- 78 % der Pflege-Absolvent:innen arbeiten klientennah – das Vorurteil vom Bürojob bröckelt.
- Mehr als die Hälfte landet im Krankenhaus, kaum jemand in der Langzeitpflege.
- Höhere Vergütung gibt es fast nur bei zusätzlichen, besonderen Aufgaben.
- Überzeugte Führungskräfte sind der Schlüssel für gelingende Berufseinmündung.
- Der Wirksamkeitsnachweis für bessere Versorgung fehlt in Deutschland noch.
Akademisch Pflegende? Die machen doch eh Karriere im Büro, leiten Stationen oder verschwinden in der Wissenschaft – am Bett sieht man sie kaum. So lautet ein Vorurteil, das die Diskussion um die Akademisierung der Pflege seit Jahren begleitet. Aber stimmt das überhaupt? Genau dieser Frage ist ein großes Forschungsprojekt aus Nordrhein-Westfalen nachgegangen: die VAMOS-Studie. Drei Menschen, die ganz nah dran waren, kommen dazu zu Wort – und die Ergebnisse sind erfreulich eindeutig.
Ein dynamisches Akronym für eine große Frage
VAMOS steht für „Verbleibstudie der Absolventinnen und Absolventen der Modellstudiengänge in Nordrhein-Westfalen“. Eine zweijährige Untersuchung von 2017 bis 2019, die der Frage nachging: Wo bleiben eigentlich die Menschen, die einen Pflegestudiengang abgeschlossen haben? Was machen sie, wie zufrieden sind sie – und kommen die Konzepte der Hochschulen überhaupt im Arbeitsmarkt an?
Die Dimensionen sind beachtlich: sieben Hochschulen, drei Forschungsinstitute, fünf Gesundheitsfachberufe und insgesamt zwölf Studiengänge waren beteiligt. Untersucht wurden rund 1.100 Absolvent:innen – neben der Pflege auch Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Hebammenkunde. Der Fokus liegt hier auf der Pflege, aus der knapp 600 Absolvent:innen stammten. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im ausführlichen VAMOS-Abschlussbericht alle Details.
Hinter dem Projekt stand mehr als reine Neugier. Modellstudiengänge basieren auf einer Klausel im Berufsgesetz, die seit 2003 erlaubt, Studiengänge zu erproben – allerdings befristet und unter der Bedingung, dass sie evaluiert werden. Die VAMOS-Studie sollte also auch gegenüber dem Gesetzgeber belegen: Funktioniert diese Akademisierung wirklich? Greifen die Hochschulen die Bedarfe der Praxis auf? Und – das war eine der politischen Hypothesen – verschwinden die Absolvent:innen am Ende doch aus der Versorgung?
Wie man Tausende Ehemalige wieder einfängt
Die fünf Pflegestudiengänge gab es an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, der Katholischen Hochschule NRW in Köln, der Praxishochschule in Rheine, der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf und der Fachhochschule Bielefeld. Befragt wurde online – und das funktionierte erstaunlich gut. In der Pflege lag der Rücklauf bei 41 Prozent, in den Therapieberufen sogar etwas höher. Zum Vergleich: Bei Absolvent:innenbefragungen rechnet man oft nur mit rund einem Drittel.
„Auch diejenigen, deren Abschluss schon vier Jahre zurücklag, haben wir noch zu einem sehr großen Anteil erreicht. Das ist eigentlich schon eine Besonderheit.“ — Christian Grebe
Wichtig: Die Altersverteilung im Rücklauf unterschied sich nicht signifikant von der Grundgesamtheit. Im Schnitt waren die Befragten in der Pflege 27 Jahre alt – also vergleichsweise jung. Kein Wunder, denn diese Studiengänge richten sich an Menschen, die nach dem Abitur direkt ins Erststudium starten, nicht an Berufserfahrene mit abgeschlossener Ausbildung. Ergänzt wurde der quantitative Teil durch nachgelagerte telefonische Interviews, die den Zahlen mehr Tiefe verliehen.
Kompetenzen sichtbar machen – mit einem eigenen Werkzeug
Spannend wird es bei der Frage, wie man so etwas Abstraktes wie Kompetenzen überhaupt erfassen kann. Das Team entwickelte dafür eigens ein Instrument: die Health Professionals Competence Scales. Die einzelnen Items gehen immer von einer konkreten berufspraktischen Situation aus – und die Befragten schätzen ein, wie sicher sie sich darin fühlen. Sieben Kompetenzdimensionen wurden aus den gemeinsamen Qualifizierungszielen der Studiengänge abgeleitet, etwa Prozesssteuerung, Beratung, Schulen und Anleiten oder interprofessionelle Zusammenarbeit. Das Instrument wurde nach einer ähnlichen Methodik wie große Bildungsvergleichsstudien validiert.
Damit die Ergebnisse möglichst unabhängig blieben, wurde die Arbeitgeberperspektive bewusst ausgelagert – an das Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen und das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Begleitet wurde das Projekt zusätzlich von einem Fachbeirat mit Berufsverbänden wie dem DBfK und dem Pflegerat NRW, aber auch mit Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaft und Krankenkasse.
Die zentrale Überraschung: Sie bleiben am Menschen
Nun zum Herzstück. Wo arbeiten die Pflege-Absolvent:innen tatsächlich? Mehr als die Hälfte hat ihre Haupterwerbstätigkeit im Akutkrankenhaus. An zweiter Stelle folgt mit rund zehn Prozent die ambulante und stationäre Psychiatrie. Langzeitpflege – ambulant wie stationär – sowie Forschung und Wissenschaft machen jeweils nur etwa fünf Prozent aus. Das Feld ist breit gestreut, von Reha-Einrichtungen über Hospize bis hin zu Sanitätshäusern, aber die deutliche Tendenz zeigt klar Richtung Krankenhaus.
Und nun das Entscheidende: Stolze 78 Prozent der Pflege-Absolvent:innen arbeiten in einem klientennahen Tätigkeitsprofil. Das Team unterschied dabei feiner zwischen Tätigkeiten, die sich praktisch nicht von der Arbeit fachschulisch ausgebildeter Pflegefachpersonen unterscheiden, und solchen mit besonderen Aufgabenbereichen – etwa einem stärkeren Schwerpunkt auf Beratung, Schulung, Prozesssteuerung oder interprofessioneller Zusammenarbeit. Tätigkeiten außerhalb der klassischen Settings sowie wissenschaftliche oder administrative Profile machen jeweils nur einen kleinen Teil aus.
Das ist eine echte Erfolgsgeschichte – und sie räumt mit dem Gerücht auf, akademisch Pflegende seien für die direkte Versorgung verloren. Interessant ist aber eine Verschiebung über die Zeit: Je länger der Abschluss zurücklag, desto seltener wurde die rein „deckungsgleiche“ klientennahe Tätigkeit. Wer nach Jahren noch am Menschen arbeitet, tut das dann meist mit erweiterten Aufgaben. Rund zwölf Prozent der Befragten hatten zum Befragungszeitpunkt bereits ein weiteres Studium abgeschlossen, viele davon einen Master, und auch klinische Fachweiterbildungen sowie Beratungs- und Leitungsqualifikationen waren gefragt.
Wenn das Team fragt: „Meinst du, du bist was Besseres?“
So positiv die Tätigkeitsprofile sind – ganz reibungslos verläuft die Berufseinmündung nicht. Bei rund zehn Prozent der Pflege-Absolvent:innen gab es Schwierigkeiten beim Einstieg. Ein Grund: Kolleg:innen, die der hochschulischen Qualifizierung eher skeptisch gegenüberstanden. Während Vorgesetzte die akademische Ausbildung mehrheitlich positiv wahrnehmen, sieht das im unmittelbaren Team und bei anderen Berufsgruppen oft anders aus. Den Unterschied in der Qualifikation nahmen aus Sicht der Befragten nur 29 Prozent der Kolleg:innen überhaupt bewusst wahr.
Die Interviews zeichnen ein farbiges Bild: Manche Teammitglieder suchen gezielt fachlichen Rat oder bitten um Recherchen, andere lehnen das ab. Entscheidend ist offenbar die Infrastruktur. Dort, wo Absolvent:innen klare Aufgabenbeschreibungen und feste Zeitfenster für ihre besonderen Rollen haben, funktioniert es. Wo sie alles selbst aushandeln müssen, verpufft das Potenzial.
„Ich muss mir als Arbeitgeber schon überlegen, was ich mit diesen Leuten will, und dafür ein Konzept haben. Sonst hat das eine Unverbindlichkeit, die weder für die Absolvent:innen attraktiv ist noch in der Praxis trägt.“ — Christian Grebe
Und hier kommen die Hochschulen ins Spiel. Sie produzieren eben nicht ins Universum hinein, sondern müssen im Dialog mit den Arbeitgebern klären, was die Praxis braucht – und gleichzeitig erklären, wofür diese Studiengänge da sind und wofür nicht. Denn hochschulische Pflegequalifizierung ist im Feld noch erklärungsbedürftig. Wie eng diese Frage mit dem Selbstverständnis der Profession zusammenhängt, beleuchtet auch die Episode „Kann der auch waschen?“ – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet.
„Wir haben mitunter einige Führungskräfte überrollt mit der Idee, dass die hochschulische Pflegeausbildung viele Probleme beseitigen könnte. Deshalb ist der Dialog mit der Praxis ganz essenziell.“ — Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck
Was am Ende auf dem Gehaltszettel steht
Beim Thema Vergütung wird es ernüchternd. Im Mittel verdienten die Pflege-Absolvent:innen 17,30 Euro pro Stunde – das liegt deutlich unter 3.000 Euro brutto im Monat. Der Stundenlohn steigt zwar mit der Berufserfahrung und hängt stark vom Einsatzort ab, doch ein akademischer Abschluss allein macht sich kaum bemerkbar. Aus Arbeitgebersicht bestätigt sich das: Nur etwa zwei Prozent zahlen generell höhere Gehälter an Absolvent:innen. Aber rund die Hälfte vergütet besser, wenn besondere, zusätzliche Aufgaben übernommen werden.
Auch die exklusiv für den Podcast nachgerechnete Auswertung zeigt: Wer klientennah mit besonderen Aufgaben arbeitet, verdient rund 1,50 Euro pro Stunde mehr als jemand in einer Tätigkeit, die sich nicht von der dreijährig qualifizierter Kolleg:innen unterscheidet. Der Spielraum für höhere Löhne entsteht vor allem in der Kombination aus tarifgebundener Beschäftigung und echten Aufgabenerweiterungen.
Was die Arbeitgeber sagen
Die Arbeitgeberbefragung war Neuland – entsprechend klein und speziell ist die Stichprobe: 56 Arbeitgeber aus der Pflege, davon 41 Krankenhäuser. Große Kliniken sind also stark überrepräsentiert, das muss man bei der Einordnung im Kopf behalten. Trotzdem liefert sie wertvolle Hinweise.
Bemerkenswert: Die Sorge, akademisch Pflegende würden nur eingestellt, weil sonst keine Fachkräfte zu bekommen sind, bestätigt sich nicht. Im Vordergrund stehen ganz andere Gründe. Neun von zehn Arbeitgebern wollen wissenschaftliche Kompetenz ins Haus holen, um eine evidenzbasierte Praxis zu fördern und die Versorgungsqualität zu steigern. Auch berufspolitische Motive spielen mit, etwa die Aufwertung der Pflege im Unternehmen. Leitungskompetenz nannten dagegen nur 15 Prozent – ein Zeichen für eine differenziertere Wahrnehmung.
Bei der Erkennbarkeit der Kompetenzen im Berufsalltag fallen die Werte sehr hoch aus: Zwischen 85 und 97 Prozent der Arbeitgeber stimmen zu, dass sie die sieben Kompetenzdimensionen erkennen. Die größten Stärken sehen sie bei Wissenschaftlichkeit, Prozesssteuerung und Qualitätsentwicklung sowie bei Beratung und Anleitung. Bei der Durchführung klientenbezogener Maßnahmen werden am häufigsten keine Unterschiede berichtet – aber auch hier fällt niemand ab.
Eine Erfolgsgeschichte – mit offener Flanke
Das Fazit der Verantwortlichen ist klar: Die Modellstudiengänge sind ein Erfolg. Die Absolvent:innen sind gut auf die Versorgung vorbereitet, arbeiten klientennah, erleben sich als handlungssicher und werden von Arbeitgebern als kompetent eingeschätzt. Es gibt eine gute Passung zwischen Studiengangskonzepten und Arbeitsmarkt. Aus dieser Modellphase heraus konnte die hochschulische Pflegeausbildung im neuen Berufsgesetz verankert werden.
Doch eine entscheidende Frage bleibt offen: Verbessert sich durch akademisch Pflegende auch die Patient:innenversorgung? Diesen Outcome-Nachweis konnte VAMOS nicht liefern – schlicht, weil der Durchdringungsgrad mit hochschulisch Qualifizierten in Deutschland viel zu niedrig ist. International gibt es klare Daten, dass ein höherer Anteil akademisch ausgebildeter Pflegender Mortalität und Komplikationen senkt. Doch kritische Stimmen verlangen den Beweis für Deutschland – und der lässt sich erst erbringen, wenn deutlich mehr Absolvent:innen im Feld sind.
Was hilft beim Ankommen? Zeitfenster für wissenschaftsbasierte Aufgaben, Vorbilder, Trainee- und Mentor:innenprogramme – und vor allem Führungskräfte, die hinter der hochschulischen Ausbildung stehen. Konkrete Orientierung bieten auch die Handlungsempfehlungen von Pflegerat und Pflegewissenschaft sowie der Leitfaden zum Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen.
Auffällig ist, wo die Absolvent:innen kaum landen: in der stationären und ambulanten Langzeitpflege. Dabei passen ihre Stärken in Prozesssteuerung, Evaluation und Beratung gerade dorthin oft besser als ins Krankenhaus. Hier sind Image und Vergütung gefragt. Mehr zu diesem unterschätzten Feld erfährst du in der Episode Akademisch Pflegende in der Langzeitpflege.
„Wir können die Vergleichsebene zwischen klassisch und hochschulisch Ausgebildeten getrost weglassen. Der Beruf braucht beide Zugangswege – beides hat seine Berechtigung.“ — Prof.in Dr.in Änne-Dörte Latteck
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft der Studie: Es geht nicht darum, wer was besser kann. Die Versorgung ist hochkomplex, und sie braucht unterschiedliche Qualifikationen nebeneinander. Wenn die VAMOS-Daten dazu beitragen, alte Gräben zuzuschütten und stattdessen die jeweiligen Stärken klug einzusetzen, dann haben sie schon viel erreicht.
Zum Weiterhören
- ÜG098 – Akademisierung der Pflege (Prof. Dr. Benjamin Kühme)
- ÜG102 – Berufseinmündung in der Pflege (Petra Krause)
- ÜG186 – „Kann der auch waschen?" – Was Pflege-Akademisierung wirklich bedeutet
Weiterführende Links & Shownotes
Shownotes zur Folge
- Abschlussbericht Verbleibstudie der Absolventinnen und Absolventen der Modellstudiengänge in Nordrhein-Westfalen (VAMOS) (hs-gesundheit.de)
- Tannen, A., Feuchtinger, J., Strohbücker, B., Kocks, A. (2017): Survey zur Einbindung von Pflegefachpersonen mit Hochschulabschlüssen an deutschen Universitätskliniken – Stand 2015. In: Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) 120 (2017) 39–46 (zefq-journal.com)
- Bergjan, M., Tannen, A.; Mai, T., Feuchtinger, J., Luboeinski, J., Bauer, J., Fischer, U., Kocks, A. (2021): Einbindung von Pflegefachpersonen mit Hochschulabschlüssen an deutschen Universitätskliniken: ein Follow-up-Survey. In: Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ) 163 (2021) 47–56 (sciencedirect.com)
- Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen in der Praxis. VPU NRW AG (vpuonline.de)
- Arbeitsfelder akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen. DPR & DGP (deutscher-pflegerat.de)
- Baumann, A.-L. u. Kugler, C. (2019): Berufsperspektiven von Absolventinnen und Absolventen grundständig qualifizierender Pflegestudiengänge − Ergebnisse einer bundesweiten Verbleibstudie. In: Pflege (2018), 32, pp. 7-16 (hogrefe.com)
- Grebe, C., Schürmann, M., & Latteck, Ä.-D. (2021). Die Health Professionals Competence Scales (HePCoS) zur Kompetenzerfassung in den Gesundheitsfachberufen. Technical Report. Fachhochschule Bielefeld (researchgate.net)
- Health Professionals Competence Scales (hepcos.com)
