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Diese Episode erschien am 23.05.2020 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Kontaktsperren können bei Bewohner:innen größeren Schaden anrichten als das Virus selbst.
  • Handlungsempfehlungen zeigen, wie Besuche trotz Infektionsschutz wieder möglich werden.
  • 50–70 % der Heimbewohner:innen sind kognitiv eingeschränkt und leiden besonders unter Isolation.
  • Fehlende Pandemiepläne und ein Digital Divide verschärften die Lage in der Langzeitpflege.
  • Die Pflegewissenschaft braucht schnellere Wege von der Forschung in die Praxis.

Stell dir vor, du lebst seit Jahren in einem Pflegeheim. Es ist dein Zuhause. Jeden Tag kommt deine Tochter vorbei, hilft beim Essen, hält deine Hand. Und dann, von heute auf morgen, ist die Tür verschlossen. Niemand erklärt dir warum – oder du kannst es nicht mehr verstehen, weil deine Erinnerung dich im Stich lässt. Genau diese Situation war im Frühjahr 2020 Alltag in unzähligen Einrichtungen. In Folge 44 des Übergabe-Podcasts spricht das Team mit Prof. Dr. Markus Zimmermann von der Hochschule für Gesundheit (HSG) in Bochum über eine Frage, die damals viele schlaflose Nächte bereitete: Wie schützt man die verletzlichsten Menschen vor dem Virus, ohne sie von der Welt abzuschneiden?

Als die Türen sich schlossen

In Nordrhein-Westfalen trat am 22. März 2020 die erste Corona-Schutzverordnung in Kraft. Sie legte fest, dass Besuche in Pflegeheimen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe nicht mehr möglich sein sollten. Die Absicht dahinter war nachvollziehbar: In der Langzeitpflege leben überwiegend hochaltrige, multimorbide Menschen – die gefährdetste Gruppe überhaupt. Gerät das Virus erst einmal in ein solches Haus, wird es oft erst spät bemerkt, und dann droht ein echter Notstand. Die Sterblichkeitszahlen in betroffenen Kreisen zeigten das damals auf dramatische Weise.

Doch sehr schnell wurde deutlich, dass dieses pauschale Besuchsverbot enorme Verwerfungen mit sich brachte. Während Pflegefachpersonen weiterhin täglich ins Haus kamen und gingen – und damit ohnehin ein gewisses Infektionsrisiko trugen –, blieben ausgerechnet die engsten Bezugspersonen außen vor. Für viele Bewohner:innen, gerade jene mit kognitiven Einschränkungen, war das schlicht nicht zu begreifen. Die Folge: Unruhe, Enttäuschung, Verzweiflung. Selbst im Gesundheitsministerium reifte die Erkenntnis, dass sich dieser Zustand nicht über Monate aufrechterhalten ließ.

„Wir reden hier von einer Gruppe, die vielleicht noch ein ganzes Jahr, vielleicht aber auch zwei Jahre zu schützen ist. Und die jetzt tatsächlich komplett zu isolieren, das wäre schon ein sehr fragwürdiges Unterfangen." — Prof. Dr. Markus Zimmermann

Aus dieser Not heraus vergab das Ministerium einen Auftrag an die Wissenschaft. Zimmermann wurde gebeten, ein interdisziplinäres Team zusammenzustellen, das nach Wegen suchte, die Besuchsverbote in praktikable Besuchsregelungen zu überführen. So entstand das Papier Schutz vor Infektion und vor sozialer Isolation, das im April 2020 erschien – getragen von Pflegewissenschaft, Recht, Infektiologie und der gelebten Praxis.

Wenn die Kontaktsperre selbst zum Risiko wird

Ein zentraler Gedanke der Handlungsempfehlungen ist auf den ersten Blick verstörend: Die Kontaktsperre kann größeren Schaden anrichten als die Infektion selbst. Was zunächst paradox klingt, wird verständlich, wenn man sich die Realität in den Häusern vor Augen führt. Zwischen 50 und 70 Prozent der Bewohner:innen in Langzeitpflegeeinrichtungen sind kognitiv eingeschränkt – milder, mittlerer oder sehr starker Natur.

Bricht für diese Menschen das vertraute tägliche Gegenüber plötzlich weg, kann das Angstzustände, Depression und Apathie auslösen. Hinzu kommt die Gefahr eines Delirs: Maskierte Gesichter, veränderte Abläufe, fehlende vertraute Bezüge – all das bietet Nährboden für eine akute Verwirrtheit, die gerade bei Menschen mit Demenz oft gar nicht erkannt wird. Soziale Isolation ist also keine harmlose Nebenwirkung des Infektionsschutzes, sondern selbst eine ernstzunehmende Gefährdungslage.

Damit wird die ganze Diskussion zu einer ethischen Abwägung. Darf man all diese Kollateralschäden in Kauf nehmen, um das Infektionsrisiko zu minimieren? Zimmermann beschreibt offen, wie sehr ihn diese Verantwortung umtrieb – die Vorstellung, eine Öffnung zu empfehlen und dann mitverantwortlich zu sein, wenn in einem Haus die Erkrankung ausbricht. Hilfreich sei in solchen Momenten gerade die interdisziplinäre Zusammensetzung des Teams gewesen.

„Wenn man sich die Regeln des Infektionsschutzes nochmal klar vor Augen führt, dann ist der Grat auch ganz gut zu begehen. Der Grat hat dann auf einmal auch Handläufe, sodass man sich nicht mehr ganz so unsicher fühlt." — Prof. Dr. Markus Zimmermann

Vier Bausteine für mehr Nähe trotz Distanz

Die Handlungsempfehlungen gliedern sich in mehrere Bereiche. Zuerst geht es um die Anforderungen des Infektionsschutzes in der Langzeitpflege – mit täglichem Personalscreening, obligatorischem Mund-Nasen-Schutz und im Infektionsfall den weitergehenden Schutzmaßnahmen, wie sie auch das Robert Koch-Institut empfiehlt. Erst auf dieser Grundlage lassen sich Besuche überhaupt denken.

Konkret unterscheidet das Papier zwischen Begegnungen in abgrenzbaren Bereichen oder im Freien und Besuchen direkt in den Wohnbereichen. Für mobile Bewohner:innen kommen etwa Besuchscontainer infrage, wie sie in den Niederlanden und der Schweiz auf den Markt kamen, oder auch Zelte und Gartenlauben – Orte mit wenig Kontakt zum Gesamthaus. Für bettlägerige Menschen oder Personen, die nicht verstehen, wohin sie gehen sollen, braucht es Lösungen direkt im Zimmer, dann eben mit intensiveren Schutzvorkehrungen.

Entscheidend ist in beiden Fällen: Besuche müssen organisiert werden. Kein freies Kommen und Gehen wie im Normalbetrieb, sondern Terminplanung, Vorbereitung, eine Art Gesundheitsscreening und im Zweifel eine Begleitung durch die Einrichtung. Ein dritter Baustein widmet sich der Eingliederungshilfe, wo neben den sozialen Kontakten auch die Tagesstruktur durch Schule oder Werkstatt wegbrach. Ein vierter Abschnitt streift die häusliche Pflege. Und schließlich ein heikler Punkt: Auch das Thema Patientenverfügung sollte mit Blick auf die Corona-Situation neu durchdacht werden. Dass viele dieser Vorschläge später in die angepasste Corona-Schutzverordnung in NRW einflossen, wertet Zimmermann als Erfolg.

Keine Schablone, sondern Spielraum

Eine berechtigte Sorge im Gespräch: Erzeugen solche Empfehlungen nicht zusätzlichen Druck auf ohnehin dünn besetzte Teams? Wenn die halbe Belegschaft krank oder in Quarantäne ist, lässt sich der Steuerungs- und Planungsaufwand kaum stemmen. Zimmermann betont deshalb, dass es sich ausdrücklich um Empfehlungen handelt, nicht um Richtlinien. Vorgeschlagen wurden etwa wöchentliche Besuche – doch wie diese organisiert werden, hängt von der Situation vor Ort ab und kann sich von Woche zu Woche ändern.

Während der Arbeit erreichten ihn fast täglich E-Mails und Anrufe – die einen warnten eindringlich davor, überhaupt jemanden ins Haus zu lassen, die anderen flehten geradezu darum, weil ihre Bewohner:innen ohne Kontakt „am Rad drehten". Dieses Widersprüchliche spiegelt die ganze Komplexität wider. Dass im Team zwei Praktiker:innen aus der Versorgung saßen, half, realistisch zu bleiben: Gut vorbereitete Häuser mit besserem Personalschlüssel können anders agieren als Einrichtungen im akuten Krankheitsfall.

Der Digital Divide trifft die Schwächsten

Ein Aspekt, der in der Krise besonders schmerzhaft sichtbar wurde, ist der sogenannte Digital Divide – die digitale Kluft. Während jüngere Menschen Videotelefonie selbstverständlich nutzen, fehlt vielen älteren Bewohner:innen schlicht das Gerät, die Bedienkompetenz oder beides. Zimmermann erinnert sich an seine eigene Mutter, die mehrere Jahre in Pflegeheimen lebte und bei der schon das Einstellen der Fernbedienung zur Herausforderung wurde. Fehlende Technikbeherrschung verstärkt die Isolation zusätzlich.

Dabei zeigt der Blick über die Grenzen, wie viel möglich wäre: In Norwegen ist WLAN in Pflegeeinrichtungen seit Jahren Standard, in den USA ließen sich Bewohner:innen ihren Speiseplan über Sprachassistenten vorlesen. In NRW wurde die WLAN-Pflicht erst wenige Jahre zuvor eingeführt. Der Digital Divide betrifft längst nicht nur Patient:innen, sondern auch die Pflegefachpersonen und die digitale Infrastruktur insgesamt. In der Pflegeausbildung und im Studium kommt das Thema bis heute zu kurz – selbst im Rahmencurriculum der generalistischen Pflegeausbildung sei der Bereich Digitalisierung erstaunlich dünn ausgefallen.

„Das Ziel muss ja sein, über Digitalisierung Prozesse zu vereinfachen. Es soll ja eher weniger werden – aber das passt manchmal nicht so ganz in diese Themen, die man sonst so hat." — Prof. Dr. Markus Zimmermann

Selbstbestimmung versus Schutz

Besonders intensiv wird über das Recht auf Selbstbestimmung diskutiert. Darf man Menschen pauschal isolieren, ohne sie überhaupt zu fragen? Es gibt schließlich auch Bewohner:innen, die sagen: Ich bin über neunzig, das hier ist mein letztes Zuhause, ich möchte leben – und das Risiko in Kauf nehmen. So viel Freiheit, argumentiert das Team, müsse man Menschen zugestehen.

Doch die Gegenposition steht sofort im Raum: In einer Gemeinschaftseinrichtung ist diese Entscheidung eben keine rein individuelle. Wer sich asymptomatisch infiziert, gefährdet die Nachbarin und den Nachbarn. Damit wird der Infektionsschutz zur kollektiven Aufgabe – und die Verantwortung verteilt sich auf alle, gerade auf jene Generationen, die nicht zur Risikogruppe gehören. Zimmermann verweist auf Länder in Asien, in denen seit der ersten SARS-Welle das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei eigener Erkrankung selbstverständlich ist – ein Ausdruck gelebter Verantwortung für das Gegenüber. Wichtig sei auch festzuhalten, dass die Öffnung der Heime keine bloße „Lockerung" war, sondern eine Korrektur von Maßnahmen, die anfangs aus Ratlosigkeit und Hilflosigkeit getroffen wurden.

Eine Pandemie ohne Plan

Warum traf die Pandemie die Langzeitpflege so unvorbereitet? Pandemiepläne für die stationäre Langzeitpflege existierten schlicht nicht. Viele Häuser standen zu Beginn ohne ausreichende Schutzmaterialien da. Dabei hätte es Warnungen gegeben: Der Risikobericht zum Bevölkerungsschutz von 2012 hatte ein Pandemieszenario erstaunlich präzise vorhergesagt – nur fühlte sich niemand zuständig, daraus Konsequenzen zu ziehen. Zimmermann spricht hier offen von einem Fehler und plädiert für ein echtes Fehlermanagement statt für das im Gesundheitswesen verbreitete Vertuschen.

Ebenso fordert er, künftig nicht allein auf eine Disziplin zu hören. Interdisziplinäre Expertengruppen, die virologische Erkenntnisse auf ihre gesellschaftlichen Folgen hin reflektieren, könnten Entscheidungen breiter abstützen. Die kleine Ad-hoc-Arbeitsgruppe sei dafür ein Modell im Kleinen gewesen – am Ende stand ein breiter Konsens, ganz ohne Minderheitenvoten.

Pflegewissenschaft, werde sichtbar!

Zum Abschluss richtet sich der Blick auf die Rolle der Pflegewissenschaft. Ein Kollege habe Zimmermann nach der Veröffentlichung erleichtert geschrieben: Endlich höre man mal etwas aus diesem Bereich. Tatsächlich kam aus der wissenschaftlichen Pflege in Deutschland zunächst wenig – auch, weil sie strukturell oft weiter vom Versorgungsgeschehen entfernt ist als die Medizin. Wo Ärzt:innen behandeln und am nächsten Tag publizieren, braucht es in der Pflege erst einen Wissenstransfer zwischen Praxis und Forschung.

Zimmermanns Hoffnung ruht auf Konzepten wie der Advanced Practice Nursing: Pflegende, die klinisch arbeiten und zugleich das wissenschaftliche Know-how mitbringen, um Erkenntnisse schnell in Forschung zu übersetzen. Denn an spannenden Fragen mangelt es nicht – vom Weaning-Prozess der Corona-Patient:innen über komplexe Pflegesituationen bei Multimorbidität bis zu guten und schlechten Interventionen. Die Botschaft an alle Pflegefachpersonen lautet: Die Unterstützung sozialer Kontakte ist kein Luxus, sondern ein grundpflegerischer Auftrag, klar verankert im SGB XI. Wer Begegnungen ermöglicht, steht damit mitten im pflegerischen Geschehen – und übernimmt eine zentrale Rolle.

Was bleibt, ist ein ambivalentes, aber ermutigendes Fazit: Die Reflexion eines kleinen Teams mündete binnen weniger Wochen in eine konkrete Verordnung. Dass wissenschaftliche Arbeit so unmittelbar Wirkung entfaltet, ist selten – und ein starkes Argument dafür, dass die Pflege mit ihren Themen lauter und sichtbarer werden sollte. Denn mit Corona, so viel war schon im Mai 2020 klar, würden wir noch eine ganze Weile leben müssen.

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Einrichtungsspezifische Stategien und Maßnahmen

HINWEISE AUF VERANSTALTUNGEN

In eigener Sache

Bildquelle: Hochschule für Gesundheit Bochum