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Diese Episode erschien am 04.03.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Über 80 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, der Großteil durch Angehörige.
  • Der Grundsatz „ambulant vor stationär" stellt Eigenständigkeit und Wünsche ins Zentrum.
  • Hilfe anzunehmen ist kein Versagen, sondern Selbstschutz für pflegende Angehörige.
  • Wer sich früh informiert, vermeidet Engpässe und Überlastung.
  • Pflegeberatung hilft, individuelle Entlastungslösungen zu finden.

Wann ist eigentlich der Moment gekommen, an dem ein Mensch nicht mehr allein zu Hause zurechtkommt? Und wer übernimmt dann die Pflege – die Familie oder Profis? Diese Fragen klingen erst einmal nach einer simplen Entweder-oder-Entscheidung. Doch hinter dem Thema Pflegeorte steckt weit mehr als die Wahl zwischen ambulant und stationär. In dieser Folge des Podcast-Specials „Wir erklären Pflege" spricht Christian Köbke mit zwei Pflegeberaterinnen der AOK NordWest: Doreen Stadi, die ihren Weg über die Verwaltung in die Beratung gefunden hat, und Heike Tams, gelernte Krankenschwester mit 15 Jahren Erfahrung im ambulanten Pflegedienst – und selbst pflegende Angehörige ihrer 98-jährigen Mutter.

Fünf Millionen Menschen – und eine steile Kurve nach oben

Pflegebedürftigkeit ist in Deutschland längst kein Randthema mehr. Rund 4,96 Millionen Menschen waren zum Zeitpunkt der Aufnahme im Frühjahr 2023 als pflegebedürftig eingestuft. Die Pflegeversicherung gab dafür mehr als 50 Milliarden Euro pro Jahr aus. Bemerkenswert ist vor allem die Entwicklung: Vor 20 Jahren lag die Zahl noch bei rund der Hälfte. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen also mehr als verdoppelt – und der Anstieg dürfte sich weiter beschleunigen.

Dabei zeigen diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs. Denn sie umfassen ausschließlich Menschen mit einem anerkannten Pflegegrad. Die Dunkelziffer ist deutlich höher: Viele Familien trauen sich gar nicht erst, einen Pflegegrad zu beantragen – aus Angst, in eine stationäre Einrichtung „abgeschoben" zu werden, oder weil sie die Situation unbedingt allein bewältigen wollen.

Doch was bedeutet Pflegebedürftigkeit eigentlich genau? Sie ist auf Dauer angelegt – mindestens sechs Monate. Ein gebrochenes Bein, das nach acht Wochen verheilt, zählt also noch nicht dazu. Entscheidend ist, dass jemand in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt ist und auf Unterstützung angewiesen ist – sei es körperlich, kognitiv (etwa bei Demenz) oder psychisch (etwa bei starken Angstzuständen).

Warum „ambulant vor stationär" mehr ist als ein Spruch

Der Leitsatz „ambulant vor stationär" prägt die gesamte deutsche Gesundheits- und Pflegepolitik. Übersetzt heißt das: Erst werden alle Möglichkeiten im häuslichen Umfeld ausgeschöpft, bevor eine vollstationäre Versorgung im Pflegeheim infrage kommt. Das entspricht auch dem, was sich die allermeisten Menschen wünschen – nämlich so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bleiben.

Hinter diesem Grundsatz steckt mehr als ein Sparmodell. Es geht darum, die Eigenständigkeit zu erhalten. Wer im Alltag gefordert bleibt und Dinge selbst erledigt, kann eine Verschlechterung der Pflegesituation oft hinauszögern. Die Zahlen untermauern das: Über 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause versorgt, mehr als 60 Prozent davon durch Angehörige. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil von rund 20 Prozent wird ausschließlich professionell gepflegt. Spannend ist der Blick auf Pflegegrad 5: Obwohl hier der Versorgungsbedarf am größten ist, halten sich häusliche und stationäre Pflege fast die Waage – meist als Kombination aus engagierten Angehörigen und intensiver professioneller Unterstützung.

Der größte Pflegedienst Deutschlands sitzt am Küchentisch

Angehörigenpflege bedeutet nicht, dass jemand komplett auf sich allein gestellt ist. Ein ambulanter Pflegedienst, der zweimal die Woche beim Duschen hilft, oder eine Tagespflege, die den Tag strukturiert – all das gehört dazu. Wer pflegt, bekommt diese Leistung in gewisser Weise auch anerkannt: Je nach Pflegegrad steht den Pflegebedürftigen ein Pflegegeld zu, das sie an pflegende Angehörige weitergeben können. Diese finanzielle Anerkennung ist für viele emotional wichtig – sie ermöglicht es, sich für die geleistete Unterstützung erkenntlich zu zeigen.

Hinzu kommt: Wer mindestens zehn Stunden pro Woche an mindestens zwei Tagen pflegt und dabei nicht mehr als 30 Stunden erwerbstätig ist, kann unter bestimmten Voraussetzungen Rentenversicherungsbeiträge erhalten. Die Pflegekasse zahlt dann pauschale Beträge direkt an die Rentenversicherung der pflegenden Person. Der Hintergrund: Viele reduzieren für die Pflege ihre Arbeitszeit – und sollen dafür im Alter nicht benachteiligt werden.

Wer pflegt eigentlich? Überwiegend Frauen, und überwiegend Menschen im Rentenalter, weil die Pflege häufig zuerst zwischen Ehepartner:innen stattfindet. Die meisten Pflegenden sind fünf bis sieben Tage die Woche im Einsatz, oft ein bis drei Stunden täglich. Bemerkenswert ist, dass nur rund ein Viertel der Menschen sagt, sie könnten sich Pflege überhaupt nicht vorstellen. Häufiger scheitert es an konkreten Hürden: Bei Frauen steht eher Privates im Weg, bei Männern die berufliche Situation.

„Es gibt viele Menschen und Familien, die sich gar nicht trauen, einen Pflegegrad zu beantragen, weil sie Ängste haben, dass sie in eine stationäre Pflegeeinrichtung geschoben werden." — Doreen Stadi, Pflegeberaterin

Pflicht, Nähe und ein schambesetztes Tabu

Warum pflegen Menschen ihre Angehörigen überhaupt? Oft ist es ein Pflichtgefühl, das über Generationen weitergegeben wird. Oft ist es die emotionale Nähe. Und oft ist es schlicht so, dass die pflegebedürftige Person niemand Fremdes an sich heranlassen will. Gerade die heute pflegebedürftige Generation – Kriegskinder – ist häufig stark schambesetzt. Sich vor fremden Menschen auszuziehen und geduscht zu werden, ist für viele kaum erträglich. Da fühlen sich Angehörige verpflichtet, diese intime Aufgabe selbst zu übernehmen.

Fachliches Unwissen ist dabei seltener ein Problem, als man denken könnte. Denn Pflegebedürftigkeit kommt meist schleichend. Man wächst langsam in die Aufgaben hinein – und kann sich an jedem Punkt, an dem es nicht weitergeht, Unterstützung und praktische Tipps holen, etwa über die Pflegeexpert:innen der AOK NordWest.

Generationenvertrag unter Druck

So tragfähig das System der Angehörigenpflege heute noch ist – es steht vor einem strukturellen Problem. Aktuell pflegen die sogenannten Babyboomer ihre Eltern. Doch wenn diese Generation selbst pflegebedürftig wird, stehen ihr nur noch wenige junge Menschen gegenüber. Die Alterspyramide kippt – und mit ihr ein unausgesprochener Generationenvertrag, der nicht nur die Rente, sondern auch die Pflege trägt. Genau hier setzt der Begriff Pflegenotstand an.

Verschärft wurde die Lage zum Jahresbeginn 2023 durch stark gestiegene Kosten – sowohl bei ambulanten Pflegediensten als auch in den Pflegeheimen. Die Folge: Manche Menschen verzichten lieber auf das zweite Duschen pro Woche, als die Kosten zu tragen, weil sie nicht sozialhilfepflichtig werden möchten. Die Pflegekassen sind dabei an Gesetze gebunden – sie können nicht zaubern, sondern brauchen politische Weichenstellungen und mehr Pflegefachpersonen. Wer sich einen Überblick über regionale Angebote verschaffen will, findet diesen über den Pflegenavigator der AOK NordWest.

Wenn die eigene Kraft nicht reicht: Bedürfnisse der Pflegenden

Pflegende Angehörige tragen eine enorme Last – körperlich wie seelisch. Sie möchten gesehen werden, in dem, was sie leisten. Sie wünschen sich Anerkennung, von der pflegebedürftigen Person ebenso wie vom Umfeld. Und sie brauchen Freiräume – ohne schlechtes Gewissen. Der wohl größte Spagat besteht darin, Beruf, Pflege und eigenes Leben unter einen Hut zu bringen.

Dabei sind körperliche Warnzeichen wie Rückenschmerzen durch fehlende oder falsche Hilfsmittel noch vergleichsweise leicht zu erkennen und zu beheben – etwa über den verpflichtenden Beratungsbesuch, den ein Pflegedienst beim Bezug von Pflegegeld durchführt. Je nach Pflegegrad findet dieser vierteljährlich oder halbjährlich statt und ist eine wichtige Schnittstelle: Die Beratenden schauen nicht nur, wie es den Pflegebedürftigen geht, sondern auch, ob die Angehörigen überfordert sind.

Viel schwerer zu greifen sind die psychischen Komponenten – etwa wenn man sich gestresst fühlt oder sich anderen gegenüber anders verhält als sonst. Hier hilft oft ein ehrlicher Blick von außen, aus dem Freundes- oder Familienkreis. Heike Tams schildert ein eigenes Beispiel: Lange Zeit erledigte sie die Einkäufe ihrer Mutter quer durch drei verschiedene Geschäfte – und merkte erst durch einen Hinweis ihrer Tochter, wie sehr sie das stresste. Die Lösung war kein Streit, sondern ein Perspektivwechsel: Eine andere Person übernahm die Einkäufe, alle waren zufrieden. Solche Schritte sind schwerer, als sie klingen.

Hilfe annehmen ist kein Versagen

Genau hier liegt eine der größten emotionalen Hürden. Viele Menschen empfinden es als persönliches Scheitern, wenn sie eine Aufgabe abgeben. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer als Pflegeperson zusammenbricht, weil die Überlastung zu groß wird, schadet am Ende allen. Schritt für Schritt einzelne Aufgaben abzugeben, ist deshalb kein Rückzug, sondern Selbstschutz und Selbstachtung.

„Es ist überhaupt kein Versagen zu sagen: Ich schaffe es nicht mehr. Das ist einfach ein Selbstschutz und eine Selbstachtung." — Doreen Stadi, Pflegeberaterin

Erschwerend kommt eine gesellschaftliche Erwartungshaltung hinzu. „Du musst doch, du bist ihr etwas schuldig" – solche Sätze setzen Pflegende zusätzlich unter Druck. Dabei gibt es längst zahlreiche Unterstützungsleistungen, die genau diese Last abfedern sollen.

Welche Wege es gibt, wenn es allein nicht mehr geht

Das Pflegeheim ist keineswegs die erste Option. Wer bisher allein gepflegt hat, kann sich zunächst Profis ins Boot holen – etwa einen ambulanten Pflegedienst. Eine Tagespflege entlastet, indem die pflegebedürftige Person tagsüber gut versorgt und mit Anregungen unterstützt wird, die zu Hause kaum zu leisten sind. Über die Angebote der AOK NordWest hinaus lassen sich auch kurzfristige Lösungen wie die Verhinderungspflege nutzen, um Urlaube oder Auszeiten zu überbrücken – ein Thema, das im Special bereits ausführlich beleuchtet wurde.

Professionelle Unterstützung bringt klare Vorteile: Sie entlastet, sie nimmt die alleinige Verantwortung von den Schultern – und sie ermöglicht es, den Wunsch der pflegebedürftigen Person nach einem Leben zu Hause zu erfüllen. Denn fällt die einzige Pflegeperson aus, bricht schnell das ganze Kartenhaus zusammen. Wichtig ist die Botschaft, mit der die Beraterinnen vielen Ängsten begegnen: Niemandem wird die Selbstständigkeit genommen. Wer Hilfe beim Waschen annimmt, darf weiterhin selbst entscheiden und mitgestalten. Die gesamte Versorgung dreht sich um Selbstbestimmung.

„Kümmern Sie sich, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist – nicht warten, bis man komplett am Limit ist." — Heike Tams, Pflegeberaterin

Der wichtigste Rat: früh kümmern

Gerade weil Pflegebedürftigkeit oft schleichend entsteht, lohnt es sich, frühzeitig aktiv zu werden. Das gilt auch deshalb, weil Wartezeiten regional stark schwanken: In Städten mit vielen Pflegediensten geht es oft schnell, auf Inseln oder in ländlichen Regionen mit nur einem einzigen Anbieter kann es Monate dauern. Wer früh ein wenig Hilfe zulässt – einmal die Woche eine Haushaltshilfe, einmal jemand, der beim Duschen hilft –, gewöhnt sich und die pflegebedürftige Person leichter daran. Besonders bei beginnenden kognitiven Veränderungen ist es wertvoll, frühzeitig vertraute fremde Gesichter in den Haushalt einzubeziehen.

Der erste Schritt ist immer: Hilfe annehmen wollen und Kontakt aufnehmen. Je nach Region gibt es Pflegestützpunkte, bei den Pflegekassen außerdem eigene Pflegeberater:innen. In einem persönlichen Gespräch – oft direkt zu Hause – wird die Situation analysiert: Welche Einschränkungen bestehen, welche Ressourcen und welches Umfeld sind vorhanden, und welche Wünsche haben Pflegebedürftige und Angehörige? Daraus entsteht ein individueller Plan. Denn am Ende geht es bei Pflegeorten nie nur um die Frage „Heim oder daheim" – sondern darum, wie ein selbstbestimmtes Leben gelingt.

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Weiterführende Links & Shownotes

Fast 5 Millionen Menschen in Deutschland werden als pflegebedürftig eingestuft. Die Dunkelziffern der ungemeldeten Pflegegrade ist deutlich höher. Man muss nicht lange rechnen, um zu erkennen, dass die professionelle Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen nicht ausreicht. Bereits 80% der Pflege findet heute schon zu Hause statt, denn viele Pflegebedürftige wünschen sich, in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu dürfen. Damit die ambulante, häusliche Pflege dort so gut und so lange wie möglich gelingt, sind Entlastungsleistungen wichtig und nicht jedem vollumfänglich bekannt.

„Ambulant vor stationär“, so auch der Leitsatz der Pflegepolitik und ebenso der große Wunsch der meisten Pflegebedürftigen. Gleichzeitig aber laut den Erfahrung unserer Gästinnen im Podcast verbunden mit einem großen Pflichtgefühl der Pflegenden: „Das gehört sich so“ ist nicht nur der unausgesprochene Generationenvertrag, sondern auch oftmals einfach fehlendes Vertrauen in fremdes Pflegepersonal.

Häusliche Pflege ist für Angehörige eine emotional aufreibende und oftmals kraftraubende Entscheidung, vor allem für denjenigen der sie trägt – persönlich, finanziell und organisatorisch. Wir sprechen in dieser Folge mit dem ÜBERGABE-Podcast und dem Expertinnen-Duo Doreen Stadie und Heike Thams darüber, was der Satz „Ich kann nicht mehr alleine“ für eine Tragweite haben kann – für den Pflegebedürftigen wie auch die Personen, die pflegen. Deshalb, höchste Zeit zu sprechen über die Belastung und Alternativen zur Entlastung, denn du bist #nichtallein.

Shownotes