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Diese Episode erschien am 27.05.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Menschen mit längeren Bildungswegen sind eine engagierte, hoffnungsvolle Gruppe für die Pflege.
  • Eine vermutete Stigmatisierung konnte das Projekt bislang nicht nachweisen.
  • Finanzielle Förderung und Bürokratie sind die größten Hürden beim Einstieg.
  • Lebenserfahrung schützt vor dem klassischen Praxisschock.
  • Partizipation und Empowerment stehen im Zentrum des Forschungsansatzes.

Stell dir vor, du bist Mitte 40, hast jahrelang in der Buchhaltung gearbeitet oder ein Schiff über die Weltmeere navigiert – und entscheidest dich, nochmal ganz neu anzufangen. In der Pflege. Genau diese Menschen stehen im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts mit dem etwas sperrigen Namen ParAScholaBi. Hinter dem Kürzel verbirgt sich das „Partizipative Ausbildungskonzept zur Förderung und Entstigmatisierung von Schüler:innen mit längeren Bildungswegen vor der Pflegeausbildung". In einer Episode des Übergabe-Podcasts sprachen Denise Döring und Lola Maria Amekor über eine Berufsgruppe, die in Forschung und Gesellschaft bisher kaum beachtet wurde – obwohl sie für die Pflege erstaunlich viel mitbringt.

Eine Gruppe, über die kaum jemand spricht

Wenn wir an den Einstieg in die Pflege denken, haben wir meist ein bestimmtes Bild im Kopf: junge Menschen, die direkt nach dem Schulabschluss eine Ausbildung beginnen. Doch es gibt eine zweite, deutlich vielfältigere Gruppe – und die wurde lange übersehen. Gemeint sind Menschen, die vor ihrer generalistischen Pflegeausbildung etwas anderes gemacht haben: einen anderen Beruf, eine Pflegeassistenzausbildung oder lange Erziehungszeiten. Das Projekt fasst sie unter dem Begriff „Schüler:innen mit längeren Bildungswegen" zusammen. Angesiedelt ist die Forschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, getragen wird sie interdisziplinär von der Didaktik der Pflege- und Gesundheitsberufe sowie der Sozialpädagogik. Gefördert wird das Vorhaben vom Bundesinstitut für Berufsbildung, dem auffiel, dass zu dieser Personengruppe erstaunlich wenig belastbares Wissen existiert.

Dabei ist das Phänomen gar nicht so neu, wie es scheint. Berufsbiografien verlaufen heute seltener geradlinig – sie haben Kurven, Brüche, Neuanfänge. Und gerade die Pflege gilt für viele Jobcenter und Arbeitsagenturen als ein Bereich, in den man Arbeitssuchende vermitteln kann, weil dort händeringend Personal gesucht wird. Was fehlte, war ein genauer Blick darauf, wie es diesen Menschen eigentlich geht: Was erleben sie? Was wünschen sie sich? Und was brauchen sie, damit der Übergang gelingt?

Vom Verdacht der Stigmatisierung – und seiner Entwarnung

Im Projektnamen steckt das Wort „Entstigmatisierung". Das klingt nach einem ernsten Problem – doch die Realität sieht erfreulicher aus. Das Forschungsteam hatte die These aufgestellt, dass Menschen, die nicht dem normativen Bild „Schule, dann direkt Ausbildung" entsprechen, in der Pflege womöglich auf Vorbehalte stoßen, etwa wegen ihres Alters. Befragt wurden Lehrende, Praxisanleitende, die umschulenden Personen selbst sowie Mitarbeitende von Agentur für Arbeit und Jobcentern. Das Ergebnis war überraschend positiv.

„Das ist eine These, die wir aufgestellt haben – und die wir bislang zum Glück nicht belegen konnten." — Denise Döring

Statt Ablehnung berichteten die Befragten von großem Engagement und Wertschätzung. Das Alter und die Lebenserfahrung dieser Menschen werden nicht als Defizit, sondern als Gewinn empfunden. In der Berufsgruppe selbst sind sie ausgesprochen gern gesehen. Wichtig ist allerdings die Einschränkung: Die gesellschaftliche Perspektive – also wie das Umfeld außerhalb der „Pflege-Bubble" auf diesen Weg blickt – hat das Projekt bewusst noch nicht untersucht. Im Fokus standen zunächst die umschulenden Personen selbst.

Heterogen, motiviert und voller Lebenserfahrung

Was diese Gruppe so besonders macht, ist ihre Vielfalt. Da sind zum einen Menschen, die schon lange als Pflegeassistent:innen oder -helfer:innen gearbeitet haben – manche mit einem sechswöchigen Kurs, andere mit zweijähriger Assistenzausbildung. Sie wollen mehr Verantwortung, mehr Wissen, mehr Gehalt und werden oft von Kolleg:innen oder Vorgesetzten ermutigt, den nächsten Schritt zu gehen. Zum anderen gibt es Quereinsteiger:innen aus völlig anderen Welten: aus der Gastronomie, dem Callcenter, der Buchhaltung, aber auch studierte BWLer:innen, eine Person aus der Organisationsentwicklung, ein:e Archäolog:in. Manche haben Angehörige gepflegt und dabei gemerkt, dass ihnen die Arbeit mit Menschen Sinn gibt.

Diese Lebenserfahrung wirkt sich spürbar auf die Ausbildung aus. Themen wie Ekel, Scham, Schmerz, Tod und Sterben begegnen vielen nicht zum ersten Mal – sie haben sie schon im eigenen Leben erlebt und können ihnen souveräner begegnen. Hinzu kommt: Wer mit Anfang 40 eine bewusste Entscheidung trifft, hat sich diesen Weg meist gut überlegt. Beim Arbeitsamt wird teils sogar darauf gedrängt, vorab ein Praktikum zu machen, um zu prüfen, ob der Beruf wirklich passt. Das Resultat ist eine Gruppe, die als besonders „hoffnungsvoll" beschrieben wird: Menschen, die länger im Beruf bleiben und schnell verantwortungsvolle Positionen übernehmen.

Wenn der Neuanfang das ganze Leben betrifft

So vielversprechend die Gruppe ist – der Weg in die Pflege ist alles andere als ein Spaziergang. Eine Ausbildung im mittleren Lebensalter zu beginnen, hat Konsequenzen, die weit über den Berufswechsel hinausgehen. Ein Ausbildungsgehalt ernährt selten eine Familie, ein abzuzahlendes Haus oder andere finanzielle Verpflichtungen lassen sich damit kaum stemmen. Dazu kommt: Lernen muss erst wieder gelernt werden. Viele haben jahrzehntelang nicht mehr in einer Schulklasse gesessen, keine Klausuren geschrieben, keine Vorträge gehalten. Die Sorge davor war eine der am häufigsten genannten Hürden.

„Da gehört für uns schon eine große Portion Mut dazu – das wurde uns auch von den umschulenden Personen so erzählt." — Lola Maria Amekor

Entscheidend ist deshalb das soziale Netz: Familie, Partner:in, Freund:innen, die mittragen, Kinder versorgen und Freiräume zum Lernen ermöglichen. Doch genau dieses Netz erzeugt auch Druck – denn scheitert die Ausbildung, war nicht nur die eigene Zeit umsonst investiert, sondern auch die aller, die unterstützt haben. Verschärft wird das dadurch, dass die finanzielle Förderung teils an den Erfolg geknüpft ist: Wer schlechte Noten schreibt, riskiert, dass die Unterstützung eingestellt wird. Genau hier liegt eine der größten Baustellen.

Bürokratie, Rollenkonflikte und ein gut gehütetes Geheimnis

Eine zentrale Erkenntnis: Viele Menschen wissen gar nicht, dass es überhaupt Fördermöglichkeiten gibt. Instrumente wie das Qualifizierungschancengesetz ermöglichen Beschäftigten, gemeinsam mit ihren Arbeitgebenden eine Umschulung zu finanzieren – doch davon erfahren manche nur über zehn Ecken. Und selbst wer Bescheid weiß, kämpft sich durch einen, wie es eine befragte Person nannte, „Papierwust". Sogar Mitarbeitende der Arbeitsagenturen wünschen sich hier schnellere Verfahren.

Ein weiteres Phänomen sind Rollenkonflikte in der Praxis. Wer als Pflegehelfer:in auf einer Station angestellt war und dort zur Auszubildenden wird, muss sich das Lernen oft regelrecht erkämpfen. Statt neue Kompetenzen zu erwerben, werden diese Personen weiter als Helfende adressiert und eingesetzt. Manche Einrichtungen lösen das pragmatisch, indem sie die Person für die Ausbildung auf eine neue Station versetzen. Spannend war auch der Blick auf die Lernorte: Während die Schule mit dem „Wieder-Lernen" als große Herausforderung erlebt wurde, war der Lernort Praxis für viele – gerade mit Vorerfahrung – eher interessant als beängstigend. Den klassischen Praxisschock gab es kaum, weil die Lebenserfahrung als Schutzschild wirkt.

Partizipation statt Belehrung

Das vielleicht spannendste Wort im Projekttitel ist „partizipativ". Denn das Team will nicht über die umschulenden Personen sprechen, sondern mit ihnen. Geplant ist eine partizipative Website, auf der Betroffene selbst Materialien hochladen können – Sprachnachrichten, Fotos, Ausschnitte aus Mitschriften, alles, was ihnen wichtig erscheint. So sollen sie selbst zu Wort kommen und mitgestalten. Dahinter steht ein klarer Empowerment-Gedanke: Es geht nicht darum, Machtstrukturen zu wiederholen und vorzugeben, was gut für die Menschen sei, sondern danach zu fragen, was sie wirklich brauchen.

Bemerkenswert: Das Team verabschiedet sich vom defizitären Denken. Es geht längst nicht mehr nur darum, Menschen zu „helfen", etwas nachzuholen. Vielmehr zeigt sich, dass viele dank ihrer Lebenserfahrung schnell lernen und eigentlich viel lieber eigene Schwerpunkte setzen würden. Warum also nicht eigene Projekte als anrechenbare Leistung in die Ausbildung integrieren? Aus den Interviews entstanden konkrete Konzeptbausteine zur Mitwirkung – darunter die Idee, auch kleineren Pflegeschulen Schulsozialarbeit zu ermöglichen, die es an großen Bildungscampi längst gibt.

Die große Frage: Zugang erleichtern oder Kompetenzen heben?

Im Gespräch entspann sich auch eine grundsätzliche Debatte über Zugangsvoraussetzungen und Professionalisierung. Deutschland gehört in der EU zu den wenigen Ländern, in denen Pflege noch primär als Ausbildungsberuf organisiert ist – mit vergleichsweise niedrigen Zugangshürden. Im Schatten des Fachkräftemangels schwingt schnell die Sorge mit, man könnte die Anforderungen weiter senken und in eine Deprofessionalisierung rutschen. Doch das Forschungsteam plädiert für den umgekehrten Weg.

„Ich gehe total mit, dass man einen hohen Bildungsstand braucht, um diesen Beruf zu machen. Die Frage ist, wie wir Menschen dahin bekommen, diesen Stand zu erreichen." — Lola Maria Amekor

Der Gedanke dahinter: Ein Abiturzeugnis ist letztlich nur ein Zertifikat über bestimmte Kompetenzen. Viele intelligente Menschen hatten schlechte Schulerfahrungen – nicht, weil ihnen Fähigkeiten fehlten, sondern weil sie sich dem System nicht anpassen konnten. Statt sie auszusortieren, könnte man sie gezielt fördern, etwa durch eine modulare Ausbildung, die Lernende dort Zeit investieren lässt, wo sie sie brauchen. Auch ein Kompetenzmessungsinstrument, das berufliche Vorerfahrung anerkennt und Ausbildungen verkürzt, ist ein möglicher Baustein für die kommenden Projektphasen. Hinzu kommt die europäische Perspektive: Unterschiedliche Qualifikationsniveaus führen zu langwierigen Anerkennungsverfahren und Frust – eine Angleichung könnte dem Beruf ein besseres Image und mehr Durchlässigkeit verschaffen.

Wo das Projekt steht – und was bleiben soll

Ungefähr die Hälfte des Weges war geschafft. Das seit 2021 laufende Projekt arbeitet nach einem fortlaufenden Forschungsansatz und gliedert sich grob in drei Phasen: Erst ging das Team ins Feld und erhob Daten zu Herausforderungen und Ressourcen, dann entwickelte es Konzepte, die nun pilotiert und evaluiert werden. Bis zum geplanten Projektende 2025 bleibt also noch viel Raum zur gemeinsamen Gestaltung. Erste Ergebnisse fließen schon jetzt in kompakte Infopaper für die vier befragten Akteursgruppen, in tiefergehende Handreichungen, Fachveröffentlichungen und Kongressvorträge.

Das übergeordnete Ziel: Sichtbarkeit und Wertschätzung. Es soll normaler werden zu sagen „Ich bin 40 und orientiere mich nochmal um." Berufliche Vorerfahrungen – ob soziale Kompetenz aus dem Pflegealltag oder das Geschick, Essen ansprechend anzurichten, das jemand aus der Gastronomie mitbringt – sollen nicht als Bruch abgetan, sondern als Ressource begriffen werden. Da das Projekt mit dem BIBB eine politiknahe Institution an seiner Seite hat, könnten Erkenntnisse zur Förderung und zum erleichterten Einstieg auch den Weg in die Politik finden. Wer das Projekt mit der eigenen Perspektive unterstützen möchte, ist eingeladen, sich über die Projektseite der Universität zu melden – für die nächste Phase werden weiterhin Teilnehmende gesucht.

Zum Weiterhören

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Weiterführende Links & Shownotes

In Folge 117 sprechen wir mit Denise Döring und Lola Maria Amekor. Beide arbeiten im Projekt "ParAScholaBi". Dies ist ein Partizipatives Ausbildungskonzept zur Förderung und Entstigmatisierung von Schüler:innen mit längeren Bildungswegen vor der Pflegeausbildung. Dabei geht es darum, Personen, die bereits eine Ausbildung absolviert haben, die Umorientierung in de Pflegeberuf zu ermöglichen und zu erleichtern. Das ist nicht so einfach, wie beide Expertinnen im Interview berichten. Könnte es ein zukunftsweisendes Projekt gegen den Personalmangel sein?

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