- Schwere Covid-Verläufe können bleibende Schäden an Lunge, Gehirn und Psyche hinterlassen.
- Der Pandemieplan von 2012 wurde nie umgesetzt – Zuständigkeiten waren ungeklärt.
- Lauterbach lehnt eine kontrollierte Durchseuchung als zu tödlich ab.
- Die Pflege braucht einen Sondertarif – nicht erst nach der Pandemie.
- Professionalisierung und erweiterte Kompetenzen machen den Beruf attraktiver.
Mitten in der ersten Welle der Corona-Pandemie haben wir mit Prof. Dr. Karl Lauterbach gesprochen – Mediziner, Epidemiologe und damals SPD-Bundestagsabgeordneter. Das Gespräch entstand im April 2020, also zu einem Zeitpunkt, an dem viele Fragen noch unbeantwortet waren. Genau deshalb lohnt sich der Rückblick: Lauterbach ordnet ein, was wir über die Folgen einer Covid-19-Erkrankung wissen, warum ein längst bekannter Pandemieplan in der Schublade verstaubte und weshalb die Pflege endlich mehr verdient als Applaus vom Balkon.
Wenn die Genesung erst der Anfang ist
Eine der hartnäckigsten Vorstellungen lautet: Wer Covid-19 überlebt, springt anschließend wieder fit aus dem Krankenhausbett. Lauterbach räumt damit auf. Zwar fehlten zum Zeitpunkt der Aufnahme noch belastbare Langzeitverläufe, doch aus dem klinischen Wissen und aus früheren Erkrankungen lässt sich einiges ableiten. Bei schweren Verläufen kommt es häufig zu großflächigen Lungenentzündungen, die im Computertomogramm eindrucksvoll sichtbar werden. Studien aus Hongkong zeigten damals, dass sich die Vernarbungen im Lungengewebe selbst nach vier Wochen nicht vollständig zurückbildeten. Es droht also eine dauerhafte Einschränkung der Lungenfunktion – eine fibrotische Reaktion, wie man sie auch von anderen schweren Entzündungen kennt.
Hinzu kommt ein zweites Risiko: die Beatmung selbst. Gerade ältere Menschen behalten nach langer Beatmungsdauer oft bleibende Schäden zurück – besonders dann, wenn vorher die Sauerstoffwerte niedrig waren. Das Gehirn ist dabei besonders empfindlich. Verlust von Denk- und Konzentrationsfähigkeit, mitunter sogar eine beschleunigte Demenzentwicklung, gehören zu den möglichen Spätfolgen. Und schließlich verweist Lauterbach auf das Post-SARS-Syndrom, das nach der SARS-Epidemie von 2003 beschrieben wurde: chronische Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Schmerzzustände im ganzen Körper und ausgeprägte Schlafstörungen – und das auch bei jüngeren Betroffenen.
„Das Bild, das viele haben – entweder der Patient wird beatmet und verstirbt, oder er überlebt und alles verläuft harmlos – das stimmt nicht. Wir können längerfristige Schäden nicht ausschließen." — Prof. Dr. Karl Lauterbach
Diese Einschätzung wirkt aus heutiger Sicht geradezu prophetisch. Wie sehr das Thema die Pflege langfristig beschäftigen würde, zeigt unsere spätere Folge zu Post-COVID und ME/CFS, in der die Spätfolgen einer Infektion noch einmal vertieft beleuchtet werden.
Der Engpass nach der Intensivstation
Wenn so viele Menschen mit bleibenden Schäden rechnen müssen, stellt sich die Frage: Ist Deutschland auf die Weiterversorgung überhaupt vorbereitet? Lauterbach betont, dass das deutsche Gesundheitssystem im europäischen Vergleich gut dasteht – mit der höchsten Bettendichte der Industrienationen, vielen Intensivplätzen und mehr Rehabilitationsbetten als jedes andere europäische Land. Doch genau hier lauert ein Flaschenhals: das Weaning, also die Entwöhnung vom Beatmungsgerät. Das ist nicht nur für die Betroffenen eine quälende Phase, sondern erfordert vor allem spezialisierte Pflegefachpersonen. Und fast jede lange Beatmung zieht anschließend eine Rehabilitation nach sich.
Rechnerisch macht Lauterbach das Ausmaß deutlich: Würden sich rund zwölf Prozent der Bevölkerung infizieren – etwa zehn Millionen Menschen –, kämen über den gesamten Verlauf hinweg geschätzt 250.000 bis 300.000 Intensivpatient:innen zusammen. Ein großer Teil von ihnen bräuchte danach eine Reha. Ob die Kapazitäten dafür ausreichen, bezweifelte er offen. Sein Plädoyer war deshalb eindeutig: Nicht so viele Infektionen zulassen, wie die Beatmungsplätze hergeben, sondern durch konsequente Public-Health-Maßnahmen möglichst viele Ansteckungen von vornherein verhindern.
Ein Plan, den niemand umsetzte
Besonders aufschlussreich ist der Blick zurück auf den Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz aus dem Jahr 2012. Darin wurde das Szenario einer aus Asien eingeschleppten Pandemie durchgespielt – mit erstaunlicher Ähnlichkeit zur realen Lage. Der Bericht hielt schon damals fest, dass personelle und materielle Kapazitäten nicht ausreichen würden, von Krankenhausbetten über Personal bis zu Arzneimitteln und Medizinprodukten. Wie konnte es trotzdem so weit kommen?
Lauterbachs Antwort ist ernüchternd: Der Bericht wurde zur Kenntnis genommen, aber die Zuständigkeiten waren nie geklärt. Niemand wusste, wer für die Lagerung von Schutzmaterial verantwortlich sein sollte – die Länder, die Kassenärztlichen Vereinigungen, die Krankenhäuser, der Bund oder die Bundeswehr. Es wurden keine Masken eingelagert, keine produziert, und auch die Möglichkeit einer Eigenproduktion im Notfall wurde nicht aufgebaut.
„Es war nie spezifiziert. Man hätte sich einigen müssen, wer wofür zuständig ist. So war am Ende niemand für irgendetwas zuständig." — Prof. Dr. Karl Lauterbach
Dass der Mangel an Schutzausrüstung in der Krise dann zum echten Problem wurde, zeigte sich rasch in den Einrichtungen – ein Thema, das damals breit diskutiert wurde, etwa im Zusammenhang mit dem dramatischen Mangel an Schutzausrüstung. Wichtig ist Lauterbach dabei die Einordnung: Es ging nicht um einen geheimen Plan, sondern um eine reguläre Vorsorgeübung, deren Konsequenzen schlicht nie gezogen wurden. Wer die Hintergründe genauer nachlesen möchte, findet bei einem Faktencheck zum angeblichen „Geheimplan" der Regierung eine nüchterne Einordnung.
Warum Durchseuchung keine Strategie ist
Im Frühjahr 2020 kursierte häufig die Idee, man solle die Bevölkerung doch langsam und kontrolliert durchinfizieren, bis eine Herdenimmunität erreicht sei. Lauterbach hielt das für einen gefährlichen Irrweg. Selbst wenn man über anderthalb Jahre hinweg nur 20 Prozent der Bevölkerung kontrolliert infizieren würde – bei optimal funktionierendem Gesundheitssystem und einer Sterblichkeit unter dem damaligen Niveau – stünden am Ende rund 200.000 Tote. Dazu kämen vielleicht weitere 800.000 Menschen mit bleibenden Schäden. Eine Million Betroffene insgesamt, und das bei nur einem Fünftel Durchseuchung.
Sein Gegenmodell hieß strenge Suppression – allerdings nur unter drei Bedingungen, die sich aus der damaligen Studienlage ableiten ließen. Erstens brauche es qualitativ hochwertige Masken vom OP-Typ für die breite Bevölkerung, denn eine gewöhnliche OP-Maske schütze etwa vier- bis fünfmal besser als selbstgenähte Modelle. Zweitens sei eine extrem schnelle Kontaktverfolgung nötig, am ehesten über eine anonyme Bluetooth-App, die enge Kontakte sofort informiert – ohne Rückschluss auf einzelne Personen und ohne staatlichen Zugriff. Andernfalls laufe man den Infektionsketten immer hinterher, statt der Welle voraus zu sein. Drittens brauche es deutlich ausgeweitete Testkapazitäten. Werden Lockerungen verfrüht beschlossen, drohe ein Rückfall – und damit eine erneute Vollbremsung, die Bevölkerung und Wirtschaft gleichermaßen zermürbt.
Wer schützt die, die schützen?
Ein zentrales Anliegen war Lauterbach der Schutz der Pflegefachpersonen. Schutzkleidung, Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel müssten jederzeit in ausreichender Menge verfügbar sein – und zuerst dort ankommen, wo direkt am Bett gearbeitet wird. Da der internationale Markt zusammenbreche, weil Länder wie die USA alles aufkauften, führe kein Weg an einer raschen Eigenproduktion vorbei. Zugleich regte er an, Personal aus Kliniken mit Kurzarbeit gezielt in besonders belastete Einrichtungen zu verlagern – selbstverständlich gegen angemessene Vergütung.
Und damit war Lauterbach bei seinem wichtigsten Punkt. Er hielt es für falsch, die Pflege abends zu beklatschen, über kleine steuerfreie Einmalzuschläge zu diskutieren und echte Lohnerhöhungen auf die Zeit nach der Pandemie zu vertagen. Niemand könne darauf zwei Jahre warten.
„Wir sollten nicht mit einem einmaligen Zuschlag arbeiten, sondern die Löhne mit einem Sondertarif Pflege um ein paar hundert Euro dauerhaft erhöhen. Die Pflege ist unterbezahlt – und sie muss an anderen Berufen vorbeiziehen können." — Prof. Dr. Karl Lauterbach
Bemerkenswert ist sein Hinweis auf die Fallpauschalen: Aus deren Perspektive sei Pflege immer nur ein Kostenfaktor gewesen, was zur Ausdünnung beigetragen habe. Auf seine eigene Initiative hin wurde im Koalitionsvertrag 2017 beschlossen, die Pflege aus den Fallpauschalen herauszulösen und wieder ein System der Kostenerstattung einzuführen. Dass die erhofften Lohnsteigerungen trotzdem ausblieben, war für ihn ein Beleg, dass das übliche Tarifgeschehen nicht ausreicht. Wer tiefer in die Logik der Krankenhausfinanzierung und der Personalbemessung einsteigen will, findet in unserer Folge zur Personalbemessung und Patient-to-Nurse Ratio mit Prof. Dr. Michael Simon weiterführende Argumente.
Keine Diskussion mehr – sondern eine Entscheidung
Braucht es eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was uns die Pflege wert ist? Lauterbach winkte ab. Die Wertschätzung sei längst da, die meisten Menschen wunderten sich eher, warum höhere Löhne immer wieder versprochen, aber nie umgesetzt würden. Dass ein etwas höherer Beitragssatz oder ein größerer Steuerzuschuss nötig würden, sei eben hinzunehmen – schließlich werde auch bei teuren Krebsmedikamenten mit minimalem Nutzen nicht erst eine Grundsatzdebatte geführt. Statt einer weiteren Diskussion brauche es einen Gipfel zwischen Tarifpartnern und Politik, um das Tarifgefüge gezielt zu verschieben. Diese Forderung müsse allerdings auch aus der Basis und von den Berufsverbänden getragen werden – die Politik allein könne sie nicht durchsetzen.
Mehr als Gehalt: Der Beruf muss wachsen dürfen
Auf die Frage, ob neben der Bezahlung nicht auch die Professionalisierung des Berufes vorankommen müsse, antwortete Lauterbach klar zustimmend. An einem Gesetz, das Zuständigkeiten im Gesundheitswesen neu regelt, werde bereits gearbeitet – mit einer deutlichen Aufwertung der Aufgaben in der Pflege. Er verwies auf die USA, wo Pflegefachpersonen teils Tätigkeiten übernehmen, die in Deutschland Hausärzt:innen vorbehalten sind. Viele internationale Pflegefachpersonen blieben gerade deshalb nicht lange im Beruf, weil ihnen die Tätigkeiten hierzulande zu stark auf einen Service- und Dienstleistungscharakter reduziert seien. Seine Sorge: dass erweiterte Kompetenzen erneut an ärztlichen Blockaden scheitern könnten.
Was bleibt – fünf Lehren aus der Krise
Zum Abschluss zog Lauterbach Bilanz. Erstens sei der Wert der Pflege so deutlich geworden wie selten zuvor – ohne sie sei selbst das routinemäßige Funktionieren des Staates gefährdet. Daraus müssten Konsequenzen für die Struktur folgen: nicht nur leichte Tarifanpassungen, sondern eine echte Veränderung der Tarifstruktur und dessen, was Pflege darf. Zweitens müsse Deutschland besser auf künftige Pandemien vorbereitet sein, denn vier Faktoren ließen ihre Häufigkeit steigen: Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Globalisierung und Klimawandel. Und drittens müsse der Beruf durch ein ganzes Bündel an Maßnahmen attraktiver werden – inklusive einer Wertschätzung, die bleibt und nicht erst nach der Pandemie zum Ausdruck kommt.
Das Gespräch mit Karl Lauterbach verbindet die medizinische Perspektive eines Epidemiologen mit konkreter Pflegepolitik – ein Blickwinkel, der gerade im Frühjahr 2020 hilfreich war, um die Lage einzuordnen. Wer die epidemiologische Seite der Pandemie noch tiefer verstehen möchte, findet international fundierte Informationen bei den Covid-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation.
Zum Weiterhören
- ÜG053 – Das Corona-Virus im Kontext der Pflege (Prof. Dr. Christian Drosten)
- ÜG035 – CORONA SPEZIAL #3: Chancen und Risiken für Pflege in der Corona-Krise (Prof. Dr. C. Bienstein)
- ÜG161 – Post-COVID & ME/CFS (Jeremy Schmidt)
Weiterführende Links & Shownotes
Risikobericht der Bundesregierung
- Epidemiologisches Bulletin (rki.de)
- Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden (13. April 2020) (Leopoldina.org)
- Versäumte Pandemie-Vorsorge (zdf.de)
- Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012 (bundestag.de)
- Die Corona-Prophezeiung der deutschen Regierung (derstandard.de)
- Coronavirus: Um was es bei dem angeblichen „Geheimplan der Regierung“ 2012 wirklich ging (corectiv.org)
- Risikoanalyse zu fiktivem Virus passt nicht zu Corona (br.de)
Einrichtungsspezifische Strategien und Maßnahmen
- Informationen für Pflegefachpersonen zur CoViD-Pandemie (dbfk.de)
- Online-Schulung zum Coronavirus (Campus.bibliomed.de)
- Hinweise zu Prävention und Management von COVID-19-Erkrankungen in der stationären und ambulanten Altenpflege (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI für das Management von Kontaktpersonen bei respiratorischen Erkrankungen durch das Coronavirus SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
- Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2 (www.rki.de)
- Umgang mit Personal der kritischen Infrastruktur in Situationen mit relevantem Personalmangel im Rahmen der COVID-19-Pandemie (www.rki.de)
- Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter Personal von Alten- und Pflegeeinrichtungen in Situationen mit Personalmangel (www.rki.de)
Schutzausrüstung
- Schutzausrüstung wird dringend benötigt - Besonders die stationäre und ambulante Pflege brauchen jetzt Material! (www.dbfk.de)
- Schutzausrüstung in der Langzeitpflege dringend gesucht – Länder und Kassen sind in der Pflicht (www.dbfk.de)
- Dramatischer Mangel an Schutzausrüstung (www.bibliomed-pflege.de)
Fallzahlen und Pandemieplan
- COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit (www.rki.de)
- Falldefinition Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) (SARS-CoV-2), Stand: 24.3.2020 (www.rki.de)
- Interaktive Übersichtskarte (Morgenpost.de)
- COVID-19-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (www.who.int)
- COVID-19-Seite der John Hopkins University (www.coronavirus.jhu.edu)
- Pandemieplan 2016/2017 (www.rki.de)
- Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (4.3.2020) (www.rki.de)
