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Diese Episode erschien am 24.06.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Der Arbeitsbereich Pflegeberufe am BIBB bündelt erstmals Forschung, Monitoring und Praxistransfer.
  • Das Pflegepanel beobachtet langfristig, was Ausbildung attraktiv und erfolgreich macht.
  • Forschung läuft über Ausschreibungen mit starkem Fokus auf Transfer in die Praxis.
  • Erkenntnisse fließen schnell in politische Prozesse wie Gesetzentwürfe ein.
  • Ziel ist immer: bessere Versorgungsqualität für Patient:innen und Bewohner:innen.

Pflege und Wissenschaft – das klingt für viele noch immer nach zwei getrennten Welten. Auf der einen Seite der hektische Stationsalltag, auf der anderen Seite Studien, Daten und Fachartikel. Doch wie kommt eigentlich beides zusammen? Genau darum ging es in dieser Podcast-Folge, die direkt vor Ort bei einem Kongress des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn aufgenommen wurde. Mit am Tisch saßen Dr. Lena Dorin, Malte Falkenstern, Prof. Dr. Karin Reiber und Prof. Dr. Bernd Reuschenbach – vier Menschen, die genau an dieser Schnittstelle zwischen Pflegebildung, Forschung und Politik arbeiten.

Ein junger Arbeitsbereich mit großem Auftrag

Dass sich ein Bundesinstitut überhaupt um die Pflegeberufe kümmert, ist erstaunlich neu. Lange Zeit waren die Pflegeberufe außen vor: Das BIBB ist über das Berufsbildungsgesetz und die Handwerksordnung verankert – und die Pflege wird als eigenständiger Heilberuf eben nicht darüber geregelt. Erst mit der Pflegeberufereform entstand die Idee, das vorhandene Know-how, vor allem die Daten und das Zahlenmaterial, auch für die Pflege nutzbar zu machen.

So entstand vor rund drei Jahren der Arbeitsbereich Pflegeberufe am BIBB. Rund 15 Personen arbeiten dort an drei großen Säulen: an der Forschung samt Monitoring, an der Geschäftsstelle der Fachkommission und an der zielgruppengerechten Aufbereitung von Wissen. Letzteres ist wichtig, damit Erkenntnisse nicht in Schubladen verschwinden, sondern als Broschüren, Handreichungen oder kleine Infografiken bei Praxisanleitenden, Lehrenden und Pflegefachpersonen ankommen.

Spannend ist die Doppelrolle dieses Bereichs: Er begleitet die Pflege sowohl in der beruflichen Ausbildung als auch in der akademischen Qualifizierung. Dieses „Sowohl-als-auch" ist ein echtes Novum – und nimmt von vornherein den Wind aus der oft hitzigen Debatte, ob nun Ausbildung oder Studium der richtige Weg sei.

„Wir können die Welt nicht retten, aber wir können unseren Beitrag leisten – und der bezieht sich vor allem auf gute Bildungsangebote in der Pflege." — Dr. Lena Dorin

Was hast du als Pflegefachperson eigentlich davon?

Diese Frage zieht sich durch die ganze Folge – und sie ist berechtigt. Denn auf den ersten Blick wirkt ein Bundesinstitut weit weg vom Schichtdienst. Die Antwort der Gäste ist klar: Der Nutzen entsteht mittelbar, aber konkret. Aus der Arbeit des Bereichs gehen Materialien hervor, etwa für Praxisanleitende. Es werden Forschungsprojekte zur Weiterbildung und zur Führungsweiterbildung in der Pflege angestoßen. Und über all dem steht ein Ziel: die Versorgungsqualität zu verbessern und damit auch die Arbeitsbedingungen.

Ein großer Teil der heutigen Aufgaben geht auf die Konzertierte Aktion Pflege zurück, vor allem auf deren Ausbildungsoffensive. Daraus entstand ein ganzer Aufgabenkatalog – manche Punkte beschäftigen das Team über mehrere Jahre. Ein Beispiel: Ausbildungsabbrüche verhindern. Daraus wuchs unter anderem die Idee eines „Hauses der guten Ausbildung", das zeigt, welche Unterstützung welche Person braucht, damit eine Ausbildung gelingt – auch bei schwierigeren Startbedingungen. Für Auszubildende soll früh die einfache Botschaft ankommen: Du kannst dir Hilfe holen.

Das Pflegepanel: ein Langzeitblick auf die Ausbildung

Besonders eindrücklich ist das Monitoring, auch Langzeitbeobachtung genannt. Mit dem BIBB-Pflegepanel werden Ausbildungsbetriebe, Schulen und Hochschulen über die Zeit befragt. Der Anfang war mühsam – niemand wusste genau, welche Pflegeheime in Deutschland überhaupt ausbilden. Dahinter steckte also viel Recherche- und Telefonarbeit.

Der Lohn dieser Mühe sind belastbare Trends. Das Panel fragt zum Beispiel, was eine Ausbildung attraktiv macht. Heraus kommen sehr handfeste Dinge: Auslandseinsätze, Unterstützung bei Lernschwierigkeiten, kostenfreie ÖPNV-Tickets oder wohnortnahe Unterbringung für Auszubildende aus ländlichen Regionen. Solche Ideen lassen sich teilen – und Träger können ihr Angebot verbessern. Auch ein verbreitetes Phänomen wurde sichtbar: eine Art Realitätskonfrontation im zweiten Ausbildungsjahr, in dem die Zufriedenheit oft sinkt. Erst der Vergleich mit anderen Berufen zeigt, dass das kein reines Pflege-Problem und kein automatischer Abwärtstrend ist, sondern ein Punkt, den man im Blick behalten sollte.

Genau hier liegt eine Stärke des BIBB: Daten zur Pflege lassen sich intern mit denen anderer Branchen abgleichen. Sinken die Ausbildungszahlen? Dann lohnt der Blick, ob das auch andere Berufe betrifft – und wie viele junge Menschen insgesamt überhaupt eine Ausbildung beginnen. So entsteht ein Korrektiv, das in der hitzigen Online-Debatte oft fehlt: der Kontext.

Forschung per Ausschreibung – schnell, aber gut durchdacht

Wie kommt ein Forschungsprojekt zustande? Hier wird es ungewöhnlich, denn der Arbeitsbereich bewegt sich rechtlich im Vergaberecht. Eine Forschungsidee – aus der Politik, der Praxis oder eigener Literaturrecherche – wird in eine Leistungsbeschreibung gegossen und als öffentliche Auftragsvergabe veröffentlicht. Dann läuft eine Angebotsfrist, und die Interessierten reichen ihre Konzepte ein. Vom ersten Gedanken bis zum Projektstart können idealerweise nur drei bis sechs Monate vergehen – für Forschungsförderung ein erstaunlich kurzes Tempo.

Dieses Tempo hat zwei Seiten. Der Vorteil: Hochaktuelle, politisch drängende Themen lassen sich zügig beforschen. Der Preis: Bewerber:innen haben wenig Zeit, manche Verfahren mussten sogar mehrfach ausgeschrieben werden, weil keine Angebote kamen. Wer den Zuschlag bekommt, bleibt bis zum Fristende eine Blackbox – auf Bietergemeinschaften hat das Team keinen Einfluss. Genau deshalb formulieren die Mitarbeitenden Qualitätskriterien so, dass sie auf verschiedenen Wegen erfüllbar sind, statt auf eine bestimmte Wunschinstitution zu schielen.

Und nein, es geht nicht nur ums Geld. Rund 60 Prozent der Entscheidung speisen sich aus fachlichen Kriterien – also Konzept, methodischer Tiefe und ganz besonders dem Transfer in die Praxis. Der Preis macht nur etwa 30 bis 40 Prozent aus. Damit ist die Auswahl in erster Linie eine fachliche Entscheidung.

„Wir treten alle mit dem Anspruch an, die Bildung zu verändern, um die Versorgung zu verändern – damit am Ende Patientinnen und Patienten davon profitieren." — Prof. Dr. Bernd Reuschenbach

Vom Datensatz zur echten Veränderung

Forschung als Selbstzweck? Das wollen die Gäste ausdrücklich vermeiden. Die Projekte sollen eigene Ideen entwickeln, wie ihre Ergebnisse in die Praxis gelangen – nicht nur in die wissenschaftliche Community. Das kann ein neues Curriculum sein, das an Pilotschulen erprobt wird, ein niedrigschwelliger Workshop oder ein Artikel in einer Fachzeitschrift wie „Die Schwester Der Pfleger". Peer-reviewte Journals sind willkommen, aber eben nicht das alleinige Maß.

An genau dieser Stelle verbinden sich drei Perspektiven: Was interessiert die Praxis? Was braucht die weitere Forschung? Und was braucht die Politik – in welcher Aufbereitung? Der Arbeitsbereich versteht sich als Spiegel für die jeweils andere Seite. Karin Reiber und Bernd Reuschenbach kennen beide Welten gut. Reiber forscht an der Hochschule Esslingen zur Berufsbildung im Feld Pflege, Reuschenbach kommt aus der Pflegewissenschaft und ist selbst gelernter Krankenpfleger. Beide betonen, wie ungewöhnlich dialogorientiert die Zusammenarbeit ist – „im Dienst der Sache", wie Reiber es nennt.

Dass es vorher nicht so lief, daran erinnert Reuschenbach mit einem Blick zurück: Lange gab es vor allem schlecht ausgestattete, oft interessengeleitete Einzelforschung – und vieles wurde im Ehrenamt gestemmt. Zum Vergleich nennt er eine ältere Analyse: Während pro medizinischer Professur grob 700.000 Euro Forschungsmittel im Jahr zur Verfügung standen, waren es für die wenigen Professuren rund um die Pflege gemeinsam nur rund 30.000 Euro. Fakten aber schaffen Veränderung – und ohne sie bleibt die Pflege in der Fremdbestimmung.

„Das, was in den letzten drei Jahren passiert ist, hat einen Schub ins Feld gegeben, den wir die letzten 20 Jahre so nicht hatten." — Prof. Dr. Karin Reiber

Wenn Forschung in Gesetzestexte fließt

Wie schnell Erkenntnisse wirken können, zeigte sich am Pflegestudiumstärkungsgesetz, das zum Aufnahmezeitpunkt als Entwurf vorlag. Eine Sondererhebung im Panel – eine Vollerhebung unter den Hochschulen – machte sichtbar, dass die wenigen berufsqualifizierenden Pflegestudiengänge im Schnitt nur zu rund 50 Prozent ausgelastet waren. Besser ausgelastet waren jene, die eine Finanzierung der Studierenden boten. Diese Daten flossen unmittelbar in den Gesetzgebungsprozess ein, in dem damals eine Vergütung der Studierenden angelehnt an das Ausbildungsgehalt vorgesehen war.

Ein weiterer Wunsch des Teams: ein einfacherer Datenaustausch zwischen BIBB und Statistischem Bundesamt. Davon könnten beide Seiten profitieren – etwa um vorzeitige Vertragslösungen genauer zu erfassen, im Sinne von Datensparsamkeit und letztlich auch im Interesse der Steuerzahlenden. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Patient:innendaten.

Akademisierung, Durchlässigkeit und der Blick nach vorn

Die Frage nach der Akademisierung beantwortet Lena Dorin gelassen: Eine eigene Positionierung braucht es nicht zwingend, denn die Empfehlung des Wissenschaftsrats von zehn bis zwanzig Prozent akademisch qualifizierter Pflegender steht seit Langem im Raum. Spannender ist die Frage, wie weit man auf diesem Weg überhaupt schon ist – und ob klare hochschulische Tätigkeitsprofile entstehen, damit künftige Studierende wissen, was sie nach dem Abschluss erwartet.

Würde sie eine neue Konzertierte Aktion Pflege schreiben, läge ihr Schwerpunkt auf Fort- und Weiterbildung sowie auf klar gestalteten Fach- und Führungskarrieren. Denn die Aussicht auf Entwicklung beeinflusst schon die erste Entscheidung für die Ausbildung – und sollte sich auch in Eingruppierung und Bezahlung widerspiegeln.

Ein Kongress als Vernetzungsmotor

Der Kongress selbst – hybrid, mit rund 200 Teilnehmenden vor Ort und etwa 300 online – war Programm: Über 120 Seiten Abstracts zeigten, wie viel Bewegung im Feld steckt. Wissenschaft und Praxis kamen ins Gespräch, von Schulleitungen bis zu Praxisanleitenden. Genau dieser Austausch ist es, der laut Bernd Reuschenbach gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs entscheidend ist.

Und damit sein wichtigster Tipp an junge Forschende: Vernetzung. Karin Reiber ergänzt: eine solide Mischung aus Kreativität und Sorgfältigkeit – und immer das Ergebnis für die Versorgungspraxis im Blick. Wer sich übrigens an einer Ausschreibung versuchen möchte, muss thematisch nicht völlig frei sein: Auch andere Förderlinien geben Rahmen vor – und trotzdem bleibt, das betonen alle, überraschend viel Gestaltungsspielraum.

Am Ende bleibt eine klare Botschaft: Pflegeforschung lohnt sich nur, wenn ihre Ergebnisse ankommen – bei Lehrenden, bei Auszubildenden und letztlich bei den Menschen, die gepflegt werden. Oder wie es das Team in seinem Leitsatz zusammenfasst: qualitativ hochwertige Pflegebildung mit einer patientenorientierten Versorgungsvision.

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Weiterführende Links & Shownotes

In dieser neuen Folge sprechen wir über die Verknüpfung von Bildung und Forschung in der Pflege. Dr.in Lena Dorin und Malte Falkenstern berichten in diesem Zusammenhang von ihren Aufgaben beim Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB). Zusätzlich erfahrt ihr von Prof.in Dr.in Karin Reiber (HS Esslingen) und Prof. Dr. Bernd Reuschenbach (KSH München), wie Forschungsprojekte beantragt sowie durchgeführt werden und welchen Beitrag Forschungsprojekte zur beruflichen Bildung in der Pflege beitragen können.

Shownotes