Aufnahme offen.

Ein Aspekt, der die Runde besonders beschäftigt: Wenn akademische Titel und politische Entscheidungen zusammenfallen, bekommen rein politische Beschlüsse manchmal einen wissenschaftlichen Anstrich – auch dann, wenn sie fachlich gar nicht begründet sind. Diese Vermischung erzeugt Reibung. Gleichzeitig bleibt das Fazit ehrlich offen: gemischte Gefühle gegenüber beiden Herren.

Altenpflege oder Langzeitpflege? Eine Frage der Haltung

Auch die Rolle der Pflegebevollmächtigten kommt zur Sprache. Dass eine Person aus der Altenpflege selbst eine solche Position bekleidet, wird grundsätzlich begrüßt – endlich jemand aus der Profession. Gleichzeitig irritiert, wenn in Interviews das Bild der Pflege auf Tätigkeiten wie Brote schmieren verengt wird. Damit wird ein Berufsbild transportiert, das der tatsächlichen Komplexität nicht gerecht wird. Der frühere Pflegebevollmächtigte, der auch schon bei der Übergabe zu Gast war, wurde in dieser Rolle übrigens als auffällig still wahrgenommen.

Daraus entwickelt sich eine grundsätzliche Debatte: Warum spricht man überhaupt noch von „Altenpflege"? Aus Sicht der Runde wäre der Begriff der Langzeitpflege treffender. Denn Pflegebedürftigkeit kennt kein Alter – in stationären Einrichtungen leben auch Menschen Mitte 30 oder Anfang 50. Der Begriff „Altenpflege" transportiert eine Attitüde, die es erschwert, akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen für diesen Bereich zu gewinnen. Die eigentliche Herausforderung ist die fachliche Qualifikation: Wer in der Langzeitpflege arbeitet, muss extrem fit in Krankenbeobachtung, in evidenzbasierter und in personenzentrierter Versorgung sein.

„Dafür braucht man Wissen und nicht nur Erfahrung. Und ich finde es schade, dass der Kostenfaktor in der Altenpflege überwiegt – dass man die Qualifizierung gering hält, um Kosten zu drücken, statt in gute Versorgung zu investieren." — Maik

Die Sektorengrenzen zwischen Akut- und Langzeitpflege wirken dabei zunehmend künstlich. Viele Fragestellungen sind sektorenübergreifend, und auch die Anforderungen an die Qualifikation der Pflegefachpersonen unterscheiden sich kaum. Damit Übergänge zwischen den Versorgungsformen besser gelingen, müssen Pflegende über die eigenen Bereichsgrenzen hinausdenken. In der ambulanten Pflege zeigt sich das längst: Dort spielt das Alter der versorgten Person schlicht keine Rolle.

Generalistik und das Pflegeberufegesetz

Genau an diesem Punkt schließt das neue Pflegeberufegesetz und die generalistische Ausbildung an. Wie sich die Reform praktisch auswirkt, soll künftig noch genauer beleuchtet werden – ein Thema, das die generalistische Pflegeausbildung auf den Prüfstand stellt und immer wieder für Diskussionsstoff sorgt. Kurios bleibt die Umsetzung im Detail: Während mancherorts vorhandene Abschlüsse umgewandelt werden können, ist das in Nordrhein-Westfalen zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht vorgesehen. Bestehende Berufsbezeichnungen behalten dort einfach ihre Gültigkeit.

Kammerwahl in NRW – und ein Blick auf die Parteien

Mit der anstehenden Landtagswahl in NRW rückte auch die Frage der Pflegekammer in den Fokus. Die Positionen der Parteien fielen damals klar aus: Während die CDU sich zur Kammer bekannte und die FDP sie befürwortete, positionierte sich die SPD dagegen. Besonders auffällig: Dieselbe Partei kann sich je nach Bundesland völlig unterschiedlich verhalten – ein Hinweis darauf, dass es vielerorts an einem klaren pflegepolitischen Ziel fehlt.

Im Kern steckt dahinter eine grundlegende Frage: Welches Ziel verfolgen die Bundesländer überhaupt im Bereich der Pflege? Wer es nicht für wichtig hält zu wissen, wie viele Pflegende es gibt und wie die Versorgung zukunftssicher gestaltet werden kann, kommt zwangsläufig zu anderen Schlüssen. Im Wahlkampf reduziert sich Pflege dann schnell auf griffige Slogans: mehr Personal, mehr Geld. Das ist nachvollziehbar und gut wählbar – aber es greift zu kurz, weil die eigentlichen strukturellen Fragen damit unbeantwortet bleiben.

Mehr Personal? Der Mangel ist nur die halbe Wahrheit

Der Fachkräftemangel betrifft längst nicht nur die Pflege, sondern auch Handwerk und viele andere Branchen – Folge der demografischen Entwicklung. Das führt zu einem unbequemen Gedanken: Jede Person, die in die Pflege geht, fehlt anderswo. Es entsteht nicht einfach mehr Personal, es wird umverteilt. Die Runde rechnet vor, dass es illusorisch ist, parallel zur steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen genügend qualifiziertes Personal in ausreichender Zahl zu gewinnen. Ein Pflegemangel wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben.

Daraus folgt ein interessanter Perspektivwechsel: Statt Strukturen für eine kurzfristige Spitze an Pflegebedarf aufzubauen, die später wieder schrumpft, braucht es einen echten Paradigmenwechsel. Eine Idee, die schon in früheren Folgen anklang: Pflegefachpersonen könnten durch vorausschauende Hausbesuche Krankenhausaufenthalte verhindern. So müsste die Klinik weniger Personal bündeln, der Personalschlüssel würde schlanker – und der Output an Versorgungsleistung trotzdem größer.

„Ich glaube, das ist der Zeitpunkt, wo ein Paradigmenwechsel einsetzen muss. Die Strukturen, die wir jetzt haben, sind vielleicht gar nicht geeignet, um die Masse an Menschen mit Pflegebedarf zu versorgen." — Maik

Wenn Ressourcen knapp werden: die ethische Dimension

Aus dem Thema Personal entwickelt sich eine unbequeme ethische Frage. Wenn immer mehr Menschen versorgt werden müssen und eine Intensivversorgung enorme Kosten verursacht, könnte irgendwann die Frage im Raum stehen, was sich ein System leisten kann und will. Die entscheidende Pointe: Diese ethische Frage ist längst Realität. Schon heute kommt es zu Mangelversorgung – wenn pflegebedürftige Menschen im ländlichen Raum keinen Pflegedienst finden, weil das Personal fehlt, dann trifft niemand bewusst eine Entscheidung. Das System selbst liefert die traurige Antwort.

Auch das viel gelobte deutsche Gesundheitssystem unterliegt einer Ressourcenknappheit – Wartezeiten auf Facharzttermine und Operationen sind Alltag. Die Behauptung, hier sei alles jederzeit verfügbar, halten die drei für ein politisches Märchen. Spannender ist die Frage, woran sich „das beste Gesundheitssystem" eigentlich misst. Gute Erreichbarkeit, eine verlässliche Notfallversorgung, hohe Hygienestandards, moderne Diagnostik und eine gesicherte Finanzierung gehören dazu. Doch entscheidend ist auch die Frage der Gerechtigkeit: Längst nicht alle Menschen haben die gleichen Zugangsmöglichkeiten. Wer Präventionsangebote besonders bräuchte, wird oft am schlechtesten erreicht. Wer mehr über die Ungleichheit im deutschen Gesundheitssystem erfahren möchte, findet dazu eigene Folgen.

Passend dazu der Hinweis auf den BMC-Kongress 2022 in Berlin, der zum Zeitpunkt der Aufnahme unmittelbar bevorstand. Dort standen Themen wie Gerechtigkeit, Klimawandel und Finanzierung im Gesundheitswesen auf der Agenda – digital oder vor Ort.

Pflege im G-BA: ein hart erkämpfter Sitz am Tisch

Eine konkrete, gute Nachricht gab es dann doch: Die Profession Pflege erhält Mitspracherecht im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), und auch im Gremium zur Krankenhausreform ist die Pflege vertreten. Allerdings stieß das nicht überall auf Begeisterung – aus dem G-BA selbst kam Kritik, dass eine Beteiligung der Pflege die Entscheidungen verwässern könne. Der Deutsche Pflegerat reagierte darauf mit einer deutlichen Stellungnahme zum vollwertigen Einbezug der Profession Pflege. Die Botschaft der Übergabe-Runde dazu ist klar und versöhnlich zugleich: Man würde gern verstehen, wo das eigentliche Problem liegt – und ist offen für ein Gespräch.

Reden hilft – und du bist gefragt

Zum Schluss wird das Gespräch persönlich. Die drei betonen, wie wichtig solche offenen Runden sind, in denen man nicht streng themenzentriert arbeitet, sondern auch mal Frust loswerden darf. Und sie richten einen Wunsch direkt an dich: Wenn du in der Praxis tolle Projekte am Laufen hast – einen besonders gestalteten Wohnbereich, ein gelungenes Verfahren bei Menschen mit Demenz und Delir oder eine spannende Abschlussarbeit – dann meldet euch. Genau diese Best-Practice-Beispiele zeigen, wie lebendig und vielfältig Pflege wirklich ist. Und sie machen Mut, statt sich im ewigen Kreislauf aus „zu wenig Personal, zu wenig Geld" zu drehen.

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