- Der Klimawandel ist auch eine Gesundheitskrise – Pflege ist direkt betroffen.
- Hitze führt zu Exsikkose, Delir, längeren Liegezeiten und mehr Fehlern im Team.
- Der Gesundheitssektor verursacht rund 4,4 % der Emissionen in Industrieländern.
- Pflegefachpersonen haben durch Zahl und Vertrauen großen Einfluss.
- Klimaschutz bringt Co-Benefits: gesündere Menschen, bessere Luft, mehr Sinn.
Heiße Sommernächte, in denen es nicht mehr abkühlt. Ältere Menschen, die zu Hause vergessen zu trinken. Pflegeteams, die in 30 Grad warmen Zimmern Fehler machen, obwohl die Arbeit eigentlich weniger ist als sonst. Klingt das nach Zukunftsmusik? Ist es nicht. In dieser Folge des Übergabe-Podcasts sprechen Jessica Esser und David Vogel von Health for Future darüber, warum der Klimawandel längst im Pflegealltag angekommen ist – und warum ausgerechnet die Pflege eine Schlüsselrolle dabei spielen kann, gegenzusteuern.
Wenn aus Klimaschutz plötzlich Pflege wird
Lange galt das Thema Klima als Sache der Schüler:innen, der Wissenschaft, der Politik – aber doch nicht der Pflege. Selbst Jessica, die sich seit ihrer Kindheit für Nachhaltigkeit interessiert, hat lange gezweifelt, ob ihr Beruf überhaupt etwas damit zu tun hat. Erst über die Planetary Health Academy fiel ihr der Groschen, wie eng Gesundheit und Klima zusammenhängen. David wiederum stieß über seine Bachelorarbeit zu hitzeassoziierten Gesundheitsproblemen in der ambulanten Pflege auf das Thema – und damit auf Health for Future.
Health for Future ist kein Verein, sondern eine Aktionsplattform aus Gesundheitsberufen und Teil des großen For-Future-Bündnisses. Gegründet wurde die Bewegung im September 2019 von KLUG, der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Zum Zeitpunkt der Aufnahme zählte das Netzwerk über 3.000 Aktive aus allen Gesundheitsberufen und mehr als 55 Ortsgruppen – stark wachsend. Mitmachen kann jede:r, ganz ohne Mitgliedsbeitrag.
Das Spannende: Obwohl die Pflege die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen ist, war sie zunächst kaum vertreten. Deshalb gründete sich innerhalb von Health for Future eine eigene AG Pflege – mit dem klaren Ziel, mehr Pflegefachpersonen zu erreichen und für das Thema zu begeistern.
„Es ist nicht nur eine Klimakrise, sondern auch eine Gesundheitskrise, was leider oftmals ein bisschen vergessen wird." — Jessica Esser
Drei Wege, auf denen das Klima krank macht
Der Klimawandel wirkt auf die Gesundheit, weil wir Menschen vom Zustand des Planeten abhängig sind. Grob lassen sich die Folgen in drei Bereiche einteilen. Da sind zunächst die direkten Auswirkungen – etwa durch Extremwetter wie Brände oder Fluten, die Menschen unmittelbar treffen. Hinzu kommen indirekte Folgen: Infektions- und durch Vektoren übertragene Krankheiten breiten sich aus, Allergien nehmen durch längere und intensivere Pollenzeiten zu, Luftverschmutzung belastet die Atemwege. Und schließlich gibt es die gesellschaftlichen Folgen – Wasserknappheit, Missernten und in der Folge Migrationsbewegungen, die das Gesundheitssystem zusätzlich belasten werden.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Wetter und Klima: Das Wetter schwankt kurzfristig, das Klima entwickelt sich über lange Zeiträume. Ein kalter Winter widerlegt die Erderwärmung also nicht – im Gegenteil. Durch die Verschiebung und Intensivierung der Jetstreams werden Extreme in beide Richtungen wahrscheinlicher: heißere Sommer und phasenweise auch kältere, ungewöhnliche Witterung. Schon das renommierte Fachmagazin Lancet bezeichnete den Klimawandel als größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert – Zahlen und Studien dazu liefert der Lancet Countdown regelmäßig.
Hitze auf Station: längere Liegezeiten, mehr Fehler
Wie konkret sich das anfühlt, beschreibt Jessica aus eigener Erfahrung. Im Sommer kamen vermehrt ältere Patient:innen, die exsikkiert – also stark dehydriert – und im Delir waren, weil sie schlicht vergessen hatten zu trinken. Besonders bei Menschen mit Demenz eine ernste Gefahr. Auf einer orthopädischen Station ohne Klimaanlage, mit Zimmern zur Südseite und Patient:innen, die mit Gips ans Bett gebunden waren, verlängerten sich die Liegezeiten spürbar – nicht weil die Menschen kränker waren, sondern weil die Genesung in der Hitze schlicht nicht erholsam war.
Und auch das Personal blieb nicht verschont: In der Hitze passierten mehr Fehler, die Konzentration ließ nach, selbst das eigene Trinken geriet in Vergessenheit. Damit wird klar: Hitze ist kein Randthema, sondern ein handfester Faktor für Versorgungsqualität, Patient:innensicherheit und Kosten. Wie groß die Dimension sein kann, zeigt der Hitzesommer 2003, der in Europa zu einer Übersterblichkeit von rund 70.000 Todesfällen führte – betroffen waren vor allem alte, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen. Das Bundesgesundheitsblatt schätzte hitzebedingte Todesfälle in Deutschland ausführlich.
Verschlossene Türen: das Problem der ambulanten Versorgung
Besonders verletzlich ist die ambulante Pflege. Wer allein zu Hause lebt, in einer schlecht isolierten Wohnung, ohne klimatisierte Räume, ist der Hitze anders ausgesetzt als jemand im gut ausgestatteten Krankenhaus. Hinter verschlossenen Türen werden kritische Zustände oft viel später bemerkt. David schlägt deshalb vor, in Hitzeperioden zusätzliche Sicherheitsbesuche einzuplanen.
Im Podcast-Gespräch wird die berechtigte Sorge laut, dass die Wechselwirkung aus demografischem und klimatischem Wandel zu einer Unterversorgung gerade im ambulanten Bereich führen könnte – während gleichzeitig der Pflegenotstand drängt. Die beiden Gäste machen deutlich: Das eine gegen das andere auszuspielen, hilft nicht weiter. Im Idealfall werden beide Themen zusammen gedacht. Wer das Gesundheitssystem ohnehin umbaut, kann es gleich nachhaltiger gestalten – für Patient:innen und Beschäftigte.
Verzicht? Nein – Co-Benefits!
Eine zentrale Botschaft der Folge: Klimaschutz ist nicht gleichbedeutend mit Verzicht und erhobenem Zeigefinger. Im Gegenteil, viele Maßnahmen bringen direkte Gewinne – sogenannte Co-Benefits. Die Planetary Health Diet etwa, von Gesundheits- und Ernährungswissenschaftler:innen entwickelt, ist gleichzeitig gesünder für den Menschen und schonender für den Planeten: mehr Gemüse, weniger rotes Fleisch. Mehr Bewegung, etwa durchs Radfahren, schützt das Klima und die Gesundheit. Bessere Luftqualität bedeutet weniger Lungenerkrankungen.
Jessica bringt es auf den Punkt: Selbst im schlimmsten Fall hätte man am Ende eine gesündere Gesellschaft geschaffen. Statt Menschen mit Schuldvorwürfen abzuschrecken, plädiert sie dafür, Wege aufzuzeigen, wie Veränderung gelingt. Ein eindrückliches Beispiel: eine 65-jährige Patientin, die nach ihrem Klinikaufenthalt zurückkam, um sich für die Gespräche zu bedanken – sie hatte über den „Veggie-Day" der Klinik neue Rezeptideen entdeckt und kochte jetzt mit Freude mehr Gemüse.
„Selbst wenn der schlimmste Fall eintritt, haben wir im schlimmsten Fall eine gesündere Gesellschaft geschaffen – das ist nicht das schlechteste Outcome." — Jessica Esser
Warum Pflege politischer werden sollte
Pflegefachpersonen haben zwei starke Argumente auf ihrer Seite: ihre schiere Zahl und das hohe Vertrauen in der Gesellschaft – in Umfragen landen Pflegende regelmäßig auf den vordersten Plätzen. Wenn diese Gruppe gemeinsam an einem Strang zieht, kann sie viel bewegen. Genau deshalb wirbt David dafür, dass die Pflege politischer und sichtbarer wird – etwa über eine starke berufspolitische Vertretung, die ihre Sichtweise nach außen trägt.
Er kennt die Realität nach einem langen Dienst, in dem für berufspolitisches Engagement schlicht keine Kraft mehr bleibt. Aber seine Überzeugung ist klar: Wenn nicht die Pflege selbst sich einbringt, wer dann? Wege dafür müssten bereits in Aus-, Fort- und Weiterbildung aufgezeigt werden. Jessica ergänzt mit Hannah Arendt: Neue Anfänge entstehen, wenn Menschen anfangen, zusammenzuarbeiten. In Gesprächen mit Politiker:innen hat sie erlebt, dass viele den Zusammenhang von Gesundheit und Klima noch gar nicht verstanden hatten – genau hier lässt sich ansetzen.
Der blinde Fleck: Das Gesundheitssystem stößt selbst CO₂ aus
Ein Aspekt, der häufig übersehen wird: Der Gesundheitssektor ist nicht nur Betroffener, sondern auch Mitverursacher. In den Industrieländern verursacht er rund 4,4 Prozent der Emissionen – mehr als der weltweite Flug- oder Schiffsverkehr. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung, sich selbst an die Nase zu fassen.
Die Umstellung ist aufwendig, weil etwa Lieferketten – von Medikamenten bis zu Verbrauchsmaterialien – durchleuchtet werden müssen. Trotzdem gibt es Leuchttürme: Das Krankenhaus Havelhöhe hat sich vorgenommen, bis 2030 klimaneutral zu werden und ein Zero-Emission-Hospital zu werden. Über das Projekt KLIK – Klimamanager für Kliniken können Häuser Beschäftigte zu Klimamanager:innen weiterbilden, die im Klinikalltag nach Verbesserungspotenzialen suchen. Und Initiativen wie Klimafreundlich Pflegen tragen das Thema in die Langzeitpflege.
„Wir Pflegende haben die beste Bühne, die man sich vorstellen kann – wir verbringen sehr viel Zeit mit Menschen, die uns zuhören." — Jessica Esser
Was du konkret tun kannst
Die gute Nachricht: Engagement beginnt klein. Manchmal reicht es schon, am Arbeitsplatz nachzufragen – etwa nach dem Energieversorger des Pflegedienstes oder nach fahrradfreundlichen Touren in der ambulanten Pflege. Ortsgruppen suchen den Kontakt zu Kliniken, schulen im Gespräch mit Abgeordneten und entwickeln Mini-Schulungen für Mitarbeitende oder arbeiten mit der Küche an einer pflanzenbetonteren Ernährung zusammen. , und sowohl der ICN als auch der DBfK haben Positionen und Arbeitsgruppen zum Thema.
Und manchmal hilft schon das Allereinfachste: über die Klimakrise zu sprechen. Denn noch ist das Thema vielerorts mit Hoffnungslosigkeit besetzt. Wer Schönes und Machbares aufzeigt, durchbricht dieses Tabu. Engagement, so Jessica, schenkt obendrein etwas zurück, das in der Pflege oft zu kurz kommt: das Gefühl von Sinnhaftigkeit – im Sinne der Salutogenese ein wichtiger Baustein für die eigene Gesundheit. Wer Lust hat, findet über die Website von Health for Future die nächste Ortsgruppe und kann die AG Pflege direkt kontaktieren.
Zum Weiterhören
- ÜG141 – Hitzeschutz als Gesundheitsschutz (Ulrike Krol & Jana Luntz)
- ÜG187 – Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung (Sarah Fliesgen & Luka Eulberg)
- ÜG066 – Community Health Nursing: Praxis, Studium und internationale Kooperation
Shownotes zur Folge
- Health For Future | Gesundheit braucht Klimaschutz (healthforfuture.de)
- KLUG (klimawandel-gesundheit.de)
- Gesundheit braucht Klimaschutz! (gesundheit-braucht-klimaschutz.de)
- Klimawandel und Bildung (klinikum.uni-muenchen.de)
- An der Heiden, M. et al. (2019): Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015. Bundesgesundheitsblatt 2019 · 62:571—579 (edoc.rki.de)
- Lancet Countdown (lancetcountdown.org)
- Planetary Health Diet: Speiseplan für eine gesunde und nachhaltige Ernährung(bzfe.de)
- Nurses Climate Challenge Europe | NCC Europe (eur.nursesclimatechallenge.org)
- Das Thema Klimawandel und seine Bedeutung im Gesundheitssektor: Entwicklung, Akteure, MeilensteineClimate change and its significance in the healthcare community: history, landmarks, and major players (link.springer.com)
- ICN appelliert an Verantwortung für Klima, Umwelt und Ressourcen — DBfK (dbfk.de)
- KLIK — Klimamanager für Kliniken (klik-krankenhaus.de)
- Klimafreundlich Pflegen — Gemeinsam für eine gesunde Welt (klimafreundlich-pflegen.de)
- Klimavisite Podcast Download ~ Audio Podcast von Health for Future Hamburg (podcast.de)
- Health for Future Havelhöhe — Krankenhaus Havelhöhe (havelhoehe.de)
