- Berufseinmündung beginnt nicht am ersten Arbeitstag, sondern lange vor der Ausbildung.
- Auszubildende sind keine Belastung, sondern zukünftige Kolleg:innen mit neuem Wissen.
- Trainee-Programme mit Mentoring stärken Fachlichkeit, Rollenfindung und Bindung.
- Praxisanleitung ist Normalität – keine Freistellung, sondern Kerntätigkeit.
- Mut, Leichtigkeit und Selbstbewusstsein machen den Übergang in den Beruf leichter.
Fast alle in der Pflege haben ihn durchlebt – diesen Moment, in dem aus „Ich bin noch in der Ausbildung" plötzlich „Ich habe jetzt die Verantwortung" wird. Und trotzdem spricht kaum jemand darüber. Der Übergang von der Pflegeausbildung in den Berufsalltag ist ein blinder Fleck, so offensichtlich, dass er gerne übersehen wird. Genau diesem Thema widmet sich diese Episode des Übergabe-Podcasts. Zu Gast war Petra Krause, die gleich zwei Perspektiven mitbringt: Sie ist Pflegedirektorin des Evangelischen Klinikums Bethel und des Krankenhauses Mara und leitet zugleich die dazugehörigen Gesundheitsschulen mit einer sehr großen Pflegeschule. Damit verbindet sie zwei Welten, die im Alltag oft erstaunlich weit auseinanderliegen: die Ausbildung und die Praxis.
Warum der erste Arbeitstag nicht der Anfang ist
Wer glaubt, die Berufseinmündung beginne mit dem ersten Dienst nach dem Examen, denkt zu kurz. Für Petra Krause startet der Prozess deutlich früher – im Grunde schon, bevor jemand überhaupt in die Ausbildung kommt. Es geht darum, junge Menschen früh als Personen mit eigenen Kompetenzen wahrzunehmen, statt sie als anonyme Masse zu behandeln. Denn genau das ist ein Grundproblem: Pflege wird häufig als Block gesehen, austauschbar zwischen Früh- und Spätdienst, egal in welchem Bereich. Was den Kern der Profession ausmacht – von der Beziehungsgestaltung bis zur Fachkompetenz –, müssen Pflegefachpersonen aber erst lernen, stabil und selbstbewusst zu vertreten.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich seit dem Pflegeberufegesetz von 2020 mit der generalistischen Ausbildung vieles verändert hat und die Anforderungen komplexer geworden sind. Das Gesundheitswesen befindet sich, so Krause, in einer Art Dauerkrise. Umso wichtiger sind achtsame, strukturierte Prozesse für den Moment, in dem meist junge Menschen in die Profession und in ihr berufliches Standing hineinwachsen.
Schüler:in oder zukünftige Kollegin? Eine Frage der Haltung
Ein Thema zieht sich durch das gesamte Gespräch: Werden Auszubildende als Belastung oder als wertvolle Ressource gesehen? Als Petra Krause 2015 die Schulen übernahm, hatte sie gehofft, dass sich gegenüber ihrer eigenen Ausbildungszeit vor über 35 Jahren grundlegend etwas getan habe. Ihre ernüchternde Bilanz: Da ist noch Luft nach oben. Generationen von Auszubildenden berichten von denselben Themen – fehlende Wertschätzung, lückenhafte Praxisanleitung, das Gefühl, nur eine Nummer zu sein.
Dabei steckt schon in der Sprache eine Weichenstellung. Krause plädiert dafür, bewusst von Auszubildenden statt von „Schülerinnen" zu sprechen – und vor allem, Praxisanleitung nicht länger als „Freistellung" zu behandeln. Denn wer freigestellt wird, tut etwas Außergewöhnliches, fast Luxuriöses. Praxisanleitung sei aber eine ganz normale Tätigkeit, genauso selbstverständlich wie eine pflegerische Intervention bei Patient:innen. Hier sind besonders Entscheider:innen gefragt, im Wording konsequent zu sein und immer wieder zu intervenieren.
„Sie sind einfach die, die nach drei oder vier Jahren genau das machen, was notwendig ist, um die Gesundheitsversorgung auf höchstem Niveau zu gewährleisten. Und wenn sie das noch nicht können, dann sind sie in der Rolle der Lernenden – und dann braucht es jemanden, der lehrt." — Petra Krause
Im Gespräch wird allerdings auch deutlich, wo die Reibung entsteht: in den unterschiedlichen Systemen und Perspektiven. Während Pflegepädagogik und Pflegemanagement längst verstanden haben, dass man Auszubildende halten und früh abholen muss, kippt die Wahrnehmung, sobald die Finanzierungslogik ins Spiel kommt – dann werden Auszubildende schnell wieder zur bloßen Personalressource. Genau in diesem Spannungsfeld müsse die Pflege eigene Konzepte entwickeln.
Wenn Generationen aufeinandertreffen
Ein zweites Phänomen verschärft die Lage: das Aufeinandertreffen verschiedener Generationen. Krause, selbst Babyboomerin, beschreibt offen die Reibung zwischen erfahrenen Kolleg:innen und einer neuen Generation, die sich klar abgrenzen kann – und das auch tut. Während früher der Dienstplan in der WG am Küchentisch gemacht wurde und man gemeinsam in den Urlaub fuhr, gilt heute oft: Bis 14 Uhr, dann ist gut.
Statt dies als mangelnde Leistungsbereitschaft abzutun, plädiert Krause für eine andere Lesart. Es sei ein Gewinn, mit Menschen zu arbeiten, die für den Beruf brennen und sich trotzdem gesunde Grenzen setzen können. Pauschalurteile à la „Die sind ja gar nicht mehr leistungsfähig" führen schnell zu einer Emotionalisierung des Prozesses. Dass diese Veränderung berechtigt ist, zeigt sich auch in einem grundlegend gewandelten Blick auf Arbeit: Es geht nicht mehr darum, einen Job zu haben, um das eigene Leben zu finanzieren. Heute hat man ein Leben – und schaut, wie der Job dazu passt. Das treibt Veränderung schneller voran, als es in der Pflege bisher üblich war.
Begleiten statt allein lassen: psychosoziale Unterstützung
Der Berufseinstieg konfrontiert junge Pflegefachpersonen mit einer Wucht, auf die sie kaum vorbereitet sein können: höheres Arbeitspensum, ein rauerer Wind und die Diskrepanz zwischen Idealismus und Realität. Krause erinnert sich an ihren eigenen ersten Tag – an den Geruch auf der Station, an eine Wunde, bei deren Versorgung sie kollabierte und erst einmal in ein freies Bett gelegt wurde. Solche Erlebnisse müssen besprechbar sein, in Reflexionsrunden auf den Stationen.
Besonders heikel ist der Umgang mit Tod und Sterben. Eine Auszubildende, so erzählt Krause, sei bei dünner Besetzung in ihrem ersten Einsatz mit einem sterbenden Menschen allein gelassen worden – im Nachhinein eine unglückliche Entscheidung. Daraus zieht sie eine klare Konsequenz: Ein Seminar zum Umgang mit Tod und Sterben gehört nicht erst ins dritte Ausbildungsjahr, sondern früh, weil junge Pflegende von Beginn an in solche Situationen geraten können.
Dass viele Menschen mit psychischen Belastungen die Ausbildung frühzeitig abbrechen oder später dem Beruf den Rücken kehren, lange ausfallen oder erschöpft sind, ist kein Zufall. In Bethel setzt man deshalb auf enge, individualisierte Begleitung durch Kursleitungen und auf seelsorgerische Angebote – gerade auch als Antwort auf die Spuren, die die Corona-Jahre hinterlassen haben. Wer mit 18 in den Beruf startet, gerade von zu Hause ausgezogen ist und einen nicht immer vollen Kühlschrank hat, braucht eben auch Begleitung dabei, ins Leben und ins Selbstbewusstsein zu finden.
„Seid selbstbewusst! Ihr seid diejenigen, die gebraucht werden – und das könnt ihr auch ruhig zeigen. Schließt euch zusammen, übt miteinander, achtet aufeinander und holt euch Hilfe." — Petra Krause
Berufspolitik gehört ins erste Lehrjahr
Ein Punkt, der Petra Krause sichtlich bewegt: die schwache Beteiligung an der Interessenvertretung. Bei über 700 Auszubildenden aus fünf Schulen ließ sich zum Zeitpunkt der Aufnahme für die anstehende Wahl der Jugend- und Auszubildendenvertretung gerade eine einzige Person aufstellen. Woran das liegt, lässt sich nur vermuten – vielleicht das Gefühl, ohnehin nichts ändern zu können, vielleicht der Fokus aufs eigene Durchkommen, vielleicht schlicht Müdigkeit.
Klar ist für Krause aber, wann über berufspolitische Themen gesprochen werden muss: nicht im dritten Ausbildungsjahr, wenn die Examensvorbereitung alle Kraft kostet, sondern früh. Wer kurz vor der Prüfung steht, hat andere Sorgen als Wahlkampf und Betriebsverfassungsgesetz. Wie wichtig dieser Einstieg ist, betont auch das Podcast-Team aus eigener Erfahrung: Eine Jugend- und Auszubildendenvertretung lebt davon, dass sie ihre Informationsaufgabe ernst nimmt und den Staffelstab rechtzeitig weitergibt. Bricht diese Kette einmal ab, ist sie schwer wieder aufzubauen.
Das Trainee-Programm: besondere Einarbeitung mit Mentoring
Konkret begegnet Bethel dem Berufseinstieg mit einem Trainee-Programm. Neue Kolleg:innen werden fachbereichsbezogen – etwa in der Psychiatrie, im Kinderzentrum oder im Aufbau für den Intensivbereich – in einer Gruppe zusammengeführt, auf wechselnden Stationen eingesetzt und von Mentor:innen begleitet. Begleitet werden sie zum Beispiel von Kolleg:innen aus der Pflegeentwicklung; perspektivisch sollen auch Praxisanleiter:innen und Führungskräfte diese Rolle übernehmen. Dazu kommen regelmäßige fachliche Inputs und Reflexionseinheiten, wöchentlich oder monatlich.
Das Programm steht nicht nur Absolvent:innen der eigenen Schulen offen, sondern allen, die im EVKB oder in Mara arbeiten möchten – das Bewerbungsverfahren ist regulär. Der große Vorteil: Wer nach drei Monaten auf einer Station landet, die wirklich passt, kann das Programm verlassen und dort bleiben; wer mehr Orientierung braucht, bleibt länger im geschützten Rahmen. Bemerkenswert: Die Übernahme der eigenen Auszubildenden erfolgt ohne Probezeit – nach drei gemeinsamen Jahren kennt man sich. Und wer auf einer Akut- oder Intensivstation nicht aufgeht, findet in einem Träger mit Eingliederungs- und Altenhilfe genug andere Wege. Befristete Verträge hält Krause im Klinikkontext für ein Zeichen, dass etwas nicht verstanden wurde.
Erste Rückmeldungen sind positiv: Die Trainees fühlen sich fachlich sicherer, und die Bindung gelingt. Es sind gerade nicht die Trainees, die das Haus früh wieder verlassen, sondern jene, die auf Station genau das erleben, was man eigentlich vermeiden möchte. Wie hoch der Stellenwert solcher Bindungsfragen ist, zeigt im Übrigen auch der Studienbericht zur Berufseinmündung und zum Berufsverbleib in der Pflege in NRW.
Lebenslanges Lernen statt fertigem Wissen
Berufseinmündung ist kein einmaliger Sprung, sondern Teil einer größeren Strategie. Für Krause gehören dazu lebenslanges Lernen, ein gelebter Theorie-Praxis-Transfer und vor allem mehr Pflegewissenschaft in der Praxis. Ihr Bild: Warum trennen wir eigentlich fachliche Formate wie einen Journal Club strikt nach Examinierten und Auszubildenden? Vieles ließe sich gemeinsam besuchen – auf freiwilliger Basis und ohne dass jemand ausgeschlossen wird. Sie traut Auszubildenden viel zu und ist überzeugt, dass sich Potenzial schnell zeigt, wenn man Türen öffnet statt sie zu verschließen.
Dass dabei akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen eine zentrale Rolle spielen, ist ihr wichtig – auch wenn sie offen einräumt, dass Bethel an dieser Stelle noch hinterherhinkt. Hochschulkooperationen bestehen, doch es könnte mehr sein. Wenn eine Organisation sich als lernende Berufsgruppe versteht, in der neue Impulse selbstverständlich aufgenommen werden, verändert das auch den Berufseinstieg: Auszubildende erleben dann nicht „Ich weiß zu wenig", sondern „Wir alle lernen weiter". Welche Hürden und welches Potenzial im Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis stecken, ist seit Jahren dokumentiert.
Genau hier liegt für Krause der wunde Punkt: Der Drive ist da. Auszubildende lernen großartige Dinge und gehen mit dem Wunsch in die Praxis, etwas zu verändern. Zu oft trifft dieser Schwung jedoch auf ein „Bei uns war das aber früher anders". Wer 30 Jahre dieselbe Arbeit macht, fühlt sich von Neuem leicht infrage gestellt – und schon ist die Motivation der Berufseinsteiger:innen dahin. Was es braucht, sind Menschen, die mit Leichtigkeit und Normalität mit neuem Wissen umgehen, eine gute Fehlerkultur leben und nicht aufgeben.
Mut und Leichtigkeit als Botschaft
Am Ende fasst Petra Krause ihre Haltung in zwei Worten zusammen: Leichtigkeit und Mut. Zu viele Pflegende hätten Frust in sich hineingefressen und resigniert. Dabei lasse sich sehr wohl etwas verändern – durch neue Formate, durch durchdachte Konzepte, durch das Stärken junger Auszubildender und dadurch, die Profession dorthin zu bringen, wo sie hingehört. Das mag pathetisch klingen, kommt aber von Herzen. Und es ist möglich.
Zum Weiterhören
- ÜG168 – Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann)
- ÜG080 – Verbleib von akademisiert Pflegenden (Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck, Christian Grebe & Rüdiger Hoßfeld)
- ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)
Shownotes
- Implikationen für die Berufseinmündung nach einer generalistischen Pflegeausbildung – eine mehrperspektivische Studie
- „Berufseinmündung und Berufsverbleib in der Pflege in NRW“ – Studienbericht veröffentlicht
- Onboarding: mehr als „nur“ einstellen
- Traineeprogramme in der Pflege: Einarbeitung mit Konzept - Bewerberportal Ev. Klinikum Bethel - Ihr Krankenhaus in Bielefeld
- Berufseinmündung und Berufsverbleib in der Pflege in NRW
- Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis
