- Bei Community Health Nursing fehlt kein Wissen, sondern die Umsetzung.
- Pflegefachpersonen brauchen Substitution statt Delegation, um eigenständig handeln zu können.
- Dauerhafte Stellen statt Projekte sind die Voraussetzung für den Nachwuchs.
- Prävention rechnet sich über Jahre, Haushalte denken in Kalenderjahren.
- Sozialraum und klinische Expertise gehören in der CHN-Rolle zusammen.
Ein Saal voller Einigkeit und ein vertrautes Déjà-vu
Stell dir einen Raum voller Menschen vor, die alle dasselbe wollen: Community Health Nurses, die Menschen dort versorgen, wo sie leben. Pflegefachpersonen mit Masterabschluss, die Prävention, Beratung und klinische Einschätzung verbinden. Genau so ein Raum war die Tagung des Wissenschaftsrats gemeinsam mit der HAW Hamburg zum Thema Prävention und dem Berufsbild Community Health Nursing (CHN). Rund 100 Teilnehmende aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Studium diskutierten in Vorträgen, Podien und World Cafés, was CHN leisten kann und wie die Rolle in der Versorgung verankert werden soll.
Das erklärte Ziel der Veranstaltung: das Berufsbild der Community Health Nurses und die Perspektiven für akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen zu fördern. Wer die Debatten um Advanced Practice Nursing (APN) in Deutschland verfolgt, kennt dieses Muster: zukunftsfähige Ideen, breite Zustimmung, kleiner Rahmen – und am Ende fehlt die gesetzliche Grundlage. Eine konkrete Antwort auf die Frage, wie CHN finanziert werden soll, lieferte auch dieser Tag nicht. Dafür aber ein klares Bild davon, wo es hakt.
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Reparieren statt vorbeugen: Warum der Wissenschaftsrat Prävention anpackt
Prof. Dr. Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats und Neurologe am Universitätsklinikum Heidelberg, bringt den Ausgangspunkt auf eine Formel: Das Gesundheitssystem ist auf Reparatur fokussiert, nicht auf Gesunderhaltung und Vorsorge. Der demografische Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen und Multimorbidität machen diesen Fokus zunehmend untragbar.
Bemerkenswert ist, wie weit Wick den Präventionsbegriff fasst. Klimawandel und der Verlust an Biodiversität haben gesundheitliche Folgen. Er verweist auf rund 16.000 Hitzetote im Sommer 2026, über die kaum jemand spreche. Prävention betrifft damit auch Politikfelder wie Bau, Straßen und Energiewirtschaft, die selten mit Gesundheit in Verbindung gebracht werden.
Community Health Nursing bezeichnet Wick als systemrelevant. Der Grund: Gerade die Menschen, die Prävention am dringendsten brauchen, rutschen am ehesten durchs Raster. Es braucht Fachpersonen, die in den Lebenswelten vor Ort sind, die Sprache der Menschen sprechen und gleichzeitig die Brücke zum klassischen Versorgungssystem schlagen. Und zwar professionell, wissenschaftlich fundiert und nah an der Lebensrealität.
Das Wissensakzeptanzdefizit
Ein Begriff aus Wicks Vortrag blieb hängen: das Wissensakzeptanzdefizit. Dass Prävention effektiver ist, Kosten spart und mehr Gesundheit schafft als Reparatur, belegen Forschung und historische Erfahrung. Trotzdem fällt es schwer, dieses Wissen in Handlung zu übersetzen. Es fehlt also nicht an Erkenntnis, sondern an Umsetzung.
Vier Hebel für die Etablierung
Was es dafür braucht, kann in vier Punkten skizziert werden. Erstens dauerhafte Stellenprofile statt projektförmiger Stellen, angebunden an Gesundheitszentren, Kliniken oder Kommunen. Nur so lassen sich Masterstudierende für eine APN- oder CHN-Qualifikation begeistern. Zweitens die Rückbindung an Forschung, insbesondere Versorgungsforschung. Drittens eine eigenständige disziplinäre Entwicklung mit gemeinsamen Methoden, Forschungsgegenständen und Förderung für junge Wissenschaftler:innen. Viertens Präventionszentren, die je nach Standort von Medizin, Psychologie, CHN, APN oder anderen Gesundheitsfachberufen geprägt sein können.
Der Wissenschaftsrat empfiehlt, diese Entwicklung kooperativ mit der Medizin zu gestalten. Nicht, um die Pflege zu vereinnahmen, sondern um von gemeinsamen Methoden und der Größe der Medizin zu profitieren. Grabenkämpfe zwischen den Professionen sieht Wick vor allem als Produkt von Lobbyverbänden. In der jüngeren Generation – gemeint ist das geistige, nicht das biologische Alter – beobachtet er große Offenheit und deutlich weniger Abgrenzung.
Die Spinne im Netz: Community Health Nursing in Luckau
Wie die Rolle konkret aussieht, zeigt Tahnee Leyh. Die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Bachelor arbeitet als APN mit Schwerpunkt CHN für die ländliche Gemeinde Luckau im Süden Brandenburgs. Nach Jahren in Kliniken erkannte sie die Versorgungslücken nach der Entlassung, gerade bei Volkskrankheiten. Berufsbegleitend studierte sie den Master und suchte schon während des Studiums den Kontakt zur Kommune.
Fördergelder, ein offener Bürgermeister und engagierte Einwohnende machten es möglich: Über eine Sozialraumanalyse wurde erfragt, was die Menschen brauchen, um zu Hause gut versorgt zu sein. Leyh schrieb das Stellenkonzept und besetzte die Stelle nach ihrem Abschluss selbst. Ihr Alltag reicht heute von Hausbesuchen, Pflegekoordination und Präventionsprogrammen bis zu Konzeptarbeit und Leadership.
Jeder Einsatz beginnt mit Bestandsaufnahme und Anamnese: Was ist präventiv, edukativ oder kurativ nötig? Mit Patient:innen und deren Umfeld entsteht ein passender Maßnahmenplan. Leyh beschreibt sich als „Spinne im Netz": Sie bleibt kontinuierlich im Prozess, prüft, ob Maßnahmen wirken, unterstützt ärztliche Therapievorschläge im Alltag und ist niedrigschwellig erreichbar. Über die gesamte Lebensspanne bis hin zu Reha- und Palliativsituationen.
Aber Sozialraum und Klinik trennen?
„Auf gar keinen Fall trennen, weil Gesundheit einfach da passiert, wo Menschen leben, wo sie zur Schule gehen, wo sie in die Kita gehen, wo der Arbeitsplatz ist." – Tahnee Leyh
Wofür der Master, wenn es doch Pflegeprozess ist?
Die Basis ist tatsächlich der Pflegeprozess. Doch Leyh sieht darüber hinaus, wo Schnittstellen, Kommunikation und Aufklärung fehlen und wo Menschen gar nicht erst durchs System hätten rutschen müssen. Diese Beobachtungen trägt sie mit einem Public-Health-Ansatz auf die kommunale Ebene: Wenn zehn Menschen mit demselben Bedarf auftauchen, fehlt offenbar ein Versorgungsstrang. Dazu kommen klinische Einschätzung und Verantwortung dafür, dass eine Situation nicht eskaliert. Kompetenzen, die sie nach der dreijährigen Ausbildung allein nicht gehabt hätte.
Ein offenes Ende hat das Modell dennoch: Wissenschaftlich begleitet wird es bislang nicht, weil die Personalressourcen fehlen. Leyh lädt Hochschulen und Studierende ausdrücklich ein, in Luckau zu forschen.
Augenhöhe steht im Gesetz oder nirgends
Deutlich wurde Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Sie begrüßt, dass der Wissenschaftsrat das Thema aufgreift. Gerade jetzt, wo über Primärversorgung gestritten wird. Ihr Anliegen: Primärversorgungszentren statt einer reinen Primärarztversorgung. Im Hintergrund wirkten Lobbyinteressen großer Akteur:innen. Die oft gehörte Aussage aus der Politik, Pflege und Ärzteschaft arbeiteten längst auf Augenhöhe, weist sie zurück. Gemeint ist nicht das persönliche Miteinander, sondern die rechtliche Realität:
„Wir haben keine Augenhöhe im Gesundheitswesen. Wir haben eine Augenhöhe dann, wenn der Gesetzgeber uns Gesetze gibt, in denen wir mit unseren Kompetenzen unsere Handlungen ausführen können." – Christine Vogler
Ihr Beispiel: Wenn eine Community Health Nurse für ein Pflegebett zur Ärztin oder zum Arzt muss, um eine Unterschrift zu holen, ist das keine Augenhöhe.
Substitution statt Delegation
Bei Delegation übertragen Ärzt:innen Aufgaben an andere Berufe. Pflegefachpersonen wollen bestimmte Bereiche aber eigenständig übernehmen: Prävention, Gesundheitssorge, die Verordnung pflegerischer Hilfsmittel, grundlegende Gesundheitseinschätzung, Hitzeschutz, das Kontrollieren von Vitalwerten mit eigenen Schlussfolgerungen, Impfen. Was es braucht, ist Substitution, also die eigenständige Ausführung von Tätigkeiten, die ohnehin in der Kompetenz der Pflegeberufe liegen.
Der fiskalische Blick
Scharfe Kritik übt Vogler an einer rein fiskalisch getriebenen Gesetzgebung. Mit dem GKV-Stabilisierungsgesetz und weiteren Vorhaben würden Pflegebudgets gedeckelt und Personalbemessung ausgesetzt, ohne zu evaluieren, was in der Versorgung ankommt. Damit würden Fakten geschaffen, die Strukturreformen verhindern. Prävention braucht aber fünf bis zehn Jahre, länger als eine Legislatur, und teils andere Messgrößen. Ein auf der Tagung vorgestelltes Projekt habe etwa nur Krankenhauseinweisungen als Endpunkt betrachtet und nicht, ob Menschen seltener zur Arztpraxis mussten oder mit ihren Erkrankungen gesünder lebten.
Ihr Blick in 15 Jahre fällt zweigeteilt aus: Im besten Fall setzt sich akademisierte Pflege durch, wohl eher aus Not als aus Überzeugung. Im schlechtesten Fall kommt ein APN-Gesetz, das in der Delegation verharrt. Dann drohten Studiengänge und engagierte Fachpersonen verloren zu gehen.
Wo sind die Stellen?
Merle Hellmann und Rieke Borchert studieren im APN-Master der HAW Hamburg. Hellmann ist stellvertretende Stationsleitung in der Psychiatrie des Albertinen-Krankenhauses und will psychiatrische Pflege evidenzbasiert weiterentwickeln. Borchert kommt aus der Kinderkrankenpflege und der Wochenbettversorgung. Ihre Kohorte umfasst rund 28 Studierende. Von frischen Bachelorabsolvent:innen bis zu Kolleg:innen mit 20 Jahren Berufserfahrung, viele aus der Intensivpflege.
Dass der Master zunächst breit angelegt ist und erst später eine Spezialisierung, etwa in Richtung CHN, ermöglicht, finden beide sinnvoll. Unklar bleibt jedoch, wo es danach hingeht: In Hellmanns Klinik entstehen erste APN-Stellen, eine klare Rollenbeschreibung fehlt aber noch. Im europäischen Vergleich stecke APN in Deutschland in den Kinderschuhen. Ihre Wünsche: mehr Gehör und Mitsprache auf politischer Ebene, Kommunikation auf Augenhöhe und die Einbeziehung der Patient:innen-Perspektive.
Andocken – aber wo?
Dr. Ute Teichert, Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen und zuletzt Abteilungsleiterin im Bundesgesundheitsministerium, leitete ein World Café zur interprofessionellen Zusammenarbeit. Diskutiert wurden konkrete Orte für CHN: Gesundheitsämter, allgemeinmedizinische Praxen, Primärversorgungszentren, MVZ, sozialpsychiatrische Dienste. Strittig blieb, ob CHN eher kommunal verankert oder an bestehende Strukturen angedockt werden sollte, um die Finanzierung zu sichern. Ein Tarifgefüge für Community Health Nurses gibt es bislang ebenfalls nicht.
Zwischen CHN und dem öffentlichen Gesundheitsdienst existieren kaum Berührungspunkte. Teichert verweist auf sechs neu geschaffene Professuren für öffentliches Gesundheitswesen in Deutschland. Ihr Appell: nicht warten, sondern sich in Gesetzgebungsprozesse einbringen, etwa in Anhörungen zum Primärversorgungsgesetz, zur Notfallreform oder zu einem möglichen Präventionsgesetz.
Landespolitik zwischen Wille und Haushaltsjahr
Jasper Balke, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein und Medizinstudent, sieht CHN als Instrument, um Gesundheit stärker in den Alltag zu bringen: durch gesundheitsförderliche Quartiere, den Abbau gesundheitsschädlicher Anreize und eine wissenschaftliche Bedarfsanalyse vor Ort. In Nordfriesland gehe es um ältere, oft einsame Menschen mit Pflegebedarf, in Hamburg um ganz andere Lagen. Gesetze müssten diese Flexibilität ermöglichen.
Das Land arbeitet an einer ressortübergreifenden Landespräventionsstrategie, an einem Gesundheitsversorgungsrat im Landeskrankenhausgesetz und mit den Kommunen an einer konkreteren Pflegebedarfsplanung. Das Strukturproblem: Wenn das Land Stellen vorschreibt, muss es sie wegen starker Konnexitätsregeln auch bezahlen und das bei seit Jahren sinkenden Haushalten. Balke plädiert daher für eine bundesweite Refinanzierung über die Krankenversicherung und wünscht sich, dass Politik nicht länger in Haushaltsjahren denkt. Prävention refinanziere sich, aber erst über lange Zeiträume.
Linus Görg, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg und Pflegefachmann, zeigt, dass CHN keineswegs nur ein Thema ländlicher Regionen ist. Hamburg fördert über eine Förderrichtlinie sechs lokale Gesundheitszentren, in denen auch Community Health Nurses arbeiten – mit deutlich über einer Million Euro jährlich, evaluiert durch die Robert-Bosch-Stiftung. Sie erreichen Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status oder Sprachbarrieren. Görg sieht etwa Potenzial bei Kindern, die U-Untersuchungen verpassen. Doch ohne bundesgesetzlichen Rahmen bleibt den Ländern nur die Projektförderung.
5,7 Millionen Gründe, nicht länger zu zögern
Prof. Dr. Uta Gaidys von der HAW Hamburg, die durch den Tag führte, zieht ein gemischtes Fazit: geballte Kompetenz, Praxisberichte, Forschungsergebnisse, aber keine Antwort darauf, wie die nächsten Umsetzungsschritte mit Politik und Sozialversicherungsträgern aussehen. Die Politik wisse um den Bedarf, setze aber andere Prioritäten. Es brauche einen Kulturwandel weg von der Reparatur.
Bestätigt sieht sie sich darin, dass die Community Health Nurse Sozialraumorientierung und klinische Kompetenz zusammenführt. Eine Verbindung, die keine andere Berufsgruppe in dieser Form leistet. Der Studiengang verzeichnet Zulauf, weil Absolvent:innen in der Praxis sichtbar etwas verändern und so zu Rollenmodellen werden. Angesichts von 5,7 Millionen Pflegebedürftigen (6,8 Prozent der Bevölkerung), fragt sie:
„Ich weiß gar nicht, wie wir Versorgung organisieren wollen, wenn wir keine Community Health Nurses hätten." – Prof. Dr. Uta Gaidys
Ihre Wünsche sind konkret: ein Gesetz, das Kompetenzen und Verantwortungsbereiche statt Einzeltätigkeiten benennt, eine sozialrechtliche Rahmung, die CHN-Leistungen abrechenbar macht, und eine Versorgungsstruktur mit Finanzierung über Kommunen oder Sozialversicherungsträger.
Was bleibt und was du daraus machen kannst
Die Tagung zeigte: Möglichkeiten und Wille sind da, Modelle funktionieren bereits, von Luckau bis Hamburg. Was fehlt, sind gesetzliche Grundlagen, dauerhafte Finanzierung und echte Handlungsautonomie für Pflegefachpersonen. Für deinen Arbeitsalltag bedeutet das: Die Rolle der Community Health Nurse entsteht nicht von allein. Bring dich in Anhörungen und Fachdebatten ein, vernetze dich mit Kommunen, Hochschulen und Gesundheitsämtern und zeig, was Pflege eigenständig leisten kann. Wenn du an einer Hochschule forschst: In Luckau wartet ein Praxisfeld auf wissenschaftliche Begleitung.
Zum Weiterhören
- ÜG194 – Berufsbild Community Health Nursing (Prof. Dr. Uta Gaidys)
- ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation
- ÜG023 – DVG & Community Health Nursing (Prof. Dr. W. Schnepp & J. Sauskat)
Neues One-Minute-Wonder
Magda hat Teil drei der Frailty-Reihe gemacht: Diesmal geht es darum, welche Risikofaktoren sich beeinflussen lassen und welche Möglichkeiten es zur Prävention gibt. Viel Spaß beim Aufhängen und Lernen 😉



