- Digitalisierung kam in Ausbildung und Studium der Pflege lange kaum vor.
- Systeme wie EPA können Pflegeplanung beschleunigen und Zeit am Bett schaffen.
- Deutschland landete in einer Digitalisierungsstudie nur auf Platz 17 von 18.
- Datenschutz ist wichtig, darf Innovation aber nicht ausbremsen.
- Patient:innen sollten aktiver ins Behandlungsgeschehen eingebunden werden.
Wie kann Technik die Pflege wirklich unterstützen – ohne dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt? Genau darum dreht sich diese besondere Episode: eine Gemeinschaftsfolge mit dem eHealth-Podcast, in der Pflege und IT aufeinandertreffen. Mit dabei sind Franzi, Gesundheits- und Krankenpflegerin und Studentin der Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke, Alex, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld mit Schwerpunkt Digital Health, sowie Christian vom eHealth-Podcast, der seit zwei Jahrzehnten Software für Krankenhäuser entwickelt. Gemeinsam nehmen sie den stationären Bereich unter die Lupe – und zeigen, wo Digitalisierung in der Pflege heute steht, wo sie hinwill und was sie konkret leisten könnte.
Eine Leerstelle im Lehrplan
Wenn man Pflegende fragt, was sie in Ausbildung oder Studium über IT-Unterstützung gelernt haben, fällt die Antwort oft ernüchternd aus. Weder im Studium noch in der Ausbildung oder während der Zeit im ambulanten Dienst kam das Thema strukturiert vor. Erst spät, im Masterstudium, etwa beim Thema Robotik, wurde Digitalisierung für viele überhaupt greifbar. Das deckt sich mit der Erfahrung, dass es kaum Schnittpunkte gab, an denen Technisierung oder der Einsatz von Hilfsmitteln – die noch nicht einmal digital sein müssen – ein Thema waren.
Dabei ist die Sache zu wichtig, um sie auszuklammern. Studien zeigen, dass Implementierungsprozesse von IT-Systemen häufig daran scheitern, dass die Anwendungen in der Praxis nicht genutzt werden. Wer dagegen von Anfang an lernt, mit solchen Systemen umzugehen, baut Berührungsängste ab und entwickelt Neugier. Auch ein systematischer Blick auf die internationale Forschung zeigt immer wieder, welche Faktoren die Nutzung von Telehealth-Anwendungen fördern oder bremsen – und wie entscheidend die frühe Sozialisation dabei ist.
„Ich glaube, die Hemmschwelle ist bei unserer Generation einfach niedriger – wer von Anfang an lernt, mit solchen Dingen umzugehen, hat später auch weniger Scheu." — Franzi
Die spannende Frage lautet: Braucht es dafür ein eigenes Modul „Digitalisierung"? Die Runde ist sich weitgehend einig, dass das nicht zwingend nötig ist. Sinnvoller erscheint es, digitale Kompetenzen als Querschnittsthema überall einzubinden – etwa bei den Aktivitäten des täglichen Lebens, die sich auch über IT-Lösungen erfassen lassen. Gerade die wachsende Zahl an Skills Labs in der praktischen Ausbildung bietet dafür gute Anknüpfungspunkte. Hilfreich wären außerdem klarere gesetzliche Vorgaben, damit digitale Anwendungen verbindlich Einzug in die Ausbildung halten. Wer tiefer einsteigen will, findet in den Handlungsempfehlungen zu digitalen Kompetenzen in Pflegeberufen konkrete Orientierung.
Was Pflegende heute schon kennen
Auch wenn die Ausbildung lückenhaft ist – ganz ohne Technik läuft der Klinikalltag natürlich nicht. Die bereits genutzten Anwendungen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Da ist zum einen die Kommunikation: der bessere Austausch zwischen allen Beteiligten eines Pflegearrangements, etwa zwischen Pflegefachpersonen und ärztlichem Personal. In der ambulanten Pflege kommen elektronische Plattformen hinzu, auf denen sich Vitalparameter eintragen und von anderen einsehen lassen, dazu ortsunabhängige Messungen und Notrufsysteme für pflegebedürftige Menschen.
Die zweite Kategorie ist die Dokumentation. Hier fällt schnell das Stichwort EPA – das ergebnisorientierte Pflegeassessment, das den Pflegebedarf und den Zustand der Patient:innen abbildet. Beeinträchtigungen und Fähigkeiten werden in Punktwerten erfasst, und es gibt unterschiedliche Versionen für die Akutpflege, die Pädiatrie und die Langzeitversorgung. Dazu kommt die Leistungserfassung in der Pflege, mit der Interventionen abgebildet und mehrfach verwertet werden können – so lassen sich beispielsweise Doppeldokumentationen vermeiden.
Im Klinikalltag begegnen Pflegenden außerdem die elektronische Pflegedokumentation, die Telemetrieüberwachung von monitorpflichtigen Patient:innen sowie die digitale Steuerung von Perfusoren und Infusomaten. Doch insgesamt bleibt der Befund: In der Pflege gibt es bislang nur wenige Bereiche, in denen Digitalisierung wirklich angekommen ist. Bezeichnend ist der Vergleich mit dem Privatleben – dort nutzen die meisten Menschen deutlich mehr Apps und digitale Anwendungen als im Beruf. Denn Pflege ist eine Tätigkeit am Menschen, und die unmittelbare Versorgung überwiegt noch klar.
Vom Self-Check-in bis zur intelligenten Klingel
Um die verbreitete Angst zu nehmen, Digitalisierung bedeute automatisch weniger Nähe zum Patienten, lohnt ein gedanklicher Durchlauf durch den Krankenhausaufenthalt. Ein Beispiel ist der Patienten-Self-Check-in: Beim Fliegen ist es selbstverständlich, sich vorab einzuchecken und Daten einzugeben – im Krankenhaus passiert das kaum. Stattdessen werden Anamnese, Medikamentenliste und Familiengeschichte erst vor Ort erhoben, oft in einer Stresssituation. Warum sollten Patient:innen, die das möchten und können, diese Angaben nicht in Ruhe zu Hause machen – mit den Medikamenten griffbereit, mit der Möglichkeit nachzufragen? Pflegefachperson und Ärzt:innen müssten die Daten dann nur noch durchgehen und evaluieren. Bei geplanten Fällen könnte das einen erheblichen Teil der Patient:innen entlasten.
Ein zweites Beispiel ist die Pflegeplanung. In der Theorie folgt sie einem klaren Prozess: informieren, Pflegediagnosen und -ziele definieren, Maßnahmen planen, durchführen, evaluieren. In der Praxis berichten viele, dass dafür schlicht die Zeit fehlt und der Prozess eher intuitiv und implizit abläuft. Genau hier setzt das EPA an: Aus einem Assessment leitet eine Wissensbank im Hintergrund passende Pflegediagnosen und Maßnahmen ab und schlägt sie direkt vor. So entsteht in kurzer Zeit ein Pflegeplan, der sich individuell anpassen lässt – ein echter Gewinn in Zeiten des Fachkräftemangels, zumal die zugrunde liegenden Algorithmen von Pflegewissenschaftler:innen regelmäßig überprüft und aktualisiert werden.
„So stelle ich mir vor, dass ein System unterstützt: dass man die Sachen schneller macht und dann hoffentlich mehr Zeit tatsächlich beim Patienten hat." — Christian
Besonders anschaulich wird das Potenzial bei der intelligenten Klingel eines Startups, die auf einer IT-Messe für das Gesundheitswesen vorgestellt wurde. Statt eines stummen Klingeltons übermittelt der Patient gleich die Information, was er braucht. Wer nur ein Glas Wasser möchte, löst keinen unnötigen Weg einer examinierten Pflegefachperson aus – die Aufgabe kann an eine Hilfskraft gehen, die schon weiß, was zu tun ist. Gleichzeitig lässt sich priorisieren, wenn mehrere Menschen gleichzeitig klingeln: Welcher Ruf ist dringender, wo reicht eine Hilfskraft? So gewinnen die Fachpersonen Zeit für die Aufgaben, die wirklich ihre Qualifikation erfordern.
Aus den abgeleiteten Maßnahmen kann zudem eine elektronische To-do-Liste auf einem mobilen Gerät entstehen, die nichts vergessen lässt und sich mit einem Nachschlagewerk verknüpfen lässt – wer einen selten ausgeführten Handgriff nicht parat hat, ruft passende Literatur direkt auf. Und mit Blick auf Pflegende aus anderen Ländern ließe sich diese Liste sogar mehrsprachig darstellen, was die Qualität zusätzlich steigern würde.
Patient:innen aktiv einbinden
Bislang stand die Perspektive der Pflegenden im Mittelpunkt. Doch auch die Patient:innen profitieren – wenn man sie ähnlich wie in anderen Branchen aktiver einbindet. Während eines stationären Aufenthalts gibt es viele Wartezeiten, die sich nutzen lassen: Warum sollte ein Patient sein Schmerztagebuch nicht selbst in einer Krankenhaus-App führen, viel präziser als beim mündlichen Abfragen? Eine solche App könnte an die Medikamenteneinnahme erinnern und die Bestätigung erfassen, das Frühstück zur Auswahl anzeigen oder Bestellungen beim Kiosk ermöglichen.
Ein weiterer Punkt ist die Orientierung im Behandlungsgeschehen. Oft wissen Patient:innen gar nicht, wann mit ihnen was passiert, obwohl die Termine längst im System stehen. Wenn Aufträge an Radiologie oder Physiotherapie ohnehin elektronisch herausgehen, könnte ein digitaler Terminkalender auf dem Handy anzeigen, wann es wohin geht – samt Wegbeschreibung. Termine würden verlässlicher, die Zufriedenheit steigt. An solchen Beispielen wird sichtbar, wie eng sich IT-Infrastruktur mit Qualitätsmanagement verknüpfen lässt und welche Potenziale darin stecken.
Datenschutz: Schutzschild, nicht Bremsklotz
Beim Thema Daten ist die Sorge in Deutschland groß – und das hat auch geschichtliche Gründe. Die DSGVO setzt strikte Grenzen, was grundsätzlich gut ist. Schlecht gebaute oder falsch eingestellte IT-Systeme können große Datenmengen ungewollt freigeben. Ein gut konstruiertes und richtig parametriertes System dagegen kann datenschutztechnisch sogar deutlich überlegen sein als eine Papierakte, die auf dem Flur steht und für viele zugänglich ist.
Für die Ausbildung reicht es, die Grundbegriffe zu vermitteln: Datensparsamkeit, also dass man Daten nicht ohne konkreten Grund aufzeichnet, und die Regel, dass im Krankenhaus nur Beteiligte mit validem Grund Einsicht haben. Plastische Beispiele – etwa prominente Patient:innen oder Mitarbeitende, die im eigenen Haus behandelt werden – schärfen das Gefühl dafür. Wichtig ist aber die Balance: Datenschutz darf nicht dazu führen, dass Innovation ausgebremst wird oder die Behandlungsqualität leidet, weil eigentlich vorhandene Daten nicht auffindbar sind.
„Datenschutz ist total wichtig – darf aber auch nicht dazu führen, dass man an Innovationen nicht mehr teilnimmt." — Christian
Deutschland im internationalen Rückspiegel
Im internationalen Vergleich fällt das Urteil deutlich aus: Beim Thema eHealth liegt Deutschland dramatisch zurück. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung untersuchte 18 Länder zum Stand der Digitalisierung – Deutschland landete zum damaligen Zeitpunkt auf Platz 17. Dass die Bundesrepublik bei der digitalen Gesundheit hinterherhinkt, hat viele Ursachen: ein kompliziertes System mit Selbstverwaltung und harten Sektorengrenzen, lange Zeit fehlende Infrastruktur wie flächendeckendes WLAN und teure Hardware.
Besonders ernüchternd sind die Investitionszahlen. Während die Industrie rund zwölf Prozent ihres Umsatzes in IT steckt, geben deutsche Krankenhäuser im Schnitt nur ein bis zwei Prozent aus – wie eine Auswertung zur fehlenden Finanzierung der Krankenhaus-Infrastruktur zeigt. Und in diesen ein bis zwei Prozent stecken oft schon neue Monitore, Office-Pakete oder Betriebssystem-Updates – für Software, die tatsächlich Mehrwert bringt, bleibt häufig nichts übrig.
Andere Länder zeigen, dass es anders geht. In den USA können Kostenträger stärker steuern, sodass Krankenhäuser und niedergelassene Ärzt:innen mit Systemen arbeiten, die Daten austauschen – und mit der Gesundheitsreform unter Obama floss viel Geld in die Digitalisierung. In Israel sind die Akteure eng vernetzt, damit im Ernstfall sofort alle Daten zur Verfügung stehen. In der Schweiz arbeiten Pflegefachpersonen schon länger selbstverständlich mit IT – allerdings auch mit einem anderen Personalschlüssel und damit mehr Zeit. Wer tiefer in die Hintergründe einsteigen will, findet im eHealth-Podcast eine eigene Folge zu Smart Health Systems.
Mensch und Technik gehören zusammen
Am Ende bleibt ein klares Bild: IT in der Pflege ist kein Entweder-oder zwischen Maschine und Zuwendung. Richtig eingesetzt, übernimmt sie Routinen, beschleunigt Dokumentation und Planung und schafft genau das, was im Alltag am meisten fehlt – Zeit für die Menschen. Damit das gelingt, braucht es eine Ausbildung, die digitale Kompetenzen als Querschnittsthema verankert, eine Finanzierung, die diesen Namen verdient, und einen Datenschutz, der schützt, ohne zu lähmen. Telemedizin und viele weitere Felder blieben in dieser Folge bewusst offen – Stoff genug für ein Wiederhören.
Zum Weiterhören
- ÜG096 – Digitalisierung in der Pflege (Stephanie Raudies & Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler)
- ÜG016 – Demenz und Technologien (Dr. Jan Ehlers & Sven Kernebeck)
- ÜG001 – Digitalisierung, Update Pflegekammer, Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), Personaluntergrenzen
Shownotes
- eHealth-Podcast
- Bertelsmann Studie - Der digitale Patient - Smart Health Systems - Die Studie / Der Podcast dazu
- IT-Investitionen in deutschen Krankenhäusern (Ärzteblatt)
- ePA (epaCC)
- Smarte Klingel (Cliniserve)
- Digitale Gesundheit: Deutschland hinkt hinterher (Bertelsmann-Stiftung)
- Telematische Anwendungen in der ambulanten Pflege: Die Perspektive von Pflegekräften. (Hogrefe / Pflege)
- eHealth in Deutschland. Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen. (Springer)
- Handlungsempfehlungen für die Entwicklung und den Erwerb digitaler Kompetenzen in Pflegeberufen. (Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) (2017))
- Nursing professionals' experiences of the facilitators and barriers to the use of telehealth applications: a systematic review of qualitative studies. (PubMed)
