- Krankenhausgesellschaft fordert wegen Corona das Aussetzen der Pflegepersonaluntergrenzen.
- Blitzumfrage: 86 Prozent der Intensivstationen können wegen Personalmangels nicht voll arbeiten.
- Brandenburg stoppt zum Jahresende sein Modellprojekt zur Schulgesundheitspflege.
In dieser Folge des PflegeUpdates dreht sich alles um zwei Schwerpunkte: die Lage im Gesundheitswesen in der vierten Corona-Welle – von den Pflegepersonaluntergrenzen über den Personalmangel auf Intensivstationen bis zur Debatte um eine Impfpflicht – und das überraschende Aus für ein Vorreiterprojekt zur Schulgesundheitspflege in Brandenburg. Wir ordnen für dich ein, was zum Zeitpunkt der Folge im November 2021 diskutiert wurde.
Corona-Pandemie und die Folgen für Pflegefachpersonen
Krankenhausgesellschaft fordert Aussetzen der Personaluntergrenzen
Mit steigenden Infektionszahlen flammte 2021 eine Debatte wieder auf, die seit Beginn der Pandemie immer wieder geführt wurde: die um die Pflegepersonaluntergrenzen. Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) forderte damals, diese Untergrenzen wegen der steigenden Corona-Zahlen erneut auszusetzen – insbesondere für die Intensivpflege.
Im Kern ging es dabei ums Geld: Die BWKG wollte, dass die Strafzahlungen für Häuser entfallen, die die Vorgaben unterschreiten. Aus ihrer Sicht ließen sich so gemischte Teams bilden, um bei einem Anstieg der Fallzahlen möglichst viele Patient:innen zu betreuen. Außerdem verwies sie darauf, dass die im März 2020 von Jens Spahn zugesagte Kompensation der wirtschaftlichen Folgen nicht erfüllt worden sei, und verlangte finanzielle Hilfen vom Land im selben Umfang wie 2020. Die Argumentation und die Reaktionen darauf hat die Fachpresse damals zusammengefasst, etwa in der Meldung, dass Kliniken das Aussetzen der Personaluntergrenzen fordern.
Für dich als Pflegefachperson ist die Kehrseite entscheidend: Werden die Untergrenzen ausgesetzt, kann eine Pflegefachperson am Ende mehr Patient:innen versorgen müssen als vorgesehen – ohne dass die Klinik Strafzahlungen befürchten muss. Die Gewerkschaft ver.di sah die Probleme dadurch auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen, weil eine höhere Arbeitsverdichtung droht. Aus gewerkschaftlicher Sicht sollen die Untergrenzen gerade eine gefährliche Versorgung verhindern und kommen damit letztlich dem Personal selbst zugute.
Blitzumfrage: 86 Prozent der Intensivstationen arbeiten nicht voll
Wie angespannt die Personallage auf den Intensivstationen war, zeigte eine Blitzumfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des Deutschen Krankenhausinstituts. Befragt wurden bundesweit 233 Krankenhäuser. Das Ergebnis: 72 Prozent der Häuser hatten weniger Intensivpersonal zur Verfügung als noch Ende 2020, und 86 Prozent der Intensivstationen konnten ihre Kapazitäten nicht vollumfänglich betreiben – vor allem, weil Pflegefachpersonen fehlten. Die Details dazu lieferte die Auswertung, dass Intensivpflegepersonal in 86 Prozent der Kliniken fehlt.
Der gestiegene Mangel wurde vor allem auf Kündigungen, Arbeitszeitverkürzungen und interne Stellenwechsel weg von der Intensivstation zurückgeführt – als Ursache gilt die Belastung durch die Pandemie. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, appellierte an Krankenhäuser und Politik, den Pflegeberuf gemeinsam attraktiver zu machen, vor allem über bessere Arbeitsbedingungen und bessere Gehälter.
Wichtig für die Einordnung der Forderung nach gemischten Teams: Intensivpflegende sind hochqualifizierte Beschäftigte mit besonders aufwendiger Ausbildung und lassen sich nicht kurzfristig durch angelernte Kolleg:innen ersetzen. Spezialisiertes Wissen unter hohem Druck anzuwenden, setzt erfahrenes Intensivpersonal voraus – ein Engpass, der sich kaum anderweitig kompensieren lässt.
Impfpflicht für Pflegefachpersonen: viele Stimmen, kein Konsens
Die vermehrten Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen und die zu diesem Zeitpunkt breite Verfügbarkeit von Impfstoff brachten die Debatte um eine Impfpflicht für Pflege- und Gesundheitspersonal neu in Schwung. Die Positionen lagen weit auseinander, wie der damalige Überblick über die Diskussion um eine Impfpflicht für Pflegepersonal zeigte.
Der damalige Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, lehnte eine Impfpflicht ab. Er befürchtete eine Verweigerungshaltung – etwa, dass sich Beschäftigte krankschreiben lassen – und setzte stattdessen auf Aufklärung und Eigenverantwortung. Gleichzeitig zeigte er wenig Toleranz gegenüber Beschäftigten im Pflegebereich, die sich trotz allem nicht impfen lassen und damit die Gesundheit der Patient:innen gefährden. Der Deutsche Hausärzteverband sah das anders und vertrat die Linie, dass im Pflegeheim nicht arbeiten sollte, wer nicht geimpft ist. Auch der Virologe Alexander Kekulé sprach sich für eine Impfpflicht in Pflege- und Heilberufen aus, weil sich die Hoffnung auf eine ausreichende Quote bei freiwilliger Impfung nicht bestätigt habe; ersatzweise forderte er tägliche PCR-Tests und eine FFP2-Maskenpflicht für nicht geimpfte Beschäftigte.
Christine Vogler argumentierte am 3. November im „heute journal" zurückhaltender: Es fehle an validen Zahlen, und die Daten würden zu undifferenziert dargestellt – schließlich arbeiteten in Heimen und Kliniken viele Berufsgruppen, nicht nur Pflegefachpersonen. Statt nach anderthalb Jahren Dauerbelastung nach Schuldigen zu suchen, müsse man genau hinschauen, wie Infektionswege und Impfdurchbrüche entstehen. Mit dieser Haltung positionierte sie sich gegen die Empfehlung des Deutschen Ethikrats, der in seiner am 11. November aktualisierten Stellungnahme eine Prüfung einer Impfpflicht für Mitarbeitende in besonderer beruflicher Verantwortung empfahl.
Brandenburg stoppt sein Modellprojekt zur Schulgesundheitspflege
Der zweite Schwerpunkt der Folge führt in ein vergleichsweise junges pflegerisches Feld: die Schulgesundheitspflege. International ist es vielerorts selbstverständlich, dass sogenannte School Nurses Gesundheitsförderung und Versorgung im Setting Schule übernehmen. In Deutschland beschränkte sich die schulische Gesundheitsversorgung lange auf Zahnuntersuchungen oder Impfungen – feste pflegerische Ansprechpersonen gab es kaum. Dabei ist der Zusammenhang zwischen gesundem Aufwachsen und Bildungserfolg vielfach belegt.
Brandenburg gehörte hier zu den Vorreitern. Anfang 2017 startete dort gemeinsam mit Hessen ein Modellprojekt an ausgewählten Grund- und weiterführenden Schulen. Die Trägerschaft übernahm die AWO aus Potsdam; insgesamt waren 18 Schulgesundheitsfachkräfte an 27 Modellschulen tätig. Vorbereitet wurde das Projekt mit einer Machbarkeitsstudie 2015 und einem eigenen Curriculum zur Qualifizierung von Pflegefachpersonen; die wissenschaftliche Begleitung lag beim Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Charité. Den Bedarf belegte die Begleitforschung deutlich: In Brandenburg waren rund 15 Prozent der Schulpflichtigen von Übergewicht oder chronischen Erkrankungen betroffen, 20 bis 30 Prozent litten unter Schlafstörungen. Lehrkräften und Eltern fiel der Umgang besonders mit psychischen Erkrankungen und Medien schwer. Die wissenschaftliche Aufarbeitung ist im Working Paper zur Evaluation des Modellprojekts dokumentiert, weitere Einblicke bietet die Seite der AWO zur Schulgesundheitspflege.
Die Schulgesundheitspflegenden entwickelten zielgruppenspezifische Angebote, arbeiteten in Gesundheitsprojekten, berieten konkret und schätzten akute Gesundheitsprobleme ein, um sie bei Bedarf weiterzuleiten. Das Projekt wurde von Lehrkräften, Eltern und Schüler:innen gleichermaßen positiv bewertet; die Fachkräfte galten als Sorge- und Vermittlungsinstanz. Entwicklungsbedarf sah die Evaluation vor allem bei der Betreuung chronisch kranker Kinder.
Umso überraschender kam die Nachricht im Haushaltsentwurf des Landes für 2022: Das Projekt sollte zum Jahresende auslaufen. Der CDU-Fraktionschef Jan Redmann nannte vor allem finanzielle Gründe – jede Schule habe grundsätzlich Anspruch auf eine Schulgesundheitsfachkraft, und die dafür nötigen rund 28 Millionen Euro seien nicht machbar. Diese Rechnung hielt die AWO für irreführend: Ihr ging es zunächst nur um den Erhalt der bestehenden 18 Stellen an den 27 Modellschulen, wofür nach ihrer Kalkulation rund 800.000 Euro ausgereicht hätten. Die Hintergründe zum Ende des Modellprojekts Schulgesundheitspflege wurden damals breit dokumentiert.
Kritik kam auch vom DBfK Nordost, der die Entscheidung in einem offenen Brief als großen Fehler mit negativen Folgen für die Schüler:innen bezeichnete und ein fatales Signal an andere Bundesländer sah. Der Verband forderte, Schulgesundheitspflegende flächendeckend einzuführen und zu finanzieren. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft wertete das Aus als vertane Chance – gerade für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Sie verwies darauf, dass es im Projekt zu weniger Unfällen, Rettungswageneinsätzen und geringeren Behandlungskosten kam; für betroffene Kinder bedeutete die Betreuung bessere Glukoseeinstellungen, weniger Notfallsituationen und damit weniger Fehlzeiten. Diese Position untermauerte die Fachgesellschaft mit ihrer Forderung nach dem Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften auch in Deutschland. Begleitend startete ein Bündnis eine Petition zum Erhalt der Schulgesundheitsfachkräfte.
Zum Weiterhören
- ÜG074 – Schulgesundheitspflege / School Nursing (Andreas Kocks)
- ÜG042 – CORONA SPEZIAL #9: Lage auf Intensivstationen (Carsten Hermes)
- PU004 – Impfpflicht für Gesundheitspersonal / Ausbildungsmodule zur Heilkundeübertragung
Quellen
- Forderungen BGW (bibliomed-pflege.de)
- Blitzumfrage(bibliomed-pflege.de)
- Meinungen zur Impfpflicht (bibliomed-pflege.de)
- Statement Ethikrat (Ethikrat.org)
- Interview Vogler (zdf.de)
- Modellprojekt Schulgesundheitspflege (Charite.de)
- AWO Schulgesundheitspflege (schulgesundheitsfachkraft.de)
- Ende des Modellprojekts SGP (idw-online.de)
- Statement Diabetesgesellschaft (deutsche-diabetes-gesellschaft.de)
- Statement DBfK Nordost (dbfk.de)
- Petition Schulgesundheitspflege (openpetition.de)
